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Die Rolle der politisch alternativen Gruppen im Umbruchsprozeß 1989

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Zusammenfassung

Wenn über die Rolle der politisch alternativen Gruppen im Umbruchsprozeß von 1989 gesprochen wird, stehen sich in der wissenschaftlichen Diskussion zwei Positionen gegenüber. Vorherrschend ist die Auffassung, daß der Massenprotest von den Oppositionsgruppierungen ausgegangen sei und innerhalb kürzester Zeit zum Sturz des DDR-Regimes geführt habe. Diese Meinung vertreten zum Beispiel Ehrhart Neubert (1997), Helmut Fehr (1996), Hartmut Zwahr (1993), Karl-Werner Brand (1990) und andere. So erklärt etwa Ehrhart Neubert (1997: 826), es sei „das historische Verdienst der DDR-Opposition, im Kampf gegen ein totalitäres Regime die gesellschaftliche Selbstbefreiung ermöglicht zu haben“. Die oppositionellen Gruppen hätten „die Friedensgebete und Demonstrationen organisiert“ (855), die „Hauptlast der Entmachtung der SED“ getragen (31) und seien damit die „politischen Subjekte“ gewesen, die dem Systemzerfall Gestalt gegeben hätten (25). Demgegenüber schätzen Soziologen und Historiker wie Claus Offe (1994) oder Martin Jander (1995b) den Beitrag der oppositionellen Gruppen zum Umbruch deutlich geringer ein. Claus Offe (1994: 34) hält den Umbruch in der DDR für eine „exit-Revolution“, nicht für eine „voice-Revolution“.

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Literatur

  1. 237.
    Vgl. oben S. 131ff.Google Scholar
  2. 238.
    Bericht von Pfarrer Christian Führer über die Vorgänge um das Friedensgebet am 18.9.1989, in: Dietrich/Schwabe 1994: 399.Google Scholar
  3. 239.
    In einem Brief des Kirchenvorstandes der Nikolaikirche und der Superintendentur Leipzig-Ost an den Rat der Stadt wird sogar behauptet, daß unter den einströmenden Schaulustigen „keine Besucher des Friedensgebetes“ gewesen seien (Dietrich/Schwabe 1994: 404). Diese Aussage mag allerdings aus taktischen Gründen zustande gekommen sein.Google Scholar
  4. 240.
    Vgl. zum Beispiel das Gespräch zwischen staatlichen und kirchlichen Vertretern am 1.9.1989, in: Dietrich/Schwabe 1994: 380ff. sowie am 5.10.1989 in: ebd.., 447ff.Google Scholar
  5. 241.
    Handschriftliche Mitschrift eines Teilnehmers (Archiv des Verf.).Google Scholar
  6. 242.
    Vgl. den Gründungsaufruf des Neuen Forums (Rein 1989: 14).Google Scholar
  7. 243.
    Der bislang für die Bezeichnung der oppositionellen Gruppen weitgehend vermiedene Bewegungsbegriff scheint für die Bezeichnung der sich im Herbst 1989 bildenden Bürgerrechtsgruppen angemessen zu sein. Im Unterschied zu jenen gelang es diesen, Tausende von Menschen für ihre Anliegen zu mobilisieren und mit ihren Themen öffentliche Aufmerksamkeit zu erzielen.Google Scholar
  8. 244.
    Vgl. die Aufrufe zur Gewaltlosigkeit des Arbeitskreises Gerechtigkeit, der Arbeitsgruppe Menschenrechte und der Arbeitsgruppe Umweltschutz vom 9.10.1989 (in: Sievers 1990: 75f.) und des Neuen Forums (in: Neues Forum Leipzig 1989: 104f). In der Gruppenszene fühlte man sich für den friedlichen Verlauf teilweise regelrecht verantwortlich. Man war der Meinung, ein verletzter Polizist und der Bürgerkrieg bricht aus. Mit dieser Einschätzung hatten die Gruppenvertreter nicht ganz unrecht, denn noch nach dem 9. Oktober wurde die Selbstverteidigung der Sicherheitskräfte zentral angeordnet (Kuhn 1992: 153; vgl. auch die Aussage eines Stasioffiziers ebd., 81).Google Scholar
  9. 245.
    Selbst am 26. Oktober 1989 behauptete Sebastian Pflugbeil noch, daß das Neue Forum „im Moment die Demonstrationen sehr kritisch“ sehe (Rein 1989: 25).Google Scholar
  10. 246.
    Zwahr (1995: 226) behauptet sogar, daß bis zum 9. November 1989 „die Bürger und Bürgerinnen der DDR die allein Handelnden“ waren, womit er den Einfluß der Reformen Gorbatschows auf das Umbruchsgeschehen in der DDR ebenso negiert wie das wirtschaftliche Gefalle zwischen Ost- und Westdeutschland, das die Ausreisewelle wesentlich begünstigte, den Einfluß der westlichen Medien auf die DDR-Bevölkerung oder die Entscheidung der ungarischen Regierung, den Eisernen Vorhang Schritt um Schritt abzubauen.Google Scholar
  11. 247.
    Mit Zustimmung registriert Zwahr (1995: 226) in der Forschung eine Tendenz zur ganzheitlichen Betrachtung des Umbruchs „als eines revolutionären Gesamtgeschehens“. Dabei bezieht er sich auf Charles S. Maier (1994), der den Umbruch als Revolution des Volkes beschreibt. Was aber konstituierte die Einheit dieses ‘Volkes’? Von diesem ‘Volk’ sind auf jeden Fall die Oppositionsgruppierungen abzuheben, ebenso die Ausreiser, die SED-Reformer und erst recht natürlich die Hardliner in der Partei. Nur die Demonstrationsbewegung läßt sich als ein einheitliches Phänomen fassen, weshalb sie hier als Volksbewegung bezeichnet wird. Ihre Einheit war vor allem negativ konstituiert: durch Abgrenzung von der SED-Spitze und das gemeinsame Gefühl, ‘es muß anders werden’. Das heißt, sie hatte von vornherein eine politische Spitze. Dies wird auch durch die von Opp und Voß (1993: 109) durchgeführte Befragung bestätigt. Ihrer Untersuchung zufolge bestand zwischen politischer Unzufriedenheit und Protestbereitschaft in der Bevölkerung eine enge Korrelation, nicht aber zum Beispiel zwischen ökonomischer Unzufriedenheit und Protestbereitschaft, weshalb die immer wieder aufgestellten Behauptungen, die Massenproteste seien ökonomisch bedingt gewesen, es hätte sich bei ihnen um „eine Konsumentenrevolution gehandelt“ (Kädtler/Kottwitz 1994: 21) usw., falsch sind.Google Scholar
  12. 248.
    Das Modell von Bourdieu zielt also darauf, „Ereignis“ und „Struktur“ miteinander zu vermitteln. Indem es den historischen Umbruch als Koinzidenz der Auswirkungen einer Vielzahl von Krisen behandelt, will es sowohl der Gefahr entgehen, das außergewöhnliche historische Ereignis als unerklärbar und privilegiert, als auch der entgegengesetzten Gefahr, es als notwendig darzustellen (Bourdieu 1988: 256ff.).Google Scholar
  13. 249.
    Ich gehe also nicht davon aus, daß der gemeinsame Deutungsrahmen durch die Oppositionsgruppierungen bereitgestellt wurde — so Timmer (1999: 30f.) -, sondern durch die Ausreisewelle. Die Sprache dieser Welle war so eindeutig, daß sich niemand der damit produzierten Sicht auf die DDR zu entziehen vermochte. Der Jubel über die Verkündung der Ausreisemöglichkeit in der Prager Botschaft durch den Außenminister der Bundesrepublik Dietrich Genscher am 30.9. traf die zu Hause sitzenden DDR-Bürger tief. Die neu gegründeten Oppositionsgruppierungen hingegen erreichten die Bevölkerung im Frühherbst noch gar nicht, so daß die meisten kaum gewußt haben dürften, was diese Gruppierungen über die gegenwärtige Lage zu sagen hatten und was sie verändern wollten. Um sie als Gegeninstanzen zur offiziellen Politik zu begrüßen, reichte es aus, von ihnen als der neuen DDR-Opposition über die westlichen Medien gehört zu haben.Google Scholar
  14. 250.
    Dazu trugen auch die offiziellen Medien der DDR selbst bei, die empörte Stimmen über die antisozialistischen Vorgänge rund um das Friedensgebet in der Nikolaikirche zitierten (vgl. etwa die Leipziger Volkszeitung vom 29.9.1989 u.ö.).Google Scholar
  15. 251.
    Man denke etwa an Magdeburg (Schwabe 1994b: 118), Rostock (Probst 1993: 86fF.), Halle, Forst (Lindner 1994a: 109), Leinefelde (Adler 1990: 28), Heiligenstadt (30), Erfurt (Dornheim 1995), Gera, Rudolstadt, Pößneck, Saalfeld (Zwahr 1993: 111) und andere Städte.Google Scholar
  16. 252.
    So etwa in Plauen (Küttler/Röder 1992: 37) oder in Arnstadt (Leyh 1994: 98).Google Scholar
  17. 253.
    Insofern ist richtig, was oft behauptet wird: daß der Umbruch in der DDR eine „Revolution ohne Vordenker“ war (Fest 1989: 25). Am Anfang dieses Umbruchs standen nicht Ideen, sondern Aktionen. Was die Demonstrationsbewegung wollte, war ihr anfangs selbst nicht klar. Es ist daher unsinnig, nach leitenden kulturellen, politischen oder ideologischen Ideen Ausschau zu halten, von denen her sich das Motiv oder das Ziel der demokratischen Volksbewegung erklären ließe. Führer, intellektuelle Vordenker waren im Herbst 1989 überflüssig, denn durch die massenhafte Abwanderungsbewegung war die Situation eindeutig definiert. Einer intellektuellen Aufklärung bedurften die Massen angesichts der Eindeutigkeit der Lage nicht. Und was die Mehrheit wollte, hing auch immer davon ab, was zu erreichen möglich erschien. Die Offensichtlichkeit der Krise unterschied die Situation in der DDR von der der 68er Revolte in Frankreich. Für die Studentenbewegung in Frankreich ist es sinnvoll, nach den leitenden Ideen des Protests zu fragen, wie es Gilcher-Holtey (1995) tut. Dort mußte der interpretative Rahmen, der es erlaubte, die Situation als Krise zu deuten, erst geschaffen werden. In der DDR hingegen war die Krise unübersehbar und im Grunde schon immer latent. Der Opposition in der DDR mehr als die Funktion eines Kristallisationspunktes für den anschwellenden Massenprotest (Pollack 1990a: 1220) oder eines Vehikels der Artikulation des allgemeinen Unmuts einzuräumen (Hilger 1995: 62) und etwa auf die Bedeutung der Situationsdeutungen und Handlungsorientierungen der Oppositionsgruppierungen für die Entstehung des Massenprotestes hinzuweisen (Wielgohs/Johnson 1997: 359), bedeutet, die Fragmentierung der DDR-Gesellschaft und ihren Mangel an Öffentlichkeit zu übersehen. Aufgrund dieses Mangels war es den oppositionellen Gruppierungen bis Mitte Oktober nahezu unmöglich, die Bevölkerung mit ihren Interpretationsleistungen und Forderungen überhaupt zu erreichen. Auch die Informationen aus dem westlichen Fernsehen konnten dieses Informationsdefizit nicht kompensieren. Bis Anfang Oktober hatten nicht mehr als 10.000 Personen den Aufruf des Neuen Forums unterschrieben (Rein 1989: 15). Das sind nur wenig mehr, als zur oppositionellen Szene zu rechnen sind. Die meisten der Demonstranten dürften den Aufruf Anfang Oktober nicht gekannt haben. Ende Oktober, also nach der Liberalisierung der DDR-Medien und der Entstehung einer breiten öffentlichen Diskussionskultur, waren es hingegen bereits 100.000, die ihn unterschrieben hatten (Bahrmann/Links 1994: 67).Google Scholar
  18. 254.
    Vgl. auch die Aussagen Meckels über die Reaktion der Gruppenmitglieder auf die Vorstellung der Gründungsinitiative am 25./26. August 1989 in der Golgatha-Kirche in Berlin-Mitte, in: Meckel/Gutzeit 1994: 350: „Die meisten der Angesprochenen zögerten noch mit ihrer Beteiligung.“ Die Aussagen der Gründer der SDP sind an diesem Punkte allerdings nicht ganz klar. Auf der einen Seite betont Martin Gutzeit, daß Markus Meckel schon vor Abfassung des Initiativaufrufs vom 24. Juli mit vielen in der oppositionellen Szene über das Vorhaben gesprochen habe, so daß „dieses Projekt dann schon in der oppositionellen Szene bekannt war“ (Herzberg/Mühlen 1993: 91). Auf der anderen Seite behauptet Gutzeit, wenn es ihm darum geht, die Unabhängigkeit der Gründungsinitiative herauszustellen, daß bis zum 24. Juli „in die inneren Diskussionen noch keine weiteren Personen einbezogen“ waren (278). Einerseits erklärt Markus Meckel, er habe den Initiativaufruf für die Parteigründung Ende Juli auf einer Sommerakademie in Bad Stuer „kursieren lassen“ (121). Andererseits ist der Aufruf selbst mit der Angabe versehen: „Niederndodeleben, den 24.7.1989, öffentlich vorgelegt am 26.8.1989“ (316) und dann sogar noch mit einer Sperrfrist bis zum 3.9. versehen (124). In der Dokumentation der Gründungsgeschichte der SDP gibt es eine bei den Gründern deutlich zu beobachtende Tendenz, das Gründungsgeschehen immer weiter nach vorn zu verlegen. Auf spezifische Verdrängungskomplexe, insbesondere hinsichtlich der Haltung zum Sozialismus und zur Frage der Wiedervereinigung, macht auch Herzberg (Herzberg/Mühlen 1993: 280f.) aufmerksam. Die Beschönigungsgeschichtsschreibung der SDP wird unterstützt von Eckert (1995).Google Scholar
  19. 255.
    Der Aufruf des Neuen Forums zum Beispiel, der mit der Feststellung einsetzt, daß die Kommunikation zwischen Staat und Gesellschaft gestört sei, belegt diese Diagnose mit der weit verbreiteten Verdrossenheit und der massenhaften Auswanderung (Rein 1989: 13). Auch der Gründungsaufruf von Demokratie Jetzt weist gleich in der Eingangspassage auf die vielen hin, die das Land verlassen (59). Und der Aufruf des Demokratischen Außruch beginnt unmittelbar mit den Sätzen: „Eine Unruhe geht durch unser Land. Immer mehr Menschen verlassen es, sie haben die Hoffnung auf ein sinnvolles Leben hier aufgegeben.“ (34)Google Scholar
  20. 256.
    Natürlich spielen fur die Gründung der oppositionellen Vereinigungen weitere Gründe eine Rolle. Wielgohs/Johnson (1997: 351) interpretieren sie als Reaktion auf eine veränderte politische Gelegenheitsstruktur, „die angesichts der Tatsache, daß das Regime auf die Destabilisie-rung seiner außen- und innenpolitischen Herrschaftsbedingungen ausschließlich mit der Signalisierung erhöhter Repressionsbereitschaft reagierte, für alle Akteure durch extreme Un-gewißheit, d.h. Unkalkulierbarkeit der Handlungsfolgen gekennzeichnet war“. Vor diesem Hintergrund stelle sich die Entscheidung der politischen Akteure, den Schutzraum der Kirche zu verlassen, als eine hochriskante Entscheidung dar, die diese nur treffen konnten, weil für sie ihr politisches Ziel „von so hohem Wert war, daß sie schon bei der Wahrnehmung sehr geringer Erfolgsaussichten bereit waren, hohe Risiken einzugehen“ (ebd.). Daß sie aber diese hochriskante Entscheidung gerade im Spätsommer und Frühherbst 1989 fällten, hängt mit der in dieser Zeit einsetzenden Ausreisewelle zusammen. Mit ihr wurde klar, daß es so nicht mehr weiter gehen kann und daß das Regime die Situation nicht mehr voll unter Kontrolle hat. Das heißt, es war die Fluchtwelle, die intern das Empfinden relativer Deprivation verstärkte und zugleich als ein Zeichen dafür fungierte, daß sich die politischen Opportunitätsstrukturen erweitert hatten.Google Scholar
  21. 257.
    Dafür gab es klare Anzeichen: die Zusammenziehung von Polizei- und Armeeinheiten in und um Leipzig, die für den Fall von Verletzungen an die Krankenhäuser ergangene Anweisung, Betten freizumachen und Blutkonserven bereitzustellen, die in Schulen und Betrieben ausgegebene Aufforderung, am Nachmittag die Innenstadt von Leipzig nicht zu betreten (Neues Forum Leipzig 1989: 82ff.). Durch ganz Leipzig lief an diesem Tag das Gerücht, heute werde polizeilich eingegriffen. Superintendent Richter berichtet, „Der 9. Oktober war für mich der wohl schlimmste Tag in meinem Leben. Wir wußten von Gesprächen mit Repräsentanten des Staates, daß man gewillt war, die Demonstration mit allen Mitteln zu verhindern. (…) Als ich an diesem Morgen erwachte, habe ich mir gesagt, wie wird es am Abend sein.“ (Richter 1989: 186f.)Google Scholar
  22. 258.
    Die Legalisierung strebte auch der Demokratische Aufbruch (Rein 1989: 37), Demokratie Jetzt (77) und sogar die SDP (86) an.Google Scholar
  23. 259.
    Auch Wolfgang Herzberg (1993: 34) konstatiert, daß nicht genau auszumachen ist, inwieweit es den Gründern der SDP im Herbst 1989 um die Suche nach einem nichtkapitalistischen dritten Weg oder um die bloße Einführung westlicher ökonomischer und politischer Verhältnisse ging. Auf der einen Seite bemerkt er bei Markus Meckel noch immer eine vage Hoffnung auf einen „nichtkapitalistischen Weg“, auf eine „Alternative zum kapitalistischen System“ und damit auf einen „demokratischen Sozialismus“ (so Meckel in seiner Rede zur Gründung der SDP am 7. Oktober 1989 in Schwante, vgl. Meckel/Gutzeit 1994: 379ff.). Auf der anderen Seite sieht er aber auch, daß Meckel den „Begriff des Sozialismus (für) so diskreditiert“ hielt, daß er ihn für die Beschreibung eigener Zielbestimmungen nicht benutzen wollte, obschon er gemeinsam mit den Gründern der SDP doch genau das anstrebe, „was in der Vision des Sozialismus ausgesprochen ist: ein gerechtes und soziales Gemeinwesen“ (Herzberg 1993: 34).Google Scholar
  24. 260.
    Ludwig Mehlhorn, Demokratie Jetzt, über die Zeit nach dem Erscheinen der Aufrufe des Neuen Forums und von Demokratie Jetzt im September 1989: „Wir hatten uns auf viel längere Zeiträume und mühseligeres Arbeiten eingestellt.“ (A 13)Google Scholar
  25. 261.
    Bärbel Bohley (1989: 8) meinte noch im September 1989, man müsse die Tatsache akzeptieren, „daß in der DDR nur eine unbedeutende Opposition existiert“, die „von niemandem“ anerkannt ist, nicht einmal vom Westen (9). Ihr sei deutlich geworden, „wie sehr die Menschen resigniert haben. Alle Hoffnungen wurden zerschlagen, es ging immer nur ‘bergab’.“ (7)Google Scholar
  26. 262.
    Insofern könnte man sagen, daß die eingeschränkten objektiven Bedingungen und die Begrenztheit der eigenen Handlungsmöglichkeiten die Zielstellungen des Handelns der Opposition beeinflußt haben. Man kann sich nur vornehmen, was zu erreichen irgendwie möglich zu sein scheint. Vgl. Pollack 1998b: 92f.Google Scholar
  27. 263.
    Die Benutzung des Sozialismusbegriffs erfüllte also eine Art Brückenfunktion gegenüber der Bevölkerung. Die Bewegungsforschung bezeichnet diese Funktion als frame bridging bzw. als frame amplification (Snow et al. 1986). Inwieweit aufgrund dieser framing-Strategien den alternativen Gruppen allerdings Mobilisierungserfolge gelungen sind, ist zu bezweifeln. Im Umbruchsprozeß selbst dürfte ihnen ihre Orientierung am Sozialismusbegriff eher geschadet haben.Google Scholar
  28. 264.
    Vgl. die Vorstellung der Initiative Frieden und Menschenrechte am Tag der Menschenrechte am 10. 12. 1987 in der Gethsemanekirche in Berlin: „Der Einsatz für als unveräußerlich betrachtete Menschenrechte bedeutet zwangsläufig, gesellschaftliche Entwicklung nicht mehr an einem bestimmten utopischen Gesellschaftsbild messen zu können.“ (Hirsch 1988: 231)Google Scholar
  29. 265.
    Ende Januar 1990 bekannte sich das Neue Forum nach dramatischen internen Auseinandersetzungen zwar „zur Einheit Deutschlands“ (Das Neue Forum 1990: 98), dies aber nur, weil angesichts der Mehrheitsmeinung in der Bevölkerung überhaupt keine andere Wahl bestand. Demokratie Jetzt hatte freilich schon am 12. September 1989 beide deutschen Staaten dazu aufgerufen, „sich um der Einheit willen aufeinander zu reformieren“ (Rein 1989: 62)Google Scholar
  30. 266.
    Vgl. oben S. 22.Google Scholar
  31. 267.
    Diese Unterscheidung übernehme ich von Wielgohs/Johnson (1997: 352).Google Scholar
  32. 268.
    Von „organisatorischer Überforderung“ spricht zum Beispiel Ludwig Mehlhom (A 14): „Es gab eine riesen Masse an Anforderungen: vor Gruppen zu sprechen, in Gemeinden zu kommen, zunehmend auch im öffentlichen Bereich, an Fernsehdiskussionen teilzunehmen, Interviews zu geben usw. Dann kam später die Arbeit des Runden Tisches dazu. Jetzt kommt dazu, daß wir halt ein Büro einrichten müssen. Das sind also so organisatorische Probleme, denen diese fast privaten Arbeitszusammenhänge nicht gewachsen sind.“ Martina Krone vom Friedenskreis Friedrichsfelde in Berlin spricht sogar von einem „anfänglichen organisatorischen Chaos“, das im Neuen Forum geherrscht habe (Interview vom 25.1.1990, A 7).Google Scholar
  33. 269.
    Allenfalls einige Aktivitäten aus der Künstler- und Schriftstellerszene lassen sich unmittelbar aus der Netzwerkmobilisierung der oppositionellen Gruppen erklären. Hier mag es direkte Interaktionen gegeben haben, die die Unterstützung der neu gegründeten oppositionellen Vereinigungen befördert haben.Google Scholar
  34. 270.
    So heißt es in einem Bericht des Staatssicherheitsdienstes vom 13. Oktober 1989: „Auch progressive Kräfte zeigen Unsicherheit in der politischen Bewertung und Auseinandersetzung mit Anhängern und Sympathisanten des ‘Neuen Forums’. Sie vertreten z. T. die Auffassung, die vom ‘Neuen Forum’ aufgeworfenen Probleme seien auch von ihnen längst als solche erkannt worden. (…) Das ‘Neue Forum’ und seine Anhänger generell als verfassungsfeindlich abzustempeln, führe nur zur Konfrontation und zu einer zahlenmäßigen Stärkung dieser Kräfte.“ (Zitiert nach Süß 1996: 268f.) Ein Bericht der Zentralen Auswertungs- und Informationsgruppe des MfS vom 6. November 1989 enthält die Bemerkung: „Unter großen Teilen der Bevölkerung kommt es immer wieder zu Sympathiebekundungen fü das ‘Neue Forum’. (…) Eine antisozialistische Zielstellung des ‘Neuen Forums’ wird in Abrede gestellt und nachdrücklich die Frage nach der Rechtmäßigkeit der Ablehnung seiner Zulassung als Vereinigung aufgeworfen.“ (Zitiert nach Süß 1996: 274)Google Scholar
  35. 271.
    So heißt es in einem Entschluß des Chefs der Volkspolizei in Leipzig noch am 6. Oktober 1989: „Verstärkte politisch-ideologische Arbeit der Bezirksparteiorganisation und der Kreisorganisation erfolgt in Betrieben, Schulen, Universitäten, sonstigen Einrichtungen und im Wohngebiet.“ (Kuhn 1992: 50)Google Scholar
  36. 272.
    „So zum Beispiel: Einsatz von 5.000 gesellschaftlichen Kräften, davon 2.000 in der Kirche und 3.000 auf dem Nikolaikirchplatz sowie 500 Kräften Reserve“ (in demselben Entschluß des Chefs der Leipziger Polizei, Kuhn 1992: 50).Google Scholar
  37. 273.
    Es war immer die Vorstellung der Partei- und Staatsvertreter, daß der Protest organisiert sei und man ihn daher auch verhindern könnte, wenn man nur die Rädelsführer ausfindig machen und die Führer auf seine Seite bringen würde. Noch im November verhandelte das MfS mit Repräsentanten des Neuen Forums über die Absetzung der Demonstrationen (Gespräch mit Gerd Klenk, Mitglied des Friedenskreises Gohlis in Leipzig, am 2.11.1993). Daß die Volksbewegung spontan zustandekam und niemand sie in der Hand hatte, haben die Vertreter der Organisationsgesellschaft nie begriffen.Google Scholar
  38. 274.
    Auch die Ausstrahlung einer Dokumentation des Militäreinsatzes gegen die chinesischen Studenten auf dem Platz des Himmlischen Friedens im DDR-Fernsehen sollte wohl diesen abschreckenden Effekt haben.Google Scholar
  39. 275.
    Vgl. S. 222, Anm. 257. Am 9. Oktober standen die Straßenräumfahrzeuge, die gegen die Demonstranten aufgeboten werden sollten, an der Ecke Hauptbahnhof/Wintergartenstraße zum Einsatz bereit (Kuhn 1992: 80f., 130).Google Scholar
  40. 276.
    Aussagen von einem Offizier der Staatssicherheit und von dem Oberstleutnant der Bereitschaftspolizei Wolfgang Schröder in: Kuhn 1992: 80f.Google Scholar
  41. 277.
    Fernschreiben Erich Honeckers vom 8. Oktober 1989 (Kuhn 1992: 73). Bereits in einem Fernschreiben vom 22. September hatte es geheißen, daß „konterrevolutionäre Aktionen im Keime zu ersticken sind“ (151).Google Scholar
  42. 278.
    Ob Krenz und Schabowski tatsächlich als Reformer anzusprechen sind, läßt sich zu Recht fragen. Ich etikettiere sie hier als solche, da sie sich gegen den unbeweglichen Kurs Honeckers stellten und ebenso wie die anderen Parteireformer eine Erneuerung des Sozialismus im Sinne Gorbatschows befürworteten. Richtig ist freilich auch, daß es ihnen natürlich um nichts anderes als um die Bewahrung der politischen Macht, nur mit anderen flexibleren Mitteln ging. Insofern könnte man sie auch als machtbewußte Pragmatiker bezeichnen.Google Scholar
  43. 279.
    Angesichts dieses Wirklichkeitsverlustes ist es glaubhaft, wenn Schabowski (1990: 78f.) versichert, nichts von den Ausschreitungen der Polizei gegen die Demonstranten am 7. Oktober gewußt zu haben.Google Scholar
  44. 280.
    „Hinweis auf beachtenswerte Reaktionen von Mitgliedern und Funktionären der SED zu einigen aktuellen Aspekten der Lage in der DDR und zum innerparteilichen Leben“, MfS, Zentrale Auswertungs- und Informationsgruppe (in: Süß 1996: 263).Google Scholar
  45. 281.
    Sogar auf Polizei und Militär war kein Verlaß mehr. Theodor Hoffmann, Chef der Volksmarine, berichtete rückblickend: „Der Motivationsverlust in der Truppe war nicht mehr zu übersehen.“ Soldaten und jüngere Offiziere nahmen an Protestdemonstrationen teil und setzten sich für das Neue Forum ein. Im Wachbataillon „Feliks Dzierzynski“ sollen Soldaten zur Friedensgebetszeit sogar Kerzen vor die Waffenkammern gestellt haben. Vgl. Hertle 1994: 43 sowie Süß 1999. Hinzu kommt, daß Polizei und Armee in der DDR keine Erfahrung in der Niederschlagung von Aufständen des eigenen Volkes besaßen. Auch dies mag, wie der Vergleich zu China zeigt, zur Zurückhaltung der polizeilichen und militärischen Kräfte beigetragen haben.Google Scholar
  46. 282.
    Zu den Gründen für das friedfertige Verhalten der Demonstranten vgl. Pollack 1994: 451f. sowie Pollack 1997: 316ff. Am angegebenen Ort versuche ich zu zeigen, daß die Gewaltlosigkeit der Demonstranten weniger auf einen Einfluß der Kirchen oder der Oppositionellen oder gar auf einen die Demonstrationen prägenden Geist der Friedfertigkeit zurückzuführen ist, sondern im Interesse der Demonstranten lag und insofern eher einen instrumentellen Charakter besaß.Google Scholar
  47. 283.
    Das war schon unmittelbar nach dem 9. Oktober vielen klar (vgl. Kaufmann/Mundus/Nowak 1993: 292). Diese Logik aber verstetigte sich nach der Ablösung Honeckers durch Krenz, als die Staats- und Parteiführung noch immer darauf drängte, den Meinungsstreit nicht auf der Straße zu führen. Für die meisten hingegen stand fest, die „Demos haben erst den Dialog ermöglicht“ (ebd., 298). Vgl. auch das Transparent auf der Montagsdemonstration vom 30. Oktober:„So wie wir heute demonstrieren, werden wir morgen leben“ (Schneider 1990: 75).Google Scholar
  48. 284.
    Es ist deshalb unsinnig, die auffällige Einheitlichkeit der Situationsdeutung in den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen vor Mitte Oktober auf die Interpretationsleistungen der alternativen Gruppen und Oppositionsbewegungen zurückzuführen. Diese waren bis Mitte Oktober in der Bevölkerung kaum bekannt. Vgl. etwa den Bericht des Ingenieurs und Kampfgruppenangehörigen Theo Kühirt über den 9. Oktober: „Wir wußten ja nicht, (…) was das für Leute sind, die da auf die Straße gehen, was sie wirklich wollen, was das Neue Forum will.“ (Neues Forum Leipzig 1989: 91)Google Scholar
  49. 285.
    Persönliche Mitteilung einer Doktorandin im Fach Wissenschaftlicher Kommunismus der Karl-Marx-Universität Leipzig.Google Scholar
  50. 286.
    Vgl. den berühmt gewordenen Auftritt Erich Mielkes vor der Volkskammer am 13. November 1989, bei dem der Stasi-Chef nur noch verstümmelte Versatzstücke aus einstmals gehaltenen Propagandareden aneinanderzureihen vermochte. Vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 17. November 1989,4.Google Scholar
  51. 287.
    Freilich nicht bei allen. Schabowski gelang es vergleichsweise gut, sich gegenüber der diskutierenden Menge zu behaupten. Die Versuche vieler seiner Kollegen, sich ähnlichen Massengesprächen zu stellen, endeten indes oft mit einem Fiasko. Schabowski (1991: 279) berichtet: „Der Erfurter Sekretär meinte nach seiner Bauchlandung, es sei eine ganz falsche Methode. Er werde sich nicht noch einmal zum Watschenmann für Demagogen machen lassen. Ein anderer drückte den gleichen Gedanken origineller aus: Er ziehe es vor, ein feiger Hund genannt zu werden, denn als dummes Schwein dazustehen.’*Google Scholar
  52. 288.
    Die Behauptung Claus Offes (1994: 34), daß „nicht der demokratische Protest und das Verlangen des Volkes nach Freiheit und Demokratie“, sondern allein „der Wunsch nach wirtschaftlichem Wohlstand und, auf dessen Spuren, die massenhafte Abwanderung der Menschen“ zum Untergang des politischen Systems der DDR beigetragen hätten, übersieht die Dramatik der Auseinandersetzungen zwischen Volksbewegung und Partei, unterschätzt die politische Konstitution der Volksbewegung und reduziert die Vielzahl der Handlungslinien, die einen Beitrag zum Umbruch geleistet haben, auf eine: die Ausreisebewegung.Google Scholar
  53. 289.
    Und allenfalls auf der Gewährung sozialstaatlicher Leistungen. Vgl. oben S. 36f.Google Scholar

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