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Systematische Fragestellungen

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Zusammenfassung

Während es in den vorangegangenen Kapiteln darum ging, einen theoretisch angeleiteten historischen Überblick über die Entstehung und Verbreitung der politisch alternativen Gruppen sowie über wichtige Mobilisierungsschwellen, die sie im Laufe ihrer Entwicklung zu überschreiten hatten, zu geben, soll jetzt die Aufmerksamkeit auf einige der in der Einleitung und am Ende des 1. Kapitels angerissenen systematischen Fragestellungen gelenkt werden: auf die Frage nach der Sozialstruktur der alternativen Gruppen, nach den Motiven ihres politischen Engagements, nach ihren Handlungszielen und Handlungsmitteln, nach ihren Welt- und Selbstdeutungsmustern, nach den sozialen Beziehungen im Innern dieser Gruppen sowie nach ihren Außenkontakten. Im Hintergrund dieses Teils steht noch immer die die Arbeit leitende Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit politischen Protestes in der DDR. Kam es jedoch in den vorangegangenen Kapiteln darauf an, die Entstehung und Verbreitung des Gruppenphänomens von den gesamtgesellschaftlichen Veränderungsprozessen her verständlich zu machen, so soll jetzt das Augenmerk auf die internen Handlungsbedingungen in den Gruppen selbst gelegt werden. Freilich wird es auch dabei nicht ausbleiben, daß immer wieder Bezüge zum gesellschaftlichen Kontext hergestellt werden.

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Literatur

  1. 141.
    Über das mobile Friedensseminar 1986 in Mecklenburg berichtete Wolfgang Rüddenklau in den „Umweltblättern“ vom September 1986: „Die Generation von 16 bis 25 war kaum vertreten.“ (Rüddenklau 1992: 82f.) In seiner Untersuchung über das Neue Forum in Leipzig, in die auch 15 Gruppenmitglieder einbezogen waren, gibt Unterberg (1991: 75) das Durchschnittsalter der von ihm befragten Personen mit reichlich 25 Jahren an.Google Scholar
  2. 142.
    Mit aktionistisch sind Gruppen gemeint, die den Akzent ihrer Arbeit stärker auf öffentlichkeitswirksame Aktionen, weniger indes auf kontinuierliche thematische Arbeit legten. Die Gegnerschaft der aktionistischen Gruppen gegenüber dem politischen System war radikaler als die der thematisch orientierten Gruppen. Ihnen ging es weniger um Ausgleich und Dialog mit den Staatsvertretern als um ihre Provokation. Vgl. auch Pollack 1989: 131ff.Google Scholar
  3. 143.
    Diese und die folgenden Aussagen stimmen mit den Untersuchungsergebnissen von Unterberg (1991: 71f.) überein.Google Scholar
  4. 144.
    Die zuweilen aufgestellte Behauptung, daß „Bibliothekare, Buchhändler und Kulturvermittler stark vertreten“ waren (Rink 1993: 8), ist also falsch.Google Scholar
  5. 145.
    So schrieb Hubertus Knabe (1988: 561) über die Gruppen in der DDR: „Ein wichtiges Segment in den Neuen Sozialen Bewegungen stellen darüber hinaus gesellschaftlich marginalisier-te Gruppen wie Studien- und Berufsabbrecher, Aussteiger und sozial benachteiligte Jugendliche dar.“ Ebenso Neubert (1989: 184f): „Die Gruppen bestehen vorwiegend aus marginalisierten Persönlichkeiten. Deren Randständigkeit ergibt sich aus dem Verzicht und der Verweigerung angebotener institutioneller Lebenslaufmuster.“Google Scholar
  6. 146.
    Über die Mitglieder der Initiative Frieden und Menschenrechte berichtete Bärbel Bohley im Interview vom 9.2.1990: „Was ich ein bißchen bedauerlich fand, war immer, daß es eigentlich mehr oder weniger Außenseiter waren in der Gesellschaft. Also, die waren alle schon aufgrund ihrer politischen Aktivitäten meistens aus ihrem Beruf rausgeflogen oder konnten nicht studieren und hatten also Schwierigkeiten.“ (A 1)Google Scholar
  7. 147.
    Feldhaus (1993: 166) gibt an, daß in den aktionistischen Gruppen ein Viertel der Mitglieder de facto arbeitslos war, auch wenn sich manche von ihnen als freiberuflich, Hausmann etc. bezeichneten.Google Scholar
  8. 148.
    Vgl. oben S. 118, Anm. 102.Google Scholar
  9. 149.
    Als typisch kann in diesem Zusammenhang die Äußerung Gerd Poppes, Mitglied der Initiative Frieden und Menschenrechte, jetzt Mitglied des Bundestages, gelten, der in einem Interview mit Wolfgang Elvers am 12. April 1991 sagte: „Das ist, glaube ich, das Grundmotiv für alle, die dann in diese Gruppen reingingen, daß sie mit ihrer persönlichen Verwirklichung nicht weit kamen, weil sofort die Barriere aufgebaut wurde, und daß sie dann Gleichgesinnte suchten, die sie auch sehr schnell fanden, weil ja so intern, in den Wohnungen oder in diesem persönlichen Umfeld, man sich sehr schnell verständigen konnte und überall Leute mit gleichen Problemen waren und da so eine Art Gemeinschaft entstanden ist aus der Not heraus, die dann versucht hat, Alternativen für sich und kleinere Gruppen aufzustellen.“ (Archiv des Verf.)Google Scholar
  10. 150.
    Als charakteristische Stimme sei hier Hans-Jürgen Fischbeck, Mitglied des Friedenskreises der Bartholomäusgemeinde und des Initiativkreises Absage an Praxis und Prinzip der Abgrenzung, zitiert. Im Interview vom 25. Januar 1990 sagte er, ein wesentlicher Grund für sein politisches Engagement war „die Beunruhigung darüber, daß in unserem Land so viel Unehrlichkeit herrscht“ (A 1). Die Lüge sei zum „Lebensumstand“ geworden, „nicht nur die offizielle Lüge in den Zeitungen und Medien, sondern auch die gespaltene Situation, in der jeder leben mußte“ (A 1). „Deshalb wuchs eigentlich auch das Bedürfnis, diese Linie der Lüge zu durchbrechen“ und die Wahrheit auch öffentlich und nicht nur im privaten Kreise zu sagen (A 1). Auch in der Anhörung der Zeitzeugen vor der Enquete-Kommission des Bundestages „Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland“ spielte dieses Motiv immer wieder eine Rolle. So erklärt Georg Meusel (1995: 221), Mitinitiator des ersten Friedensseminars in der DDR 1973 in Königswalde, sein gesellschaftskritisches Verhalten aus dem „Leidensdruck, den die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit des DDR-Sozialismus“ in ihm ausgelöst habe. Thomas Ammer (1995: 136) weist ebenfalls auf den „Zwang zur Lüge“ als Motiv widerständigen Verhaltens hin. Und Rudi Molt (1995: 106) meinte: „Dieser Zwang zur Unaufrichtigkeit, der einen das ganze Leben hindurch begleitet, es sei denn, man hatte alle Brücken hinter sich abgebrochen, das war eigentlich für mich das Bedrückendste in der DDR.“ Vgl. auch Schmidt 1995: 186.Google Scholar
  11. 151.
    Insbesondere die kirchlichen Ausbildungsstätten — die kirchlichen Hochschulen und Seminare — waren eine Keimstätte alternativen Denkens (Kleßmann 1993, 1994; Kähler 1996).Google Scholar
  12. 152.
    Marianne Birthler vom Arbeitskreis Solidarische Kirche, die spätere Bildungsministerin von Brandenburg, sagte über die Bedeutung der Kirche für ihr politisches Engagement im Interview vom 23. Januar 1992: „Dadurch, daß ich ehrenamtlich in Kirchengemeinden gearbeitet habe — zunächst ehrenamtlich, später auch beruflich -, habe ich sehr schnell für mich entdeckt, daß diese kirchliche Arbeit, die ich gemacht habe, auch eine sehr politische Dimension hat. Ein Beispiel dafür ist, daß mir zunehmend bewußt geworden ist, daß es politisch außerordentlich bedeutsam ist, daß in den Gemeinden ein relativer Freiraum entsteht, daß Menschen dort miteinander diskutieren können, auch Demokratieerfahrungen machen, freien Meinungsaustausch ohne Zensur haben. Das hatte eine politische Dimension, von der ich meine, daß sie bei den Menschen, die so etwas kennengelernt haben, auch Maßstäbe verändert, Maßstäbe, die man dann auch im gesellschaftlichen Bereich anlegt.“ (B 1) 153 Vgl. die oben (S. 90) gemachten Bemerkungen über das Assoziationsprinzip.Google Scholar
  13. 154.
    Georg Meusel (1995: 220) sagte, „daß es vor allem der Hunger nach mehr Gerechtigkeit“ gewesen sei, der ihn in der DDR zu seinem gesellschaftskritischen Verhalten motiviert habe.Google Scholar
  14. 155.
    „Warum eine Kirche von Unten?“ Papier der Initiatoren des „Kirchentags von Unten“ vom Juni 1987.Google Scholar
  15. 156.
    Vgl. zum Beispiel die Eingabe des Friedenskreises Vipperow an den Staatsrat der DDR gegen die Militarisierung der Gesellschaft der DDR und die praktizierte Sicherheitspolitik: „Erich Honecker hat in seinem Brief an Pierre Trudeau wieder die Überzeugung ausgesprochen, daß mehr Waffen nicht mehr Sicherheit schaffen. Das ist uns aus dem Herzen gesprochen.“ (Meckel/Gutzeit 1994: 108) Oder: „E. Honecker hat in einem Interview mit der französischen Wochenzeitschrift Revolution auf die Frage: ‘Wünschen Sie, daß sich in der DDR die Gewohnheit des ‘Streitgespräches’ herausbildet?’ geantwortet: ‘Ja, wir möchten die Debatte der Gedanken fördern, da sie die Kreativität eines jeden einzelnen und die kollektive Kreativität fördert’ (6.1.84).“ So Peter Eisenfeld in einem Papier für einen Gemeindeabend anläßlich der Friedensdekade 1984 (Eisenfeld 1988: 132).Google Scholar
  16. 157.
    Dies wird plastisch deutlich an der Begründung seiner politischen Arbeit, die der Friedensarbeitskreis Johannstadt in Dresden 1986 gab: „Beweggründe der Friedensarbeit: Neben der biblischen Motivation, die u.a. in der Bergpredigt Jesu (Matth. 5) ihre Wurzeln hat, ist es unsere Betroffenheit durch 1. Wachsende Militarisierung unserer Gesellschaft; im einzelnen: geistige und ideologische Aufrüstung (Feindbilder), militärische Durchdringung aller gesellschaftlichen Ebenen und Bereiche“ usw. (Eisenfeld 1988: 135).Google Scholar
  17. 158.
    Deshalb ist es überzogen, wie dies einige Theologen tun (z. B. Falcke 1985, 1989; W. Schilling 1992; Neubert 1986b), die politischen Anliegen der alternativen Gruppen nah an Inhalte des christlichen Glaubens heranzurücken. Vgl. etwa W. Schilling 1992: 14: „Die Leute, die in kein herkömmliches Bild von Kirche paßten, entdeckten im Protest ihre Nähe zum Urchristentum. Ihr Ansatz war der historische Jesus.“ „Den Leuten war klar: Wer über Jesus redet, redet automatisch über Politik. Da gab es für sie überhaupt keine Trennung. Diese Trennung in ‘geistlich’ und ‘weltlich’ konnten sie nicht verstehen. Wir haben versucht, sie zu überwinden.“ (ebd., 18) Der Subjektwechsel in den beiden letzten Sätzen von „sie“ zu „wir“ zeigt an, daß die Überwindung der Trennung von Geistlichem und Weltlichem vielleicht Schillings Anliegen, aber deshalb noch lange nicht das Anliegen ‘dieser Leute’ war. Die Differenz zwischen der legitimatorischen und motivationalen Funktion des christlichen Glaubens deutet sich in dem Bericht des Sozial-Ethischen Ausschusses der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens (1987: 4) an, in dem es zwar zunächst ganz im Sinne der Außenargumentation der alternativen Gruppen heißt, daß das gesellschaftliche Engagement der Gruppenmitglieder „nicht nur Hobby, sondern die Konsequenz ihres Glaubens und ihrer Nachfolge“ sei, dann aber eingeräumt wird: allerdings komme die Glaubensmotivation der Gruppenmitglieder eher „selten zum Ausdruck“.Google Scholar
  18. 159.
    Die Betonung dieses Zusammenhangs lag dem politischen Ansatz der Initiative Frieden und Menschenrechte zugrunde (vgl. Hirsch. 1988; Templin/Weißhuhn 1991)Google Scholar
  19. 160.
    Vgl. zum Beispiel das Infoblatt der Initiativgruppe Leben, Leipzig: „Unsere Gruppe versucht, dem Anspruch gerecht zu werden, die Themen Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung im Komplex zu bearbeiten.“ (Zit. nach Unterberg 1991: 27)Google Scholar
  20. 161.
    Vgl. den Bericht von Katrin Eigenfeld u.a. (1987: 80) über die Friedensgruppe der Frauen in Halle: „Privates und Öffentliches gehen ineinander über.“Google Scholar
  21. 162.
    Die wichtigsten Untergrundzeitschriften waren der „Grenzfall“, die „Umweltblätter“, „Arche Nova“, „Kontext“, „Aufrisse“ und der „Friedrichsfelder Feuermelder“, alle Berlin. Die Staatssicherheit zählte 1989 25 solcher Blätter (MfS 1989: 58). Tatsächlich waren es aber weitaus mehr (Neubert 1997: 756ff.). Die Auflagenhöhe bewegte sich im Schnitt zwischen 400 und 1.000 Stück. Die höchste Auflage hatte die „Arche Nova“ mit 2.000 Stück.Google Scholar
  22. 163.
    Als Beleg sei eine Aussage von Michael Frenzel, Mitglied des Freundeskreises Wehrdiensttotalverweigerer, zitiert. Auf die Frage, ob seine Gruppe auch versucht habe, die Leute außerhalb der Kirche anzusprechen, antwortete er: „Ja, das ist ja nun wirklich sehr kompliziert nur möglich gewesen. Also, wir haben alle Veranstaltungen im Bereich der Kirche genutzt. Das heißt also Friedenswerkstatt, Jugendveranstaltungen, Jugendtage, alles, was in diesem Bereich, Kirchentag, alles, was so einigermaßen Öffentlichkeit hatte, haben wir genutzt. Wir haben auch alle vom Staat angebotenen politischen Aktivitäten, wie zum Beispiel diese Gesprächsrunde zur Entmilitarisierung, eine zur atomaren Abrüstung, zu der damals Erich Honecker eingeladen hatte, da haben wir uns selbstverständlich als Gruppe angeboten. Also, das war dann schon eine Aktivität über den Bereich Kirche hinaus. Daß wir da nicht zu Wort kamen, erklärt sich von selbst. Aber wir haben es auf jeden Fall versucht. Andere Möglichkeiten gab es ja damals de facto nicht.“ (Interview vom 25. Januar 1990, A 3)Google Scholar
  23. 164.
    Nie war klar, bis wohin man ungestraft gehen konnte. Man mußte die Grenzen austesten, denn natürlich wollte man „so weit wie möglich gehen“ (Richter 1995b: 100).Google Scholar
  24. 165.
    Anstelle der Unterscheidung von Protestlern und Mahnern habe ich früher von aktionistischen und thematisch orientierten Gruppen gesprochen (Pollack 1989: 13 1ff.) — eine Unterscheidung, die analog gebildet ist.Google Scholar
  25. 166.
    Auf einer Veranstaltung der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung am 21.10.1998 sagte Günter Nooke, Ökumenischer Friedenskreis der Region Forst, über die umweltfreundlichen Aktionen seiner Gruppe: Natürlich ging es uns nicht darum, die Mülldeponie aufzuräumen, sondern wir wollten die Öffentlichkeit aufrühren.Google Scholar
  26. 167.
    Es ging darum, „diese Hoffnung und diesen Drang nach Freiheit oder nach Veränderung zu artikulieren“, „überhaupt etwas rauszuschreien“, gleichsam „aus der Reihe zu tanzen“, so Thomas Kitlas vom Freundeskreis Wehrdiensttotalverweigerer in Berlin im Interview 26.1.1990 und vom 7.12.1991 (A3;B 15f.).Google Scholar
  27. 168.
    Luhmann sieht darin ein Kennzeichen jeglichen Protests: Beim Protest handelt es sich um Kommunikationen, die „an andere adressiert sind und deren Verantwortung anmahnen“ (Luhmann 1991: 135).Google Scholar
  28. 169.
    Vgl. oben S. 158.Google Scholar
  29. 170.
    Vgl. das Interview mit Gisela Kallenbach, Arbeitsgruppe Umweltschutz, Leipzig, vom 30. Januar 1990 (A 3f.).Google Scholar
  30. 171.
    Davon berichtet die Bezirksverwaltung für Staatssicherheit Berlin am 16. Februar 1988. Sie spricht von „Enttäuschung und Ratlosigkeit“, die sich nach der Verhaftung und Abschiebung von einigen ihrer führenden Repräsentanten unter den Mitgliedern der Initiative Frieden und Menschenrechte breit gemacht haben soll. Die Gruppierung sei „aktionsunfähig“, die Haltung der meisten sei „abwartend“, die Herausgabe eines neuen „Grenzfall“ sei ungewiß, da sich eines ihrer führenden Mitglieder „auf sein Grundstück zurückgezogen hat“ (zit. nach Rüdden-klau 1992:239f.).Google Scholar
  31. 172.
    Dies war ein wichtiges Argument, mit dem die Initiative Absage an Praxis und Prinzip der Abgrenzung von der Bundessynode 1987 in Görlitz abgelehnt wurde. Vgl. Aufrisse 1987: 6.Google Scholar
  32. 173.
    Aus Widerspruch konnte Abwanderung oder auch Rückzug folgen, wenn der Widerspruch über lange Zeit erfolglos praktiziert wurde. Das heißt, voice und exit stehen nicht nur in einem Alternativverhältnis. Es hängt von den Außenbedingungen ab, wie sich der Zusammenhang gestaltet. Wenn die Gesellschaftsverhältnisse sehr restriktiv sind, dann folgt aus einer Erhöhung der Abwanderungsbarriere nicht unbedingt eine Erhöhung des systeminternen Widerspruchspotentials, sondern möglicherweise auch seine Einschnürung.Google Scholar
  33. 174.
    Ein charakteristisches Beispiel für diese Privatisierungstendenz stellt die Rede von Ludwig Drees vom Stendaler Dom-Friedenskreis vor der 1. Vollversammlung der Ökumenischen Versammlung vom 12.–15. Februar 1988 in Dresden dar. Angesichts der Unzahl von gesellschaftlichen Problemen, angesichts von Hungerkatastrophen, Krieg und Naturzerstörung, von Ungerechtigkeit und Unterdrückung, auch im eigenen Lande, stelle sich die Frage: Wer sind wir selbst? „Meine Erfahrung (…) ist die, daß Veränderung möglich ist, aber nicht gewagt wird. Wir können uns verändern, aber wir wollen nicht, weil wir Angst vor Veränderung haben. Und die Frage: ‘Wer sind wir selbst in diesen Herausforderungen?’ können wir in diesem Zusammenhang so beantworten: Wir sind Menschen, die sich selbst nicht verändern wollen, weil sie dann auftretende Ängste fürchten. Damit sind wir jetzt bei uns selbst.“ „Erneuerung (ist) zuerst innen.“ „Der Vorrang der Selbsterfahrung vor Anklage und Aggression“ „Bei sich selber anfangen“ „Meine Beziehungen sind geprägt durch Macht und Geltung. Das, was ich anderen vorwerfe, mache ich selbst“ „Umkehr heißt: Auseinandersetzung mit dem eigenen Dominanzstreben.“ usw. (Drees 1988: 20ff.) Die Privatisierung gesellschaftlicher Probleme findet sich durchaus nicht nur bei Drees, sondern war ein verbreitetetes Argumentationsmuster in den alternativen Gruppen, welches sie wohl aus dem kirchlichen Raum übernahmen, in welchem ebenfalls nicht selten die individuelle Schuldzuweisung an die Stelle der Thematisierung gesellschaftlicher Probleme trat (vgl. Pollack 1994: 325ff., bes. 329f). In den Arbeitsmaterialien fur das S. Mobile Mecklenburgische Friedensseminar in Neustrelitz im August 1984 heißt es: „Wenn wir anderen und der Welt vorschreiben, wie sie aus ihrem Unfrieden herauskommen sollen und nicht wahrnehmen, daß wir selbst dazugehören, können wir sie nicht wirklich verändern. Die erste und grundlegende Erkenntnis lautet: Die Bombe steckt in uns. Wir selbst sind voll Angst, Mißtrauen und Unfrieden, so daß wir — selbst wenn wir Wege zum Frieden zu beschreiten suchen — oft das Gegenteil produzieren. Frieden ist ein Prozeß, ist der Weg, der bei jedem von uns selbst beginnen muß.“ (Meckel/Gutzeit 1994: 183) Immer wieder lautete die in den alternativen Gruppen gestellte Frage, wo die gewünschte Veränderung beginnen muß: bei uns selbst oder im gesellschaftlichen Bereich (Albani 1988: 5). Übte eine Gruppe nur Kritik am politischen System und an der Gesellschaft, so mußte sie damit rechnen, von den kirchlich geprägten Gruppen angegriffen zu werden. So beanstandete Georg Meusel, daß eine Gruppe in der Aussprache nach einem Referat „fast nur Schuldzuweisungen und Forderungen an die Regierenden“ aussprach. Dies zeige „mangelnde Bereitschaft, sich selbst angesprochen und zuständig zu fühlen“ (Meusel 1987: 65). Wahrscheinlich steht hinter der Tendenz, gesellschaftliche Probleme individuell zuzurechnen, die Erfahrung gesellschaftlicher Wirkungslosigkeit individuellen Handelns. Was man tun kann und ob man überhaupt etwas tun kann, um die Gesellschaft zu verändern, wurde in den Gruppen immer wieder diskutiert. Die Antwort, fange bei Dir selbst mit der Veränderung an, bedeutete zwar eine Verlagerung des gesellschaftlichen Problems ins Private, eröffnete aber zugleich begrenzte individuelle Handlungsmöglichkeiten und trug damit zur Ermäßigung der Spannung zwischen individuellem Motivationsüberschuß und gesellschaftlicher Handlungsbegrenzung bei. 175 „Diese Gruppen waren ja die Öffentlichkeit, die uns zur Verfügung stand“ (Ludwig Mehlhorn, A 9).Google Scholar
  34. 176.
    Mit zweijährigem Abstand sagte Werner Fischer im Interview vom 9.12.1991: „Ich habe ja diesen Staat nicht geliebt, ganz im Gegenteil, aber das war nun mal Heimat. Das war Heimat in dem Sinne, daß man sich nun mal auskannte und sich gerieben hat an den politischen Verhältnissen. Man wußte, wo steht der Feind, und man kannte sich bis ins Detail in den Strukturen aus. Ich habe das ja schon einmal erlebt, als ich mit Bärbel Bohley ‘88 im Westen war und dann noch in London gelebt habe, wo wir den Kapitalismus in Reinkultur studieren durften, wo wir uns gesagt haben: ‘Niemals, niemals hier bleiben und um Gottes Willen niemals solche Verhältnisse in der DDR’. Wir waren heilfroh, wieder hier zu sein.“ (B 7)Google Scholar
  35. 177.
    Für die Darstellung der Position der sozialethischen Gruppen benutze ich das bekannt gewordene sog. Konsenspapier, das Hans-Jochen Tschiche unter dem Titel „Teilhabe statt Ausgrenzung — Wege zu einer solidarischen Lebens- und Weltgestaltung“ auf dem Treffen „Frieden konkret VI“ 1988 in Cottbus vorstellte (Tschiche 1988). Dieses Papier gab das Selbstverständnis vieler Gruppen wieder, erhielt aber auf dem Seminar in Cottbus nicht die erforderliche Mehrheit, um von allen Gruppen als Verständigungsgrundlage anerkant zu werden. Außerdem ziehe ich zur Charakterisierung der Position der sozialethischen Gruppen das Grundsatzpapier des Friedensarbeitskreises Johannstadt in Dresden aus dem Jahr 1986 (Eisenfeld 1988) sowie die Basiserklärung des Arbeitskreises Solidarische Kirche von 1988 heran (Solidarische Kirche 1988). Für die Darstellung der Position der Menschenrechtsgruppen stütze ich mich auf die Stellungnahme der Initiative Frieden und Menschenrechte zum Tag der Menschenrechte am 10.12. 1987 in der Gethsemanekirche in Berlin (Hirsch 1988), auf das Papier der Demokratischen Initiative, Leipzig, vom Februar 1989 (Demokratische Initiative 1989; vgl. Dietrich/Schwabe 1994: 500) und auf die Erklärung der Arbeitsgruppe Ausreise des Arbeitskreises Gerechtigkeit, Leipzig, ebenfalls vom Februar 1989 (Arbeitskreis Gerechtigkeit 1989).Google Scholar
  36. 178.
    Vgl. oben S. 153, ebenso S. 93 und S. 145.Google Scholar
  37. 179.
    Interview mit Harald Wagner, Arbeitskreis Solidarische Kirche, Leipzig, 6.2.1990 (A 7).Google Scholar
  38. 180.
    Vgl. S. 158 und S. 161ff.Google Scholar
  39. 181.
    Interview mit Martina Krone, Friedenskreis Friedrichsfelde, Berlin, vom 7.12.1991, (B 15).Google Scholar
  40. 182.
    Vgl. oben S. 45f.Google Scholar
  41. 183.
    Vgl. oben S. 119.Google Scholar
  42. 184.
    Insofern ist Hartmann Tyrell (1983), der das Zusammengehörigkeitsgefühl als das entscheidende Konstitutionsmerkmal von Gruppen ansieht, Recht zu geben. Allerdings war, wie wir noch sehen werden, Zusammengehörigkeit nicht der einzige Integrationsmechanismus in den Gruppen.Google Scholar
  43. 185.
    Vgl. Meckel 1994: 61: „In diesen Gruppen versammelten sich Leute, denen die gesellschaftlichen Verhältnisse ein gemeinsames Problem darstellten und die etwas verändern wollten. Was dann aber geschehen sollte, was man positiv wollte, war offen und mußte in langen Gesprächsprozessen erst geklärt werden. Dieser Prozeß aber wiederholte sich immer wieder, da es keine festen Strukturen gab und vergangene Ergebnisse bei neuer fluktuierender Zusammensetzung immer wieder zur Disposition standen.“Google Scholar
  44. 186.
    Vgl. oben S. 50ff, wo neben der Unmittelbarkeit der Interaktion die Dauerhaftigkeit der Interaktionsbeziehungen als das zweite wichtige Kennzeichen von Gruppen herausgearbeitet wurde.Google Scholar
  45. 187.
    Interview mit Gerd Poppe vom 9.2.1990, (A 5).Google Scholar
  46. 188.
    Prononciert die Aussage von Michael Frenzel, Freundeskreis Wehrdiensttotalverweigerer, Berlin: „Alle die, die freundschaftliche Beziehungen in einer Gruppe aufbauen konnten, die sind auch geblieben, und die das nicht konnten, also, die von ihrer Art auch nicht dazu paßten, haben nicht Fuß fassen können.“ (A 5)Google Scholar
  47. 189.
    Martin Schramm, Mitarbeiter der Umwelt-Bibliothek, sagte zu seinem Interviewer: „Wenn du mal von Konrad Lorenz ‘Das sogenannte Böse’ — das mit den A- und B-Tieren — ausgehst, dann ist es eben immer schwierig, wenn zwei A-Tiere auf einem Haufen sind. Das ist eigentlich oft passiert. Bei Carlo und bei Wolfgang hast du nämlich so etwas genau gehabt. (…) Und das ist zum Beispiel in dem Konflikt aufgetreten, als die arche gegründet wurde. Die ist im wesentlichen von Carlo ausgegangen. Böse Zungen behaupten ja, daß es sich lediglich um eine persönliche Geschichte dabei handelte. (…) Es ist ganz klar, daß Carlo dabei gesehen hat, in der Umwelt-Bibliothek läßt sich für ihn kein Kahn mehr fahren. Also hat er auf die Rasche die arche gegründet (…), hat sich noch ein paar Typen genommen, die er instrumentalisieren konnte (…). Dann sind die zusammen rausgegangen, (…) weil die Zusammenarbeit unerträglich wurde.“ (A 13)Google Scholar
  48. 190.
    Vgl. auch den Bericht von Jochen Läßig: Im Arbeitskreis Gerechtigkeit gab es „tüchtige Auseinandersetzungen, weil eine sehr beherrschende Persönlichkeit dagewesen ist. Das ist Thomas Rudolph gewesen. Er hat versucht, ein bestimmtes Konzept durchzuziehen, und bei Durchbrechung dieses Konzepts (…) hat er uns vor das Ultimatum gestellt, auszuscheiden oder dann so mitzumachen. Dadurch kam es dann auch zur Trennung. Also, es ist eine ganz klare Dominanz dagewesen in der Gruppe Gerechtigkeit. (…) Drei Leute sind dann gegangen von Gerechtigkeit: Katrin Hattenhauer, Gesine Oltmanns und ich.“ (B 4f.)Google Scholar
  49. 191.
    Mit den internen Abgrenzungsprozessen gingen auch Abschottungstendenzen nach außen einher. Torsten Moritz (1993: 59) meint, daß sich die UB im Laufe der Zeit, teilweise aus Angst vor der Einflußnahme der Stasi, teilweise aus der Befürchtung heraus, Ausreisewillige könnten die UB als Sprungbrett in den Westen benutzen, teilweise aber wohl auch aus dem Interesse einzelner an der Bewahrung ihrer Macht heraus, nach außen immer mehr abschloß und kaum noch Fremde hineinließ. Torsten Moritz schlußfolgert daraus — wohl zu recht -, daß sich in der UB eine „gewisse Selbstgenügsamkeit“ ausbreitete. Tatsächlich hatte sich die oppositionelle Arbeit in der UB auf einem bestimmten Niveau etabliert. Die UB nahm innerhalb der Gruppenszene DDR-weit eine Führungsrolle wahr, hatte aufgrund der Zionskirchenaffäre einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht und brauchte daher auf Mobilisierung bislang unerreichter Bevölkerungssegmente nicht mehr bedacht zu sein. Exklusionstendenzen lassen sich übrigens auch in anderen Gruppen beobachten. So spricht etwa Edgar Dusdal vom Arbeitskreis Solidarische Kirche davon, daß es für Leute, die dazustoßen wollten, schwierig war. „Da haben wir es oftmals nicht geschafft, uns zu öffnen.“ (A 3)Google Scholar
  50. 192.
    Zu diesem Ergebnis kommen auch Elvers/Findeis (1990b: 99).Google Scholar
  51. 193.
    Vgl. das Zitat eines von Helena Flam Interviewten, das diese in ihrem Beitrag selbst verwendet: „Ich habe mir das überlegt, es hätte nich genützt, die hätten mich kaputt gemacht, die sind emd stärker, und die können mich kaputt machen … Ich wollte mich ni als Märtyrer opfern, das is völliger Unsinn … en Gandhi oder so’n Martin Luther King, die hätten in so’nrm ostzonalen System überhaupt keen Namen gekriegt, weil da gehört och noch ‘ne Faimeß dazu, die die Engländer immer noch hatten, so ‘nen Mann wie Gandhi irgendwie hochkommen zu lassen oder, ni? Man kann ja nich mal Märtyrer wem im Sozialismus.“ (Zitiert nach Flam 1997: 146f.)Google Scholar
  52. 194.
    So sagt einer der Interviewten ausdrücklich: „Politik mache ich, um die Gesellschaft zu verändern, nicht zum Selbstzweck.“ (Christoph Singeinstein, Kreis um das Friedensgebet der Golgathagemeinde, Berlin, Interview vom 25.1.1990, A 8)Google Scholar
  53. 195.
    So verstand sich der Arbeitskreis Gerechtigkeit als ein „geschlossener Arbeitskreis“, an dessen Sitzungen nur Mitglieder teilnehmen durften (Erklärung 1988: 1). Mitarbeiter der Koordinierungsgruppe (KG) konnte man nur „nach einstimmigem Beschluß der KG“ selbst werden (ebd.). Ihr oblag „die Richtlinienkompetenz über sämtliche Arbeitsgebiete des Arbeitskreises, woraus ein Vetorecht der KG in sämtlichen Arbeitsgebieten“ resultierte (1f.). Wer sich nicht an ihre Anweisungen hielt, mußte damit rechnen, „ausgeschlossen“ zu werden. „Jeder Mitarbeiter des AKG (war) zur Teilnahme an der VV (Vollversammlung) verpflichtet.“ (2)Google Scholar
  54. 196.
    So formulierte die Grundsatzerklärung der Initiativgruppe Leben als Leitprinzip ihres Handelns die „Förderung des Friedens, der Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“ und erklärte, daß all diejenigen diesem Leitprinzip gerecht werden, „die in der Gesellschaft den Ort ihres Handelns erkennen“ (Grundsatzerklärung 1989). Dieser weiten Auslegung ihres Leitprinzips entsprach die Offenheit der Gruppe nach außen. „Gäste dürfen in jeder Weise mitarbeiten und sind erwünscht.“ (Geschäftsordnung 1989: 1) Weiterhin legte die Geschäftsordnung der Initiativgruppe fest, daß die einzelnen Projektgruppen „eigenverantwortlich“ arbeiten, ihre Sprecher „keine Leitungsfunktion und Entscheidungskompetenz“ haben und nach einem Jahr wieder abzuwählen sind (1f).Google Scholar
  55. 197.
    Zum Verhältnis von sachlicher und sozialer Integration vgl. oben S. 54f.Google Scholar
  56. 198.
    Die Fortsetzung des oben bereits gebrachten Zitats von Ludwig Mehlhorn macht das deutlich: „Diese Gruppen waren ja die Öffentlichkeit, die uns zur Verfügung stand. Also mußten wir in diese Gruppen rein und mit diesen Gruppen in Kontakt und ins Gespräch kommen. Es hat allerdings kaum eine direkte Zusammenarbeit oder so etwas gegeben.“ (A 9)Google Scholar
  57. 199.
    Vgl. zum Beispiel den Unvereinbarkeitsbeschluß zwischen der Umwelt-Bibliothek und dem Netzwerk arche (Rüddenklau 1992: 178f.).Google Scholar
  58. 200.
    Werner Fischer: „Die Zerstrittenheit unter diesen Gruppen war katastrophal. Das hatte etwas mit Eifersüchtelei zu tun. ‘Aha, jetzt hat diese Gruppe sich wieder in Szene gesetzt und kam in der Tagesschau.’ So simpel muß man das mal sagen, denn damals in der Tagesschau zu kommen, war ja gar nicht so schwer. Man hat sich so den Rang streitig gemacht. Und man hat natürlich irgendwo, weil das einfach allen zu blöd war, versucht, das an inhaltlichen Dingen deutlich zu machen. Die letzten Ausgaben des ‘Grenzfall’ belegen das, wie man versucht hat, den anderen inhaltlich plötzlich in ein anderes Fahrwasser auch zu drängen, wie es an böse K-Gruppen-Zeiten der sechziger Jahre im Westen erinnert.“ (B 3)Google Scholar
  59. 201.
    Im unmittelbaren Anschluß an das eben gebrachte Zitat von Werner Fischer heißt es: „Aber immer dann, wenn Mitglieder einer Gruppe in Schwierigkeiten geraten waren, sei es durch Haft oder anderes, dann plötzlich standen alle Gruppen zusammen. Jetzt hatte man plötzlich über die Querelen hinaus wieder erkannt: der gemeinsame Feind, und jetzt müssen wir zusammenhalten.“ (B 3)Google Scholar
  60. 202.
    Die im Sinne des Systems kontraproduktiven Wirkungen seiner Anstrengungen zur Überwachung und Beeinflussung der Gruppen kommen auch in der Arbeitsweise des Ministeriums für Staatssicherheit anschaulich zum Ausdruck. Jeder eingeschleuste Inoffizielle Mitarbeiter stärkte die Gruppenszene. Er mußte seine oppositionelle Tätigkeit auch innerhalb der Gruppe glaubwürdig unter Beweis stellen, also durch besondere Taten von sich ablenken. Das bemerkte der Staatssicherheitsdienst in seinem Kampf gegen die „operativ-relevanten Gruppen“ übrigens selbst: „Das rechtzeitige Aufklären ihrer Pläne und Absichten durch IM, die in diese Strukturen eindringen, birgt die Gefahr in sich, daß sie selbst zu Organisatoren feindlichnegativer Aktivitäten werden, um das Vertrauen der bearbeiteten Personen zu erringen und zu bewahren.“ (Besier/Wolf 1992: 569) So liegt etwa ein in „Spuren“ — einem Samisdatpapier von 1988 — veröffentlichter Aufsatz von Monika Haeger (vgl. Haeger 1988) vor, die sich später zu ihrer Stasi-Tätigkeit bekannte. Auch die zu den kleinen Demonstrationen unauffällig unters Volk gemischten Stasi-Beobachter vergrößerten zwangsläufig die Anzahl der Demonstranten, zumal wenn man so vorging wie die Staatssicherheit am 7. Mai 1989 und im Herbst 1989 in Leipzig, als sich Hunderte von Stasi-Mitarbeitern auf der Straße befanden und damit eine Kulisse vortäuschten, die gar nicht vorhanden war.Google Scholar
  61. 203.
    Vgl. oben S. 101f., 146.Google Scholar
  62. 204.
    Es ist interessant, daß die Beziehungen zur osteuropäischen Dissidenz auf diese Weise nicht unwesentlich über westliche Organisationen liefen.Google Scholar
  63. 205.
    Vgl. oben S. 101.Google Scholar
  64. 206.
    Vgl. Christoph Motzer „Die aktuelle Problematik der Ausreisewilligen darf nicht die Arbeit vorhandener Gruppen ins Abseits drängen.“ (in: Kontakt, Mai 1988)Google Scholar
  65. 207.
    Vgl. etwa die Ansprache von Jochen Läßig im Friedensgebet vom 14.11.1988 in der Nikolaikirche in Leipzig, zitiert auf S. 114, Anm. 87.Google Scholar
  66. 208.
    Vgl. oben S. 116, Anm. 94.Google Scholar
  67. 209.
    So Bernd Oehler im Ost-West-Diskussionsforum 1/1988, 5.Google Scholar
  68. 210.
    Ich nehme damit die Diskussion über den Zusammenhang zwischen exit und voice nochmals auf (vgl oben S. 12, Anm. 12). Erleichterte Abwanderungsmöglichkeiten können den systemintemen Protest sowohl befördern als auch schwächen. Ebenso kann die Erhöhung der Ab-wanderungsbarrieren sowohl zu verstärktem systemintemen Protest als auch zu erhöhter Anpassungsbereitschaft fuhren. Welche Effekte eintreten, ist unter theoretischer Perspektive also offen. Es scheint daher sinnvoll zu sein, die Rahmenbedingungen, unter denen sich exit oder voice vollziehen, genauer zu bestimmen. Genau darin liegt ja auch das Problem der Anwendung des Hirschmann’schen Modells, das liberale Wirtschaftsverhältnisse voraussetzt, auf die DDR. Man könnte dann annehmen, daß auf den jeweiligen Zusammenhang zwischen exit und voice einen Einfluß hat, wie hoch jeweils die Kosten für die beiden Optionen sind. Wenn Abwanderung sehr hohe Kosten verursacht, die Kosten für voice hingegen niedriger liegen, wird der Akteur zu voice neigen. Und vice versa. Sind sowohl die Kosten für Abwanderung als auch für Protest hoch, wie im Fall der DDR, ist hingegen angepaßte Bewegungslosigkeit die wahrscheinlichste Verhaltensvariante.Google Scholar
  69. 211.
    Die Unzufriedenheit mit der Versorgungslage, mit dem Dienstleistungsangebot und der medizinischen Betreuung in der DDR nahm nach Erkenntnissen der Staatssicherheit unter den Ausreisemotiven den ersten Rang ein (Mitter/Wolle 1990: 142). Allerdings beeinflußten auch „Zweifel an der Perspektive und Sieghaftigkeit des Sozialismus“ sowie die Unzufriedenheit mit der Medienpolitik der DDR den Wunsch nach ständiger Ausreise aus der DDR (146f.).Google Scholar
  70. 212.
    Vgl. oben S. 113ff., bes. 116f.Google Scholar
  71. 213.
    Vgl. oben S. 112f.Google Scholar
  72. 214.
    So sprach sich der Arbeitskreis Solidarische Kirche dafür aus, Antragsteller nicht auszugrenzen und moralisch zu diskreditieren, da die Antragstellung Ausdruck der „gesellschaftlichen Krise“ sei (Arbeitskreis Solidarische Kirche, Regionalgruppe Thüringen, Erklärung zur Ausreiseproblematik, zit. nach Neubert 1997: 676). Eine solche Argumentation weist freilich darauf hin, daß Ausgrenzung und Diskreditierung damals weit verbreitet waren.Google Scholar
  73. 215.
    Harald Wagner (A 4) meint sogar, die Kirchenleitungen und die Gruppen hätten sich untereinander viel besser verstanden als die Gruppen und die Gemeinden.Google Scholar
  74. 216.
    In Leipzig zum Beispiel waren es von den etwa 60 Pfarrern vielleicht fünf oder sechs, die sich für die Belange der Gruppen einsetzten.Google Scholar
  75. 217.
    Sofern die Gruppen die Kirche auf ihren theologischen Auftrag hin ansprachen und ihr vorwarfen, sie würde ihrem Auftrag nicht gerecht werden, wird man den Konflikt zwischen Kirche und Gruppen unter anderem als eine Form des klassischen Konflikts zwischen Institution und Charisma, zwischen verfestigter Organisation und geistiger Emanzipation interpretieren können (vgl. Pollack 1989: 146).Google Scholar
  76. 218.
    Vgl. oben S. 130f.Google Scholar
  77. 219.
    Auf die Frage nach den Gründen, warum sich ihre Gruppe am Konziliaren Prozeß beteiligte, sagte Gisela Kallenbach, Arbeitsgruppe Umweltschutz, Leipzig: „Wir sahen eigentlich dort einen ganz wichtigen Weg, die Dinge mehr an die Öffentlichkeit zu bringen. Auch wenn es eine letztlich rein kirchliche Veranstaltung war oder ein kirchlicher Prozeß, so wollten wir oder hofften, setzten einfach darauf, daß die Ergebnisse, wenn sich also eine gesamte Kirche hinter etwas stellt, dann auch mehr in die Öffentlichkeit gelangen.“ (A 5)Google Scholar
  78. 220.
    Wolfgang Rüddenklau in einem Gespräch im September 1990 in Leipzig. Selbst die konfrontationsbereite Initiativgruppe Leben schloß die Kooperation mit staatlichen Stellen nicht aus. Vgl. die Grundsatzerklärung der Initiativgruppe Leben, die gemäß der Erläuterung ihres Leitprinzips, daß all diejenigen den Frieden, die Gerechtigkeit und die Bewahrung der Umwelt fördern, die „in der Gesellschaft den Ort ihres Handelns erkennen“, auch das „partnerschaftliche Zusammenarbeiten mit kommunalen und staatlichen Einrichtungen“ unter den Konkretisierungen dieses Leitprinzipes aufzählt (Grundsatzerklärung 1989).Google Scholar
  79. 221.
    So erklärte Ulrike Poppe (1995: 250f.): Man bewegte sich zwar „an der Grenze zur Illegalität“. Aber „niemand hatte den Ehrgeiz, die Bewegung mit Märtyrern zu schmücken“. „Eindeutig illegale Methoden“ wollten die Gruppen „möglichst vermeiden“. Bärbel Bohley sieht diese Orientierung der Gruppen auf die Respektierung der Legalität im nachhinein kritisch: „Man wollte sozusagen immer die Gesetze einhalten. (…) Es hat eine Weile gedauert, bis wir eingesehen haben, man muß auch manchmal gegen die Gesetze verstoßen, was zum Beispiel die Herstellung von Zeitungen usw. anbelangt.“ (A 4)Google Scholar
  80. 222.
    So auch der Staatssicherheitsdienst: „Sie wirken ständig darauf hin, ihre Legalität zu erreichen und als selbständige politische Kraft anerkannt zu werden.“ Das aktuelle Erscheinungsbild politischer Untergrundtätigkeit in der DDR und wesentliche Tendenzen seiner Entwicklung. Diss., Juristische Hochschule des MfS, Potsdam 1988, 112, Anm. 1, zit. nach U. Poppe 1995: 249.Google Scholar
  81. 223.
    Vgl. den Spruch von Cornelia Fromme, der im September 1989 an einem Außenfenster der Leipziger Nikolaikirche angebracht war: „Wir wollen keinen Dialog mit denen, die unsere Freunde verprügeln und einsperren. Wir wollen unsere Freunde wieder um uns haben! Erst dann werden wir reden. Für freie Menschen in einem freien Land.“ (zit. nach Schwabe 1994a: 10)Google Scholar
  82. 224.
    Allerdings war das Mißtrauen der Gruppen gegenüber dem Machtapparat in der DDR in der Regel so groß, daß man nachhaltige Veränderungen meist nur noch Jenseits der bestehenden Machtstrukturen erwartete“ (U. Poppe 1995: 262).Google Scholar
  83. 225.
    Interview mit Knut Konerding, Initiativgruppe Hoffnung Nicaragua, Leipzig, vom 27.1.1990 (A 1).Google Scholar
  84. 226.
    Interview mit Ute Leukert, Frauen für den Frieden, Leipzig, vom 28.1.1990 (A 3).Google Scholar
  85. 227.
    Rüddenklau (1992: 13) meint, die alternativen Gruppen seien nicht als die „Totengräber der DDR“ zu bezeichnen. „Das Schlimme ist, es stimmt das Gegenteil: in welchem Grade wir trotz alledem noch an den Anspruch der regierenden kommunistischen Parteien glaubten und eine verfehlte Loyalität zeigten, über die bestenfalls ein paar Stasioffiziere gekichert haben.“ 228 Vgl. dazu oben S. 94, 129f., bes. Anm. 122. Selbst in den „Umweltblättern“ taucht der Begriff Opposition als Selbstbezeichnung der Gruppen nirgends auf.Google Scholar
  86. 229.
    Als Motiv für die Gründung des Friedens- und Umweltkreises an der Berliner Zionskirche gab Martin Schramm an, daß sich da Leute zusammengefunden hätten, „die sagten: Das ist alles Gewäsch, wie hier mal so Kraniche falten und mal dem Präsidenten schicken oder das und das machen. Das ist alles Gewäsch. Wir wollen jetzt mal eine feste Arbeit machen.“ (A 3)Google Scholar
  87. 230.
    Die Gruppen hielten das „unmündig gehaltene Volk“ für demokratieunfahig und autoritätsabhängig (Edgar Dusdal, A 10), für apathisch (Albani 1992: 34), träge (Richter 1995b: 99) und politisch unreif (Ludwig Mehlhorn, A 16).Google Scholar
  88. 231.
    „Auf dem Weg über Erziehung und Demokratisierung“ müßten die Gruppen für die erforderlichen gesellschaftlichen Veränderungen arbeiten (Rainer Eppelmann 1987: 44).Google Scholar
  89. 232.
    So Gerd Klenk in einem Gespräch am 2.11.1993.Google Scholar
  90. 233.
    Vgl. Siegfried Reiprich (1995: 170): „Ich denke, daß wir von vielen in der Bevölkerung scheel angesehen, für Spinner gehalten und nicht ernst genommen wurden, wozu auch unsere eigene sozialistische Borniertheit beitrug.“Google Scholar
  91. 234.
    Georg Meusel (1995: 228) zum Beispiel berichtet, daß das Friedensseminar in Königswalde „sehr viele Sympathisanten“ in dem 400-Seelen-Dorf besaß, obschon manche sich von der Arbeit des Friedensseminars auch „distanzierten oder (…) einfach Angst hatten“.Google Scholar
  92. 235.
    Vgl. auch W. Schilling (1992: 15), der das elitäre Bewußtsein der Gruppen als „ein Schutzmechanismus“ bezeichnet: „Wenn du von allen Seiten angefochten wirst, mußt du ein Bewußtsein entgegensetzen, das dich stärker macht als die anderen.“Google Scholar
  93. 236.
    Vgl. die abfälligen Bemerkungen von Bärbel Bohley oder auch von Konrad Weiß über dieGoogle Scholar

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