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Einleitung: Leitende Fragestellungen, Methodenreflexion, Forschungsüberblick

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Zusammenfassung

An einem lauen Sommerabend im Juni 1989 saß ich gemeinsam mit Andreas Müller — einem der führenden Oppositionellen Leipzigs, der heute Beigeordneter im Leipziger Stadtparlament ist — auf dem Balkon seiner Wohnung in der August-Bebel-Straße und sprach mit ihm über die gegenwärtige politische Situation im Lande. Wie immer an diesen Abenden gab es Rotwein und eine große Kanne schwarzen Tee. Auf seine Einladung hin waren zwei weitere Bekannte — oder Freunde — gekommen. Es handelte sich um die Zusammenkunft einer der etwa 20 Oppositionsgruppierungen, die es in Leipzig damals gab:1 des Arbeitskreises Ökumene und Gerechtigkeit. Zu den Treffen des Arbeitskreises, dem fast ausschließlich Studenten, Repetenten und Assistenten des Theologischen Seminars2 in Leipzig angehörten und der wohl vor allem aufgrund seiner intellektuellen Ausrichtung in der aufgeregten Gruppenszene Leipzigs nur selten öffentlich in Erscheinung trat, kamen gewöhnlich zwischen 10 und 15 Mitglieder. Möglicherweise aufgrund der bevorstehenden Sommerferien oder weil Prüfungszeit war, hatten sich diesmal nur vier eingefunden.

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Literatur

  1. 1.
    Findeis 1990: 91. Dietrich (1995: 588) spricht von 25 politisch-oppositionellen Gruppen.Google Scholar
  2. 2.
    Kirchliche Ausbildungsstätte in Leipzig mit Hochschulstatus, der staatlich allerdings nicht anerkannt war.Google Scholar
  3. 3.
    Andreas Müller: Tendenzen der Entwicklung in der DDR 1988/1989 — einige Aspekte. Manuskript (im Archiv des Verfassers).Google Scholar
  4. 4.
    Offiziell lag der Anteil der Nein-Stimmen in Leipzig bei knapp 4 % (Unterberg 1991: 50).Google Scholar
  5. 5.
    Ende September 1987 — mit der Synode des Bundes der evangelischen Kirchen in Görlitz -setzt Gerhard Rein (1990: 17) als den Beginn der — wie er sie nennt — protestantischen Revolution an. Ähnlich Forck (1993: 49), für den die Revolution mit der Stasi-Aktion gegen die Umweltbibliothek im November 1987 und den darauf folgenden Solidaritätsaktionen begann. Poppe/Eckert/Kowalczuk (1995b: 24) stellen die Behauptung auf, daß „die Ausweitung der oppositionellen Gruppen zu überregionalen Sammlungsbewegungen (...) mit der landesweiten Öffnung der IFM im März 1989 (begann)“. Demgegenüber hält Neubert (1997: 724) zu Recht fest, daß der Erfolg des Aufrufs der IFM (Initiative Frieden und Menschenrechte) vom 1. März 1989 „eher spärlich“ war.Google Scholar
  6. 6.
    Vgl. dagegen Wettig (1996: 410). „Für den 9. Oktober 1989 abends hatten Oppositionelle in Leipzig eine Protestaktion angesetzt.“ Ebenso Meckel 1993: 65: „An vielen Orten der damals noch bestehenden DDR hat die Sozialdemokratische Partei gemeinsam mit dem Neuen Forum und den Kirchen zu Demonstrationen aufgerufen.“ Mir sind für die Zeit, als Demonstrationen noch nicht erlaubt und als Bestandteil der politischen Kultur der DDR von der SED akzeptiert waren, also bis zum 29. Oktober 1989 (Schabowski 1991: 278), derartige Aufrufe kaum bekannt. Einen Aufruf zu einer „friedlichen Kundgebung“ gab es in Arnstadt (Leyh 1994: 94), in Plauen wurden Handzettel verteilt, mit denen zur Demonstration am 7. Oktober aufgerufen wurde (Küttler/Röder 1992: 36). Dabei handelte es sich allerdings um singuläre Aktionen von Einzelgängern. Ansonsten lautete die Forderung des Neuen Forums und anderer Bürgerbewegungen: Dialog, aber nicht: Demonstration und Protest auf öffentlichen Plätzen. Die Zulassung des Demonstrationsrechts wurde freilich gefordert (Neues Forum Leipzig 1989: 100), und zwar von den Menschenrechtsgruppen schon vor 1989.Google Scholar
  7. 7.
    Vgl. Thomas Rudolph (in: Findeis/Pollack/Schilling 1994: 199f), der dies in einem Interview 1992 sagte. 1990 war seine Einschätzung der Bedeutung der Gruppen für die Massenproteste noch wesentlich zurückhaltender (vgl. ebd.: 197).Google Scholar
  8. 8.
    Richtig müßte es heißen: am 4. Juni 1989 (vgl. Dietrich/Schwabe 1994: 533).Google Scholar
  9. 9.
    Den Geist des Kontinuitätsdenkens atmet auch die Untersuchung von Heydemann und Schaar-schmidt (1995), die die Monate zwischen Mai und November 1989 als einen sich zuspitzenden und schließlich im 9. Oktober als Höhepunkt gipfelnden einheitlichen Zeitraum fassen, den sie als Intensivierungsphase der ‘Wende’ von anderen Phasen abheben (58, 66ff.). Die Zeit von Mitte der siebziger Jahre bezeichnen sie als Inkubationsphase, die Zeit ab November 1987 als Initiationsphase. Schon die Phasenbezeichnungen zeigen, wie stark die Geschichte der DDR von ihrem Ende her interpretiert wird.Google Scholar
  10. 10.
    Fehr erklärt sogar ausdrücklich, daß er „auf die Wirkung der Ausreisewelle und Massenflucht während der Sommermonate und des Frühherbst 1989 für die Krise“ nicht eingehen will (Fehr 1996: 239, Anm. 770).Google Scholar
  11. 11.
    So etwa wenn er an anderer Stelle schreibt: „Die Herausforderungen zahlenmäßig kleiner Gruppen bewirkten Veränderungen, die schließlich neben neuen internationalen Rahmenbedingungen und Erosionstendenzen im Partei- und Staatsapparat zur Überwindung des ‘Real-Sozialismus’ führten.“ (Fehr 1995: 332)Google Scholar
  12. 12.
    Auf den engen Zusammenhang zwischen Massenprotest und Massenabwanderung habe ich erstmals in einem Vortrag am 15. Januar 1990 an der Fakultät für Soziologie in Bielefeld aufmerksam gemacht (veröffentlicht in Pollack 1990b). Es war Hartmann Tyrell, Bielefeld, der mich darauf hinwies, daß ich mich damit im Widerspruch zur These Hirschmanns befände, derzufolge bei einer Erhöhung der Abwanderungsbarrieren in Betrieben, Organisationen und Staaten die Wahrscheinlichkeit von Kritik und Protest steige und bei einer Erleichterung der Abwanderungsmöglichkeiten diese Wahrscheinlichkeit sinke, exit und voice also nicht in einem Komplementär-, sondern in einem Alternativverhältnis zueinander ständen. Zu der sich daran anschließenden Diskussion vgl. Hirschmann 1992, Torpey 1992.Google Scholar
  13. 13.
    Genaue Zahlenangaben zu finden, ist sehr schwierig. Wolchik (1991: 38f.) geht von einer Zahl von annähernd 2.500 aus, die Ende 1987 die Charta 77 unterschrieben hatten. In Ungarn betrug nach Auskünften von Maté Szabo vom 26. Februar 1997 die Zahl der Oppositionellen Ende der achtziger Jahre nicht mehr als einige Hundert, konzentriert zumeist auf Budapest sowie auf die anderen vier Universitätsstädte des Landes. Für 1988/89 rechne ich in der DDR mit einer Zahl von etwa 5.000, die sich in den alternativen Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsgruppen versammelten. Zur Begründung meiner Schätzung vgl. unten S. 138f.Google Scholar
  14. 14.
    Die machtpolitische Orientierung der Parteien in den westlichen Gesellschaften wird von Havel ebenso kritisiert wie die der kommunistischen Parteien in Osteuropa, mit dem Unterschied, daß die Art, wie sie den Menschen manipulieren, unendlich feiner und raffinierter ist (Havel 1978: 85). Auch György Konrád hält das Wertsystem der Oppositionellen in Osteuropa nicht für identisch mit dem des Kapitalismus (Konrád 1985a: 185). Vielmehr erwartete er nach dem Abzug der sowjetischen Truppen und der Aufhebung des Einparteiensystems, daß „aller Wahrscheinlichkeit nach dem Boden unseres Raums interessante demokratisch-sozialistische Experimente entwachsen“ würden und es zu einer „Blüte von Formen der Selbstverwaltung“ käme (Konrád 1985b: 177).Google Scholar
  15. 15.
    Vgl. das Interview mit Ludwig Mehlhorn, Initiativkreis zur Absage an Praxis und Prinzip der Abgrenzung, vom 26.1.1990, (A 7). Zur Zitationsweise vgl. unten S. 31, Anm. 24.Google Scholar
  16. 16.
    Das ist das landläufig vertretenen Auffassungen widersprechende Ergebnis jener hier schon des öfteren zitierten Befragungen, die ich gemeinsam mit einigen Mitarbeitern 1990 und Dezember 1991/Januar 1992 durchführte (Findeis/Pollack/Schilling 1994, vgl. auch Pollack 1995). Es wird bestätigt durch den Sammelband von Süssmuth/Baule 1997.Google Scholar
  17. 17.
    Vgl. dazu auch den ausgezeichneten Beitrag von Dalos (1995: 552).Google Scholar
  18. 18.
    Deswegen kam selbst in Staaten wie Polen oder Ungarn kaum so etwas wie ein Gefühl des Triumphes auf. Gespräch mit Péter Esterházy am 28. Juli 1997.Google Scholar
  19. 19.
    Dieses Desiderat wird insofern in gewisser Weise ausgeglichen, als inzwischen eine Reihe von historischen Aufarbeitungen des Phänomens der politisch alternativen Gruppen in den siebziger und achtziger Jahren vorliegt, so von Gutzeit 1993, Bickhardt 1995, U. Poppe 1995, Dietrich 1994, 1995, Knabe 1995, Kukutz 1995, Neubert 1997, Choi 1999. Diese historischen Studien können für die sozialwissenschaftliche Analyse gut herangezogen werden, ersetzen sie aber natürlich nicht.Google Scholar
  20. 20.
    Eine beachtliche Ausnahme stellt die Studie von Wielgohs/Schulz 1995 dar.Google Scholar
  21. 21.
    Die Untersuchungen zum Phänomen der politisch alternativen Gruppen in der DDR, die vor 1989 vorgelegt wurden, besitzen in der Regel rein deskriptiven Charakter und haben bis auf wenige Ausnahmen kein allzu hohes analytisches Niveau erreicht (Knabe 1989a: 14). Neben einer Reihe von kirchlichen Papieren und theologischen Stellungnahmen (Rechenschaftsbericht 1984; Schorlemmer 1985; Falcke 1985; Demke 1985; W. Krusche 1988; G. Krusche 1988; Falcke 1989), in denen die Autoren in der Regel weniger an einer analytischen Aufarbeitung des Phänomens als an der Gewinnung von theologisch begründbaren Handlungskriterien im Umgang mit den politisch alternativen Gruppen interessiert waren, lagen vor 1989 nur wenige wissenschaftliche Arbeiten vor. Zu erwähnen sind einmal die religionssoziologisch orientierten Studien von Ehrhart Neubert (1985; 1986a; 1986b; 1989) und zum andern ein bemerkenswerter, in variierter Kurzform mehrfach publizierter Aufsatz von Hubertus Knabe (1988) aus politikwissenschaftlicher Perspektive. Andere Texte trugen eher journalistischen Charakter (Kroh 1988a) oder verstanden sich als Dokumentationen (Wensierski/Büscher 1981; Büscher/Wensierski/Wolschner 1982; Ehring/Dallwitz 1982). Untersuchungen aus der Sicht der marxistisch-leninistischen Gesellschaftswissenschaft waren am Ende der DDR erst im Entstehen begriffen (Schelske 1988; Funk 1989a,b,c; Land/Will/Segert 1990). Was allen diesen Studien, auch den wissenschaftlichen, fehlte, das war nicht nur eine theoretische Fundierung, sondern auch eine methodisch abgesicherte empirische Basis. Zum Forschungsstand vor der Wende ausführlicher Pollack 1989: 115–124. Vgl. auch Knabe 1990b: 71f. und Findeis 1991.Google Scholar
  22. 22.
    Obwohl Bruckmeier (1993: 12) zwischen den neuen sozialen Bewegungen im Westen und den politisch alternativen Gruppen in der DDR „Parallelen in den Themen und ähnliche Organisationsformen“ wahrnimmt, stellt er doch heraus, „daß die höchst unterschiedlichen politischen Strukturen der Systeme in Ost und West ungleiche Ausgangsbedingungen für oppositionelle Bewegungen darstellten und diesen jeweils verschiedene Konflikte, Argumentationsformen und Handlungsstrategien aufzwangen“ (13).Google Scholar
  23. 23.
    Ich danke Wolfgang Elvers, Catherine Gory, Hagen Findeis und Manuel Schilling für ihre Mitarbeit. Erste Auswertungen unserer Interviews finden sich in Elvers/Findeis 1990a, 1990b sowie in Pollack/Elvers/Findeis/Franke/Schilling 1992.Google Scholar
  24. 24.
    Die Zitation dieser beiden Befragungen erfolgt mit Hilfe der Siglen A und B. Die Siglen geben an, um welche der beiden Befragungen es sich handelt (A=1990, B= 1991/92). Außerdem ist bei der jeweils ersten Erwähnung eines Interviews die Gruppe, dem der Interviewte angehörte, sowie das Datum der Durchführung des Interviews genannt.Google Scholar
  25. 25.
    Inzwischen ist eine Vielzahl an Regionalstudien zur Wende erschienen (vgl. Adler 1990; Schmittbauer 1991; Küttler/Röder 1992; Aldenhövel/Mestrup/Remy 1993; Probst 1993; Leyh 1994; Schwabe 1994b; Lindner 1994b; Herlyn/Bertels 1994; Schlegelmilch 1995; Dornheim 1995; Mrotzek 1996; Sachse 1997; Krause 1999), die die anfängliche Konzentration der Wendeliteratur auf Leipzig und Berlin zu relativieren vermag.Google Scholar
  26. 26.
    Hagen Findeis, Leipzig, Karsten Timmer, Bielefeld, Birgit Weber, Berlin, und Jan Wielgohs, Berlin, sei für die kritische Durchsicht einer früheren Version des Manuskripts herzlich gedankt.Google Scholar

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