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Politbarometer pp 239-254 | Cite as

Der Hauptwahlzyklus und die Ergebnisse von Nebenwahlen: Konzeptuelle und empirische Rekonstruktionen am Beispiel der Europawahlen im Wahlzyklus der Bundesrepublik

  • Hermann Schmitt
  • Karlheinz Reif

Zusammenfassung

Wahlzyklen sind so etwas wie politische Konjunkturzyklen. Man versteht darunter regelhafte, zyklisch wiederkehrende Verläufe der Popularität von gewählten Regierungen — also der Regierungspartei bzw. der Regierungsparteien oder des amtierenden Präsidenten — zwischen zwei Hauptwahlen.2 Ob es diese Zyklen tatsächlich gibt, ist bis heute nicht ganz unumstritten. Für die Vereinigten Staaten hat Stimson schon 1976 eindeutige Zyklen in der Entwicklung der Popularität der amtierenden Präsidenten identifiziert: „The approval accorded to presidents by the American public is found to follow a cyclical pattern over time. All presidents begin their terms with great popularity, experience parabolic declines, steadily lose popular support for about three years, and then recover some at the ends of their terms.“ (Stimson 1976: 1) Diese Entwicklung findet sich auch in der Popularität der britischen Regierungsparteien, wobei allerdings die Popularität der Opposition die zyklischen Verluste der Regierung nicht auffangen kann (Miller/Mackie 1973). Für Deutschland ist die Existenz eines eigenständigen „politischen” Wahlzyklus nicht unumstritten. Zwar hat Dinkel (1977a) einen Popularitätszyklus empirisch nachgewiesen. Nach seinen Ergebnissen „... steigt die Regierungspopularität unmittelbar nach der siegreichen Wahl für kurze Zeit über das tat-sächliche Wahlergebnis hinaus, sinkt danach aber im Verlauf der Legislatur­periode beständig ab und erreicht etwa in der Mitte ein Minimum. Erst kurz vor der Wahl steigt die Popularität der Regierung wieder in Höhe ihrer tat­sächlichen Wahlchancen“ (Dinkel 19776: 350). Aber auch er analysiert dann im letzten Kapitel seiner Dissertation finanzpolitische Maßnahmen von Re­gierungen, die geeignet erscheinen, diesen Zyklus zu stützen. Andere Forscher sehen die zyklische Entwicklung der Regierungspopularität von vorneherein von ökonomischen Determinanten geprägt und beurteilen die Existenz eines eigenständigen „politischen” Wahlzyklus skeptisch (z.B. Kirch­gässner 1974, 1983, 1986). Für die Niederlande schließlich findet van der Eijk (1987) in einer Analyse von wöchentlichen Popularitätswerten der Re­gierungsparteien überhaupt keinen Zyklus, keinerlei regelhafte Entwicklung in der Regierungspopularität.

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Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 2003

Authors and Affiliations

  • Hermann Schmitt
  • Karlheinz Reif

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