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Wiedergänger der Moderne Derrida, Giddens und die Geister der Aufklärung

  • Günther Ortmann
Part of the Organisation und Gesellschaft book series (OUG)

Zusammenfassung

Dass, wo Gefahr sei, das Rettende auch wachse, wie von Geisterhand, diese Tröstung wird uns Heutigen nicht mehr zuteil. Denjenigen unter uns, welche die „Dialektik der Aufklärung“ nicht als eine apokalyptische Verirrung der Horkheimer und Adorno gelten lassen mochten und mögen, (sondern als eine Geisterbeschwörung von bis dato unerhörter Realitätsmächtigkeit,) ist vielmehr die umgekehrte Vorstellung mindestens ebenso geläufig: dass, wo das Streben der Moderne nach dem Rettenden sei, nach Sicherheit vor den Gespenstern des Mythos, nach sicherer Beherrschung der Natur und der Menschen, jedenfalls auch die Gefahr wachse, und alle guten Geister uns lieber verlassen wie Ratten das sinkende Schiff. Die profane, professionelle, um Geister aller Art bereinigte15 Version dieses Gedankens auszuarbeiten, ist inzwischen zum Geschäft der Risikosoziologie geworden, die es denn auch mit einer gewissen Folgerichtigkeit zu dieser verrückten Paraphrase des Hölderlin-Wortes gebracht hat: „Wo aber Kontrolle ist, wächst das Risiko auch“ (Luhmann 1991, 103). Natürlich ist es nicht ohne Ironie, wie Niklas Luhmann mit dieser Formulierung das ungeliebte, ungewollte16 Erbe kritischer Theorie antritt. Wir können, mit Derrida (1996, 148) zu sprechen, nicht nicht Erben sein, die Erben dieses Geistes der Aufklärung — was immer wir aus der Aufgabe machen, die dieses Erbe uns stellt.

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Literatur

  1. 15.
    Die Rede Luhmanns (1991, 2) jedenfalls von „unserer Gesellschaft“, die „Unheil in der Form von Risiko zu erfassen sucht” und „zum Beispiel nicht mehr in der Form von Zauber und Hexerei und auch kaum noch in der Form von Religion, nachdem (…) der Teufel seine kosmologische Funktion, wenn nicht sogar seine Existenz verloren hat“: diese Beschwörung eines erfolgreichen Exorzismus kommt, wie wir noch sehen werden, eine Idee zu schnell. Der Rekurs der Soziologie der vergangenen Jahrzehnte auf Marx, findet Luhmann (1992, 19) andererseits, „mag angesichts zahlreicher Anachronismen erstaunen und wie eine Geisterbeschwörung wirken” (Hervorh. G. O.). Da hat er gewiss recht - nur dass solche Grabgesänge oder Sterbeurkunden - siehe unten - der Angelegenheit nicht Herr zu werden pflegen. Vgl. dagegen das Kapitel „Den Marxismus beschwören“ in „Marx` Gespenster” von Derrida (1996); ferner unten, 11.3.Google Scholar
  2. 16.
    So sicher ist selbst das nicht, wenn man bedenkt, dass er sein Risikobuch mit einem emphatischen Statement zu „einer kritischen Soziologie“ eröffnet (Luhmann 1991, 1), das Kapitel über „Zukunft als Risiko” mit der Frage beendet: „ist das noch unsere Welt? Können wir so weitermachen?“ (ebd., 58) und diese Frage an anderer Stelle in einer Manier beantwortet, die von Ferne geradezu an Benjamins Thesen über den Fortschritt erinnert: „ (…) heute hat man von der Voraussetzung auszugehen, daß die Gesellschaft (…) sich ändern wird ja sich ändern muß, wenn a gutgehen soll” (Luhmann 1992, 160; Hervorh. i. Orig.) Dass es so weitergeht, hatte Benjamin gesagt, ist die Katastrophe. Wir können nicht nicht Erben sein. Oder, mit Giddens (1984, xxxv): “The formulation of critical theory is not an option”.Google Scholar
  3. 17.
    Doch Du verlorst Ruhm als Eroberer, verfiel ich, deine Beute, deinem Haß.“ (ohn Donne, zit. n. Jon Elster 1987, 148 f) Bei Elster steht das Donne-Zitat im Kontext seiner Erörterung von „Zuständen, die wesentlich Nebenprodukt sind”, die wir intendiert also gerade nicht erreichen können — wie Vergessen, Gelassenheit, Spontaneität. Die Vergeblichkeit jeder Gespensterjagd hat es auch damit zu tun: dass die Gespenster nicht weichen, ja, uns verfolgen in dem Maße, in dem wir sie verfolgen und ihren Garaus intendieren.Google Scholar
  4. 18.
    Eines dieser Bücher heißt „Red Scare“ (Fariello 1995).Google Scholar
  5. 19.
    Das Denkmal ist schließlich doch gebaut worden. Eine Treppe an den Klippen vor Port Bou, in den Felsen gehauen und links und rechts von einer stählernen Wand begrenzt, verläuft hinab zum Meer und weist in die Freiheit, in die Benjamins Flucht hätte führen sollen — es wäre die Freiheit jener USA gewesen, in der wenig später McCarthy sein Unwesen trieb, seine Gespensterjagd.Google Scholar
  6. 20.
    Vgl. zum Beispiel „Der Spiegel“ Nr. 29/1992, 182.Google Scholar
  7. 21.
    Im Jargon von Computerbauern, die Tracy Kidder in seinem Buch „Die Seele einer neuen Maschine“ (1984) beschreibt, bezeichnet „bogey man”, der Schwarze Mann, den ganz großen Fehler, das Schlimmste, die Angst vor dem tödlichen Absturz, noch ein Gespenst, mitten in der Welt des High Tech. „Zu Hause schreckte Rosala (ein Computerbauer, G. O.) manchmal mitten in der Nacht aus dem Schlaf hoch. Er wusste nichts von einem Traum. Er war plötzlich wach und ertappte sich bei der Überlegung, ob eine der Maschinen aus irgendeinem ganz neuen, noch unbekannten Grund die Arbeit eingestellt hatte. Oder er dachte beim Aufwachen an den letzten Defekt, dessen Ursache schon seit einer Woche gesucht wurde und noch immer nicht gefunden war. Der Schwarze Mann - la Machine - leistete ihm auch nachts Gesellschaft.“ (Kidder 1984, 153) Seine Gegenwart, Präsens, Präsenz, ist eine derridaeske, auf Abwesenheit, Vergangenheit und Zukunft gestellte Gegenwärtigkeit, und auch sie untergräbt die Opposition von Subjekt und Objekt: Es träumte mir - so, wie es spukt. Zu Kidders Buch ausführlich: „Auf dem Rücken fliegen. Thrills am Computer” (Huebner, Krafft, Ortmann) und weitere Beiträge in Krafft, Ortmann (1988).Google Scholar
  8. 22.
    Auch keinen Ort in der Reflexion: kein „Ende der Geschichte“. Für eine fulminante Kritik des Buches von Fukuyama (1992) mit seiner These einer Art „idealer Finalität” vgl. Derrida (1996, 96 ff).Google Scholar
  9. 23.
    Auch keinen Ort in der Reflexion: kein „Ende der Geschichte“. Für eine fulminante Kritik des Buches von Fukuyama (1992) mit seiner These einer Art „idealer Finalität” vgl. Derrida (1996, 96 ff). rerseits in einen Bedeutungsrelativismus: Kimmerle (1988), Naumann-Beyer (1994) resp. Gondek (1987); ferner unten, das 4. Kapitel.Google Scholar
  10. 24.
    In einem Beitrag „Zur Selbst-Dekonstruktion von Konventionen“. Darin wird der Gedanke entwickelt, dass jede Konvention und jede Regel unter dem Gesichtspunkt des eingeschlossenen Ausgeschlossenen zu betrachten ist, also dem Gesichtspunkt ihrer Verletzung als in der Regel Eingeschlossenem. Es liegt wohl auf der Hand, dass wir an die Stelle von Konventionen auch Giddens` Strukturen und Institutionen setzen und so sehen können, warum es Rekursivität von Struktur heißt und Strukturation: weil Strukturen eben diesem Prozess der beständigen Re-Konstruktion und (Selbst-) Dekonstruktion unterliegen. S. unten, das 6. Kapitel.Google Scholar
  11. 25.
    Zum Beispiel Girard (1992), McKenna (1992).Google Scholar
  12. 26.
    Vgl. zum Beispiel die Keynes-Lesart von Dupuy (1991) und Orléans (1986) und des letzteren Theorie (der Genesis) des Geldes (Orléans 1992).Google Scholar
  13. 27.
    Vgl. meinen Versuch (Ortmann 1995a), die Denkfigur der Logik der Ergänzung für eine Kritik des Okonomismus in Theorie und Praxis und für ein Verständnis der Genesis von Formen der Produktion fruchtbar zu machen; für eine strukturationstheoretisch angelegte Organisationsforschung s. auch unten, den 5. Abschnitt dieses Kapitels. Auch dazu Ortmann (1995a, 226 ff, 249 ff).Google Scholar
  14. 29.
    S. unten, Kapitel 5. Man vgl. die folgende Formulierung: „Untrennbar geht es dabei aber auch um die differantielle Entwicklung der te/me,der Techno-Wissenschaft oder der Tele-Technologie. Sie zwingt uns mehr denn je dazu, die Virtualisierung des Raumes und der Zeit zu denken, die Möglichkeit virtueller Ereignisse, deren Bewegung und Geschwindigkeit uns von jetzt an verbieten (mehr und anders als je zuvor, denn dies ist nicht absolut und durch und durch neu), die Präsenz ihrer Repräsentation gegenüberzustellen, die,reale Zeit’ (temps rill der,aufgeschobenen Zeit’ (,temps 41 60 die Wirklichkeit ihrem Simulakrum, das Leben dem Nichtlebendigen, kurz das Lebendige dem Lebendig-Toten seiner Gespenster“. (Derrida 1996, 265, mit Rekurs auf die Arbeiten Paul Virilios)Google Scholar
  15. 31.
    Giddens (1984, 16 f); die Unterscheidung einer syntagmatischen und einer paradigmatischen Dimension von Struktur geht auf Saussure (1967) zurück: „Syntagmatisch“ bezieht sich auf die rauen-zeitliche Ausdehnung der Sprache im Sprechen, auf Relationen zwischen Satzteilen in presentia, in je spezifischen Raum-Zeit-Stellen. „Paradigmatisch” werden Beziehungen außerhalb von Raum und Zeit wie zum Beispiel die grundsätzliche Beziehung von Plural zu Singular genannt, aber auch die Beziehung zu alternativen Möglichkeiten, Satzstellen zu füllen, wie sie eben „die“ (raum-zeitlich nicht fixierte) Sprache zur Verfügung stellt. Zur Übertragung dieser auf Sprechen und Sprache bezogenen Begriffe auf Handeln und Struktur und auf Giddens` Strukturationstheorie vgl. im einzelnen Duschek (2001).Google Scholar
  16. 32.
    Jeder ursprünglich konstituierende Prozeß ist beseelt von Protentionen, die das Kommende als solches leer konstituieren und auffangen, zur Erfüllung bringen.“ (Husserl 1928, 410; vgl. Schütz 1974, 74 ff)Google Scholar
  17. 33.
    Sie ist entwickelt von Stephan Duschek (2001), dem ich so manche Klärung, betreffend das SchützErbe Giddens` und weiterführende Anschlussmöglichkeiten, zum Beispiel an ethnomethodologische Forschung, verdanke. Dass Zeichen - und, da und soweit es selbst eine kommunikative Dimension hat, Handel — indexikalisch im Sinne von „kontextabhängig“ sind, heißt ja: erst ihre Füllung mit den Indizes des Jetzt, Hier und So „macht” ihren Sinn. Giddens` Modalitäten sind die mit jenen Indizes versehenen strukturellen Handlungsbedingungen: situativ ge-/erfüllte, ergänzte/ersetzte Regeln und Ressourcen. All das ist daher sozial-und organisationstheoretisch höchst relevant, nicht etwa nur für Konversationsanalysen und face-to-fact Interaktion.Google Scholar
  18. 34.
    Dabei ist zu bedenken, dass Giddens` Handlungsbegriff nicht dem Schützschen gleicht und, grob gesagt, des letzteren bewusstseinsphilosophische Fundierung hinter sich lässt. Vgl. Giddens ( 1993, 29Google Scholar
  19. 35.
    Zur damit angelegten Rekursivität von Zweck und Mittel - nicht einfach werden die („zweckmäßigen”) Mittel aus den Zwecken abgeleitet und an ihnen gemessen, sondern auch im Lichte neuer Mittel Zwecke neu gesehen, neu entdeckt, neu gesetzt - vgl. Ortmann ( 1995a, 84, Fn. 3, 112 ff); sie unterminiert - dekonstruiert - jedwede Affirmation von Ökonomie, sofern diese mit feststehenden Bedürfnissen, Präferenzordnungen und Zwecken operieren muss, wie ich (ebd., 98 ff) am Verhältnis von „Rekursivität, Produktivität, Viabilität“ zu zeigen versucht habe.Google Scholar
  20. 36.
    Vgl. Kieser (1994); ferner das schon entschiedenere Plädoyer eines seiner Mitarbeiter: Walgenbach (1995).Google Scholar
  21. 37.
    Vgl. DiMaggio, Powell (1991) und besonders Powell (1991). Zarte, vorsichtig positive Bezugnahmen auf Giddens finden sich jetzt auch bei anderen wichtigen Vertretern neoinstitutionalistischer Organisationsforschung, etwa bei Jepperson/Meyer, (1991) und Scott (1994).Google Scholar
  22. 38.
    Für eine erste Forderung in diese Richtung vgl. Ortmann (1987), wiederabgedruckt in Ortmann (1995a). Wir selbst haben dem Rechnung zu tragen versucht in Ortmann u a (1990). Vgl. ferner z. B. Schienstock (1993), das gewichtige theoretische Werk von Köpper und Felsch (2000) und das vorzügliche Lehrbuch von Oswald Neuberger (1995).Google Scholar
  23. 39.
    Vgl. Sydow, Windeler (1993, 1994, 1996), Sydow u. a. (1995), Windeler, Sydow (1995), Windeler (2001). Becker ( 1996 ); Ortmann, Sydow (2001).Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 2003

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  • Günther Ortmann

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