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Das Ende der sprachlichen Unschuld

  • Matthias Jung

Zusammenfassung

Um 1977 spitzt sich das innenpolitische Klima zu. Die Diskussion um die Kernenergie erreichte, was ihre Intensität in den Medien, aber auch ihre Schärfe angeht, nach den ‚Schlachten‘ um Brokdorf und Grohnde Anfang des Jahres einen ersten Höhepunkt. Die nukleare Kontroverse trat in ihre heiße Phase (1977–79) ein und polarisierte sich zusehends. Terroristenfurcht und Verfassungsschnüffelei, Angst vor dem Atomstaat, Energiekrise und ökologische Wende bestimmten fortan das politische Klima. Da die Gegner der zivilen Kernenergienutzung sich nun vor allem unter jüngeren und hochgebildeten Menschen rekrutierten, beeinflußte das Gedankengut der Studentenbewegung und der Aktionsstil der außerparlamentarischen Opposition immer stärker das Selbstverständnis der neuen Gegnerschaft, die aus der Bürgerinitiativbewegung hervorging. Eine „enorme Erweiterung der Kommunikation“ und ganz neue Dimensionen der Öffentlichkeit waren die Folge. Die Kritiker gewannen an „Durchsetzungsvermögen und Konfliktfähigkeit“. Der Anti-Atom-Protest wurde zu einer sogenannten neuen sozialen Bewegung, die nicht mehr in die klassischen Schemata paßte.1 Die diskursgeschichtliche Analyse macht in dieser Phase einerseits entscheidende Umbrüche der politischen Kultur Westdeutschlands sichtbar: Sprachbewußtsein und Sprachgebrauch ändern sich in der zweiten Hälfte der 70er Jahren auf charakteristische Weise. Andererseits wird deutlich, wie unvorhersehbar und komplex sich der öffentliche Sprachgebrauch insbesondere dann entwickelt, wenn Diskussionen an Intensität zunehmen und sich ideologisieren.

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Literatur

  1. 1.
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  7. 4.
    Zu militärischen Atom-Schlagwörtern vgl. Wengeler 1992.Google Scholar
  8. 1.
    Brandt 1977; Jungk 1977. Besonders der Glossar mit technischen Erklärungen bei Jungk macht deutlich, daß fur ihn Kernenergie, Kernkraftwerk oder Kernreaktor eigentlich die,richtigen` Aus¬drücke sind. Atommeiler bzw. Atomkraftwerk sind lediglich Verweisstichwörter, Atomenergie fehlt ganz. Der Kuriosität halber sei noch die frühe Polemikvokabel Atomkamarilla im Sinne von,Atomlobby` erwähnt (vgl. Schuster 1970, S. 30 ).Google Scholar
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  12. 2.
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  14. 4.
    Ökologiegruppe 1977, S. 70; vgl. zu diesem Komplex Jung 1989, S. 79f.Google Scholar
  15. 1.
    Kkw-Fibel 1977 bzw. bestimmte Beitrage in Ökologie-Gruppe 1977; ein Beispiel für einen streng marxistischen Sprachgebrauch ist ein Beitrag in Ökologiegruppe 1977, S. 37–136.Google Scholar
  16. 2.
    Die Übersicht bezieht sich auf Gründler 1977 bzw. Dahl 1977 und 1977a. „Implizit“ bedeutet, daß die Kritik lediglich ironisch, durch Anführungszeichen oder sogenannt zum Ausdruck kommt. Bei der Schnittmenge zwischen beiden Autoren wird von Dahl friedlich und von Gründler Entsorgung nur implizit kritisiert. In allen anderen Fallen kommen sprachreflexive Bemerkungen zu den je¬weiligen Wörtern vor.Google Scholar
  17. 1.
    Gründler 1977, S. 89, S. 86, S. 70.Google Scholar
  18. 2.
    Dahl 1977, S. 62 bzw. S. 57; Stötzel 1988, S. 425; Der Snrachdienst 1977, S. 32 (ähnlich schon Faz 17.7.71); Grass 1977, S. 522. Vgl. auch das Gedicht Entsorgt (Born 1978, S. 1251 ).Google Scholar
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  20. 4.
    Jungk 1977, S. 147ff.; Kkw-Fibel 1977, S. 146 bzw. Schwenger 1983, S. 93. Zum Titel Der Atom-Staat von Jungk 1977 — das Buch ist Eugen Kogon gewidmet — vgl. Jungk 1988.Google Scholar
  21. 5.
    Born 1987, S. 125.Google Scholar
  22. 1.
    Vgl. Hallensleben 1984, Anhang A I bis A45, bzw. Buchholtz 1978, S. 8.Google Scholar
  23. 2.
    Man vergleiche etwa Jungk 1977 bzw. I977a mit Jungk 1988 und Strohm 1973 bzw. 1974 mit Strohm 1979 (dort auch Photos).Google Scholar
  24. 3.
    Neue Ruhr Zeitung 27.8.86; Rosenau 1988, S. 6.Google Scholar
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  31. 2.
    Röthlein 1979, S. 67ff. u. Radkau 1983, S. 411ff.; Gerwin 1978; Bundestagsdrucksache 7/4555 vom 9. 1. 1976.Google Scholar
  32. 1.
    Zum Beispiel RP 4.3.81, S. 2; als Überblick über den Sprachgebrauch der Gerichte in den 70em: Albers 1980.Google Scholar
  33. 2.
    Steger 1989, S. 11.Google Scholar
  34. 3.
    Die Graphik beruht auf Bundestagsdebatten zum Thema Atomenergie, bei denen die Werte aus Gründen der Validität nach Phasen kumuliert wurden. Genaue Zahlen und Erkiürungen S. 241ff. Da die Debatten nicht zeitlich kontinuierlich verteilt sind, ist die Graphik etwas verzerrt, ins¬besondere was die Steilheit des Rückgangs von Atom bis 1977 angeht (vgl. dazu Graphik 3, S. 67 ).Google Scholar
  35. 1.
    Das angegebene Wort ist jeweils die häufigste Variante, die gegen parallel gebildete Wörter mit Kern bzw. Atom aufgerechnet wurden. Genaue Zahlenwerte und Erklärungen im Anhang, Tabelle 8, S. 244.Google Scholar
  36. 2.
    R. Hossner 18.12.91. Einer der extrem seltenen Belege ihr Kernstrom: Schulz 1966, S. 388.Google Scholar
  37. 1.
    Zum methodisch-empirischen Stellenwert von Registem folgende Überlegungen: Die Aufnahme eines neuen Stichworts stellt eine Form der diskursgeschichtlichen Approbation dar. Eine gewisse Verzerrung durch die Bevorzugung kurzer Schlagwörter mit Oberbegriffcharakter ist jedoch mög¬lich. Aufgrund von,Stichworttraditionen` wird ein überholter Sprachstand manchmal länger als angebracht weitergeschleppt. Um so signifikanter ist daher das Verschwinden oder die Ersetzung eines Stichwortes. Negative Schlüsse (Nicht-Vorkommen eines Begriffes) dürfen auf der Basis ei¬nes Registers nicht gezogen werden.Google Scholar
  38. 2.
    Schlagzeilen in Welt 14.2.1977 und Waz 23.11.1976; derartige Verschiebungen bei der Rede¬wiedergabe analysiert exemplarisch Dieckmann 1985a. Weiteres Beispiel für gängigen Atom-Ge¬brauch in der Presse: RP 21.1.76, S. 2, bzw. 23.1.76, S.Google Scholar
  39. 1.
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  40. 2.
    Zit. nach Spiegel, 28.2.77, S. 29.Google Scholar
  41. 3.
    BT 15.6.1977, S. 2297 bzw. S. 2318; Fleischer 1989, S. 47; Radkau 1987, S. 316; frühster Wör¬terbuchbeleg: Brockhaus-Wahrig 1980.Google Scholar
  42. 4.
    Zum Beispiel Jungk 1977, S. Xvii und S. 172; in der Bedeutung,Polizeistaat, Atomdiktatur` wird das Wort erst S. 190 kontextuell eingeführt und anschließend entsprechend verwendet (S. 196¬210). Auf die Traube-Affäre wird nur in einer offensichtlich nachträglich eingefügten Passage an¬gespielt (S. 193). Auch „Der Atomstaat“ ist als Titel für das Buch vermutlich erst nach dem Skan¬dal und der dadurch gegebenen öffentlichen Brisanz des Wortes gewählt worden.Google Scholar
  43. 5.
    Beispiele: „Atomstaat Frankreich“ als Legende für eine Karte, auf der alle Nuklearanlagen Frank¬reichs eingezeichnet sind (Spiegel, 36/ 1986, S. 125), „Atomstaat Schweiz” in einer Graphik zuden Verllechtungen der Schweizer Nuklearindustrie (Spiegel 14.3.88, S. 92), eine im Zeichen von Tschernobyl stehende „Konferenz der Atomstaaten“ (Wiesbadener Kurier 12.5.86, S. 1).Google Scholar
  44. 1.
    Spiegel 10/1977, S. 34; Der Spraci1Dienst 1989, S. 67.Google Scholar
  45. Brandt zit. nach Mez/Wilke 1977, S. 195 (ähnlich auch Brandt 1977); Wilke 1977, S. 187ff. Vgl. zu diesem Fall FR 1.3. u. 2.3.77, Mez/ Wilke 1977, S. 198; älterer Beleg: Atomfilz als „neuer Spitzname“ für einen besonders kernkraftfreundlichen Gewerkschafter (Stern 11.1 1.76). Atomfilz ist allerdings nicht zu Wörterbuchehren gelangt.Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1994

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  • Matthias Jung

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