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Die Atomindustrie im Sprachschatten

  • Matthias Jung

Zusammenfassung

In den 60er Jahren hatte sich nicht nur der amerikanische Spracheinfluß normalisiert, sondern auch die öffentliche Aufmerksamkeit für die Atomenergie flaute stark ab. Im öffentlichen Sprachgebrauch spielte die Nuklearwirtschaft eine ähnlich marginale Rolle wie andere Industriezweige. Diskursgeschichtlich interessant ist diese Phase dennoch. Zum einen gerade deshalb, weil sich hier sprachliche Entwicklungen abseits der öffentlichen Aufmerksamkeit verfolgen lassen, zum anderen weil nun zahlreiche Termini neu entstehen, denen später in der sogenannten ‚nuklearen Kontroverse‘ eine zentrale Bedeutung zukommt.

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Literatur

  1. 1.
    Münzinger 1960, S. 242; BT 22.2.1957, S. 11060; Laupsien 1956, S. 405f.; Müller 1977, S. 18; außerdem hierzu: Radkau 1983, S. 82.Google Scholar
  2. 2.
    Soweit sie nicht nur die militärische Seite betreffen; vgl. dazu im Anhang die genaue Auflistung in Übersicht 6, S. 246ff. mit den entsprechenden Erläuterungen.Google Scholar
  3. 2.
    Freund 1963, S. 9; aktuelle Beispiel für ähnliche Bedeutungsexplikationen: „Krieg und Frieden im Atomzeitalter“, „Zeit der Krisen und Konfrontationen”, „halbes Jahrhundert gef’dhrlicher Weltpolitik“ (ZEIT 20.8.90, S. 4 ).Google Scholar
  4. 3.
    Es wurde jeweils die Anzahl aller Belege mit der Buchstabenfolge A-T-O-M mit der Gesamtzahl aller Wörter, die A-T-O-M oder K-E-R-N enthielten, ins Verhältnis gesetzt, soweit diese Wörter aus dem Bereich der zivilen Nutzung der Kernenergie stammten (Detaillierte Zahlen und Erläuterungen finden sich S. 241ff.). ATW 1/1959, S. 55. In der Neuauflage von Thirring 1946 — einem frühen, populärwissenschaftlichen Buch zur Atomenergie — hat ein Schüler des Autors den Teil über die zivile Kerntechnik neu bearbeitet (Thirring/Grümm 1963, hier 179ff.). Dadurch sind nicht nur Wortbildungen wie Atommotor und Atomkraftlokomolive entfallen, sondern der jüngere Reaktorspezialist verwendet auch im Unterschied zu seinem Lehrer konsequent Kernenergie, Kernkraftwerk usw.Google Scholar
  5. 2.
    Da die Werte für die Presse aus anders aufbereiteten Korpora der deutschen Gegenwartssprache (Rosengren 1972/1977 für SZ bzw. WELT 1966/67, das sogenannte Bonner Korpus am Institut für deutsche Sprache in Mannheim für DIE WELT 1969) exzerpiert sind, wurden nur Atomenergie bzw. Atomkraft alleine oder in Komposita als erster Wortbestandteil gegen ihre Parallelbildungen mit Kern aufgerechnet. Dadurch ist ein methodisch sauberer Vergleich zwischen Eigen-und Fremddaten gewährleistet, wenn auch die reduzierte Belegbasis die Gültigkeit der Ergebnisse auf Trendabschätzungen beschränkt. BT 27.4.67: 47 Belege, davon 15% mit Atomenergie/Atomkraftwerk; ATW 1966/67: 81/19%; WELT 1966/67: 186/46%, SZ 1966/67 34/50%, WELT 1969: 24/33%. Genauere Hinweise zu BT- und ATw-Korpus finden sich S. 242ff.Google Scholar
  6. 3.
    solcher Zusammensetzungen wurden im Ostberliner „Wörterbuch der Gegenwartssprache“ von 1961 gezählt; im sechsbändigen Duden-Wörterbuch von 1976 sind es sogar 61 (Angaben nach Braun 1987, S. 171). Vgl. für die frühen 60er Jahre auch das Korpus von Harlass/Vater 1974, S. 50ff., in dem sich 40 Atom-gegenüber 5 Kern-Komposita Linden.Google Scholar
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    Radkau 1983, S. 358 u. 359, bzw. 1986, S. 40 (Hervorhebung MJ).Google Scholar
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    ATW 1967, S. 148, Radkau 1983, S. 551; kritisch auch Schulz 1966, S. 392f.Google Scholar
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    Bischof 1980, S. 6; Belege etwa in DIN 25419 „Graphische Abbildung von Störfallabläufen“, November 1973, sowie Innenauschußß 1974, S. 80fï. In Schulz 1966, etwa S. 209f. und S. 41011., ist Störfall noch ein vager Oberbegriff tir Brand, Korrosion, Kontamination, Unfall, Störung.Google Scholar
  12. 2.
    Vgl. die Übersetzungen ins Englische bzw. Französische in Smidt 1979, S. 2, bzw. DIN 1979.Google Scholar
  13. 3.
    Busse 1989, S. 98; im folgenden: PRESSEDIENST DES BUNDESMINISTERIUMS FÜR BILDUNG UND WISSENSCHAFT vom 19.8.1970; vgl. außerdem ATw 1971, S. 228, sowie Radkau 1983, S. 380f., und die Zitate aus einer internen Studie von 1970 (Strohm 1973, S. 77). Den von Haß 1989, S. 518, behaupteten, aber nicht belegten englische Ursprung von Restrisiko nach dem Vorbild von residual risk (=,verbleibendes Risiko’) kann ich bisher nicht bestätigen.Google Scholar
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    Klaus Traube 1978 in: Hauff 1980, hier S. 114; vgl. zu Restrisiko außerdem ebenda, S. 113 u. S. 354; ZEIT 21.1.72, S. 37, Graeub 1972, S. 120, und Strohm 1973, S. 77.Google Scholar
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    BT-Drucksache 7/3871 16.07.75, S. 17, v. Cube 1976, S. 60; vgl. die inhaltsanalytischen Presseauswertungen von Röthlein 1979, S. 134.Google Scholar
  18. 3.
    FR 10.11.76, BI 15.6.77, S. 2243, 2244, SPIEGEL, 47/1976, S. 54; erster lexikographischer Beleg der eingeschränkten Neubedeutung: Mackensen 1977.Google Scholar
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    In einem Bericht über den Vortrag eines deutschen Experten (Ausgabe Juli 1984 von ATOM hrsg. von der United Kingdom Atomic Energy Authority); dort auch,,The Entsorgung plan“ (vgl. ATw 1984, S. 414).Google Scholar
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    Zur späteren Rolle von Entsorgungspark in der kritischen Diskussion vgl. Kap. 8.3, S. 112ff.Google Scholar
  21. 1.
    Zit. nach ZEIT 16.5.75, S. 46; dort wird dieses Zitat aber fälschlicherweise dem Forschungsminister Matthöfer zugeschrieben; vgl. auch v. Cube 1976, S. 66.Google Scholar
  22. 2.
    Vorbilder hier industrial park (OLD-Datierung 1955) oder research park,erstmals 1947 auf dem Gelände der Stanford University eingerichtet (vgl. SZ 20.10.87, Beilage).Google Scholar
  23. 3.
    LEBENDE SPRACHEN 2/1976, S. 86 nach einem Beleg in SZ 22.1.76. Belege ihr Nuklearpark etc.: ATW 1968, S. 519f.; BILD DER WISSENSCHAFT 1972, S. 750; Strohm 1973, S. 81f; Innenausschuß 1974, S. 171 u. 188; zu den amerikanischen Vorbildern vgl. Weinberg 1970, S. 71 u. LEBENDE SPRACHEN 4/1976, S. 182, 2/1976, S. 186, 1/1977, S. 36.Google Scholar
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    Vgl. Schmidt-Küster 1974, Matthöfer 1976, I lagen/Rand) 1976, Schmidt-Küster/Popp 1977 sowie die Bundestagsdebatten 1976 /1977.Google Scholar
  26. 3.
    Anzahl der Seitenverweise im ATw-Jahresregister MUr die jeweiligen Ausdrücke mit Entsorgung. Die sinkende Gesamtzahl nach dem Höhepunkt 1978 spiegelt recht gut die Intensität der Entsorgungs-/Gorlebendiskussion wider.Google Scholar
  27. 3.
    ATw 5/1976, S. 234 (Hervorhebungen MJ); weitere Ausnahme: Kühn 1976.Google Scholar
  28. 1.
    Ein gutes Beispiel: das Sachbuch zur Entsorgungsproblematik von Gerwin 1978.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1994

Authors and Affiliations

  • Matthias Jung

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