Advertisement

Fachsprache in der Diskussion

  • Matthias Jung

Zusammenfassung

Im Verlauf der knapp einhundertjährigen Diskussionsgeschichte der Atomenergie stand implizit oder explizit immer ein Aspekt zur Debatte, der mit diesem Gegenstandsbereich untrennbar verknüpft ist: das Verhältnis zu Wissenschaft und Technik. Soweit dies ein linguistisches Thema ist, betrifft es die Bewertung von Fachsprachen in der öffentlichen Diskussion, das sprachliche Verhalten der Experten gegenüber Laien und die Popularisierung des einschlägigen Vokabulars. Der doppelte Umbruch im Verhältnis zur Fachsprache in den 70er Jahren wurde in den Kapiteln 6 und 7 in seinen historischen Wurzeln und zeitgeschichtlichen Umständen dargestellt. Er betraf einerseits die plötzliche und starke Ausbreitung von Nukleartermini in der Atomdebatte, andererseits ihre Inkriminierung als verharmlosend, die sich zum Teil als prinzipielle Kritik an der Fachsprache äußerte, da man dem ‚Fachchinesisch‘ oder ‚Expertenkauderwelsch‘ häufig einen großen Manipulationseffekt unterstellte.1 Die nukleare Kontroverse war daher eine Fachsprachendebatte im doppelten Sinne: einerseits bezogen auf ihren Wortschatz, andererseits hinsichtlich der Angemessenheit und Durchsetzung der fachsprachlichen Weltsicht in der öffentlichen Diskussion überhaupt. Beide Ebenen sollen im folgenden zusammenfassend betrachtet werden.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literatur

  1. 1.
    Vgl. hierzu die Zitate von Schmitt 1985, S. 193 u. 219.Google Scholar
  2. 2.
    Römpp 1949 (Vorwort); Stave 1955, S. 17; Löwenthal/Ilausen 1956, S. 17.Google Scholar
  3. 1.
    Seghers 1954, S. 165; Stave 1955, S. 17.Google Scholar
  4. 2.
    Römpp 1949 (Vorwort). Zur Popularisierung des EDV-Vokabulars vgl. Wichter 1991.Google Scholar
  5. 1.
    Zuckmayer 1955 (dort auch weitere Fehler und veraltete Ausdrücke) bzw. Brecht 1945 zit. nach Brecht 1977, S. 411. Ähnlich verblüffend sind auch die Englischfehler der Fachleute: In der Uranbatterie gebe es „eine Art,Canon` [=Canyon], also einen Kanal“ (Thirring 1946, S. 116).Google Scholar
  6. 2.
    BT 22.2.57, S. 11071; BT 15.6.77, S. 2320, S. 2323 und S. 2241. lm folgenden R. Hossner 18.12.91.Google Scholar
  7. 3.
    Hahn in: Löwenthal/Hausen 1956, S. 11. Folgendes Zitat: R. Hossner 18.12.91.Google Scholar
  8. 1.
    WELT 11.10.1947; Wichter 1991, S. 29 u. S. 8ff.; SPIEGEL 13.7.1950, S. 37 (zit. nach Wichter 1991, S. 9).Google Scholar
  9. 2.
    Laupsien 1956, S. 404; Gerlach 1962, S. 71, S. 70 und S. 69f.; Wichter 1991, S. 123.Google Scholar
  10. 3.
    Diese Quellen werden unter Nennung des Namens und des vollen Datums des Gesprächs oder Briefwechsels zitiert. Es handelte sich um eine Gruppe von 9 Personen (bei insgesamt 21 angeschriebenen Institutionen oder Personen), die mit einem standardisierten Brief über ihren eigenen Sprachgebrauch bzw. ihr Wissen und ihre Meinungen zu GAU, Super-GA U,Restrisiko, Kern oder Atom, friedliche Nutzung, Entsorgung,Entsorgungspark, Störfall als,Manipulationsvokabeln` befragt wurden (offene Fragen). Mit drei Personen (I 1. Rosenau, R. Hossner, Ch. Köppers) wurden aufgrund der Reaktionen anschließend persönliche Gespräche getührt, die hier in einer nach schriftsprachlichen Normen bereinigten Transkription zitiert werden (zur Person vgl. S. 249).Google Scholar
  11. 1.
    Radkau 1986, S. 33; vgl. die Aktenvermerke, auf die sich Radkau 1983, S. 177 u. 185 beruft; Balke in BT 22.02.57, S. 11054.Google Scholar
  12. 1.
    Strauß in BULLETIN 1956, S. 121 u. S. 823 (ähnlich in BULLETIN 1955, S. 2103); ATw 1965, S. 108.Google Scholar
  13. 2.
    Reimer 1971, S. 102; Schwab 1968, S. 33; ATw 1968, S. 71; Schulz 1966, S. 389. Hervorhebung MJ.Google Scholar
  14. 3.
    ATw 1968, S. 231; Schwab 1968, S. 33; ATw 1968, S. 231. Zu Vorbehalten gegen Müll vgl. Kap. 10.1, S. 143.Google Scholar
  15. 4.
    WOLFENBUTTEEER NACnRICI1TEN 22.2,68. Offen zu Atom-/Reaktorschiff äußert sich auch Schulz 1966.Google Scholar
  16. 1.
    Haug 12.7.91 (ähnlich Röglin 1977, S. 21); Gründler 1977, S. 73. Ausführlicher dazu Kap. 12.Google Scholar
  17. 2.
    Butz/Pollmann 1979, S. lf.; Butz/May 8.5.1991; Weinhold 12.4.91; Hossner 18.12.91.Google Scholar
  18. 3.
    H. Rosenau 29.04.91 bzw. A. Jansen 16.4.91; H. Rosenau 29.04.91; P. Haug 30.7.91; A. Jansen 16.4.91.Google Scholar
  19. 1.
    R. Hossner 18.12.91; H. Rosenau 29.04.91; Butz/May 8.5.91; H. Rosenau 29.04.91; K. Kßrting 15.4.91; Butz/May 8.5.91; P. (laug 30.7.91.Google Scholar
  20. 2.
    A. Jansen 16.4.91 bzw. 7.5.91; R. Iiossner 18.12.1991; H. Rosenau 29.4.91. Folgendes Zitat: H. Rosenau 26.3.92.Google Scholar
  21. 1.
    Schmitt 1985, S. 210 bzw. 209; LeserbriefJ. Fassbender in ATW 6/1979, Beilage S. A178; bzw. in SZ 9./10.6.79, S. 119. Folgendes Zitat: I I. Rosenau 26.3.92.Google Scholar
  22. 2.
    BT-Ausschuß Atomkernenergie 25.1.1962 zit. nach Radkau 1983, S. 351. Die offizielle Bezeichnung für Toleranzgrenze lautete — mit deutlich legalistischer Benennungsmotivik — in den 50er Jahren höchstzulässige Dosis, was auch in der Strahlenschutzverordnung vom 24.6.1960 rechtssprachlich institutionalisiert wurde. Kritik der Atomopposition an dem Wort: Dahl 1977a, S. 16.Google Scholar
  23. 1.
    Zit. nach BULLETIN 1956, S. 1775 (vgl. zum Problem der Toleranzdosen Radkau 1983, S. 350f.); Bischof 1980, S. 32. Zur praktischen Unmöglichkeit einheitlicher Begriffsverwendung vgl. Kap. 12, S. 189ff.Google Scholar
  24. 2.
    liossner 18.12.91 (vgl. das Zitat im Zusammenhang Kap. 12.1, S. 196); folgendes Zitat: 11. Rosenau 26.3.92.Google Scholar
  25. 3.
    Die über die Befragung gewonnenen Aussagen erscheinen mir sehr glaubwürdig, da zum einen recht offen geantwortet und Nachteiliges zugegeben wurde, zum anderen viele Behauptungen sich mit meinen unabhängig davon gewonnenen Ergebnissen decken.Google Scholar
  26. 1.
    H. Rosenau 26.3.92.Google Scholar
  27. 2.
    Folgendes Zitat: Traube 31_8.1978 in Hauff 1980, S. 194Google Scholar
  28. 1.
    Schwab 1968, S. 281; KKW-Fibel 1977, S. 99.Google Scholar
  29. 2.
    Maren-Grisebach 1982, S. 130f; Dreyer/Vinke 1977, S. 26; Cube u.a. 1987, S. 7; Ökologiegruppe 1977, S. 6; KKW-Fibel 1977, S. 7.Google Scholar
  30. 1.
    Ökologiegruppe 1977, S. 214; Radkau 1983, S. 461; Köppers 28.3.92.Google Scholar
  31. 2.
    Köppers 28.3.92; I Iossner 18.12.91.Google Scholar
  32. 1.
    Die vorangegangenen drei Absätze incl. aller Zitate beziehen sich auf Köppers 28.3.1992.Google Scholar
  33. 2.
    Die befragten PR-Experten hatten alle eine technisch-wissenschaftliche Universitätsausbildung und langjährige Berufserfahrung, bevor sie sich für den Bereich Öffentlichkeitsarbeit interessierten. Dies gelte, so die einhellige Aussage, meist auch für ihre Kollegen in ähnlichen Positionen.Google Scholar
  34. 1.
    Radkau 1983, S. 453; Köppers 28.3.1992.Google Scholar
  35. 2.
    Traube, Vorwort zu Lovins 1978, S. 10. Der konvertierte Atom-Insider und prominenteste deutsche Dissident im Nuklearbereich, Klaus Traube, pllegt nicht zufällig selbst den souveränen Umgang mit Fachtermini und öffentlichen Ausdrucksweisen (Beispiel: Traube 1988).Google Scholar
  36. 1.
    Brandt 1977, S. 119; zur „Atompsychologie“ vgl. Freund 1956.Google Scholar
  37. 2.
    H. Rosenau 1987, S. 20; R. Hossner 18.12.91. Kritisch bedeutet beim Reaktor, daß eine sich selbständig erhaltende Kettenreaktion abläuft. H. Rosenau, A. Jansen und S. Weinhold nannten dieses Wort spontan als Beispiel für einen aus PR-Perspektive ungünstigen Fachausdruck.Google Scholar
  38. 3.
    ZEIT 21.1.72, S. 37; H. Rosenau 27.4.91.Google Scholar
  39. 1.
    Schwenkhagen 1956, S. 15; Rosenau 1987, S. 21; Seibicke 1993, S. 321.Google Scholar
  40. 2.
    Haß 1989a, S. 175; Haß 1991, S. 334; Wolf 1987, S. 48f.; Oeckl 1976, S. 45f. Zum Umgang mit sanft vgl. Kap. 8.1, S. 108f. und Kap. 11.3, S. 174. Grundsätzliche Überlegungen zur notwendigen „impliziten Didaktik“ in fachexternen Texten — am Beispiel der (spanischen) Tschernobyl-Berichterstattung — bei Kalverkämper 1988 (hier S. 163tf.).Google Scholar
  41. 1.
    -lossner 18.12.91. Belege für neutrale Verwendungen von Plutoniumwirtschaft zum Beispiel BT 15.6.77, S. 3223f.; Wortlaut eines Urteils des OVG Münster; FR 25.8.77; Beckurts in ZEIT 18.7.86, S. 32.Google Scholar
  42. 2.
    Wichter 1991, S. 11 l; 11. Rosenau in NEUE ZURICIIER ZEITUNG 27.8.86; Waas 1978, S. 34; Müller 1977, S. 20; NEUE ZÜRICHER ZEITUNG 27.8.86.Google Scholar
  43. 3.
    Wichter 1987, S. 245; Waas 1978, S. 34.Google Scholar
  44. 1.
    SPIEGEL 19.5.86, S. 34; folgender Auszug: WAZ 27.5.86 (I lervorhebungen Mi). 2 Ökologiegruppe 1977, S. 73; Innenauschuß 1974, S. 26; zit. nach RP 16.5.86.Google Scholar
  45. 1.
    Wolf 1985, S. 94; MANNHEIMER MORGEN 10.5.1986, S. 5, zit. nach Haß 1989, S. 473 (Hervorhebung MJ); Radkau 1986, S. 40; Röthlein 1979, S. 151; Smidt 1979, S. 139.Google Scholar
  46. 2.
    Radkau 1986, S. 4; SPIEGEL 36/1986, S. 132.Google Scholar
  47. 1.
    Waas 1978, S. 243; Ilöcker/ Weimer 1959 (Stichwort Entseuchung/Dekontamination); Hossner 18.12.91. Belege für die Übertragung von Verseuchung auf die Kernenergie unmittelbar nach 1945 in Kap. 3.4, S. 47f.Google Scholar
  48. 2.
    Haß 1989a, S. 174; Waas 1978, S. 42; Havrânek zit. nach Fluck 1985, S. 167;.Google Scholar
  49. 3.
    Müller 1959, S. 66 (Hervorhebungen MJ). Folgendes Zitat: Koelzer 1990, S. 32.Google Scholar
  50. 1.
    Fluck 1985, S. 39; Bausinger 1972, S. 76. Folgendes Zitat: R. Hossner 18.12.91.Google Scholar
  51. 1.
    Habermas 1978, S. 335; zit. nach ZEIT-MAGAZIN 13.12.91, S. 16.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1994

Authors and Affiliations

  • Matthias Jung

There are no affiliations available

Personalised recommendations