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Die Realismus-Konstruktivismusdebatte als Theorie- und Methodenproblem

  • Markus Holzinger
Part of the Forschung Soziologie book series (FS, volume 197)

Zusammenfassung

Anhand der Debatte Konstruktivismus und Realismus in der Risikosoziologie habe ich zu zeigen versucht, daß die prinzipielle Austreibung der Natur aus der Soziologie so einfach nicht ist, wie partiell suggeriert wird. Eine durchgängige „Entmaterialisierung“ läßt sich weder hinsichtlich der Frage nach der Realität von Risiken noch in Bezug auf die Zuschreibung von gesellschaftsintern produzierten Risiken und gesellschaftsextern produzierten Gefahren durchhalten.

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Literatur

  1. 41.
    Über ökologische Probleme sagt Luhmann: „Offensichtlich handelt es sich hier um minimale Effekte oder Defekte, die sich im System, wenn sie sich störend bemerkbar machen, leicht ausgleichen lassen. Man nimmt anderes Papier — oder ein anderes Bewußtsein. Über Störungen kann im Kommunikationssystem Gesellschaft leicht kommuniziert werden. Die Resorptionsfähigkeit reicht normalerweise aus.“ (Luhmann 1997, 130 )Google Scholar
  2. 42.
    Die Natur ist — wenn dieser Begriff irgendeinen Sinn haben soll — keineswegs nur Reflex menschlicher Vorstellungen und ebenso wenig bloßer Koeffizient menschlicher Handlungssequenzen: vielmehr kann sie als ein aktives Element der Geschichte in Erscheinung treten, das Strukturen eigener Art erzeugt.“ (Radkau 1994, 16)Google Scholar
  3. 43.
    Vgl. z. B. Labisch ( 1989, 238): „Seuchen bei Handelspartnern bedeuteten schwerere Verluste, Seuchen in der Heimatstadt das völlige Desaster: so gingen in Florenz die Postgebühren der großen Handelsfirmen — als Indikator für den Warentausch — während der Pest von 1628 bis 1632 um 97% zurück, 1657 fielen die Exporte von Seide aus Genua während einer Pestepidemie um 96%. Mit dem Zusammenbruch des Außenhandels war zugleich der städtische Binnenhandel schwer getroffen. Das übliche Verlagssystem für Halbfertig-und Fertigwaren führte dazu, daß die weit über die Stadt verstreuten infizierten Waren verbrannt oder unter Quarantäne gestellt wurden. Diese Maßnahmen mußten sich sofort auf die Beschäftigungsverhältnisse auswirken. Dies wiederum wirkte sich sofort und unmittelbar auf die Lage der städtischen Unterschichten aus, die nun dem Hungerstod ausgesetzt waren. Eine Seuche bedeutet Krankheit und Tod für einige, mit dem Zusammenbruch der örtlichen Wirtschaft jedoch Hunger und Tod für viele.“Google Scholar
  4. 44.
    Die Abfolge konkreter historischer Ereignisse wird auf diese Weise nicht nur nicht erklärt; sie wird als historische Sequenz auch gar nicht thematisiert. Die Analyse bleibt in sehr globalen Epochenvorstellungen stecken und erfaßt überdies nur strukturelle Vorbedingungen.“ (Luhmann 1975, 155)Google Scholar
  5. 45.
    Wenn es um die genauere Kennzeichnung von Irritationen geht, wird die Begrifflichkeit ohnehin wiederum extrem vage — offensichtlich, um sich jeden konkreteren Argumentationsweg offen zuhalten. Siehe z. B.: „Die Umwelt wird ausgeschlossen — es sei denn, daß das System selbst sich nach Maßgabe seiner eigenen Informationsverarbeitungsmöglichkeiten für beachtlich hält.“ (Luhmann 1993a, 288, ebenso Luhmann 1986, 219). Im übrigen wird auch eine Irritation als eine Wahmehmungsform des Systems „ohne Umweltkorrelat” (Luhmann 1993a, 443) interpretiert.Google Scholar
  6. 46.
    Luhmann scheint m. E. selbst zu sehen, daß die These von der operativen Geschlossenheit nicht einfach zu begründen ist. Obgleich Systeme nach Luhmann nur „unter der Illusion eines Umweltkontaktes“ (Luhmann 1997, 93) operieren, geht er an manchen Stellen unmittelbar davon aus, daß „ein wirklicher Kontakt mit ihr möglich” (Luhmann 1990, Bd. 5, 40f.) sei.Google Scholar
  7. 47.
    Wie undifferenziert bereits diese These ist, diskutiert Evans (1998).Google Scholar
  8. 48.
    Denn wenn Erkenntnis nichts anderes ist als eine Konstruktion, dann gilt dies natürlich auch für eben diesen Satz; und es gilt erst recht für die übliche Kausalbegründung selbst.“ (Luhmann 1992a, 512, ebenso Luhmann 1993a, 24).Google Scholar
  9. 49.
    Luhmann scheint dann auch von empirischen Überprüfungsinstrumenten wenig zu halten. Zwar sei seine Theorie funktionaler Differenzierung ein „weitreichendes, elegantes, ökonomisches Erklärungsinstrument (…). Ob sie auch zutrifft, ist natürlich eine andere Frage “ (Luhmann 1986, 74 ).Google Scholar
  10. 50.
    Ein Ansatz, so Helmut Pape (1997, 52), der Dinge „durch die Verknüpfung von Tatsachen erklären würde, die nicht erfahrbar sind, könnte nicht die für uns erfahrbare Wirklichkeit erklären“ und verlöre sich demnach in der „Unsichtbarkeit der Welt”.Google Scholar
  11. 51.
    In der Wissenschaft der Gesellschaft erfahren wir über die realen Materialitäten der Forschung so gut wie nichts. Zum Experiment in der Wissenschaft sagt Luhmann (1992a, 263) „Davon wird später ausführlicher die Rede sein.“ Man wartet allerdings vergeblich darauf. Überhaupt befaßt sich Luhmann nicht mit naturwissenschaftlichen Sachverhalten. Er betreibt Deduktionssoziologie ohne die geringste inhaltliche oder empirische Rechtfertigung zu liefern. Bei Luhmanns Wissenschaftssoziologie — so wird mittlerweile selbst in Bielefeld festgestellt — habe man am Ende das Gefühl daß „nur noch Erkenntnistheoretiker über das Reden über die Wissenschaft reden” (Krohn/Küppers 1989, 25 ).Google Scholar
  12. 52.
    So etwa Inglis (1993, 151): „Grand theory by these tokens has had its day.“Google Scholar
  13. 53.
    As a rule, a quasi-object should be thought of as a moving actant that transforms those who do the moving, because they transform the moving object.“ (Latour 1996d, 379)Google Scholar
  14. 54.
    We have to be as undecided as the various actors we follow as to what technoscience is made of; every time an inside/outside divide is built, we should study the two sides simultaneously and make the list, no matter how long and heterogeneous, of those who do the work. (…) We should consider symmetrically the efforts to enrol human and non-humans resources.“ (Latour 1987, 258)Google Scholar
  15. 55.
    Zugang zu der neueren Wissenschaftssoziologie bieten z. B. folgende Monographien und Aufsatzbände: Buchwald (1995); Callebaut (1993); Galison (1987); Galison und Stump (1996); Gooding (1990); Gooding/Pinch/Schaffer (1988); Rheinberger/Hagner (1994) Rheinberger (1997), Star (1995); Pickering (1992).Google Scholar
  16. 56.
    Die Funktion einer so verstandenen Wissenschaft besteht darin, die Liste der Akteure zu erweitern, die unser gesellschaftliches und natürliches Universum bilden, wie die Elektroautos, BSE-Erreger, Ozonloch. Sie hat die Aufgabe die nichtmenschlichen Wesen zu sozialisieren, sie im Kollektiv zu sozialisieren.“ (Latour/Roßler 1997b )Google Scholar
  17. 57.
    A laboratory, an experiment, is such a transaction zone, such a melting pot, such a cyborg, that new capacities and properties are exchanged between humans and nonhumans.“ (Latour 1992b, 16)Google Scholar
  18. 58.
    Vor allem Latour und Pickering betonen, daß wissenschaftliche Erfahrungen und Innovationen von der Aktivität von Objekten abhängt. „To be sure the laboratory setting is artificial and man-made but the competence of the yeast is its competence, in no way dependent on Pasteur’s cleverness in inventing a trial that allows it to reveal itself.“ (Latour 1990, 61) Über Donald Glasers Blasenkammer schreibt Pickering (1995, 51): ”It is worth noting that his tentative assemblages all did something, though typically not what Glaser hoped. (…) It is simply the sense that Glaser’s detectors did things — boiling explosively or along the lines of tracks or whatever — and that these doings were importantly separate from Glaser.“Google Scholar
  19. 59.
    Zu weiteren historischen Beispielen siehe den von van Helden und Hankins (1994) herausgegebenen Band Instruments.Google Scholar
  20. 60.
    Wagner (1993) bezeichnet diese als „neue Konfiguration in den Sozialwissenschaften“.Google Scholar
  21. 61.
    Diesen Zusammenhang stellen Law und Bijker (1992) und Law (1994) her.Google Scholar
  22. 62.
    NT is not about traced networks, but about a network-tracing activity. No net exists independently of the very act of tracing it (…) A network is not a thing, but the recorded movement of a thing.“ (Latour 1996d, 378)Google Scholar
  23. 63.
    Hannelore Bublitz ( 1999, 23–27) kommentiert Diskurstheorien dieser Art folgendermaßen: „Theorie und Methode bewegen sich hier, wie Ideen und Praktiken, auf gleicher Ebene. Die Methode ist bereits Strukturales Element der,Theorie`, sie strukturiert die Theorie als historische Analyse von Diskursen und Diskursformationen. Diskursanalyse generiert selbst eine Gesellschaftstheorie; aus dem, was jeweils Diskursgegenstand ist, und aus der Art und Weise der Problematisierung des Gegenstands werden jeweils Grundannahmen über die Funktionsweise der Gesellschaft rekonstruiert.“Google Scholar
  24. 64.
    Zur Methode der Akteur-Netzwerktheorie siehe Teil 2, Punkt 1.2.3 und das Fallbeispiel.Google Scholar
  25. 65.
    Auch Abstraktionen und Begriffe erklären an sich nichts. Sie müssen selbst erklärt werden. Für die Soziologie gilt deshalb auch: „Social sciences are not a reservoir of notions and entities from which we would draw our resources. They are part and parcel of the very activity we want to study, part of our problem, not of our solutions. “ (Latour 1988b, 164 )Google Scholar
  26. 66.
    If there is also a history of things, then the debate between description and explanation, or historicity and theory, is entirely dissolved.“ (Latour 1996d, 377)Google Scholar
  27. 67.
    So etwa Gill (2003, 27f.), der Latour meines Erachtens fehlinterpretiert (vgl. dazu 2.3.4.1). Gills Ansatz wiederum scheint mir gerade die Probleme zu reproduzieren, auf die Latour aufmerksam macht. Gill benutzt für seine Typologie der drei relevanten Naturschemata — „Kosmologien“ wie er sagt — Webers Begriff des Idealtypus. Demnach könne man seine entwickelte Ideal-Typologie der Naturvorstellungen auf die westlichen Gesellschaften im 19. und 20. Jahrhundert beziehen. Er glaubt damit in der Diskussion um divergierende Naturvorstellungen einen Schritt weiter zu kommen, weil er den Konstruktivisten, die sich im „Klein-Klein voluntaristisch herbeigeführter, kontingenter Ereignisse” (Gill 2003, 28) verlören, einige Abstraktionen und somit „verallgemeinerungsfähige Aussagen“ (Gill 2003, 28) entgegensetzen könnte. Aber wie kommt Gill auf jene platonischen Begriffe? Woraus hat er sie abgeleitet? Gelten sie für alle relevanten Umweltdiskurse? Gill (2003, 35) scheint dann auch selbst Zweifel an der Universalisierbarkeit seiner Schemata zu hegen. Unter den Bedingungen von kultureller Vielfalt wären sie wohl „nicht überall und für immer nützlich”. Was bedeutet das aber? Sind „verallgemeinerungsfähige Aussagen“ etwa nur an bestimmen Orten und manchmal nützlich? Seine Typisierungen seien möglicherweise „deduktiv, verallgemeinernd, reduktionistisch”. Jede Typisierung stelle ein „Vor-Urteil“ dar (Gill 2003, 98). Nun gut — aber welche Konsequenzen zieht die Soziologie daraus, daß sie nur Vorurteile oder — wie Gill (2003, 99) am Ende selbst schreibt — „Karikaturen” produziert?Google Scholar
  28. 68.
    Luhmann (21988, 584f.) sagt: „Weniger als je zuvor kann man sich heute vorstellen, daß das Gesellschaftssystem aus Interaktionen zusammengesetzt sei, und weniger als je zuvor sind Theorien adäquat, die Gesellschaft als,commerce`, als Tausch, als Tanz, als Vertrag, als Kette, als Theater, als Diskurs zu begreifen suchen. (…) Die Gesellschaft ist, obwohl weitgehend aus Interaktionen bestehend, für Interaktionen unzugänglich geworden.“Google Scholar
  29. 69.
    What was first a capture of interest by a lab scientist is now extending through a network much like a commercial circuit (…) that spreads laboratory products all over France.“ (Latour 1983, 152)Google Scholar
  30. 70.
    The growth of networks through translations replaces the differences of scale between micro-, meso-, and macrolevels.“ (Latour 1991b, 275) Auch Giddens betont, daß die Kohäsion sozialer Beziehungen von der Spanne der Raum-Zeit-Ausdehnung abhängig ist:,,…je größer die Raum-Zeit-Ausdehnung sozialer Systeme - und d. h. je weiter ihre Institutionen in Raum und Zeit ausgreifen — desto größer ihre Widerstandskraft gegen die Einwirkung oder Veränderung seitens individueller Akteure” (Giddens 1988, 224).Google Scholar
  31. 71.
    In Latours neueren Schriften (z. B. Latour 2001) sind freilich nicht mehr nur Wissenschaftler vertreten, sondern ebenso Politiker oder andere Akteure.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 2004

Authors and Affiliations

  • Markus Holzinger

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