Advertisement

Natur und Gesellschaft im Kontext der Risikosoziologie. Risikogenese und nichtintendierte Nebenfolgen

  • Markus Holzinger
Part of the Forschung Soziologie book series (FS, volume 197)

Zusammenfassung

Eine der theoretischen Möglichkeiten der „nach-klassischen Soziologie der Natur“ (Rainer Grundmann), das Verhältnis von Natur und Gesellschaft zu thematisieren, besteht darin, gesellschaftliche Naturprobleme unter risikosoziologischen Aspekten zu fokussieren. Ein zentrales Thema soll im folgenden Teilkapitel im Kontext der Risikosoziologie erörtert werden. Welche Rolle spielt die Natur in ihrem Themenbereich? Zwei Teilproblemen der Risikosoziologie soll hierbei besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literatur

  1. 10.
    Ist die ökologische Gefährdung ein Konstrukt sozialer Verarbeitung von Kommunikation (und somit ein Produkt der Selbstgefährdung) oder eine durch naturwissenschaftliche Erkenntnis belegbare Außengefährdung, die von menschlichen Verhaltensweisen verursacht oder zumindest beeinflußt und von daher auch durch deren Verhalten reduziert werden kann?“(Renn 1996, 40)Google Scholar
  2. 11.
    Zum Begriff „Risikogenese“ siehe auch die detailreiche Studie von Böschen (2000), die allerdings andere Ziele verfolgt, als sie hier anvisiert werden. Böschen (2000, 20) definiert Risikogeneseforschung als den „Versuch der historischen Rekonstruktion der Genese und Selektion von Risikowissen”. Er bezieht seine Studie, wenn ich recht sehe, aber vor allem auf die Frage, inwieweit wissenschaftliche Akteure bei bestimmten Problemfällen ex ante bereits hypothetisches Risikowissen hätten produzieren können. Böschen rekonstruiert seine Fallbeispiele „um zu lernen, wie Risiko-Entdeckungen eher ermöglicht und das daraus gebildete Risikowissen eher kommuniziert werden kann“ (Böschen 2000, 20). Demgegenüber geht es mir hier um die viel einfachere und generellere Frage, welche Entstehungszusammenhänge eines Risikos zu unterscheiden sind.Google Scholar
  3. 12.
    Siehe ausführlicher zu dieser begrifflichen Unterscheidung Höffe (1985, 48ff.).Google Scholar
  4. 13.
    Die aus der Versicherungswirtschaft entliehene Formel für Risiko setzt Risiko gleich dem Produkt aus Schadenserwartung und Wahrscheinlichkeit des Eintritts des Schadens (R=WxS).Google Scholar
  5. 14.
    Man muß also unterscheiden zwischen „subjektivem Meinen“, wo es um subjektive Orientierungsweisen geht, und Wissen: „Wissen bezeichnet einen objektiven Tatbestand, einschließlich seiner Begründungsstruktur. Wer etwas weiß, verfügt über diesen Tatbestand.” (Mittelstraß 1992, 228). Diese Form des Wissenstands „gilt für alle Akteure prinzipiell in gleicher Weise, gleichgültig von welchen subjektiven Sicherheits-oder Schädlichkeitsüberzeugungen sie sich in ihrem Handeln und in ihren Argumentationen jeweils leiten lassen. Die Existenz dieses Phänomens ist jedenfalls abstrakt, d. h. in Ablösung vom jeweiligen Konfliktfall, unbestritten.“ (Gill u. a. 1998, 22ff.).Google Scholar
  6. 15.
    Bonß (1995, 349) ist der Auffassung: „Die Differenz zwischen Ex-ante-und Ex-postBetrachtungen verweist vielmehr auf systematisch verschiedene Aspekte und Erscheinungsformen des Risikos, deren Verhältnis insbesondere unter soziologischen Perspektiven bislang kaum geklärt ist.“Google Scholar
  7. 16.
    Gemäß dem „Umwelt-und Prognose-Institut“ (UPI), sollen — wie der Stem (28/1999) meldet — jährlich 4.000 Menschen an den Folgen hoher Ozonbelastung sterben. Diese These wurde allerdings noch nicht naturwissenschaftlich bestätigt.Google Scholar
  8. 17.
    So auch Hilary Putnam (1997, 158); „Und warum sollte die Tatsache, daß eine beschreibungsunabhängige Beschreibung der Realität nicht möglich ist, zu der Annahme führen, es gebe nichts außer den Beschreibungen?“Google Scholar
  9. 18.
    Überlegungen zu diesem Unterpunkt wurden partiell bereits dargelegt in May/Holzinger (2003). S.65–68.Google Scholar
  10. 19.
    Technik heißt laut Luhmann (1999, 29) im Normalfall und je moderner sie wird, daß „sich die Dominanzrichtung in der Unterscheidung Natur/Technik“ umkehre: „die Seite Technik beherrscht jetzt die Unterscheidung Natur/Technik. Nicht mehr die Natur grenzt das Chaos aus, sondern die Technik”.Google Scholar
  11. 20.
    Gemeint sind mit dem Begriff,Risikogesellschaft` keine externen (,natürlichen`), sondern interne Risiken, die im Zuge sozialer Definitionsprozesse industriellen Entscheidungen zugerechnet werden. Der Begriff des,Risikos` beginnt also auch dort, wo das Fatum endet.“ (Beck 1998, 262)Google Scholar
  12. 21.
    Von Gefahr kann man sprechen, wenn der etwaige Schaden durch die Umwelt verursacht wird, zum Beispiel als Naturkatastrophe oder als Angriff böser Feinde; von Risiko dagegen, wenn er auf eigenes vorheriges Verhalten (einschließlich Unterlassen) zurückgeführt werden kann.“ (Luhmann 1992a, 662)Google Scholar
  13. 22.
    Bei Luhmann (1997, 1091) wird von Risikogesellschaften dann gesprochen, wenn unterstellt werden kann, „daß die Zukunft in allen wesentlichen Hinsichten von gegenwärtig zu treffenden Entscheidungen abhängt“. Bei Japp (1990, 37) werden in ähnlicher Weise Gesellschaften „erst durch den entscheidungsbedingten Kontingenzdruck zu,Risikogesellschaften”`. So auch Bechmann (1993, 244): „In unserem Kontext kann man sagen, daß die moderne Gesellschaft insofern eine Risikogesellschaft ist, als sie alle Gefahren als Risiko interpretiert und dadurch einen immensen Bedarf und Zwang zugleich an Entscheidung produziert.“Google Scholar
  14. 23.
    Siehe zu diesem Dilemma aus professionssoziologischer und professionsrechtlicher Perspektive der Humangenetik May/Holzinger (2003).Google Scholar
  15. 24.
    Diese Risikosensibilität ist bereits Ausdruck intensiver Forschung (vgl. z. B. die Beiträge in Hiller/Krücken 1997 und Gill u. a. 1998 ). Die Institutionen beispielsweise entwickeln nun Lernstrategien, um zukünftige Umweltschäden antizipativ zu vermeiden. Besonders im Rechtssystem lasse sich nachweisen, „daß das Recht begonnen hat, ein Bewußtsein für Ungewißheit zu entwickeln“ (Köck 1993, 136). Es werden nun vor allem Femfolgen berücksichtigt. Und es werden auch schon bei bloßem Gefahrenverdacht Vorsorgemaßnahmen eingeleitet. Strukturell fügen nun die Institutionen Ungewißheitsvariablen in ihr Regelwerk ein (Gill u. a. 1998, 141f.; Prittwitz 1993, 364ff.).Google Scholar
  16. 25.
    Das Erleben von extern auf die Gesellschaft einwirkenden und fatalistisch hinzunehmenden Gefahren wird allmählich ersetzt. An seine Stelle tritt das Erleben einer als Entscheidungsproblem zu behandelnden Selbstgefährdung der Gesellschaft“ (Krücken 1997, 128)Google Scholar
  17. 26.
    M. E. lassen sich folgende Autoren diesem Ansatz zurechnen, wobei bisher wenig Binnenkommunikation besteht: Albrow (1998, 211ff.), Bonß (1991, 1995, 1998), Latour (1995a), Raymond Murphy (1994, 1997), Schäfer (1993).Google Scholar
  18. 27.
    Bonß ( 1995, 83; 82) definiert „Gefahren zweiter Ordnung“ wie folgt: „Von,Gefahren zweiter Ordnung’ wäre dann zu sprechen, wenn bestimmte Handlungen zeitlich, sozial und/oder sachlich versetzte Nebenfolgen haben, die vorab nicht absehbar sind, das zugrundeliegende Risikokalkül sprengen und dem Verursacher kaum zugerechnet werden können. (…) Niemand hat die heute sichtbar gewordenen Negativeffekte berücksichtigt, geschweige denn bewußt in Kauf genommen. Sie haben sich vielmehr hinter dem Rücken der realisierten Risikokalküle durchgesetzt, oftmals langsam und schleichend, wenngleich ab bestimmten Punkten auch exponential wachsend. Und ihre Realisierung als Unsicherheitspotentiale setzt meist erst ein, wenn sie sich von den verursachenden Risikosystemen längst gelöst haben und eben zu Gefahren geworden sind, die Arm und Reich bedrohen und die Rahmenbedingungen des Lebens in mancher Hinsicht neu definieren.”Google Scholar
  19. 28.
    Die gesellschaftlichen Regelungen sind hier den Naturgesetzen übergestülpt, letztere garantieren nur, daß strikt herauskommt, was gesellschaftlich eingeregelt ist.“ konstatieren Böhme/Schramm (1985, 35).Google Scholar
  20. 29.
    Diese Diagnose deckt sich, so meine Vermutung, mit Becks früherer Konzeption von Risikogesellschaft. Definitionsversuche lauteten bei Beck (1988, 109) in diesem Zusammenhang: „Gesellschaften, die zunächst verdeckt, dann immer offensichtlicher mit den Herausforderungen der selbstgeschaffenen Selbstvernichtungsmöglichkeiten allen Lebens auf dieser Erde konfrontiert sind, nenne ich Risikogesellschaften.“Google Scholar
  21. 30.
    Of course, action did have consequences but these came later, literally after the fact, and under subservient guise of unexpected consequences, of belated impact. (…) The reason why one should always beware with factishes is that their consequences are unforeseen, the moral order fragile, the social one unstable. This is just what modernist facts have shown us over and over, except that, for the modern, consequences are nothing but an afterthought.“ (Latour 1999, 288)Google Scholar
  22. 31.
    Hondrich (1987, 242) glaubt: „Die Risikogesellschaft mag ihrer Risiken, wenn auch unter großen Opfern, wohl Herr werden. Letztlich droht ihr Gefahr nicht so sehr von den erkennbaren und auf der Konfliktbühne umkämpften Risiken, als von den Nicht-Risiken, von dem noch nicht und überhaupt nicht Absehbaren.“Google Scholar
  23. 32.
    Zu den Begriffen Handlungs-und Ereigniskausalität siehe auch Davidson (1990, 85).Google Scholar
  24. 33.
    So im übrigen auch die Annahme in Positionen, die von trivialen Experimentalsystemen ausgehen. Im Anschluß an Georg Henrik von Wrights Begriff der „experimentalistischen Kausalität” wird behauptet, daß die Intervention in die Natur unter Ursache-Wirkungsverhältnissen zu beschreiben ist. Der Wissenschaftler handelt technisch, um bestimmte Wirkungen zu erzielen. Der Wissenschaftler prüft ein bestimmtes Ziel anhand der den Naturgesetzen gehorchenden Experimentalapparaturen und erzielt dabei ein Ergebnis. Das Ergebnis ist eine Wirkung der experimentellen Handlung. Holm Tetens (1987, 19) sagt: „Das Ergebnis dieses Tuns ist die dann zur Verfügung stehende Versuchsanordnung. Schaltet er (der Wissenschaftler, Verf.) die Versuchsanordnung daraufhin ein und löst einen Verlauf aus, so sind die dabei auftretenden Veränderungen die Folge seines vorausgegangenen Tuns.“Google Scholar
  25. 34.
    Zum Begriff vgl. Dömer (1996a, 58ff., 1996b); Häfele u. a. (1990, 404ff.); Perrow (1992).Google Scholar
  26. 35.
    Latour (1988a, 32) meint: „We always think we are doing the right thing, but our actions never turn out as we expected and are slightly diverted from their aim (…) Between the act and the intention is a tertium quid that diverts and corrupts them…“Google Scholar
  27. 36.
    Diese Naturkraft ist allerdings ein notwendiger Bestandteil der nicht intendierten Nebenfolge. Mit Latour gesprochen: „Es läßt sich nicht irgendwo im Universum eine Kräfteübertragung finden, die für die Entstehung dieses Ereignisses aufkommt und retrospektiv seine Emergenz erklärt.“ (Latour 1996a, 107)Google Scholar
  28. 37.
    Pickering ( 1995, 6) betont daher: „One can start with the idea that the world is filled not, in the first instance, with facts and observations, but with agency. The world, I want to say, is continually doing things, things that bear upon us not as observation statements upon disembodied intellects but as forces upon material beings.“Google Scholar
  29. 38.
    Brüggemeier (1989, 217) kommt zu dem Schluß: „Überhaupt entziehen sich die in globalen Wirkungszusammenhängen und interdependenten Kausalprozessen auftretenden Schädigungen dem traditionellen linearen Kausalitätskonzept, bei dem einer eindeutig bestimmbaren Ursache der Erfolg einer Rechtsgutverletzung zugerechnet werden konnte.“Google Scholar
  30. 39.
    Der juristische Begriff der Verantwortung ist jedoch eine altväterliche Kategorie personaler Zurechnung geworden, die gerade für die Probleme der Risikogesellschaft unhandlich wird.“ (Wolf 1991, 407)Google Scholar
  31. 40.
    Die hier vorgeschlagene Unterscheidung erlaubt die Formulierung, daß die Gesellschaft sich im Falle globaler und im Falle überraschender Effekte ihre Zukunft nicht im Modus des Risikos, sondern im Modus der Gefahr vorzustellen hat. Es werden möglicherweise Schäden, ja vielleicht sogar Katastrophen eintreten, ohne daß man feststellen könnte, wessen Entscheidung sie ausgelöst hat. In den schon eingeleiteten Klimaveränderungen hat man dafür ein anschauliches Beispiel.“ (Luhmann 1990, 167 )Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 2004

Authors and Affiliations

  • Markus Holzinger

There are no affiliations available

Personalised recommendations