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Einleitung

  • Markus Holzinger
Chapter
Part of the Forschung Soziologie book series (FS, volume 197)

Zusammenfassung

Betrachtet man das gegenwärtige Verhältnis der akademischen Soziologie zu dem Sachverhalt, den wir als physikalische Natur oder natürliche Umwelt bezeichnen, so läßt sich feststellen, daß die meisten soziologischen Publikationen eine „Austreibung der Natur aus der Soziologie“ betreiben, wie dies Reiner Grundmann (1997b, 535) griffig formuliert.1 Obgleich sogar jüngst bekannt gewordene ökologische Probleme, wie etwa die Gefährdung der Erdatmosphäre durch Reduktion des stratosphärischen Ozons und durch Klimaveränderungen, seit Jahren genauestens vermessen und katalogisiert werden, haben es die Soziologie und Gesellschaftstheorie lange Zeit nicht vermocht, die Bedeutung der üblicherweise als ‚ökologische Krise‘ bezeichneten Phänomene im besonderen und der Problematik der Naturbeziehung moderner industrialisierter Gesellschaften im allgemeinen einen zentralen theoretischen und empirischen Stellenwert zu sichern und entsprechend wenig zu den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um diese Phänomene beigetragen. Sowohl gesellschaftliche Ereignisse als auch dem Terrain der Natur zuzuordnende Sachverhalte sind für die Soziologie auf soziale Tatsachen zurückzuführen und nichts darüber hinaus. Nach wie vor gelingt es der Gesellschaftstheorie, ihre vornehmlichen Untersuchungseinheiten (Institutionen, Kommunikationen, kulturelle Symbole etc.) von der Natur fernzuhalten.

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Literatur

  1. 1.
    Zu dem in dieser Arbeit verwendeten Naturbegriff sei folgendes hinzugefügt: Der Terminus „Natur” ist vieldeutig. Nach einer Bemerkung Robert Boyles kann Natur mehr als dreißig verschiedene Bedeutungen haben. Boyle schlug angesichts der konfusen Vielfalt an Bedeutungen vor, diesen unpräzisen Begriff gänzlich fallen zu lassen (vgl. Sieferle 1997, 17). Da auch die Zugriffsmöglichkeiten von menschlichen Akteuren auf Natur in modernen Gesellschaften stark zugenommen haben, so daß wir es mit einer massiven Expansion kulturell überformter Naturkontexte zu tun haben, spricht Bruno Latour (1995a) generell von „Naturen-Kulturen“. Er meint damit, daß dasjenige, was man ehemals als die,vermeintlich` eine Natur bezeichnete, sich im Zuge der Kulturalisierung der Natur in unzählbar viele NaturKultur-Kontexte ausdifferenziert. Wohlgemerkt: Latour spricht von Vermischung und nicht von Aufhebung. Für den hier zu verhandelnden Zusammenhang ist hauptsächlich die ontologische und erkenntnistheoretische Bedeutung des Begriffs „Natur” von Relevanz. Natur bezieht sich auf die Gesamtheiten derjenigen Entitäten und Kräfte oder Teile von Gegenständen, die, bei allem menschlichen Einfluss auch immer, dennoch spontan, ohne willentliche und absichtliche Intervention vom Menschen geschehen und somit nicht durch humanes Handeln hergestellt oder partiell beeinflußt werden können. In einem ontologischen Sinne bedeutet Natur hierbei etwas, das vom Menschen materialiter nicht fabriziert ist und insofern etwas Unverfügbares darstellt. Im epistemischen Sinne — und zwar im Kontext eines Erfahrungsrealismus oder eines gemäßigten kognitiv-erkenntnistheoretischen Realismus — ist Naturerkenntnis genau dann Wirklichkeitserkenntnis, wenn angenommen werden kann, daß die Gegenstände der Beobachtung Dinge der Natur sind.Google Scholar
  2. 2.
    Sozialkonstruktivistisch zu argumentieren, bedeute zu erkennen, „that there is nothing but the social: social constructed natural phenomena, socially constructed social interests, socially constructed artifacts, and so on.“ (Bijker u. a. 1987, 109).Google Scholar
  3. 3.
    Die Gesellschaft richtet sich im Gefängnis der eigenen Sprache ein“, meint Luhmann (1997, 996f.)Google Scholar
  4. 4.
    Hierzu sind z. B. die Arbeiten von Knorr-Cetina (1991) und Latour/Woolgar (1979), zu rechnen.Google Scholar
  5. 5.
    Wie Golinski, Collins diskutierend, kommentiert:,,… experiment is potentially open ended. At no point, in his view, does nature force a particular interpretation upon experimenters. (…) The evidence is always too much to fit within interpretative scheme and too little to determine the choice between any number of possible schemes. “ (zit. nach Callon 1995, 46 )Google Scholar
  6. 6.
    Auch was die Epochenzugehörigkeit betrifft, muß festgestellt werden, daß im Gedankengut des Konstruktivismus das Grundgefühl der klassischen Moderne zum Ausdruck kommt. Denn erst hier soll, gemäß ideengeschichtlicher Einordnung, ein bis heute nicht enden wollendes Klassifikationsmuster in Umlauf gebracht werden, das davon ausgeht, daß es zunächst vormoderne Gesellschaftsformen gibt, die sich selbst als integraler Bestandteil einer natürlichen Ordnung begreifen und deren Semantik eine unaufhebbare „Konfusion zwischen Natur und Kultur“ (Habermas 1988, Bd. 1, 79) widerspiegelt, und daß sich im Anschluß, nämlich mit der Aufklärung, moderne Gesellschaftsformen etablieren, die eine strikte Grenze zwischen dem Menschlichen und Natürlichen einführen (vgl. z. B. Eder 1988, Habermas 1988, Bd.1, 79ff.; Latour 1995a; Toulmin 1994, 178ff. und Wagner 1995, 82ff.).Google Scholar
  7. 7.
    Um nicht mißverstanden zu werden, scheint mir folgender Hinweis angebracht: Es geht mir hier nicht um die Frage ob wir, was die Moderne betrifft, einen „Epochenumbruch“ (Beck) feststellen können. Es wäre vermessen eine solche Frage in einer Dissertation beantworten zu können. Reflexive Phasen — so viel ist zu konstatieren — hat es in der Moderne bereits des öfteren gegeben (siehe Gill u. a. 1998, 346ff.). Die Menschheit, so Radkau (2000, 274), sei auch in die Industrialisierung nicht arglos hineingetappt. Ebenso ist der Modernisierungstheorie das Thema „Ungewißheit” ein Begriff (siehe Toulmin 1994 ). Dennoch wird behauptet, daß wir es nach einer Zeit des Kontrolloptimismus mit einer Rückkehr der Ungewißheit zu tun haben.Google Scholar
  8. 8.
    The Pasteurians added to society a new agent, which compromised the freedom of all other agents by displacing all their interests. (...) We cannot form society with the social alone. We have to add the action of microbes.“ (Latour 1988a, 122, 35 )Google Scholar
  9. 9.
    Mit dem Begriff Matrix spiele ich auf den gleichnamigen Film an, in dem die Matrix die Bedeutung einer Ideologie annimmt. Die Matrix ist dort eine computergenerierte Traumwelt, die die Menschen in ein Gefängnis der Wahrnehmungen und Einbildungen hüllt (vgl. Bronfen 1999, 527ff.).Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 2004

Authors and Affiliations

  • Markus Holzinger

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