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Einleitung Zwischen Maskierung und Obszönität. Bemerkungen zur Spur der Masken in der Moderne

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Part of the Grenzüberschreitungen book series (GRENZ, volume 3)

Zusammenfassung

Geht man der Frage nach, welche Bedeutung Masken, die nach R. Caillois in sogenannten archaischen Gesellschaften das »wahre soziale Band« (Caillois 1982, 99) darstellten, in der entzauberten Welt hochkomplexer moderner Gesellschaften zukommt, ob ihnen überhaupt noch eine spezifische und nur mit ihnen verbundene Erfahrung entspricht und ob ihnen eine über den reinen Freizeitspaß hinausgehende soziale Funktion eignet, dann erweisen sich die schnellen und eindeutigen Antworten nicht nur als unbefriedigend, sondern auch als reduktionistisch oder gar als irreführend. Aus der Perspektive naiver soziologischer Aufklärung wird Masken jegliche soziale Bedeutung abgesprochen, da moderne Gesellschaften angeblich ihr Geheimnis gelüftet hätten, gar kein Geheimnis zu verbergen. Zwar hätten Masken zu anderen Zeiten, z.B. im Mittelalter, eine Bedeutung gehabt, an die an anderen Orten und in anderen Kulturen immer noch geglaubt werde, aber mit der neuzeitlichen Säkularisierung und spätestens seit der Aufklärung und der mit ihr einher gehenden Rationalisierung sei der Aberglaube entlarvt, auf dem Ihre Wirkungen basierten, und der Zauber von Masken erloschen. Hinter dem Schein der Maske taucht das wahre Sein auf: die subjektive Intention der Verstellung. Masken gelten als a priori durchschaubar, als Täuschung, hinter der die Subjektivität lauert. Als durchschaute und grundsätzlich durchschaubare gelten Masken nicht mehr als das Andere des Individuums, als etwas, das seinen Träger in eine Relation zu sich selbst setzt, über die er nicht vollständig verfügen kann, und die ihm daher unheimlich ist. Sie gelten auch nicht mehr als Repräsentanz transzendenter Wesen oder Erscheinungen, sondern ihre einzige Wahrheit scheint nur noch in der Funktion der Verstellung und Täuschung zu liegen. Masken werden zum Signum der Falschheit, zur strategisch eingesetzten Oberfläche, hinter der sich das wahre Gesicht desjenigen verbirgt, der sich der Oberfläche bedient.

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