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‚Der Mensch‘ der Philosophischen Anthropologie

Männlichkeit und kulturelle Hegemonie zwischen Weimarer Republik und Nationalsozialismus
  • Susanne Lettow
Chapter

Zusammenfassung

„Der Mensch“ als zentrale Figur der Humanwissenschaften ist „eine völlig junge Kreatur, die die Demiurgie des Wissens eigenhändig vor noch nicht einmal zweihundert Jahren geschaffen hat“ (Foucault 1989: 373). Im Spannungsfeld der sich im 18. und 19. Jahrhundert formierenden Wissenschaften der Biologie, Ökonomie und Philologie bildete sich ein neuartiges Wissensobjekt, das heute vertraut wie kaum ein anderes erscheint: der Mensch. Diese Singularform steht stellvertretend für die Menschen aller Zeiten und Gesellschaften, womit eines der zentralen Probleme jeglicher Anthropologie bezeichnet ist: Sie lässt die Differenzen und Antagonismen, kurz alle gesellschaftlichen Verhältnisse zwischen den Menschen verschwinden. Für die Geschlechterverhältnisse bedeutet dies, dass sie aus dem Bereich des Thematisierbaren ausgeschlossen werden, um dann im impliziten Androzentrismus ‚des Menschen‘ wiederzukehren. Immer wieder erweist sich ‚der Mensch‘ als Mann, doch wäre wenig damit gewonnen, bliebe die Kritik daran bei der Rückübersetzung des Singulars ‚der Mensch‘ in den Singular ‚der Mann‘ stehen. Vielmehr geht es im Folgenden darum, aufzuzeigen, inwiefern historisch-spezifische Konstruktionen von Männlichkeit mit politisch-ethischen Stellungnahmen und Projekten verbunden sind. Die Männlichkeitskonstruktionen der Philosophischen Anthropologie, die durch die Interventionen von Max Scheler (1874–1928), Helmuth Plessner (1892–1985) und Arnold Gehlen (1904–1976) in den Rang einer philosophischen Subdisziplin erhoben wurde, werden im Zusammenhang mit den jeweiligen Konzeptionen von Staat und Gesellschaft untersucht, die von Scheler und Plessner in Auseinandersetzung mit Ferdinand Tönnies’ Dichotomie von Gemeinschaft und Gesellschaft artikuliert wurden. Gehlens Konzeption des Menschen von 1940 ist hingegen im Kontext des NS-Staats zu situieren.

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Authors and Affiliations

  • Susanne Lettow

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