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Die Theatralisierung der standesamtlichen Trauung oder: Wider das Ritenmonopol der Kirchen

  • Jo Reichertz
Chapter
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Part of the Erlebniswelten book series (ERLEB, volume 5)

Zusammenfassung

Es ist Viertel vor zehn Uhr morgens in einer kleinen deutschen Universitätsstadt. Edith und Johannes verlassen ohne Hast das Seminar, in dem eifrig, aber auch durchaus kontrovers die Pädagogik Makarenkos diskutiert wurde. Am Haupteingang der Uni treffen sie Roswitha und Peter. Alle tragen Alltagskleidung: die Männer die obligatorischen blauen Jeans von Levis, zudem Sweatshirts und unauffällige Straßenschuhe, während die Frauen zu den engen Hosen aus strapazierfähigen Tuch, einfache Blusen und flache Schuhe tragen.

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Literatur

  1. 2.
    Beispielhaft für diese Entwicklung ist das Vorwort der Werbe-Hochglanzbroschüre,Heiraten in Herten’: Hier kommen Klaus Bechtel, Stadtdirektor von Herten, und Annegret Sickers zu folgendem Befund: „In diesem Zusammenhang hat die standesamtliche Trauung — früher oft nur bürokratisches Anhängsel der großen kirchlichen Feier — für viele Heiratende einen hohen Stellenwert bekommen. Auch für die Eheschließung im Standesamt wird oft ein schönes Ambiente erwartet. Den geänderten Wünschen der Brautpaare trägt die Stadt Herten jetzt Rechnung und erweitert den Service des Standesamtes. Zusätzlich zu den seit Jahren schon angebotenen Samstagstrauungen gibt es jetzt ein außergewöhnliches Angebot an Trauzimmern in verschiedenen Gebäuden. Dies ermöglicht es den Brautleuten, den Rahmen ihrer Hochzeit individuell festzulegen: würdig und feierlich oder modern und sachlich oder romantisch — Sie haben die Wahl “ (Bechtel/Sickers 1999: 2 ).Google Scholar
  2. 3.
    Dass dies die Hochzeitsratgeber genau so sehen, kann man z.B. bei Bartels 1997 und Lippe 1997 nachblättern.Google Scholar
  3. 4.
    Wie sehr sich die Zeiten verändert haben, zeigt ein Blick in die Geschichte des Fernsehens. Die Fernseh-Show Traumhochzeit bot nämlich, als sie 1992 auf Sendung ging, dem Zuschauer nicht zum ersten Mal die Möglichkeit, eine Trauung im Fernsehen live zu erleben. Denn bereits 1963 konnte man in der von Hans-Joachim Kulenkampff moderierten Show Ihre Vermählung geben bekannt einer echten kirchlichen Trauung beiwohnen. Im Beisein der Familie wurde das Brautpaar live gemäß der katholischen Trauungszeremonie vermählt. Im Anschluss daran gab es eine Hochzeitsfeier im Fernseh-Studio, wo es neben diversen Quiz-Spielen auch reichlich Glückwünsche von den damaligen Flaggschiffen der E-Musik gab und natürlich auch Geschenke. Obwohl die Sendung alle vier Wochen über den Schirm gehen sollte, musste sie mangels zeigefreudiger Brautpaare nach nur zwei Ausgaben eingestellt werden. „Hatten sich nämlich für die erste Ausgabe noch 21 Paare beworben, waren es bei der zweiten nur noch zwei“ (siehe Spiegel 22, 1963: 81). Kulturkritischer Kommentar des Spiegel: „Vermutlich gibt es immer noch zu viele Leute, die das Heiraten für eine Privatsache halten” (ebd.)Google Scholar
  4. 5.
    Für Weber ist bekanntermaßen der Idealtypus nicht eine besonders ideale, also wünschenswerte Praxis, sondern für ihn ist der Idealtypus eine wissenschaftliche Konstruktion, die bei der Beschreibung von Sachverhalten helfen soll. „Er ist nicht eine Darstellung des Wirklichen, aber er will der Darstellung eindeutige Ausdrucksmittel verleihen“ (Weber 1973: S.190). Gewonnen wird der Idealtypus „durch die einseitige Steigerung eines oder einiger Gesichtspunkte und durch Zusammenschluss einer Fülle von diffus und diskret, hier mehr, dort weniger, stellenweise gar nicht, vorhandener Einzelerscheinungen, die sich jenen einseitig herausgehobenen Gesichtspunkten fügen, zu einem in sich einheitlichen Gedankenbild” (ebd.: S.191).Google Scholar
  5. 6.
    Alle Angaben stammen aus einer Untersuchung der Zeitschrift Braut und Bräutigam, die freundlicherweise von der Redaktion zur Verfügung gestellt wurden.Google Scholar
  6. 7.
    Ende 1997 wurden den 72.000 Exemplaren der Zeitschrift Braut und Bräutigam ein umfangreicher Fragebogen beigelegt, in dem die Leser gebeten wurden, über ihre Vorlieben, Wünsche und Konsumgewohnheiten bei der Vorbereitung und Durchführung ihrer Hochzeit Auskunft zu geben. Etwa 1.400 Leser und Leserinnen folgten der Bitte und sandten den Fragebogen ausgefüllt zurück. Das ist sicherlich keine gute Rücklaufquote, aber dennoch eine recht große Stichprobe, auch wenn diese gewiss nicht repräsentativ ist. So stellen zum einen die Leser des nicht ganz billigen Hochglanz-Magazins Braut und Bräutigam,das ganz eindeutig auf die Darstellung prunkvoller Hochzeiten ausgerichtet ist, eine ganz besondere Auswahl aus der Gruppe der Hochzeiter dar (vermutlich Wohlhabende und Gebildete). Zum zweiten werden die, welche bereit waren, einen Fragebogen auszufüllen und abzuschicken, eine besondere Auswahl darstellen. Obwohl also in dem Sample von Braut und Bräutigam die „prunkvollen Hochzeiter“ überproportional vertreten sein werden, ist die Marktstudie dennoch interessant und aufschlussreich.Google Scholar
  7. 8.
    Auf der Suche nach dem richtigen Geschäft reist man oft recht weit. So gaben 32% der Leserinnen von Braut und Bräutigam an, sie hätten bei ihrer Suche auch Geschäfte aufgesucht, die 150 km oder weiter entfernt gewesen seien.Google Scholar
  8. 9.
    Diese Aufgabe verliert ihre Bedeutung auch nicht durch die immer öfter anwaltsberatenen Eheverträge, da die Verträge nur die nicht gewünschten Folgen einer Scheidung (für beide) abfedern sollen. Sie sind also nicht Ausdruck eines bereits vorhandenen Zweifels, sondern Ausdruck des Versuchs, das Schlimmste (Das hoffentlich nie eintritt!) erträglich zu gestalten.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 2002

Authors and Affiliations

  • Jo Reichertz

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