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‚Traumantrag im Kino löst Beifall aus‘

Einzelfallanalyse eines theatralen Heiratsantrags im Alltag
  • Nathalie Iványi
Chapter
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Part of the Erlebniswelten book series (ERLEB, volume 5)

Zusammenfassung

Johanna (32 Jahre, Reisebürokauffrau) und Markus (24 Jahre, Theologiestudent) sind im August 1996 seit knapp über drei Jahren ein Paar und wohnen zudem seit etwa zwei Jahren zusammen in einer Großstadt Westdeutschlands. Am 17. August des gleichen Jahres fahren Markus und seine Freundin mit der S-Bahn zu einem auch früher schon häufig aufgesuchten Programmkino. Markus hat angeregt, sich den an diesem Samstag im Kino erstmalig ausgestrahlten Film ‚Trainspotting‘ anzusehen. Auf der Fahrt zum Kino fällt Johanna auf, dass Markus ungewöhnlich nervös ist, dass er bleich wirkt, als wäre ihm übel. Sie vermutet, er habe wohl kurz zuvor zu viele Weintrauben gegessen. Johanna bemerkt hingegen nicht, dass Markus unter seiner Jacke, die für diese Jahreszeit viel zu dick ist, so dass er trotz seines dünnen, rot-gelbgestreiften T-Shirts ins Schwitzen gerät, eine rote Rose verbirgt. Im Kino angekommen wählen sie einen Platz recht weit vorne. Das Kino ist gut besucht, der Saal ist mit etwa 150 Zuschauern aufgefüllt. Und noch während der Werbung passiert es plötzlich:

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Literatur

  1. 1.
    Angekündigt wurde der Artikel auf der ersten Seite der Zeitung mit dem Titel ‚Heiratsantrag kam als Kino-Spot‘. Auf dem Foto sieht man das sich küssende Paar vor dem Programmkino stehen.Google Scholar
  2. 2.
    Vgl. eine ähnliche Differenzierung zwischen ‚Bezogenheit‘ und ‚Gerichtetheit‘ bei Schimank (2000:31).Google Scholar
  3. 3.
    Kühn (1995), der in seiner Arbeit den verschiedenen Verwendungen des Konzepts der ‚Mehrfachadressierung‘ nachgeht, arbeitet dabei mit einem anderen Modell. Demzufolge ist z.B. die Strukturverschiedenheit der Adressaten nicht konstitutiv, sondern stellt einen Unterfall dar. Zudem will er — nicht ausgehend vom,mehrfachadressierend’ Handelnden, sondern von dem Handlungsakt als solchen — auch Adressaten berücksichtigt wissen, die unbeabsichtigt (und ohne Wissen des Handelnden) zum Adressaten werden. Zu einer Bestimmung theatralen Handelns muss, angelehnt an die Terminologie Kühns (1995: 51 und 153ff.), demnach Mehrfachadressierung im Sinne einer simultanen, polyvalenten und offenen Inszenierung begriffen werden. Wobei hier explizit zu machen ist, dass mit ‚Inszenierung‘ in diesem Zusammenhang nicht eine Vortäuschung gemeint ist (vgl. Kühn 1995: 159).Google Scholar
  4. 4.
    Genau genommen handelt es sich natürlich nicht um eine Frage-Antwort-Sequenz, sondern um eine Bitte-Erfüllungs-Sequenz.Google Scholar
  5. 5.
    Anträge in der Sendung Traumhochzeit bestehen neben einer Ansprache (z.B.,Hallo mein Schatz’) und Angabe des Sprechakts (z.B.,und darum frag ich dich jetzt’) regelmäßig aus einer Liebeserklärung (z.B.,es gibt nichts auf der Welt, das ich so liebe wie dich’) und Zukunftswünschen (z.B. ‚geh von nun an jeden Weg mit mir‘). Mitunter finden sich auch Rekonstruktionen von gemeinsamer Vergangenheit (z.B. ‚wir haben so viele schöne Augenblicke gehabt‘). Häufig kommt dabei diesen Elementen eine den Antrag legitimierende Funktion zu (z.B. ‚weil ich dich so sehr liebe, frag ich dich jetzt‘).Google Scholar
  6. 6.
    Auch wenn man annehmen könnte, dass der Akt des ‚Zuwendens‘ selbstverständlicher Bestandteil einer face-to-face-Kommunikation wäre und daher nicht als Geste der,Zugeneigtheit’ angesehen werden könne, so trifft dies durchaus nicht immer zu. In vielen Daily Talks, die unter solchen Titeln wie,Heute sag ich es dir: du bist meine große Liebe’ Liebeserklärungen und Heiratsanträge von Studiogästen ausstrahlen, wenden sich die liebenden Initiatoren nicht immer ihren Partnern und Partnerinnen zu, sondern sprechen ins Publikum, zum Moderator oder auch einfach nur ‚vor sich hin‘ (z.B. auf den Boden, in die Luft blickend).Google Scholar
  7. Eine Ausnahme bildet z.B. regelmäßig der Eisverkäufer, der (zwischen Werbung und Filmvorführung) seine Produkte allen Besuchern feilbietend natürlich,öffentlich’ handelt.Google Scholar
  8. 8.
    Bezüglich der Transkriptionsregeln siehe den Aufsatz von Ivânyi,Außerordentliches Verstehen — Verstehen des Außerordentlichen’ in diesem Band. Da nunmehr verhältnismäßig viele Interviewpassagen wiedergegeben werden, wurden die Passagen allerdings zur Vereinfachung des Leseflusses mit einer an den allgemeinen grammatischen Interpunktionsregelungen orientierten Zeichensetzung überarbeitet.Google Scholar
  9. 9.
    Dass an dieser Stelle das Wissen um das Alter von Markus und Johanna schon eingeführt wird, scheint methodisch legitim, auch wenn es sich an dieser frühen Interview-Sequenz um ‚Kontextwissen‘ handelt. Aber die Formulierungen von Markus wie von Johanna lassen bereits an dieser Stelle erkennen, dass es sich um einen — auch aus ihrer Perspektive — ungewöhnlich großen Altersunterschied handelt.Google Scholar
  10. 10.
    Das, was gesellschaftlich immer schon unterstellt wird, unterstellen Markus und Johanna im übrigen einigen ihrer Freunde selbst:Google Scholar
  11. 11.
    Auch wenn es sich hier um Ex-Post-Deutungen handelt, kann als gesichert gelten, dass Johanna und Markus den Unwillen der Eltern der Beziehung gegenüber von Anbeginn spürten, bzw. zu spüren bekamen:Google Scholar
  12. 12.
    Dass Johanna keinerlei Verantwortung für das Antragsmanöver zu tragen glaubt, zeigt sich in solchen Ausdrücken wie: „überraschend gefragt“, „hat mich überfallen” etc. Diese Position hat sie offenbar weidlich ausschöpft, wenn sie der Mutter von Markus gegenüber von „dein Sohn“ spricht und damit für sein Tun nicht etwa ihren eigenen Einfluss als Lebensgefährtin, sondern ausschließlich seine Abstammungsgeschichte verantwortlich macht.Google Scholar
  13. 13.
    Nach Johannas Meinung wäre damit der „Showeffekt“ zu groß gewesen. Markus fügt dem noch hinzu, dass er Johanna auch lieber im Anschluss an den Antrag für sich alleine haben und nicht mit „Kollege X” teilen wollte — was bei einer Anwesenheit von Freunden und Verwandten in der Tat kaum zu umgehen gewesen wäre.Google Scholar
  14. 14.
    Als wir ihn danach fragten, warum er keine Liebeserklärung gemacht habe, hat Markus uns darauf aufmerksam gemacht, dass Johanna dies doch schon immer wusste — ohne an die anwesende Öffentlichkeit zu denken. Interessanterweise übernimmt er diese Perspektive der Öffentlichkeit jedoch, während er uns die von ihm erstellten Dias schildert: Er spricht dann von „konnte man dann erkennen“ oder „man konnte lesen” etc (statt: Johanna konnte erkennen, lesen etc.).Google Scholar
  15. 15.
    Die Anregung, die Presse mit ins Spiel zu bringen, kam im Übrigen nicht vom Kinobesitzer selbst, sondern von einem Freund von Markus, welcher die organisatorischen Details mit dem Kinobesitzer regelte und von Markus auch als ‚Inszenierungstalent‘ bezeichnet wird (s.u.).Google Scholar
  16. 16.
    Schon die Idee mit dem Antrag in der Kirche hat seine Uraufführung 1994 in der Sendung Traumhochzeit erfahren. Hier führte ein junger Mann seine überraschte Freundin in eine mit unzähligen Kerzen geschmückte Kirche und fragte sie dort vor dem Altar.Google Scholar
  17. 17.
    Von 1998 bis 2000 konnten wir im Rahmen des Forschungsprojekts,Mediale (Re)Präsentation von Liebe’ insgesamt 30 Daily Talks aufzeichnen, in denen Liebesakteuren ein Forum zur Theatralisierung von Liebe offeriert wurde. Wir haben damit natürlich längst nicht alle Sendungen, die in dieser Zeit ausgestrahlt worden sind, aufgezeichnet. Daneben existieren mit Sendungen wie Andreas Türck Love Stories (Pro7) und Rosen vom Ex (Pro7) seit 1999 weitere Formate zur Theatralisierung von Liebe.Google Scholar
  18. 18.
    Vgl. etwa: Extra-Tip, 28.12.97 (Konzert); Bravo Nr. 26, 25.06.98 (Filmstudio); Live Journal Nr.29, 13.07.98 (Fußballstadion); WAZ 15.08.98 (Litfasssäule, Flugzeug-Banner, Kreuzworträtsel); Live Journal Nr. 45, 02.11.98 (Radio); mach mal Pause Nr.49, 02.12.98 (Kreuzworträtsel); WAZ, 02.01.99 (Flugzeug); WAZ, 12.06.99 (Flugzeug). Aus Interviews mit öffentlichen Liebeserklärern und durch — zufällige — teilnehmende Beobachtungen solcher Ereignisse kann man aber erfahren, dass der Vollzug theatralisierter Liebespräsentationen nicht immer von Journalisten begleitet und entsprechend dann auch nicht durch Zeitungen oder auch Fernsehreportagen publik gemacht wird. Selbst über eine systematische Durchsicht aller in Frage kommenden Tageszeitungen und Zeitschriften würde man insofern nicht — quantitativ betrachtet — das gesamte Ausmaß theatralisierter Liebesperformances im Alltag ermitteln können.Google Scholar
  19. 19.
    Gleichwohl muss natürlich angemerkt werden, dass auch ‚die‘ Struktur sogenannter,traumhochzeitlicher Anträge’ ein wissenschaftliches Konstrukt darstellt: Auch hier wurde aus der Vielfalt der medialen Einzelfälle ein Idealtypus konstruiert, dessen empirische Existenz entsprechend nur annäherungsweise gegeben ist.Google Scholar
  20. 20.
    Der Organisationsaufwand vervielfacht sich zum Beispiel, wenn spezielle Kostüme (Brautkleider, Don-Juan-Umhänge etc.) oder prägnante Requisiten (Himmelbett, Musiker, Pferde) oder spezielle Schauplätze (Sacre Coer in Paris) wie in der Sendung Traumhochzeit beansprucht werden sollen. Eine überdurchschnittliche Inszenierungskompetenz wird im Zusammenhang mit expliziten Thematisierungen von Liebe insofern notwendig, als zum Beispiel der monologische Vortrag einer ausführlichen Liebeserklärung in der Sendung Traumhochzeit bedeutet, dass eine öffentlichkeitsfähige, d.h. theatral-poetische, keinesfalls,individualisierende Ausdrucksform und Vollzugskompetenz beherrscht sein will. Die Kandidaten der Sendung Traumhochzeit erhalten in dieser Hinsicht Unterstützung vom Produktionsteam — sowohl hinsichtlich der Textgestaltung als auch hinsichtlich der Möglichkeit, den Text angemessen einzustudieren (vgl. auch den Aufsatz von Ivânyi,Außerordentliches Verstehen — Verstehen des Außerordentlichen’ in diesem Band).Google Scholar
  21. 21.
    Umgewandelt in eine Forschungsperspektive führt das zu der Frage, wie Alltagsmenschen durch die Teilnahme an Fernsehsendungen das Medium ihrerseits ‚nutzen‘ und in den Dienst lebensweltlicher Problemlösung stellen (vgl. Reichertz 2000).Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 2002

Authors and Affiliations

  • Nathalie Iványi

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