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Liebe in Szenen — Szenen der Liebe

Zur Darstellungslogik von Liebe bei performativen Auftritten im Fernsehen
  • Nathalie Iványi
Chapter
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Part of the Erlebniswelten book series (ERLEB, volume 5)

Zusammenfassung

Beziehungsshows gehören zu einem Genre, das als solches zwar im deutschen Fernsehen bereits auf eine lange Tradition zurückblicken kann (vgl. Müller 1999),1 aber es hat durch die Sendungen Traumhochzeit und Nur die Liebe zählt in den frühen 90er Jahren einen Aufschwung erfahren und eine spezifische Ausformung erhalten: Schon mit Herzblatt (ARD 1987), vor allem aber mit den von Endemol produzierten Sendungen Traumhochzeit (RTL 1992–2000), Verzeih mir (RTL 1993–1994) und Nur die Liebe zählt (RTL 1993–1994/SAT.1 1995-) sind nämlich Beziehungsshows entstanden, in welchen die Kandidaten nicht mehr (nur) spielerisch, sondern (auch) real in ihre Beziehungswirklichkeit eingreifen, diese verändern und damit alltagspraktisch relevante Konsequenzen begründen. In Anlehnung an die Terminologie von Austin (1972) hat Keppler (1994: 8) derartige Fernsehformate daher als ‚performatives Realitätsfernsehen‘ bezeichnet, weil hier der Vollzug von wirklichkeit-setzenden Handlungen zum konstitutiven Prinzip von Unterhaltungsshows geworden ist: „Es handelt sich hier um Unterhaltungssendungen, die sich zur Bühne herausgehobener Aktionen machen, mit denen gleichwohl direkt und konkret in die Alltagswirklichkeit der Menschen eingegriffen wird. Hier wird nicht allein Prestige oder Geld gewonnen (oder eben nicht gewonnen), was reale Lebensänderungen zur Folge haben kann, hier werden soziale Handlungen ausgeführt, die als solche bereits das alltägliche soziale Leben der Akteure verändern.“ (Keppler 1994: 8f.).

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Literatur

  1. 1.
    So gab es bereits in den 70er Jahren zum Beispiel solche Sendungen wie Sie und Er im Kreuzverhör (ZDF), Spätere Heirat nicht ausgeschlossen (WDR) und 4+4 = Wir (ZDF). Den ‚Durchbruch‘ gelang dem Genre mit der seit 1987 ausgestrahlten Sendung Herzblatt (ARD) (vgl. ausführlich Müller 1999).Google Scholar
  2. 2.
    In der Sendung Verzeih mir (RTL) wurde dagegen nur der Versöhnungsakt zu meistern versucht und das Problem nur der Kontaktsuche und -herstellung wurde und wird in einer ganzen Reihe von Beziehungsshows angegangen — die Sendung Herzblatt stellt für dieses Handlungsproblem gewissermaßen die ‚Mutter‘ oder zumindest das erfolgreichste Format dar (vgl. ausführlich Müller 1999).Google Scholar
  3. 3.
    Bislang konnten von uns derartige Sendungen bei Arabella Kiesbauer (Pro7), Andreas Türck (Pro7), Bärbel Schäfer (RTL), Birte Karalus (RTL), Vera am Mittag (Satl) und Sonja (Satl) festgestellt werden. Arabella Kiesbauer hatte von 1998 an in dieser Hinsicht jedoch nicht nur eine Vorreiterrolle inne, sondern produzierte solche Live-LifeDrama-Folgen auch besonders häufig.Google Scholar
  4. 4.
    Manchmal ist dabei auch die Beobachtung zu beobachten, d.h. der Studiogast hinter den Kulissen wird mitunter in seinen Reaktionen auf das Geschehen auf der ‚Vorderbühne‘ vom Fernsehpublikum beobachtet.Google Scholar
  5. 5.
    Sa — Sascha; Me — Melanie; ° ° — leise gesprochen; (()) — Umschreibung von paralinguistischen oder gesprächsexternen Ereignissen;:: — gedehnt gesprochen; = — schneller Anschluss.Google Scholar
  6. 6.
    Neben der ‚Entschuldigung‘ betrachtet Goffman (1982:157ff.) noch zwei weitere Varianten als Formen des korrektiven Austausches: a) die ‚Erklärung‘, mit welcher durch Einsprüche, Gegenbeschuldigungen, Rechtfertigungen oder Beanspruchung verminderter Zurechnungsfähigkeit etc. die regelverletzende Tat als eine ausgewiesen wird, die nichts mit dem Regelverletzer als spezifischer (a)moralischer Person zu tun hat; und b) das ‚Ersuchen‘ als eine Form, die dem Regelverstoß vorausgeht und daher von vornherein das Konfliktpotential mindert, das von dem sodann erfolgenden (aber vom Interaktionspartner dann gewährten) Regelverstoß ausgeht. In allen drei Fällen bemüht sich der Regeverletzende darum, als integere, vernünftige, interaktionsfähige und normale Person in Erscheinung zu treten, so dass die Interaktionspartner vom Regelverstoß nicht auf eine etwaige prinzipielle Unvernünftigkeit, Verrücktheit oder auch nur Unsittlichkeit des Regeverletzenden schließen.Google Scholar
  7. 7.
    Die Adressaten von Liebeserklärungen innerhalb von Entschuldigungen hingegen werden in der Regel nicht unvermittelt mit ihren (ehemaligen) Partnern konfrontiert. Bei der Sendung Nur die Liebe zählt haben die Adressaten bis zur Ausstrahlung des Videos einige Minuten Gelegenheit, sich auf die Botschaft gedanklich vorzubereiten. Denn der Moderator sucht sie zwar überraschend (zu Hause, am Arbeitsplatz etc.) auf, führt sie dann jedoch erst noch an den Ort, an welchem sie der Videobotschaft ausgesetzt werden (ein mobiler Caravan), und versucht sie bis dahin bereits auf den Absender der Botschaft einzustimmen. Bei den Daily Talks werden die Adressaten häufig vorher in Kenntnis gesetzt über den Anlass ihrer Einladung zu der Sendung oder aber die Adressaten dürfen hinter den Kulissen erste Gespräche zwischen Moderator und Bittsteller verfolgen und sich dann z.B. entscheiden, ob sie überhaupt vor die Kamera treten wollen. Nur in seltenen Fällen besteht diese Vorbereitungsmöglichkeit nicht.Google Scholar
  8. 8.
    Hausmann (1990) hebt die Bedeutung des Blickkontakts innerhalb der Literatur hervor und sieht darin einen Zusammenhang mit der bis in die Neuzeit hinein wirksame neuplatonische Amorlehre. Diese Lehre ging davon aus, dass „Liebe durch Blickkontakt entsteht und sich immer wieder visuell bestätigen muss“ (1990: 106).Google Scholar
  9. 9.
    Untersuchungen der Romane von Stendahl veranschaulichen, dass die unverstellte (und unverstellbare) Offenbarung des ‚Inneren‘ schon sehr lange mit dem Blickkontakt assoziiert wird (vgl. Hausmann 1990).Google Scholar
  10. 10.
    Dieses Element ist jedoch zum Teil deutlich auf Maßnahmen der Kamerahandlung zurückzuführen, d.h. auf Regieanweisungen bzw. explizite Hinweise der Moderatoren. Im Falle von Arabella Kiesbauer (Pro7) bittet die Moderatorin die Paare etwa, sich in der Mitte des Studios voreinander aufzustellen, oder bugsiert beide Liebenden in eine eben solche Position.Google Scholar
  11. 11.
    Abweichungen von dieser körperlichen Gleichschaltung betrifft Fälle, in denen der (männliche) Antragsteller zum Beispiel den klassischen Kniefall vornimmt. Auf diese symbolische Handlung wird später zurückgekommen.Google Scholar
  12. 12.
    Mitunter handelt es sich auch um Antragstexte in Form von Reimen (siehe auch den Aufsatz von Ivânyi,Außerordentliches Verstehen — Verstehen des Außerordentlichen’ in diesem Band).Google Scholar
  13. Vgl. Goffman (1986), der in der Auflösung von Ambiguität eine Zunahme (sozialer) Risiken verortet. Das Risiko zeichnet sich demnach dadurch aus, dass man eine „ungewisse Situation“ (1986: 168) in vollständige Gewissheit überführt und damit Rückzugs-, Modifikations-und Korrekturmöglichkeiten konterkariert. Die soziale Gefährdung, die mit Eindeutigkeit, noch dazu vor den Augen Dritter, einhergeht, hat Goff-man (1982) auch andernorts thematisiert, und zwar im Zusammenhang mit der Initiierung, Abänderung oder auch dem Abbruch einer Beziehung, welche üblicherweise gerade nicht öffentlich bestritten werden. Hier resümiert Goffman: „Alles in allem ist es nicht verwunderlich, dass die Herstellung von Beziehungen häufig durch Änderungssignale herbeizuführen versucht wird, die für den Empfänger zweideutig und für dritte Parteien nicht wahrnehmbar sind” (1982: 281).Google Scholar
  14. 14.
    In dieser Sendung (Arabella Kiesbauer 6.11.98, Titel: ‚Danke, dass es dich gibt‘) bedanken sich eine Reihe von Personen bei Freunden, Eltern, Lebensrettern etc. Nur in einem Fall findet sich eine Danksagung auf der Ebene einer zwischengeschlechtlichen Partnerschaft.Google Scholar
  15. 15.
    Dieser Aspekt hängt natürlich damit zusammen, dass Daily Talks generell themenund handlungsübergreifende Foren sind, die sich nur geringfügig (und mit geringeren finanziellen Mitteln) spezialisieren können. Liebende, die in Daily Talks einen performativen Auftritt bestreiten, besitzen insofern mitunter einen ähnlichen Handlungsspielraum im Studio und sie sitzen auf der gleichen Couch und in der gleichen Kulisse wie tags zuvor Zeitzeugen anderer Art (Alkoholiker, Extremsportler, Geschiedene etc.). Vor diesem Hintergrund waren die Entwicklungen bei Arabella Kiesbauer (PRO7) besonders interessant, weil hier allmählich für,performative Liebessendungen’ spezifische Kulissen, Requisiten, Beleuchtungen etc. bereitgestellt wurden.Google Scholar
  16. 16.
    Demgegenüber konnte die vom Troubadour in der Nacht unter dem Balkon besungene Herrin frei entscheiden, ob sie sich dem Sänger am Balkon schließlich zeigen oder auch nicht zeigen würde (vgl. Schneider 1991: 144).Google Scholar
  17. 17.
    Meistens handelt es sich bei den Kontaktanbahnern (und deren Adressaten) im Falle der Daily Talks um Teenager, die — anders, als es die Titel dieser Talkshow-Folgen nahe legen (s.o.) — eher für ihre Adressaten nur ‚schwärmen‘ und (bereits seltener:) vielleicht auch mit ihnen ‚gehen‘ möchten. Nur in einer Daily Talk (Arabella Kiesbauer,22.07.99) fanden wir einen Fall, da zwei Teenager einander im Vorfeld sowohl sehr vertraut waren als auch in der Sendung effektiv ihre Beziehung dann eröffnet haben. Auf ihn wird im Folgenden aber nicht genauer eingegangen, weil die am Beispiel der Sendung Nur die Liebe zählt angeführten Beobachtungen auch auf diesen Einzelfall weitgehend übertragbar sind.Google Scholar
  18. 18.
    So erfährt man z.B von Corinna bei der Befragung im Studio, dass sie von den aufwendigen Bemühungen Peters überrascht war: „Aber, irgendwie hatt’ ich’s ihm nicht zugetraut, weil er normalerweise, meiner Meinung nach, eher’n ruhiger Typ is, aber scheint ((leicht lachend:)) ja gar nich der Fall zu sein“ Daran schließt sich folgender (abschließender) Kommentar des Moderators an: „Ja, da kannste mal sehn, wozu ruhige Type zu allem fähig sind” (#Peter-NDLZ’93).Google Scholar
  19. 19.
    Mit der Problematik der Demonstration aufrichtiger Liebe, ohne die Aufrichtigkeit zum Gegenstand der Demonstration erheben zu dürfen, setzt sich auch Schwanitz (1990) auseinander. Vor dem Hintergrund einer systemtheoretischen Deutung in Anlehnung an Luhmann formuliert Schwanitz: „Kommunikation kann nicht selbst ihre eigene Aufrichtigkeit behaupten, weil gerade diese Beteuerung vom Beobachter wieder auf die Mitteilungsinteressen des Mitteilenden hin relativiert wird“ (1990: 121). Mit Blick auf die Literatur im 17. und 18. Jahrhundert stellt er insofern fest, dass immer wieder der unkontrollierbare Körperausdruck als Bürge der Authentizität von Liebe zur Lösung dieser Paradoxie herangezogen wurde: „gegen den Verdacht der Unehrlichkeit lässt sich nur der physische Ausdruck des Leidens ins Feld führen” ( 1990: 129 ).Google Scholar
  20. 20.
    Wohlgemerkt: Für den Fall der Kontaktanbahnung gilt diese Interaktionsvoraussetzung nur für jene (hier fokussierten) Fälle, in denen bereits irgendeine Form der Vertrautheit unter den Interaktionspartner besteht. Wie bereits dargestellt (vgl. Kap. 2.4) finden sich sowohl in der Sendung Nur die Liebe zählt als auch in Daily Talks aber häufig Kontaktanbahnungen, in denen diese Vertrautheit nicht gegeben ist. Mit Blick auf die Interaktionsstruktur zwischen den (unvertrauten) Interaktionspartnern stellt sich der Einsatz zunächst nur von Videobotschaften in der Sendung Nur die Liebe zählt entsprechend als angemessene redaktionelle Strukturierung der Kontaktaufnahme dar.Google Scholar
  21. 21.
    Unter ‚Action‘ fasst Goffman (1986) jene risiko- und konsequenzenreichen ‚Spiele‘, in welchen sich,Abstimmungs-, Entscheidungs-, Veröffentlichungs-und Schlussphase’ in einem Zeitraum ereignen, „der kurz genug ist, um in einer ununterbrochenen Anspannung von Erfahrung und Aufmerksamkeit enthalten zu sein“ (1986: 203).Google Scholar
  22. 22.
    Der Ausdruck,Regiedominanz’ stammt von Goffman (1983).Google Scholar
  23. 23.
    So kann für die Studiogäste der Daily Talks etwa Unklarheit bestehen bezüglich: a) des zur Verfügung stehenden zeitlichen Rahmens, b) der Möglichkeiten zur Nutzung und Instrumentalisierung von Kulissen und Requisiten, c) der vom Moderator organisierten Interaktionspragmatik (Turn-Taking) und, genereller noch, der Interventionsmöglichkeiten des Moderators und des Studiopublikums, d) der Möglichkeiten (und Notwendigkeit) der Ausdruckskontrolle gegenüber eines nicht nur spezifischen (Adressat), sondern auch unspezifisch-heterogenen Publikums (Studio/Fernsehzuschauer) und e) des von der Kamera (in der Postproduktion) schließlich genutzten Ausschnitts und szenischen Arrangements ihrer Handlungen, d.h. allgemein formuliert: des schließlich erzeugten ‚Texts‘ der Darstellung.Google Scholar
  24. 24.
    Die Misserfolgsquote der Sendung Traumhochzeit ist natürlich gleich null, d.h. alle Heiratsanträge werden von den Adressaten angenommen. Aber gemäß unseres Datenmaterials ist auch diejenige der Sendung Nur die Liebe zählt ausgesprochen klein, so gehen etwa 70% der Entschuldigungen positiv aus und 90% der Kontaktanbahnungen. Demgegenüber schlagen in den Daily Talks etwa 86% der Entschuldigungen fehl und auch hinsichtlich der Kontaktanbahnung führen nur 14% zum Erfolg — und Erfolg muss dann noch nicht einmal notwendig bedeuten, dass tatsächlich eine Beziehung eröffnet wurde, sondern kann zunächst auch einfach bedeuten, dass ein generelles Kontaktinteresse vom Adressaten positiv aufgenommen und beantwortet wurde.Google Scholar
  25. 25.
    Insofern stellt sich gerade nicht das ein, was Giddens (1991: 96) selbst hingegen als Konsequenz der,pure relationship’ betrachtet: Die Liebesakteure rekurrieren eben nicht auf Authentizität (allenfalls auf theatralisierte Authentizität) — zumindest nicht in jener medial ausgeleuchteten Interaktionssituation, in welcher sie entscheidende Eingriffe in das Beziehungsleben vornehmen.Google Scholar
  26. 26.
    Beck und Beck-Gernsheim ( 1990: 15) bemerken zum Beispiel einleitend: „Leitende Normen verblassen, büßen ihre verhaltensprägende Kraft ein. Was früher stumm vollzogen wurde, muß nun beredet, begründet, verhandelt, vereinbart und kann gerade deswegen immer wieder aufgekündigt werden. Alles wird ‚diskursiv“‘.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 2002

Authors and Affiliations

  • Nathalie Iványi

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