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Außer-Ordentliches Verstehen — Verstehen des Außer-Ordentlichen

Heiratsanträge der Sendung Traumhochzeit
  • Nathalie Iványi
Chapter
Part of the Erlebniswelten book series (ERLEB, volume 5)

Zusammenfassung

Auf der Baustelle einer Kläranlage führt der Ingenieur Thomas gerade eine Objektbesichtigung durch. Plötzlich hält er gemeinsam mit ein paar Kollegen und Arbeitern der Baustelle inne. Denn er sieht und hört, wie eine junge Dame auf einem großen Schimmel zur Baustelle geritten kommt. Sie ist in ein barock anmutendes Rüschenkleid gehüllt, trägt auf dem Kopf einen großen verschnörkelten Hut mit Federn und galoppiert im Damensitz auf zwei Bagger bei der Einfahrt der Baustelle zu, deren Schaufelarme sich gerade im hohen Bogen zu einer Art Empfangsportal zusammengeschlossen haben. Ungläubig verfolgt Thomas, wie die junge Dame auf dem Pferd das Portal passiert und auf ihn zu geritten kommt. Verwirrt blickt er zu der jungen Dame hoch, die ihr Pferd unmittelbar vor ihm zum Halten bringt. Dann wirft er leicht lachend seinen Kopf in den Nacken — denn er hat sie erkannt: Es ist seine Freundin Gabi, die lächelnd zu ihm herab schaut. Nun spielt sich folgende Interaktionssequenz ab:

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Literatur

  1. 1.
    Das Verzeichnis des Transkriptionssymbole findet sich im Anhang dieses Aufsatzes.Google Scholar
  2. 2.
    Erstaunlich ist hingegen nicht, dass in der Sendung tatsächlich alle Partner auf die Frage aller Fragen mit,Ja’ geantwortet haben. Denn bei der Auswahl der Kandidaten wurde vom Produktionsteam darauf geachtet, dass genügend Hinweise für einen beiderseitigen Ehewunsch bestanden — auch wenn der jeweils ‚überraschte‘ Partner natürlich zuvor nicht effektiv befragt werden konnte.Google Scholar
  3. 3.
    Die Zeigehandlung der Kamera variiert dabei von Antrag zu Antrag. Dies betrifft zum einen die Gestaltung des Bildausschnitts (Close-up bis Halbtotale) als auch die Häufigkeit und Dauer, mit welcher a) der Antragsteller bzw. b) der Adressat eingeblendet wird. Aus diesem Grund können Mimik, Gestik und Körperhaltung nicht systematisch in die Analyse der Verstehenserzeugung miteinbezogen werden, welche auf eine lükkenlose Sequenzstruktur des Ausdrucks als Datengrundlage angewiesen ist.Google Scholar
  4. 4.
    Im Folgenden wird aus darstellungsökonomischen Gründen darauf verzichtet, grammatikalisch immer beiden Geschlechtern gerecht zu werden.Google Scholar
  5. 5.
    Zwei der insgesamt fünf Fälle gehören der ersten Gruppe an, die anderen drei der zweiten Gruppe. Auf diese Ausnahmen wird noch genauer eingegangen (s.u.).Google Scholar
  6. 6.
    Mit Patzelt (1987: 84ff.) kann dies auch als Aufforderung gegenüber den Adressaten bestimmt werden, bei der Interpretation dessen, was die Antragsteller gerade tun, das ‚Let it pass‘-Prinzip in Verbindung mit dem retrospektiv-prospektiven Interpretationsverfahren anzuwenden: Den Adressaten wird also hier über das Medium der Prosodie nahe gelegt, so lange abzuwarten, bis sich (noch) Ungeklärtes im weiteren Verlauf erklärt, indem bislang Verstandenes im Lichte noch kommender Kontextualisierungen uminterpretiert bzw. noch Kommendes mit Blick auf bereits Verstandenes gedeutet wird.Google Scholar
  7. 7.
    Man könnte, genauer noch, diesen Umstand auch wie folgt deuten: Die Adressaten, die solche Einwürfe ihrem Partner gegenüber machen, signalisieren damit bereits, dass sie im Folgenden das ‚Let it pass‘-Prinzip anwenden werden — und werden müssen —,weil von ihnen auf diese neue Situation kein ‚angemessenes‘ (Interaktions) Verhalten erwartet werden darf. So gesehen handelt es sich um eine Aufforderung dazu, dass der Antragsteller nun allmählich die Situation ‚enträtseln‘ soll.Google Scholar
  8. 8.
    Auch diese Einwürfe können allerdings von vornherein als ‚accounts‘ betrachtet werden, mit welchen die Adressaten kenntlich machen, dass sie bislang noch auf das ‚Let it pass‘-Prinzip angewiesen sind, so dass es sich auch nicht um Interaktionsbeiträge handelt, auf die die Antragsteller effektiv hätten reagieren müssen.Google Scholar
  9. 9.
    Bei drei der oben genannten fünf Anträge, die ohne erkennbar Interaktionseröffnung (Anrede/Grußformel) eingeleitet wurden und damit unmittelbar mit der zweiten Phase der idealtypischen Ablaufstruktur (vgl. Kap. 2.1) beginnen, wird der Antrag unmittelbar mit der Liebeserklärung eröffnet.Google Scholar
  10. 10.
    Dialektsprecher greifen dabei auch weitgehend auf hochsprachliche Ausdrucksformen zurück.Google Scholar
  11. 11.
    Der Text, den der echte Phantomdarsteller unmittelbar zuvor gesungen hat, lautet: „Gib mir Liebe, gib mir Mut zu Leben, rette mich aus meiner Einsamkeit. Gib mir Liebe, teil mit mir mein Leben, geh von nun an jeden Weg mit mir. Küss mich, mehr will ich nicht von dir“.Google Scholar
  12. 12.
    Den Begriff ‚presequence‘ bestimmt Schegloff (1984: 48) als: „global term for utterances (typically questions) whose relevance is treated by participants as given not so much by what preceded but by what they are foreshadowing“. Die Funktion solcher presequences besteht normalerweise darin, die Kooperationsbereitschaft für einen später folgenden Turn (z.B. Frage, Bitte etc.) auszuloten, indem vor der expliziten Entäußerung des Kooperationsangebots nur implizit dieses Angebot gemacht wird. Erst wenn auf das implizite Angebot Bestätigung eingeholt wurde, erfolgt im dritten Turn die explizite, unmissverständliche Angebotskommunikation. Presequences dienen demnach der „avoidance of dispreferred second parts” bzw. „avoidance of relatively less preferred first parts of adjacency pairs“ (Schegloff 1979: 49) und schaffen insofern Ambiguität dort, wo aus taktischen Gründen potentieller Misserfolg auf der Kooperationsebene abgefedert werden soll. Weil die Antragsinteraktionen nun keinen Turnwechsel vor der expliziten Frage/Bitte vorsehen, erfüllt der Antragsvorbau hier offenbar eine andere Funktion (s.u.). Als Präsequenz kann er jedoch bezeichnet werden, weil seine Bedeutung sich aus dem speist, was er (nur) ankündigt.Google Scholar
  13. 13.
    In den ersten beiden Staffeln erzielte die Sendung mit durchschnittlich 8,43 Mio. (Frühjahr 1992) und 9,22 Mio. (Winter 1992/1993) geradezu Rekordeinschaltquoten für den Sender RTL. Später nahm die Einschaltquote in den nachfolgenden Staffeln und Jahren zwar langsam ab (vgl. Reichertz 2000: 133), doch sind auch nach acht Jahren in der letzten Staffel (Winter 1999/2000) immerhin noch durchschnittlich 3,74 Mio. Zuschauer (durchschnittlicher Marktanteil: 13,14%) der Sendung treu geblieben.Google Scholar
  14. 14.
    By recipient design we refer to a multitude of respects in which the talk by a party in a conversation is constructed or designed in ways which display an orientation and sensitivity to the particular other(s) who are the co-participants [.] with regard to word selection, topic selection, admissibility an ordering of sequences, options and obligations for starting and terminating conversation, etc.“ (Sacks et al. 1974: 727)Google Scholar
  15. 15.
    In 22 von 25 Fällen wird der Antrag vor irgendeiner Form von Live-Öffentlichkeit vollzogen — mal ist es die große anonyme Öffentlichkeit (wie im Musical), mal die kleine anonyme Öffentlichkeit (wie im Zoo), mal die große bekannte Öffentlichkeit (wir im Hörsaal), mal die kleine bekannte Öffentlichkeit (wie am Arbeitsplatz).Google Scholar
  16. 16.
    Vgl. die Bestimmung des Begriffs ‚Theatralität‘ bei Reithertz (1994: 392f.): „Theatrale Handlungen zielen nicht mehr allein darauf, ihr angestrebtes, instrumentelles Ziel zu erreichen [.], sondern sie wenden sich immer auch (also nicht ausschließlich) an ein anwesendes Publikum. Die Handlungslogik der theatralen Geste orientiert sich dann nicht mehr allein an der effektiven Zielerreichung, sondern auch (also nicht nur) an der gekonnten Darstellung seiner Darstellungshandlung.“Google Scholar
  17. 17.
    Im Datenmaterial fanden sich nur zwei Fälle: Bei dem bereits vorgestellten Antrag in der Kirche etwa wurde die Sitzbank als jene expliziert, auf welcher sich das Paar den ersten Kuss gegeben hat; bei dem Antrag auf der Insel Amrum wurde das kleine Iglu-Zelt, das der Antragsteller zur Dekoration des Antragssettings aufgebaut hat, als Andenken gekennzeichnet, das auf die vielfältigen Ausflüge nach Amrum in der Vergangenheit verweist.Google Scholar
  18. 18.
    Beispiele finden sich unter Kap. 2.5 und 2.6.Google Scholar
  19. 19.
    Auch wenn die zitierten Autoren (vgl. auch Anders 1984, Habermas 1976 und allgemein: Imhof/Schulz 1998) in ihren zeitdiagnostischen Analysen nicht konkret auf die Sendung Traumhochzeit Bezug nehmen, so steht m.E. außer Frage, dass eine Übertragung dieser kulturkritischen Thesen auf die Sendung nahe liegt. Die Kritik an „medienkommunikativen Obszönitäten“, „verfemter Indiskretion” oder „verbalem Exibitionismus“, die in einem Aufsatz von Jung/Müller-Doohm (1998) geäußert wird, richtet sich z.B. explizit an Programmformate mit dem Etikett ‚Affektfernsehen‘, unter welchem Bente und Fromm (1997) in einem gleichnamigen Band auch die Sendung Traumhochzeit führen.Google Scholar
  20. 20.
    Zu der strukturell bedingten ‚Unverträglichkeit‘ zwischen der Darstellung von Authentizität einerseits und der Darstellung von Zuverlässigkeit andererseits siehe auch Reichertz (1994).Google Scholar
  21. 21.
    In seltenen Fällen treten zwar idiosynkratische Bedeutungen hinzu, diese werden dann jedoch gemäß stark typisierter Deutungsschemata, die am gesellschaftlichen Wissen um typische Beziehungsgeschichten (,Ort des ersten Rendezvous’ etc.) anknüpfen, für den Zuschauer expliziert.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 2002

Authors and Affiliations

  • Nathalie Iványi

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