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Theatralisierung von Liebe in Beziehungsshows

Neue Tendenzen bei der (Re)Präsentation von ‚Liebe‘
  • Jo Reichertz
Chapter
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Part of the Erlebniswelten book series (ERLEB, volume 5)

Zusammenfassung

Bochum: In der ausverkauften Halle donnert der Starlight-Express wie in vielen Monaten zuvor seinem Sieg und der Liebeserfüllung entgegen. Heute ist das offizielle Ensemble erweitert: Ralf Z. zieht im passenden Outfit (Kostüm und Rollschuhe) mit rudernden Armen und wackligen Beinen einige Bahnen auf dem glatten Parkett, steuert dann Tanja S. an, die nichtsahnend im Publikum sitzt, kniet vor ihr nieder, erklärt dann, dass er sie liebe und zu heiraten wünsche. Liebeserklärung und auch Tanjas Reaktion sind nicht nur für die beiden zu hören, sondern erreichen über die Saallautsprecher auch die etwa 2.000 Zuschauer. Diese folgen dem Geschehen sichtlich wohlwollend — man applaudiert.

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Literature

  1. 1.
    Ich behandele hier also nicht die Fernsehshows, die vor allem aufgrund der Ausstellung des eigenen Alltagslebens und der dadurch erlangbaren Geldpreise das Schicksal der Kandidaten erheblich verändern — wie z.B. Big Brother, Geld.sFür Dein Leben,oder Expedition Robinson. In solchen Doku-Soaps müssen sich die Kandidaten/innen (meist zwischen 20 und 40 Jahren) in einer körperlich oder psychisch sehr schwierigen Situation bewähren. Davon zu unterscheiden sind die neuen (hier ebenfalls nicht diskutierten) Gewinnshows mit Anreizen von bis zu 1 Million Euro wie Wer wird Millionär? Zielen die Quizz-Shows auf die Ausspähung der kognitiven Kompetenzen der Kandidaten/innen und die öffentliche Dokumentation von Anspannung, Angst und Freude, so zeigen die neuen Reality-Shows, bei denen die Zuschauer im wahrsten Sinne des Wortes am Auswahl-Drücker sitzen, Körperlichkeit und Leistungsvermögen.Google Scholar
  2. 2.
    Zur Klarstellung: Luthe, Sennet, Trilling und Anders haben sich in ihren Arbeiten will auch nicht behaupten, die Autoren würden tatsächlich die hier untersuchten Formate — wie von mir hier unterstellt — bruchlos in ihre Zeitdiagnostik einfügen — ich will aber behaupten, dass man sehr schnell und sehr leicht diese Spielshows mit den hier zitierten Etiketten versehen kann.Google Scholar
  3. 3.
    Prostitution und Vergewaltigung sind in diesem Verstande keine verankerten Beziehungen.Google Scholar
  4. 4.
    Wenn im weiteren von ‚Liebe‘ gesprochen wird, dann ist immer eine gefühlsmäßige Bindung zwischen verschieden-und gleichgeschlechtlichen Paaren adressiert, nie jedoch die,Eltern-, Nächsten-, Feindes-oder Wahrheitsliebe’.Google Scholar
  5. 5.
    Für Jürgen Habermas liest sich die Sozialgeschichte dieses Gefühls so: “Erwachsen aus der Vereinigung der christlichen Erlösungsreligion mit den Prinzipien strenger Monogamie, kultiviert im ästhetischen Raffinement von Troubadouren und Minnesängern, verklärt im autistisch stilisierten Liebesprogramm des romantischen Kreises und schließlich vom europäisch-amerikanischen Großbürgertum rezipiert und durch die erotischen Klischeemaschinen des 20. Jahrhunderts allen Schichten vermittelt, prägt dieses Liebesideal die Eheerwartung zur Erwartung eines individuellen, eines einzigartigen, an einen bestimmten Partner gebundenen Glücks, das mit kurzfristigen und beliebig reproduzierbaren Lusterlebnissen angefüllt ist” (Habermas 1973: 46). Zur Entwicklung des Liebesideals und der Liebesheirat siehe auch Aries/Duby 1990, Elias 1983: 364ff., 1977, Bd. 1: 243ff., Luhmann 1984; Sold 1979, Lenz 1998a und auch Rebekka Habermas 2001.Google Scholar
  6. 6.
    Als Attribut wird ‚intim‘ seit dem 18. Jahrhundert in der Bedeutung von,innig, vertraut, eng befreundet’ verwendet. Die Substantivierung ‚Intimität‘ ist erst zwei Jahrhunderte alt. Seit ähnlich langer Zeit konnotiert das Adjektiv ‚intim‘ zunehmend mit Sexualität und unterschiedlich tabuisierten Körperregionen. ‚Intim‘ sind in der Regel auch die Zonen, die den Zugang zum Inneren des Menschen ermöglichen: Genitalbereich, Anus, auch Mund, Ohr und Nase. Allerdings unterliegt die Stärke der Tabuisierung historischem Wandel.Google Scholar
  7. 7.
    All dies sind keine universellen, sondern gesellschaftliche, d. h. auch an bestimmte Gruppen und Zeiten gebundene Normen, die in dieser speziellen Ausprägung bewirk(t)en, dass der einzelne sein Innerstes nicht in der Öffentlichkeit zeigt, sich mithin dem zusehenden und damit immer auch bewertenden, also normierenden Blick entziehen kann. Diese Normen drücken die (implizite) Vorstellung der Gesellschaft aus, wie das Verhältnis von Öffentlichkeit und Privatheit gestaltet sein soll.Google Scholar
  8. 8.
    Besonders hübsch ist folgende, mit vielen Herzchen gerahmte Anzeige aus der WAZ vom 9.8. 1997: “Hallo mein Traummann! Alles Liebe und Gute zu Deinem Geburtstag. Ich kann leider nicht bei Dir sein, und doch bist Du mir so nah und doch so fern. Zwischen den Zeilen sag ich’s Dir, denn direkt fällt’s mir so schwer. Ich liebe Dich, das muß jetzt raus, ich halt den Zustand nicht mehr aus. Dein Dich liebendes Verhältnis. P.S.: Ich liebe, brauche und will Dich!”Google Scholar
  9. 9.
    Neben diesen beiden Sendungen gibt es mittlerweile noch eine Fülle weiterer Shows, die von Kandidaten genutzt werden können, ihre gegenseitige Liebe medial aufbereitet anderen zur Erscheinung zu bringen. Die beiden hier genannten Shows sind jedoch in besonderer Weise relevant, da sie sehr viele Zuschauer und Bewerber haben und sehr deutlich auf die Praxis der Liebedarstellung im,realen Leben’ zurückgewirkt haben.Google Scholar
  10. 10.
    Hiermit korrespondiert m.E. auch das allmähliche Verschwinden der Hermeneutik aus den Kulturwissenschaften — im Übrigen nicht, weil die Frage, auf die sie eine Antwort darstellte, sich heute nicht mehr stellte. Im Gegenteil: sie stellt sich mehr denn je (Marquard 1981). Aber die für die Hermeneutik konstitutive Unterstellung ist gesellschaftlich suspekt geworden. Für Generationen, die von der Religion, dem Marxismus, der Psychoanalyse und auch dem Strukturalismus wesentlich geprägt waren, galt selbstverständlich und fraglos die Prämisse von der zweigeteilten Welt. Es gab immer eine Oberfläche und eine dahinter liegende ‚wirklichere‘ Welt: die Marionetten auf der Vorderbühne und die Fädenzieher im Hintergrund, die sichtbare Welt des Scheins und die steuernde Realität der Strukturen. Die daraus erwachsene Haltung des generellen Verdachts unterstellte, dass das Sichtbare nicht das Wirkliche ist (You cant judge a book by looking at ist cover). Hermeneutik war das Mittel, von der Oberfläche zum Kern zu gelangen, von der Fassade zur inneren Struktur des Baus, von der Ideologie zur Wahrheit, von der Verblendung zur Einsicht. Doch der Verdacht von der generellen Doppelbödigkeit scheint sich erledigt zu haben. Die Welt hat keine Tiefe mehr, denn das, was ist, zeigt sich an und in seiner facettenreichen Oberfläche (What you see is what you get). Die Zweiteilung der Welt ist einer Zersplitterung der Welt in Perspektiven gewichen — die Zentralperspektive ist verlorengegangen, statt dessen fasziniert die Multiperspektivität von Oberflächen.Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 2002

Authors and Affiliations

  • Jo Reichertz

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