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Die Traumhochzeit im Alltag

Zu den subjektiven Voraussetzungen theatralisierter Trauungen im Alltag
  • Nathalie Iványi
Chapter
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Part of the Erlebniswelten book series (ERLEB, volume 5)

Zusammenfassung

Wenn in der Sendung Traumhochzeit das letzte Spiel gespielt wurde, wenn das Siegerpaar sich dann hinter den Kulissen seine Hochzeitsgarderobe angelegt hat und wenn die Braut schließlich erhaben unter melodramatischer Musik auf einer großen Showtreppe in Erscheinung tritt, um getragenen Schrittes zu dem am Fuße der Showtreppe wartenden Bräutigam hinab zu schreiten, dann steht jener letzte Höhepunkt der Beziehungsshow an, welcher regelmäßig mit den höchsten Einschaltquoten belohnt wurde: die standesamtliche Trauung des Siegerpaares. Von 1992 bis ins Jahr 2000 konnten so an Sonntag- oder Samstagabendenden Millionen von Zuschauern dem Vollzug einer standesamtlichen Trauung beiwohnen.1

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Literatur

  1. 1.
    Die erste Traumhochzeit lief am 19. Januar 1992, die letzte am 27.5.2000. Die Sendung wurde im Produktionsstudio von Endemol in den Niederlanden (nahe Hilversum) produziert, vor einem etwa 200 Personen umfassenden (deutschen) Studiopublikum aufgezeichnet und jeweils in Staffeln mit bis zu 13 Folgen Sonntag abends (wöchentlich) bzw. seit 1998 Samstag abends (vier-bis sechswöchentlich) zum besten Sendetermin (20.15–22.00 Uhr) von RTL ausgestrahlt. Während die erste Staffel (Januar bis April 1992) durchschnittlich von 8,43 Mio. Zuschauern und die zweite (November 1992 bis März 1993) von durchschnittlich 9,22 Mio. verfolgt wurde, nahm die Einschaltquote in den nachfolgenden Staffeln und Jahren zwar langsam ab (vgl. Reichertz 2000: 133), doch sind auch nach acht Jahren in der letzten Staffel (Oktober 1999 bis Mai 2000) immerhin noch durchschnittlich 3,74 Mio. Zuschauer (durchschnittlicher Marktanteil: 13,14%) der Sendung treu geblieben. Im Gesamtverlauf der Sendung erzielte die Zusammenführung des Brautpaares am Fuße der Showtreppe die höchsten Einschaltquoten, dicht gefolgt von der Trauungsszene (vgl. Reichertz 2000: 143).Google Scholar
  2. 2.
    Die Familiensoziologien Nave-Herz resümiert anlässlich einer 1991 abgeschlossenen empirischen Studie zur standesamtlichen Trauungspraxis im Alltag: „daß die speziellen Zeremonien, die die Verbindung des Paares symbolisieren, der Kirche weiterhin überlassen bleiben“ (1997: 51). Bis einschließlich 1991 gilt dieser Studie zufolge also, „daß der Staat — selbst in den stark säkularisierten Teilen der (alten) Bundesrepublik wie in Norddeutschland — das Ritenmonopol der Hochzeit in Form eines Festaktes der Kirche überlassen hat” (1997: 53). Auch stellt Nave-Herz bezüglich der Beurteilung standesamtlicher Trauungen durch die jeweiligen Brautpaare fest: „Zusammenfassend bleibt festzuhalten, daß die Eheschließenden durch die bürokratische Nüchternheit der standesamtlichen Trauung diese Hochzeit lediglich als einen bürokratischen Akt wahrnehmen“ (ibid.).Google Scholar
  3. 3.
    Erlebnisorientierung kann sich zum Beispiel sowohl durch traumhochzeitliche Trauungen als auch durch eine Fernhochzeit auf den Malediven oder aber eine ‚Abenteuerhochzeit‘ im Heißluftballon verwirklichen.Google Scholar
  4. 4.
    Diese Spezifikation ist deswegen notwendig, weil die Frage, ob tatsächlich traumhochzeitlich charakterisierbare Gestaltungen der Trauung vollzogen wurden, auch von Bedingungen abhängig ist, die nicht von den Brautpaaren ‚verantwortet‘ werden, die also nichts damit zu tun haben, ob traumhochzeitliche Gestaltungsformen aus der Perspektive der Brautpaare überhaupt Sinn machen. Treffen Brautpaare bspw. auf Standesbeamte, die nicht bereit, willens oder in der Lage sind, eine traumhochzeitliche Gestaltung zu ermöglichen, so hat die Konsequenz, dass entsprechend keine traumhochzeitliche Trauung vollzogen wurde, nicht mit der — hier interessierenden — subjektiven Anschlussfähigkeit der medialen Vorlage in den Augen der Brautpaare, sondern mit der objektiv fehlenden Chance zu tun, eine solche Anschlussfähigkeit alltagspraktisch wirksam werden zu lassen. Hier sollen demnach jene, nur auf Seiten der Brautpaare verfolgten Deutungs-und Handlungslogiken thematisiert werden, welche gemessen an den Anforderungen an traumhochzeitliche Gestaltungen von Trauungen als notwendig wirksame Sinnsysteme rekonstruiert werden können.Google Scholar
  5. 5.
    Genauere Darstellungen, Begründungen und Implikationen dieses Verfahrens finden sich bei Schütze (1987), siehe auch Flick (1995) und Lamnek (1995).Google Scholar
  6. 6.
    Gründlich gescheitert sind so unsere Versuche, über mehrfach geschaltete Anzeigen, Radioaufrufe, Aufrufe innerhalb von Zeitungsartikeln und durch Aushänge an verschiedenen Orten sozialer Treffpunkte Brautpaare für ein Interview zu gewinnen.Google Scholar
  7. 7.
    Die sich in den ersten, extensiv interpretierten Sequenzen herausbildende ‚Selektions-struktur‘ dessen, was aus der Perspektive des Befragten als relevant und sinnhaft erscheint, wurde sodann dazu genutzt, die weiteren Passagen des Interviews verstehend zu deuten und die bislang entwickelte Lesart gegebenenfalls zu ergänzen, zu modifizieren oder auch grundlegend zu überarbeiten. Auf diese Weise kann schließlich durch die rekonstruierte Typik des Falles eine Verdichtung der verschiedenen Erzählungen der Interviewten zum Zwecke einer ‚Zusammenfassung‘ des Interviews vorgenommen werden.Google Scholar
  8. 8.
    Da nunmehr verhältnismäßig viele Interviewpassagen wiedergegeben werden, wurden die Passagen zur Vereinfachung des Leseflusses mit einer an den allgemeinen gram- matischen Interpunktionsregelungen orientierten Zeichensetzung überarbeitet. Ansonsten gelten die in diesem Band im Aufsatz von Ivânyi,Außerordentliches Verstehen — Verstehen des Außerordentlichen’ dargelegten Transkirptionsregeln.Google Scholar
  9. 9.
    Die ‚Teilnahme‘ auch der sechs Monate alten Tochter unterbrach immer wieder mal das Interview für ein paar Sekunden, zudem führte ihr Geschrei in der Transkription dazu, dass mehrere Stellen unklar bleiben — sie waren dies teilweise auch in der Interviewsituation selbst.Google Scholar
  10. 10.
    Wer diesbezüglich Zweifel hegt, sollte sich mal fragen, unter welchen Umständen eine solche Reaktion ‚erlaubt‘ bzw. nicht ‚erlaubt‘ ist.Google Scholar
  11. 11.
    Um den Darstellungsfluss nicht zu unterbrechen, wurde in der Passage zuvor unerwähnt gelassen, dass sich eine gewisse Redekompetenz und auch ein entsprechender Anspruch diesbezüglich in dem Abschnitt mit dem Heiratsantrag andeutete: „ach ja, mit dem Heiratsantrag (1.0) kam’s dazu“. Nachdem er seinen Einfall hervorgebracht hat, hält er inne und bindet diesen Einfall schließlich an das von der Interviewerin vorgegebene Fragevokabular (wie kam es?) an, um den Satz a) zu vervollständigen und b) den Bezug zu der Frage explizit herzustellen.Google Scholar
  12. 12.
    Das, was Gregor hier betreibt, könnte man im Englischen sehr schön mit,to patronise’ beschreiben. Das deutsche Wort ‚bevormunden‘ drückt diesen Sachverhalt zu einseitig negativ aus, beinhaltet zu wenig,väterliche Weitsicht und zu wenig liebevolle ‚Bemutterung‘.Google Scholar
  13. 13.
    Diese Rücksichtnahme zeigt sich nicht nur an seinen unermüdlichen Einfühlungen in das Innere seiner Frau, der liebevollen Anrede „Melia“ etc., sondern z.B. auch formal an der von ihm vorgenommenen Korrektur „se, sie”. Unter diesem Blickwinkel könnten auch seinen langwierigen Rekonstruktionsversuche bezüglich der Dauer des Zusammenseins und einander Kennens Ausdruck dieser Rücksichtnahme sein. Wenn Melanie solche Dinge in der Tat sehr ernst nimmt, darf auch er sich als hingebungsvoller Mann nicht darüber lapidar hinweg setzten.Google Scholar
  14. 14.
    Gregor und Melanie haben sich übrigens auch bei der Sendung Flitterabend beworben und sind dort immerhin bis zum Casting vorgedrungen.Google Scholar
  15. 15.
    Gregor käme auch nie auf die Idee, einen teueren Mercedes S-Klasse oder Jaguar für die kirchliche Zeremonie zu mieten, da man diese Autos ja täglich auf der Straße sieht.Google Scholar
  16. 16.
    So stellen Melanie und Gregor fest:Google Scholar
  17. 17.
    Dies geht aus Interviews mit Kandidaten der Sendung hervor. Aber auch der Zuschauerpost ist zu entnehmen (vgl. Reichertz 1993: 365), dass diese Treppenszene für viele Zuschauer den Höhepunkt der Sendung markiert. Mit ‚Treppenszene‘ ist jener Teil der Sendung Traumhochzeit gemeint, bei welchem das Siegerpaar erstmals sich und der Öffentlichkeit in der Hochzeitskleidung präsentiert.Google Scholar
  18. 18.
    Gleichwohl: Letztlich stellt sich Gregor im Interview immer wieder als Inszenierer für Melanie dar. „Dass Mella das gerne hätte“, heißt es ja bereits zu Beginn der Interviews im Zusammenhang mit der Begründung des ganzen „Heiratstheaters”, bzw. „dass die Mella da gerne mitmachen würde“, war die Begründung für die Bewerbung bei der Sendung Traumhochzeit (s.o). Gregor referentialisiert seine aufwendigen Inszenierungsmaßnahmen somit dadurch, dass er Melanie — die beide Male auf diese Zuschreibung nicht reagiert (weder zustimmend, noch ablehnend) — ein Bedürfnis nach theatralen Handlungspraktiken unterstellt.Google Scholar
  19. 19.
    Quasi-Kirchlich’ bezieht sich auf einen Fall, in welchem das Brautpaar ursprünglich mit einem freien Theologen, später dann aber ohne ihn eine Zeremonie im Anschluss an die standesamtliche Trauung vollzogen hat, die im Ablaufmuster an der kirchlichen Trauung orientiert war (s.u.). anders zelebriernGoogle Scholar
  20. 20.
    I = Interviewern, K = Kerstin, S = StefanGoogle Scholar
  21. 21.
    Wenn man sich in der entsprechenden ratgebenden Literatur umsieht, kann man natürlich erfahren, dass es durchaus Standesämter gibt, die eine ausgesprochen große Teilnehmerzahl zulassen. Dazu muss man dann allerdings bereit sein, die Trauung gegebenenfalls viele Kilometer entfernt in einer ‚fremden‘ Stadt vorzunehmen. In diesem Aufsatz soll jedoch auf die institutionellen Bedingungen traumhochzeitlicher Trauungen im Alltag nicht eingegangen werden (vgl. Ivânyi 2002). Was zählt, ist hier schließlich nur die subjektive Perspektive der Brautpaare, die, wie im Fall des Brautpaares N., durch,teilnehmende Beobachtung’ bei Trauungen im Freundeskreis ein spezifisches Wissen um die standesamtliche Trauungsrealität entwickelt haben.Google Scholar
  22. 22.
    I = Interviewerin, D = Daniela, B = BerndGoogle Scholar
  23. 23.
    Dieses Interview konnte bedauerlicherweise nicht, wie ursprünglich abgesprochen, mit beiden Ehepartnern geführt werden, weil zum vereinbarten Interviewtermin nur Paul Zeit finden konnte. Bedauerlich ist dieser Umstand deswegen, weil — seinen eigenen Angaben zufolge — nicht er, sondern seine Frau Evelin und ihre Familie die Planung und Organisation der Hochzeit weitgehend eigenständig bestritten haben, so dass Paul zu vielen Nachfragen von uns keine Antwort zu geben vermochte. Von allen von uns untersuchten Fällen ist es dieses Paar, das am deutlichsten den Versuch einer alltagspraktischen Reproduktion traumhochzeitlicher Gestaltungslogiken verwirklicht hat (s.u.).Google Scholar
  24. 24.
    Manche Inkompatibilitäten entstammen natürlich nicht den ureigentlichen Normalitätsvorstellungen der Paare, sondern den Erfahrungen, die Brautpaare mit den Standesämtern (z.B. bei der Anmeldung) gemacht haben.Google Scholar
  25. 25.
    I = Interviewerin, J = Jasmin, B = Boris.Google Scholar
  26. 26.
    Auch schon zu einem früheren Zeitpunkt stellt das Paar, das sich soeben von den „übertriebenen“ und „spießigen” Darstellungen von Trauungen in der Ratgeberliteratur distanziert hat, fest:Google Scholar
  27. 27.
    Im gleichen Atemzug, in welchem erklärt wird, was für ein Brautkleid (weiß, schlicht, lang, kurze Schleppe) Kerstin sich ausgesucht hat, wird es — distanzierend — als „eigentlich volkswirtschaftlich größte Verschwendung“ [Z. 580] bezeichnet. Der Interviewerin gegenüber wird so angezeigt, dass man sich von den mit der Wahl und dem Gebrauch eines solches Kleides — wie Goffman (1982: 183) es ausdrückt — „unerwünschten charakterologischen Implikationen” zu distanzieren sucht. Nichtsdestotrotz: Das Paar selbst (hier die Braut) hat eben diese Wahl getroffen und diesen Gebrauch somit nicht nur,in Kauf’ genommen, sondern offenbar auch gewünscht.Google Scholar
  28. 28.
    Welche ‚Ecken‘ auch immer gemeint sein können, das Video wurde jedenfalls — ziemlich klassisch und keinesfalls unerwartet bzw. ungewöhnlich — von den Brauteltern arrangiert. Die ‚Ecken‘ beziehen sich demnach vermutlich auf den Freundeskreis. Dem Freundeskreis gegenüber hat das Paar somit frühzeitig ein spezifisches Bild der Selbstdeutungen vermittelt, nämlich dass ‚man‘ auf Künstlichkeiten und Spießigkeiten einer Videoaufzeichnung gut verzichten kann.Google Scholar
  29. 29.
    Ähnlich verhielt es sich beim Brautpaar B., das auf dem Standesamt von vielen Freunden und Kollegen überrascht wurde, die offiziell nur zu dem zwei Tage später stattfindenden Frühschoppen eingeladen waren. Nach der Trauung (im kleinen Kreise) standen draußen vor dem TrauzimmerGoogle Scholar
  30. 30.
    Sämtliche ‚Hms und jas‘ der Interviewer sind in der Wiedergabe ausgelassen worden.Google Scholar
  31. 31.
    Die Ringe sind zuvor von einem ‚echten‘ Pastor gesegnet worden. Als Datum ist der Tag dieser quasi-kirchlichen Trauung eingraviert.Google Scholar
  32. 32.
    Seit 1997 gibt es in der Sendung Traumhochzeit ein eben solches Ritual, das — so der dort praktizierende Standesbeamte Willi Weber — von der Produktionsgesellschaft ‚erfunden‘ wurde. In der Sendung heißt dieses Element ‚Treueversprechen‘: Die Paare müssen während der Trauzeremonie vor dem Jawort einander (händchenhaltend) sagen, warum und wie sehr sie sich lieben. Auch sie gebrauchen dabei regelmäßig ‚vor-getextete‘ Ansprachen.Google Scholar
  33. 33.
    Hier hat das Paar sich die Mühe gemacht, rechtzeitig die standesamtliche Trauung im Schloss zu organisieren, einen 12 Personen umfassenden Verwandten-und Freundeskreis zur Trauung einzuladen, die Autos mit ‚Schleifen‘ auszuschmücken, sich selbst in erkennbare Hochzeitsgarderobe (weißes Etui-Kleid, dunkler Anzug) mit entsprechend aufwendigen hochzeitlichen Präparierungen (Rosen im hochgesteckten Haar, blaues Strumpfband etc.) zu hüllen, von einem professionellen Fotografen diese außerordentliche Aufmachung zu konservieren etc. Aber alle Maßnahmen sollten dennoch darauf abgestimmt sein, dass man letztlich ‚nur‘ standesamtlich geheiratet hat.Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 2002

Authors and Affiliations

  • Nathalie Iványi

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