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Sozial- und gesundheitspolitische Schlussfolgerungen

  • Claus Wendt
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Zusammenfassung

Anhand des Vergleichs von Daten, die Aufschluss über das Vertrauen der Bevölkerung in ihr Gesundheitssystem geben, wird deutlich, dass nicht notwendigerweise das System mit dem größten Budget die höchsten Vertrauens-bzw. Zufriedenheitswerte erhält und auch nicht das System mit der höchsten Personaldichte oder dem höchsten Grad an Wahlfreiheiten für Patienten. Die mit Abstand höchste Zustimmung erhielt nach den Eurobarometer-Daten von 1996 das dänische System, das insbesondere in den letzten Jahren eine eher moderate Kostenentwicklung aufwies und den Anteil der Gesundheitsausgaben in Prozent des BIP seit Anfang der 1980er Jahre deutlich senken konnte. Bemerkenswert ist am dänischen Fall der späte Wechsel von einem beitragsfinanzierten gesetzlichen Krankenversicherungssystem zu einem steuerfinanzierten nationalen Gesundheitssystem Anfang der 1970er Jahre. Die Akzeptanz des neuen Gesundheitssystems wurde in den ersten Jahren nach dieser Strukturreform durch einem Zuwachs an Ressourcen gefördert, und erst nach Abschluss einer Übergangsphase von etwa 10 Jahren wurden die neuen gesundheitspolitischen Kompetenzen für eine Stabilisierung der Gesundheitsausgaben genutzt. Charakteristisch für das dänische System ist, dass der überwiegende Teil der Verantwortung für die Gesundheitsversorgung bei gewählten politischen Repräsentanten auf regionaler und lokaler Ebene liegt. Diese enge Verbindung zwischen Patienten und Entscheidungsträgern dürfte zu einer Stärkung des Vertrauens in das System der Gesundheitsversorgung beigetragen haben. Außerdem wird die These gestützt, dass die enge Vernetzung der einzelnen Gesundheitssektoren, durch die Patientinnen und Patienten in den Einrichtungen versorgt werden, die ihren Bedürfnissen am ehesten entsprechen, das Vertrauen in das System zusätzlich gefestigt hat. Die niedrigsten Zufriedenheits-und Vertrauenswerte erfährt ebenfalls ein nationales Gesundheitssystem. Mehr als 40% der britischen Bevölkerung sind mit dem NHS unzufrieden, und weniger als 15% vertreten die Auffassung, dass das Gesundheitssystem im großen und ganzen gut funktioniere (in Dänemark sind es 55%). In Verbindung mit den Eurobarometer-Daten zeigt die vergleichende Institutionenanalyse ein Hauptdefizit des britischen NHS: Die Ressourcen, die für die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung aufgewendet werden, sind in Großbritannien auf einem zu niedrigen Niveau. Der Anteil der Gesundheitsausgaben am BIP beträgt weniger als 7%, und mit durchschnittlich 1.500 Euro pro Einwohner und Jahr liegen die Gesundheitsausgaben weit unter denen der anderen drei Länder. Mehr als 80% der befragten Britinnen und Briten äußerten, dass mehr Geld für die Gesundheitsversorgung ausgegeben werden sollte, und etwa ein Drittel von ihnen würde dafür Beitrags-oder Steuererhöhungen in Kauf nehmen. Die niedrigen Akzeptanzwerte des britischen Gesundheitssystems sind außerdem ein Indikator dafür, dass die neuen marktwirtschaftlichen Anreize dazu beigetra-gen haben, dass eine positive Orientierung an der ursprünglichen Leitidee des britischen Systems (Gleichheit der Zugangschancen) geschwächt wurde, ohne dass für die Bürgerinnen und Bürger gleichzeitig positive Ergebnisse dieser Reformen spürbar wurden. Gemessen an den Zufriedenheitswerten des Eurobarometer-Datensatzes befinden sich die gesetzlichen Krankenversicherungssysteme zwischen diesen beiden Polen. Es ist allerdings zu betonen, dass trotz hoher Gesundheitsausgaben nur ein geringer Teil der Bevölkerung mit dem jeweiligen Gesundheitssystem sehr zufrieden ist (12,8% in Deutschland; 17,0% in Österreich). Außerdem spricht sich nur eine Minderheit für Ausgabenerhöhungen im Gesundheitssystem aus (25,7% in Deutschland; 16,4% in Österreich). Diese Werte sprechen gegen die Annahme, dass in beitragsfinanzierten Systemen die Akzeptanz von Ausgabensteigerungen aufgrund des direkten Zusammenhangs von Beiträgen und Leistungen höher sei als in steuerfinanzierten Systemen. Vielmehr ist in den nationalen Gesundheitssystemen eine höhere Solidaritätsbereitschaft zu erkennen, die — und dieses Ergebnis ist insbesondere für Großbritannien von Bedeutung — auch die Akzeptanz von Ausgabenerhöhungen einschließt.

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Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 2003

Authors and Affiliations

  • Claus Wendt

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