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Plädoyer für einen Verzicht auf den Begriff der Repräsentation in den Theologischen und Religionskundlichen Disziplinen

  • Carsten Colpe
Part of the Grenzüberschreitungen book series (GRENZ, volume 2)

Zusammenfassung

1. Keine wissenschaftliche Nomenklatur von einigem Anspruch1 dürfte ein Wort enthalten, das mit gleicher Selbstverständlichkeit zu ihr gehört wie »Repräsentation«. Mehr noch, nach allen in Frage kommenden Nomenklaturen weist dieses Wort nahezu immer auf denselben, gleichbleibender Benennung bedürftigen Gegenstand oder Sachverhalt hin: so in der Philosophie (methodologisch besonders in der Erkenntnistheorie, inhaltlich, natürlich jeweils ganz anders, in der scholastischen Metaphysik und in der neukantianischen Kulturanalyse), auch in der Politikwissenschaft, in der Jurisprudenz (besonders im Staats- und im Bürgerlichen Recht), sehr reich in der Geschichtswissenschaft und ganzen Domänen der ihr anvertrauten Gegenstände2, von da aus noch heute in der Soziologie, in der Psychologie und lange Zeit auch in (eher der katholischen als in) der (evangelischen) Theologie3. Konstruiert man nicht die innere Notwendigkeit nach, mit der es immer wieder zur Verwendung dieses Begriffs kommt, sondern nimmt ihn als eigene, Sinn erzeugende und verbreitende Entität, dann ist seine Rolle auf Übereinstimmung und Harmonie zwischen den Wissenschaften angelegt, positiv und eindeutig, wie nur ein Einzelner sie spielen kann. Die 63 Spalten mit dichtem Text, die im Historischen Wörterbuch der Philosophie (vgl. Scheerer u.a. 1992) diesem Stichwort zugebilligt wurden4, sollen das gewiß bestätigen, würdigen und damit jedermann ermutigen, den stets willfährigen Begriff fleißig weiter zu verwenden. Gleichzeitig aber macht dies den sicher unbeabsichtigten Eindruck, daß die beteiligten Philosophen mit einem in der Luft liegenden Bedürfnis nach Eindämmung der Verwendungsflut rechnen und einen dadurch verursachten, regelrechten Stillstand der Produktion der für Weiterbau und Reparaturen am Haus des Geistes doch auf ewig unentbehrlichen Denkbausteine befürchten. Da will dieser Beitrag einen diskutablen Nutzen ermitteln helfen, den die Theologie z. Zt. vom Repräsentationsbegriff haben oder entbehren könnte. Bemerkungen zur Religionsgeschichte, die manchmal die Problematik der Theologie teilt und manchmal ihre eigene hat, sind jeweils angehängt.

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1999

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  • Carsten Colpe

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