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Schopenhauer, Nietzsche, Beckett: Zur Krise der Repräsentation in der Moderne

  • David E. Wellbery
Part of the Grenzüberschreitungen book series (GRENZ, volume 2)

Zusammenfassung

Für den Literaturwissenschaftler hat die Infragestellung — oder gar die Krise — des Repräsentationsbegriffs, die in unseren Tagen wohl ihre gültigste und einflußreichste Formulierung durch die dekonstruktivistische Philosophie Jacques Derridas erhalten hat, kaum Neuigkeitswert. Sie gehört vielmehr zu den Konstanten der Moderne, und zwar mit solcher Evidenz, daß man geneigt ist, zumindest aus literarhistorischer Perspektive, Moderne überhaupt als Dauerkrise der Repräsentation zu bestimmen. Diese Dauerkrise hebt an mit der Verabschiedung des hergebrachten Mimesiskonzepts durch die Romantik. Daß diese Verabschiedung nicht ohne schlechtes Gewissen geschah und sich gleichsam über sich selber erschrak, daß sie mit anderen Worten Krisensymptome auslöste, zeigen die Gespenster und Doppelgänger, die die Texte der Romantiker bevölkern. Diese sind als Figurationen der Eigenmacht und Eigenrealität eines von jeglichem Außenhalt freigesetzten künstlerischen Mediums zu verstehen. Theoretisch gab es freilich Versuche, die Krise zu überwinden. Als besonders durchsetzungsfähig erwies sich das romantisch-idealistische Geisteskonzept, dessen Funktion darin bestand, die Rekursivität des freigesetzten Mediums rückzubinden an ein Gesamtsubjekt, das als sich progressiv zur Darstellung bringend gedacht wurde. Mit anderen Worten: man rettete die Repräsentation durch Temporalisierung. Selbst Friedrich Schlegel denkt die uferlose Verschiedenheit literarischer Formen und Stilrichtungen als gesetzmäßige Entfaltung einer Setzung seitens eines transzendentalen Urdichters, der dann am unendlich aufgeschobenen Ende des historischen Prozesses mit seiner Selbstdarstellung zusammenfiele. Bis dahin mußte man sich mit Ironie, die das Bewußtsein des Bruches zwischen Selbst und Darstellung markiert, begnügen. Adäquate Repräsentation gab es also für Schlegel noch, aber nur als uneinholbar künftige. Die viel diskutierte Krise der Geisteswissenschaften hängt vermutlich damit zusammen, daß diese romantische Lösung heute nicht mehr greift.

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Literatur

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Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1999

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  • David E. Wellbery

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