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Recht auf Glück? Pragmatisches Glücksstreben und heroische Glücksverachtung

  • Georg Kamphausen
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Zusammenfassung

Das Menschenrecht, nach Glück zu streben, ist in Europa unbekannt. In keiner europäischen Verfassungsurkunde ist von ihm die Rede, in keiner unserer klassischen Tafeln der Menschen- und Bürgerrechte kommt es vor. Die Menschenrechte oder fundamentalen Bürgerrechte haben in Europa andere Namen: Freiheit, Eigentum, Sicherheit und Widerstand gegen Unterdrückung, das sind die vier natürlichen und unabdingbaren Menschenrechte, wie sie im zweiten Artikel der „Déclaration des Droits de l’Homme et du Citoyen“ von 1789 aufgeführt sind. Und doch gehört auch diese Formel vom “pursuit of happiness” in den Zusammenhang einer großen Revolution3. Sie ist amerikanisch. Nur hier und nirgends sonst finden sich die berühmten Wendungen: „Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich: daß alle Menschen gleich geschaffen sind, daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind, daß dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören; daß zur Sicherung dieser Rechte Regierungen unter den Menschen eingerichtet werden, die ihre rechtmäßige Macht aus der Zustimmung der Regierten herleiten; daß, wenn irgendeine Regierungsform sich für diese Zwecke als schädlich erweist, es das Recht des Volkes ist, sie zu ändern oder abzuschaffen und eine neue Regierung einzusetzen und sie auf solchen Grundsätzen aufzubauen und ihre Gewalten in der Form zu organisieren, wie es zur Gewährleistung ihrer Sicherheit und ihres Glückes geboten zu sein scheint“4.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Dorothy Thompson: The Right to Happiness, in: Ladies’Home Journal, vol. LVIII, april J941, S. 6Google Scholar
  2. 2.
    J.St. Mill: Der Utilitarismus, Stuttgart 1985, S. 18Google Scholar
  3. 3.
    vgl. hierzu und im folgenden die Ausfiihrsngen von Dolf Sternberger: Das Menschenrecht nach Glück zu streben, in ders.: Ich wünschte ein Bürger zu sein, Frankfurt/Main, S. 131147; eine übersichtliche Darstellung der Menschenrechtserkläningen bietet die Textauswahl von Bruno H. Reifenrath (Hg.): Philosophia Propaedeutica, Frankfurt/Main 1988; einschlägig die Aufsatzsammlung von Roman Schnur (Hg.): Zur Geschichte der Erklärung der Menschenrechte, Darmstadt 1964; ferner den (allerdings auf philosophische und theologische Stimmen beschränkten) Überblick bei J.Ritter, O.H.Pesch und R.Spaemann, Art. “Glück, Glückseligkeit”, in. J.Ritter (Hg.): Hist. Wb. der Phil, Bd.3, Basel, Stuttgart 1974, Sp. 679ff. Aufschlußreich fir die hier behandelte Problematik ist ebenfalls V.Sellin, Art. “Politik”, in: O.Brunner, W.Conze, R.Koselleck (Hg.): Geschichtliche Grundbegriffe, Bd.4, Stuttgart 1978, S. 788ff. Vgl. ferner J.C. Murray: We Hold These Truths, New York 1964Google Scholar
  4. 4.
    Decl. of Independence vom 4.Juli 1776; daß es sich dabei um ein auch heute noch aktuelles amerikanisches Bürgerrecht handelt, laßt sich bei Robert N.Bellah nachlesen, dessen vielgelesenes Buch “Habits of the Heart. Individualism and Commitment in American Life” (New York 1985) mit einem Kapitel über den “Pursuit of Happiness” (S. 3–26) beginnt. Ein weiterer soziologischer “Klassiker” zu diesem Thema ist Thorstein Veblens “Theorie der feinenGoogle Scholar
  5. 5.
    Leute“ (dt.: Köln, Berlin 1965), dessen elftes Kapitel vom Glauben an das Glück handelt (S.;64ff.).Google Scholar
  6. 6.
    Wilhelm Hennis: Zum Problem der deutschen Staatsanschauung, in ders.: Politik als praktische Wissenschaft. Aufsätze zur politischen Theorie und Regierungslehre, München 1968, S. 19f. Hannah Arendt schrieb: “To the extent that there is such a thing as an American frame of mind, it certainly has been deeply influencedchrw(133) by this most elusive of all human rights”, a.O., S. 1 (vgl. Fn. 9)Google Scholar
  7. 7.
    Whateley wurde im Jahre 1831 zum Erzbischof von Dublin ernannt; das Zitat ist dem Buch von Howard Mumford Jones: The Pursuit of Happiness, Harvard University Press 1953, S. entnommen. zit. nach Dolf Sternberger, a.a.O., S. 135Google Scholar
  8. 8.
    Das verweist auf den berühmten Ausspruch Carl Beckers, der gemeint hat, daß die Größe der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung darin bestehe, daß sie “an argument in support f an action” sei.Google Scholar
  9. 9.
    vgl. hierzu Hannah Arendt: “chrw(133)for ‘public happiness’ meant a share in the ‘government of affairs, that is, in public power, as distinct from the generally recognized right to be protected by the government even against public power”; Hannah Arendt: Action and the ‘Pursuit of Happiness’, in: Alois Dempf u.a. (Hg.): Politische Ordnung und menschliche Existenz. Fest-shrift für Eric Voegelin zum 60. Geb., München 1962, S. 1–16, hier S. 11Google Scholar
  10. 10.
    so Wolfgang Kersting in seinem lesenswerten Machiavelli-Buch, München 1988; vgl. hierzu auch J.Ritter: Das bürgerliche Leben. Zur aristotelischen Theorie des Glücks, in ders.: Metaphysik und Politik, Frankfurt/Main 1969, S. 57ff.Google Scholar
  11. 11.
    Kersting, S. 106Google Scholar
  12. 12.
    vgl. hierzu ausführlich R.Koselleck: Kritik und Krise. Eine Studie zur Pathogenese der bpp’rgerlichen Welt, Frankfurt/Main 1973Google Scholar
  13. 13.
    Die wissenschaftliche Selbstaufklärung der amerikanischen Gesellschaft wird daher nicht im Kontext von Staatswissenschaft oder Staatsrechtslehre, sondern vielmehr im disziplinären Zusammenhang der Sozialwissenschaften betrieben, die man auch alsGoogle Scholar
  14. 14.
    Demokratiewissenschaften“ bezeichnet hat. 4 ausfuhrlich hierzu C.B. Macpherson: Die politische Theorie des Besitzindividualismus, Frankfurt/Main 1973, insbesondere S. 219ff.Google Scholar
  15. 15.
    dazu das lesenswerte Buch von Günther Nonnenmacher: Die Ordnung der Gesellschaft, Weinheim 1990, S. 71ff.Google Scholar
  16. 16.
    Thomas Paine: Common Sense, Stuttgart 1982 (zuerst orig. 1776 )Google Scholar
  17. 17.
    vgl. hierzu auch Richard Ph. Kremer: Glück als Grundprinzip einer Nation, dargestellt in Erziehungsschriften aus den USA um 1800, in: R.Sprenger und H.Kraft (Hg.): Glück undGoogle Scholar
  18. 18.
    Schlüsselbegriffe menschlichen Lebens, Paderborn 1983, S. 124–140 dies ist ein Ausdruck von Max Lerner: Amerika. Wesen und Kultur, Frankfurt/Main 1960, ~ 260Google Scholar
  19. 19.
    vgl. hierzu Georg Kamphausen: Das Bekenntnis zur Selbst-Evidenz. Über das Verhältnis von Politik und Religion in den Vereinigten Staaten von Amerika, in: Hans Thomas (Hg.): A,lnerika. Eine Hoffnung, zwei Visionen, Köln 1991, S. 251–290Google Scholar
  20. 20.
    Das Urteil Konrad Adams, daß der Hinweis auf die Selbst-Evidenz des von allen Menschen erstrebten Glücks der Feder eines naiven Utilitaristen entsprungen sei, der eine saloppe und unwissenschaftliche Formulierung gewählt habe, damit sich seine Mitbürger ihren eigenen Reim darauf machten, entspricht den gängigen Klischees eines durch Kenntnis der ideengeschichtlichen Tatsachen nicht weiter getrübten Ressentiments. Über den Satz: “Happiness is no laughing matter” kann man daher nur aus einer idealistisch erleuchteten Perspektive höherer Ordnung wirklich lachen (vgl. Konrad Adam: Raubritter des Glücks, in: FAZ vom 3.1.1992, Nr. 2, S. 21 )Google Scholar
  21. 21.
    vgl. hierzu Franz H.Link: Schlüsselbegriffe der Autobiographie Benjamin Franklins, in ders. (Hg.): Amerika. Vision und Wirklichkeit, Frankfurt/Main, Bonn 1968, S. 26–40; sowie fejner Herbert W.Croly: The Promise of American Life, Cambridge, Mass. 1965Google Scholar
  22. 22.
    zit. nach Werner Trutwin (Hg.): Glück und Heil, Reihe Theol. Forum, Heft 13, Düsselkrf 1972, S. 30Google Scholar
  23. 23.
    Alexis de Tocqueville: Ober die Demokratie in Amerika, München 1974, S. 619Google Scholar
  24. 24.
    zit. nach Manfred Henningsen: Das Amerika von Hegel, Marx und Engels, in: Zeitschrift tr Politik, 1973, S. 224–251, hier S. 228Google Scholar
  25. 25.
    zit. nach Wolfgang Wagner: Das Amerikabild der Europäer, in: Karl Kaiser und H: pSchwarz (Hg.): Amerika und Westeuropa, Stuttgart, Zürich 1977, S. 17–28, hier S. 24Google Scholar
  26. 26.
    Trotz des schlechten Gewissens, das seit Kant vorwiegend deutsche Philosophen zu belasten pflegt, die sich mit dem Glück befassen, hat das Glück inzwischen, insbesondere unter dem Namen “Lebensqualität”, wieder an akademischer Dignität gewonnen. Jenseits der soziologischen Bedürfnisforschung ist allerdings immer noch die Angst verbreitet, bei der Beschreibung des Glücks auf die Gosse gehen zu müssen, indem man sich mit den bloß physiWren Glückserwartungen, dem kleinen Glück der kleinen Leute beschäftigt.Google Scholar
  27. 27.
    Die Weltgeschichte ist nicht der Boden des Glücks. Die Perioden des Glücks sind leere Blätter in ihr. Glücklich ist derjenige, welcher sein Dasein seinem besonderen Charakter, Wollen und Willkür angemessen hat und so in seinem Dasein sich selbst genügt“; zit. Nach twin, a.a.O., S. 30Google Scholar
  28. 28.
    zit. nach Henningsen, a.a.O., S. 233Google Scholar
  29. 29.
    Max Scheler: Schriften zur Soziologie und Weltanschauungslehre, Bern, München 1963, §ó51f.Google Scholar
  30. 30.
    vgl. hierzu insbesondere das leider in Vergessenheit geratene Buch von Hugo Ball: Die Folgen der Reformation, München 1924; von Oscar Wilde stammt die treffende Feststellung, daß es sich bei der von Kant vorgestellten Pflicht um ein Verhalten handelt, welches man unkiçigbsamen Menschen gegenüber einzunehmen pflegt.Google Scholar
  31. 31.
    John Dewey: Deutsche Philosophie und deutsche Politik, Meisenheim/Glan 1954, S. 59Google Scholar
  32. 32.
    Daß dies im einzelnen zu differenzieren ist, versteht sich von selbst. So hat z.B. Ulrich Engelhardt in seinem Aufsatz “Zum Begriff der Glückseligkeit in der kameralistischen Staatslehre” (in: Zeitschrift fur historische Forschung, 8.Bd., Heft 1, 1981, S. 37–79) darauf hingewiesen, daß der Begriff der Glückseligkeit insbesondere bei J.H.G.v.Justi einen zentralen Stellenwert einnimmt. Allerdings wird auch in dieser Tradition die Gewährleistung des glückseligen Lebens als die Aufgabe einer starken und umsichtigen Regierung vorgestellt, die fähig sein muß, mit Hilfe der Kameral-, speziell der sog. Polizeiwissenschaft bis ins letzte Detail programmierte “weise Einrichtungen” zu schaffen. Das ganze stand, so Engelhardt, so sehr unter dem Primat der Orientierung auf “Macht und Glückseligkeit des Staats”, daß Johann Jacob Moser 1769 abschätzig von “Universal-Staats-Medizin” gesprochen habe; vgl. Engeligrdt, a.a.O., S. 69Google Scholar
  33. 33.
    ebd., S. 235Google Scholar
  34. 34.
    ebd., S. 235Google Scholar
  35. 35.
    zit. nach Klaus Dockhorn: Deutscher Geist und angelsächsische Geistesgeschichte. Ein Vprsuch der Deutung ihres Verhältnisses, Göttingen, Frankfurt, Berlin 1954, S. 8Google Scholar
  36. 36.
    John Dewey, a.a.O., S. 234Google Scholar
  37. 37.
    Max Weber:Gesammelte politische Schriften, Tübingen 1980, S.12Google Scholar
  38. 38.
    ebd., S. 12,13Google Scholar
  39. 39.
    ebd., S. 14Google Scholar
  40. 40.
    ebd., S.24Google Scholar
  41. 41.
    Georg Jellinek: Allgemeine Staatslehre, Berlin 1922, S. 244; in unserer Zeit heißt es dementsprechend: “Blättert man in der Literatur zum Staatsrecht von heute, in Handbüchern und Kommentaren und in den Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts, es gibt kein Glück in diesem unseren Staat. In den Sachverzeichnissen geht es ohne Aufenthalt vom ”Gliedstaat“ zum ”Gnadenakt“. Die deutschen Staatsrechtslehrer haben keinen Begriff vom Glück, und, so richtig das auf der einen Seite ist, ich furchte auch, das paßt zu ihnen”; so Uwe Wesel: The pursuit of happiness. Von den Verheißungen der Demokratie, in: Kursbuch Nr. 95, März 1989 (Themenheft “Glück”), S. 21–29, hier S. 27; dazu auch Günther Bien gig.): Die Frage nach dem Glück, problemata Bd. 74, Stuttgart-Bad Canstadt 1978Google Scholar
  42. 42.
    zit. nach Hartmut Jäckel: Über das Glück als politische Kategorie, in: Aus Politik und Zfitgeschichte, Jg. 20, 1970, 30.Mai 1970, S.19–31, hier S. 30Google Scholar
  43. 43.
    Otto Neurath, radikaler Verfechter einer auch sozialpolitisch interessierten, freilich gescheiterten wissenschaftstheoretischen Revolution, hoffte 1931 noch auf eine Felizitologie, der auf empiristischer Grundlage zu entnehmen sein werde, ob und wie soziale Lebensumstände die Menschen mehr oder weniger Glück erreichen lassen; vgl. Otto Neurath: Soziologie im Physikalismus, in: Erkenntnis 11, Wien 1931, S.393–431, hier S.418. Im übrigen findet sich diese Hoffnung auf eine wissenschaftlich angeleitete Glückslehre ebenfalls bei Stanislaw Lem in dessen “Experiments felicitologica”, in: Blick vom anderen Ufer. Europäische Science Fiction, Hg. von Franz Rottensteiner, Frankfurt/Main 1977. Des weiteren dazu Jochen Jung (Hg.): Ober das Glück. Literatur-Almanach 1983, Salzburg, Wien 1983. Der Bolschewismus ist nach Sombart deshalb heroisch, weil er nicht Mur das Wohl von Individuen, sondern für eine Idee, für eine Sache kämpft; vgl. Werner Sombart: Der proletarische Sozialismus, Bd.I, 1224, S. 87Google Scholar
  44. 44.
    vgl. zum Folgenden insbesondere die lesenswerte Arbeit von Hella Mandt: Tyrannislehre und Widerstandsrecht. Studien zur deutschen politischen Theorie des 19. Jahrhunderts, Neu-w ed 1974, insbesondere S. 270f.Google Scholar
  45. 45.
    Weber 1980, S.24Google Scholar
  46. 46.
    Carl Schmitt: Theodor Däublers “Nordlicht”. Drei Studien über die Elemente, den Geist ‘Ad die Aktualität des Werks, München 1916, S. 64f.Google Scholar
  47. 47.
    Michael Walzer: Herbert Marcuses Amerika, in ders.: Zweifel und Einmischung. Gesell-schaftskritik im 20. Jahrhundert, Frankfurt/Main 1991, S. 232–260Google Scholar
  48. 48.
    Arnold Gehlen: Was ist deutsch?, in: Neue Deutsche Hefte, 129/1971, S. 3–16Google Scholar
  49. 49.
    Eine populäre Variante dieser Auffassung findet sich in den essayistischen Betrachtungen Erich Wiedemanns: Die deutschen Ängste. Ein Volk in Moll, Frankfurt/Main 1990: “Nichts ist in deutschen Landen, wovor sich der kritische Schöngeist mehr ekelt als vor dem rheiniächen Karneval. 11. Gebot: du sollst dich nicht freuenGoogle Scholar
  50. 50.
    zit. nach Cyril Connolly: Der Zwang zum Glück, in: Der Monat, 5.Jg., Bd.1, 1952/53, S. 125–128, hier S. 127Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1992

Authors and Affiliations

  • Georg Kamphausen

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