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Einleitung

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Zusammenfassung

Wer den Menschen explizit zum Thema einer soziologischen Untersuchung erhebt und zudem den Begriff Mensch gar im Untertitel führt, könnte sich einer gewissen Skepsis gegenübersehen. Begründete Einwände gegen ein solches Unternehmen liegen nahe. Als erstes drängt sich der Verdacht auf, daß das verstaubte Konzept einer soziologischen Anthropologie rehabilitiert werden soll. Hatte die kalte Abklärung der sozialwissenschaftlichen Theoriebildung in den vergangenen Jahrzehnten, so kann angesichts dieses Verdachts gefragt werden, nicht etwa deutlich genug über die Grenzen jeder, auch der soziologischen Anthropologie aufgeklärt? Muß man sich angesichts der radikalen Entzauberung aller Bemühungen, die Substanz oder das Wesen oder die Essenz des Menschen fmden zu wollen, durch Theoretiker der Dekonstruktion wie Jacques Derrida (vgl. etwa 1972: 441) nicht ganz und gar aus dem „anthropologischen Schlaf“ (vgl. Foucault 1971: 410ff.) wecken lassen, indem man von einer Thematisierung des Menschen in der Theoriebildung vollständig absieht? Die Dekonstruktion der Wissenschaften vom Menschen zeigt schließlich überzeugend, daß jeder substantielle Begriff des Menschen naiv ist, denn „das Wort Mensch ist kein Mensch“ (Luhmann 1988b: 901). Deshalb kann es nichts geben, „was als Einheit eines Gegenstandes dem Wort entspricht“ (ebd.). Offenbar muß man sich auch in der soziologischen Theoriebildung von einem ahistorischen Begriff des Menschen, der das Wesen des Menschen festlegt, endgültig verabschieden.

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Literatur

  1. 1.
    Denkt man etwa an die Bedeutung der soziologischen Anthropologie Arnold Gehlens (vgl. beispielhaft Gehlen 1962) in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wird deutlich, daß sich in der soziologischen Theoriebildung in bezug auf den Begriff des Menschen ein Bruch ereignet hat, der durchaus zu begrüßen ist, wie in dieser Arbeit noch mehrfach theoretisch begründet werden wird.Google Scholar
  2. 2.
    Jede andere Vorgehensweise würde hinter den Erkenntnisstand der Foucaultschen Diskursanalyse und der soziologischen Systemtheorie Luhmannscher Provenienz zurückfallen. Nachdem man die Art der Verwendung des Begriffs Mensch in Referenz auf diese Theorievorgaben einmal festgestellt hat, läßt sich die giftige Pflanze Mensch ohne Handschuhe anfassen, so daß im folgenden wie auch bis hierher soweit wie möglich auf Anführungszeichen verzichtet werden kann.Google Scholar
  3. 3.
    Hier folge ich weitgehend Karl Mannheims richtungweisenden Arbeiten zur Wissenssoziologie. Dort heißt es etwa: Jede “ganz vollzogene und zu Ende gedachte wissenssoziologische Analyse ist eine inhaltliche und strukturelle Einkreisung der zu analysierenden Sicht, sie istchrw(133) nicht nur eine Relationierung, sondern eine Partikularisierung ihres Sicht-und Geltungsbereiches zugleich.” (Mannheim 1969: 243) An den Stellen, an denen Mannheim sich eine Repräsentation der Realität durch das Wissen vorstellt, indem er etwa von der “Seinsverbundenheit des Wissens” (vgl. ebd.: 229) spricht, endet die Parallelität dieser Analyse zu Mannheims Wissenssoziologie. Ich gehe ganz im Gegensatz zu Mannheim davon aus, daß das Wissen die Realität oder gar das Sein (was soll das sein?) nicht repräsentieren, sondem nur konstruieren kann.Google Scholar
  4. 4.
    Zum hier verwendeten Begriff der Beobachtung vgl. ausführlich Luhmann 1990b: 75ff.Google Scholar
  5. 5.
    Zur Unterscheidung von Semantik und Gesellschaftsstruktur vgl. Luhmann 1989: 7ff., zur Unterscheidung einer Soziologie des Wissens von einer Wissenschaftssoziologie vgl. Luhmann 1995: 15Iff. Die Luhmannschen Publikationen mit dem Titel “Gesellschaftsstruktur und Semantik” (vgl. Luhmann 1980; 1981; 1989; 1995) zielen darauf, die Unterscheidung von Gesellschaftsstruktur und Semantik fir bestimmte Falle der evolutionären Variation von Semantiken anzuwenden. Diese Studien dienen hier aber nur bedingt als Vorbild, da sie die Semantik zugunsten der Gesellschaftsstruktur abwerten, indem sie Semantik quasi als naive Reaktion auf Wandlungen in der Gesellschaftsstruktur verstehen. Semantiken müssen entgegen dieser Auffassung zunächst ernst genommen werden, da sie, weil Semantiken seit dem Entstehen der Schrift schriftlich gespeichert werden, letztlich das einzige sind, was retrospektiv beobachtet werden kann. Die Gesellschaftsstruktur kann daher nur über diese historischen Beschreibungen theoretisch erfaßt werden. Es ist also notwendig, Interdependenzen zwischen Gesellschaftsstruktur und Semantik aufzuzeigen, um so Schlußfolgerungen über die Gesellschaftsstruktur zu ermöglichen.Google Scholar
  6. 6.
    Zu den folgenden Aussagen zum Sinnbegriff, der im Kontext des hier verwendeten Begriffs der Semantik benötigt wird, vgl. Luhmann 1984: 92ff. und Luhmann 1997: 44ff.Google Scholar
  7. 7.
    Bekanntlich hatte sich Karl Mannheim mit diesem wissenssoziologischen Problem erfolglos beschäftigt. Seine Suche nach dem “Seinsbezug” des Wissens (vgl. etwa Mannheim 1964: 372ff.) verdeckt den Blick darauf, daß das Wissen eben nicht die Realität repräsentiert, son-dem konstruiert. Könnte das Wissen die Realität repräsentieren, müßte man wider besseren Wissens behaupten, es existiere eine Realität sui generis. Zumindest in konstruktivistischen Denkfiguren ist diese Möglichkeit jedoch ausgeschlossen.Google Scholar
  8. 8.
    Einerlei ist bei diesen teleologischen Evolutionsauffassungen, ob sie eine Heils-oder Verfallsgeschichte beschreiben. Beide Möglichkeiten sind deshalb strukturell vergleichbar, da in beiden ein Ziel (Telos) der Evolution festgelegt wird.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1999

Authors and Affiliations

  1. 1.MünsterDeutschland

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