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Die Grundschule zwischen Institutionalisierung und Individualisierung

  • Ilona Esslinger-Hinz
Part of the Jahrbuch Grundschulforschung book series (JBG, volume 8)

Zusammenfassung

Seit den späten 70er Jahren häufen sich Forschungsergebnisse, die die Wirkung und Bedeutung der einzelnen Schule belegen. Mortimore et al. (1988) brachten diesen Sachverhalt in eine knappe und prägnante Fassung: „Schools matter!“ Dass diese Erkenntnis ehedem als Gegenrede zu Arbeiten formuliert war, die eine herausragende Wirkung der einzelnen Schule bezweifelten, ist heute eine allenfalls forschungsgeschichtlich interessante Kontroverse; die Vielzahl der Forschungsarbeiten belegt die Bedeutung der Individualität von Schulen so augenfällig, dass sie als generell zutreffend angenommen werden kann. Wir sprechen von einem Forschungsparadigma (z. B. Holtappels 2003; Kotthoff 2003). Dieses Wissen um die „Schule als pädagogische Handlungseinheit“ (Fend 1987) kristallisierte sich in ihrer Bedeutung durch schulsystemvergleichende Untersuchungen heraus. Sehr rasch wurden die Konsequenzen aus den Vergleichen gezogen: Wenn Individualität ausschlaggebend ist, dann muss Individualität unterstützt, entwickelt, gefordert und gefördert werden. Schulpädagogen und Bildungspolitiker propagieren heute Individualität: in Form von Schulprofilen und Schulprogrammen als explizierte und elaborierte Dokumentation von Individualität. Individualität wird funktionalisiert, um das zu optimieren, was eine Gesellschaft als Qualitätsmerkmale einer Schule definiert. Doch ist eine anthropomorphe Betrachtungsweise einzelner Schulen zulässig und für den schulpädagogischen Diskurs gewinnbringend? Oder sollten wir nicht besser ein Funktionsmodell wählen — ein systemtheoretisches oder evolutionstheoretisches beispielsweise — das die einzelne Schule als „Sache“ belässt? Vielleicht haben wir auch nur Individualisierung mit einem Differenzierungsprozess verwechselt? In diesem Beitrag diskutiere ich deshalb, ob die anthropomorphe Betrachtungsweise zum Verstehen von Schulentwicklungsprozessen beiträgt. Damit werfe ich eine Frage auf, die mit der Feststellung eines Ursache-Wirkungs-Verhältnisses zwischen der Einzelschule „in ihrer Eigenheit“ (zumeist festgemacht an einem Merkmalsbündel) und Schulqualität (zumeist bezogen auf Kriterien, wie z. B. Schulleistungen) ansonsten übergangen wird. Ist es angemessen und sinnvoll von schulischer Individualität zu sprechen?

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 2004

Authors and Affiliations

  • Ilona Esslinger-Hinz

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