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Warum Verfassung? Der Gedanke der Verfassung in der europäischen Rechtskultur

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Zusammenfassung

Der bedeutende englische Verfassungshistoriker Frederick Willliam Mailand entließ seine Studenten in Cambridge mit der nachdrücklichen Betonung, dass die britische Verfassung ein untrennbarer Bestandteil der gesamten Rechtskultur des Landes sei. „There is no science which deals with the foot, or the hand, or the heart.“1 Doch was ihm ebenso wie anderen als ein inhaltlich wie historisch, Mittelalter und Neuzeit umschließender, unauflöslicher Zusammenhang erschien,2 stellt sich außerhalb der Britischen Inseln angesichts historischer Brüche gerade in bezug auf Verfassung ganz anders dar. Und dennoch ist auch dort die Frage nach der Verfassung nicht aus dem größeren Umfeld der Rechtskultur zu lösen,3 vielmehr leitet die Auseinandersetzung mit Verfassung unmittelbar, wenngleich oftmals eher unbewusst, in jenen historisch-kulturellen Kontext über, dessen Kenntnis unverzichtbar ist, wann immer es um eine Verfassung für die Europäische Union geht, schon allein deshalb, weil dieser, über eine Positions-Bestimmung hinausgehend, Perspektiven, Konvergenzen, aber auch Konfliktpunkte aufzuzeigen vermag, die in den tagespolitischen Auseinandersetzungen nur zu leicht ausgeklammert bleiben.

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Literatur

  1. 1.
    Frederick William Maitland, The Constitutional History of England. A Course of Lectures Delivered, hrg. v. H. A. L. Fischer, Cambridge, 1908 (Ndr. 1946), 539, vgl. insges. S. 526–539.Google Scholar
  2. 2.
    So etwa auch Gustav Radbruch, Der Geist des englischen Rechts, Göttingen, 4. Aufl. 1958, bes. S. 5–21.Google Scholar
  3. 3.
    Selbstverständlich lässt sich Verfassung auch in anderen Zusammenhängen betrachten, wie dies etwa in der modernen Sozialgeschichte oder in neueren Ansätzen der politischen Theorie geschieht. Zu letzteren vgl. insbesondere die Arbeiten von Jan-Erik Lane, Constitutions and Political Theory, Manchester 1996; ders., „Does Constitutionalism Matter?“, in: Verfassungsrecht und Verfassungspolitik in Umbruchsituationen. Zur Rolle des Rechts in staatlichen Transformationsprozessen in Europa, hrg. v. Joachim Jens Hesse, Gunnar Folke Schuppert und Katharina Harms, Baden-Baden, 1999, S. 177–194.Google Scholar
  4. 4.
    Thomas Mann, Buddenbrooks. Verfall einer Familie, Frankfurt/M., 1975, S. 122.Google Scholar
  5. 5.
    Vgl. dazu Horst Dippel, „Das Paulskirchenparlament 1848/49: Verfassungskonvent oder Konstituierende Nationalversammlung?“, in: Jahrbuch des öffentlichen Rechts der Gegenwart, NF 48 (2000), bes. S. 11–23.Google Scholar
  6. 6.
    Vgl. zu der Gesamtproblematik generell den anregenden Band Constitution et Révolution aux Etats-Unis d’Amérique et en Europe (1776/1815), hrg. v. Roberto Martucci, Macerata: Laboratorio di storia costituzionale, 1995; ergänzend Ulrich K. Preuß, Revolution, Fortschritt und Verfassung. Zu einem neuen Verfassungsverständnis, Berlin 1990.Google Scholar
  7. 7.
    Die Verfassung von Virginia vom 29.6.1776 wurde von dem gleichen Konvent verabschiedet, der am 12.6. die Menschenrechtserklärung proklamiert hatte. Die französische Erklärung vom 26.8.1789 wurde nicht nur der Verfassung vom 3.9.1791 vorangestellt, sondern ebenso der Verfassung der IV. Republik vom 27.10.1946 und der der V. Republik vom 4.10.1958. Die vor dem 12.6.1776 in Amerika bereits gebildeten ersten Verfassungen von New Hampshire und South Carolina haben eher noch den Rang traditioneller provisorischer Organisationsstatuten als den ausformulierter Verfassungen auf der Basis der Prinzipien des modernen Konstitutionalismus.Google Scholar
  8. 8.
    Vgl. das berühmte 6. Kapitel des 11. Buches des Esprit des lois „De la constitution d’Angleterre“, in: Charles de Secondât Baron de la Brède et de Montesquieu, De l’esprit des lois (Oeuvres complètes, hrg. v. Roger Caillois, 2 Bde., Paris 1949–51, II, bes. S. 396–407), sowie Jean Louis de Lolme, Constitution de l’Angleterre, hier benutzt nach der 2. Auflage, Amsterdam 1774 (zuerst 1771).Google Scholar
  9. 9.
    Vgl. den Artikel von Edme Mallet, „Constitution (Hist, mod.)“, in: Encyclopédie, ou dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers, hrg. v. Denis Diderot u. Jean Baptiste d’Alembert, IV, Paris: Briasson 1754, 63–72; Encyclopaedia Britannica; or, a Dictionary of Arts and Sciences, Compiled Upon a New Plan. By a Society of Gentlemen in Scotland, 3 Bde., Edinburgh 1771, II, S. 273aGoogle Scholar
  10. 10.
    Samuel Pufendorf De statu imperii germanici erschien unter dem Pseudonym Se-verinus de Monzambano erstmals 1667.Google Scholar
  11. 11.
    Ich verweise statt dessen auf meinen Artikel, „Konstitution“, in: Lexikon des aufgeklärten Absolutismus, hrg. v. Helmut Reinalter (im Druck). Vgl. auch Heinz Mohnhaupt, „Verfassung I“, in: ders. u. Dieter Grimm, Verfassung. Zur Geschichte des Begriffs von der Antike bis zur Gegenwart, Berlin 1995, S. 1–99.Google Scholar
  12. 12.
    Vgl. zu der Schwierigkeit, die britische Verfassung exakt zu definieren, Peter Madgwick u. Diana Woodhouse, The Law and Politics of the Constitution of the United Kingdom, Hemel Hempstead 1995, bes. S. 3–18.Google Scholar
  13. 13.
    Dass eine amerikanische Verfassungsgeschichte praktisch 1776 einsetzt (vgl. etwa Standardwerke wie Alfred H. Kelly, Winfred A. Harbison u. Herman Belz, The American Constitution, Its Origin and Development, 2 Bde., New York 7. Aufl., 1991, oder Major Problems in American Constitutional History, hrg. v. Kermit L. Hall, 2 Bde., Lexington, Mass. 1992) und eine französische 1789 (vgl. das Standardwerk von Marcel Morabito u. Daniel Bourmaud, Histoire constitutionnelle et politique de la France (1789–1958), Paris 4. Aufl., 1996), scheint keiner besonderen Begründung zu bedürfen. Die gängigen deutschen Verfassungsgeschichten sind hingegen in diesem Punkt inzwischen gespalten. Während, wie in den älteren Darstellungen generell, Hans Boldt, Deutsche Verfassungsgeschichte. Politische Strukturen und ihr Wandel, 2 Bde., München 1984–90; Christian-Friedrich Menger, Deutsche Verfassungsgeschichte der Neuzeit. Eine Einführung in die Grundlagen, Heidelberg 5. Aufl., 1986; Dietmar Willoweit, Deutsche Verfassungsgeschichte. Vom Frankenreich bis zur Wiedervereinigung Deutschlands, München 3. Aufl., 1997; Reinhold Zippelius, Kleine deutsche Verfassungsgeschichte. Vom frühen Mittelalter bis zur Gegenwart, München 1994, bis ins Mittelalter zurückreichen, setzen Hartwig Brandt, Der lange Weg in die demokratische Moderne. Deutsche Verfassungsgeschichte von 1800 bis 1945, Darmstadt 1998; Werner Frotscher u. Bodo Pieroth, Verfassungsgeschichte, München, 2. Aufl., 1999, und Dieter Grimm, Deutsche Verfassungsgeschichte, 1776–1866. Vom Beginn des modernen Verfassungsstaats bis zur Auflösung des Deutschen Bundes, Frankfurt/M. 1988, erst mit dem Beginn des modernen Konstitutionalismus in den Revolutionen des ausgehenden 18. Jahrhunderts ein. Zu der vom Ansatz her in der deutschen Historiographie bereits falsch gestellten Frage nach einer Kontinuität oder Diskontinuität in der Geschichte des Konstitutionalismus von der Zeit vor der amerikanischen und Französischen Revolution bis in die nach ihr, also im wesentlichen einschließlich des 19. Jahrhunderts, vgl. zuletzt Martin Kirsch u. Pierangelo Schiera, „Einleitung“, in: Denken und Umsetzung des Konstitutionalismus in Deutschland und anderen europäischen Ländern in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, hrg. v. dens., Berlin 1999, bes. S. 9–10. Wenn Schiera dann wenig später für „eine Verfassungsgeschichte des Konstitutionalismus“ plädiert, die dann „keine nur vergleichende Geschichte, sondern eine echte europäische Geschichte wäre“ (Schiera, „Konstitutionalismus, Verfassung und Geschichte des europäischen politischen Denkens. Überlegungen am Rande einer Tagung“, ebd., 31), scheint er sich über die Implikationen dieses Ansatzes angesichts seines immanenten Widerspruchs zu der zuvor gestellten Kontinuitätsfrage nicht im klaren zu sein.Google Scholar
  14. 14.
    Zit. n. Sources and Documents illustrating the American Revolution 1764–1788 and the formation of the Federal Constitution, hrg. v. Samuel E. Morison, Oxford 2. Aufl., 1929, S. 148.Google Scholar
  15. 15.
    Archives parlementaires, 1ère série, VIII, S. 127.Google Scholar
  16. 16.
    Emmanuel Sieyès, Qu’est-ce que le Tiers état?, hrg. v. Roberto Zapped, Genf 1970, S. 187. Zur Einordnung und Nachwirkung, vgl. Paul Bastid, Sieyès et sa pensée, Paris 1939, bes. S. 582–586. Nur teilweise zutreffend finden sich die Auffassungen Sieyès’ zur Revisionsproblematik dagegen jüngst wiedergegeben bei Ulrich Thieme, „Volkssouveränität — Menschenrechte — Gewaltenteilung im Denken von Sieyes“, in: Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie, 86 (2000), S. 48–69.Google Scholar
  17. 17.
    Wenn Michael Becker, „Die Verfassung des Souveräns. Grundrechte, Politik und Rechtsprechung im neuen Konstitutionalismus“, in: Neue Politische Literatur, 44 (1999), S. 241, sagt, dass nicht jede Verfassung „notwendig der Garantie der Volkssouveränität“ dienen muss, ist dies zwar grundsätzlich richtig. Doch ist ein dieser Feststellung zugrundeliegende Konstitutionalismusbegriff dann nicht mit dem modernen Konstitutionalismus und seinen Prinzipien identisch.Google Scholar
  18. 18.
    Die noch wesentlich aristokratische britische Verfassung des 18. und frühen 19. Jahrhunderts kannte, wie ihr großer Bewunderer Rudolf Gneist unterstrich, „keine »allgemein constitutionellen Wahrheiten’“, vgl. Rudolf Gneist, Englische Verfassungsge1 schichte, Berlin 1882, S. 688.Google Scholar
  19. 19.
    Es muss in diesem Zusammenhang betont werden, dass weder der englische Gedanken der „rule of law“, den bekanntlich Albert V. Dicey (Introduction to the Study of the Law of the Constitution, Indianapolis: Liberty Fund, 1982 [Ndr. d. 8. Aufl., London 1915], S. 107–273) zu einem der Grundpfeiler der englischen Verfassung machte, noch der in Deutschland in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstehende Gedanke des „Rechtsstaats“ als die Grundlage monarchischer Regierung nach Maßgabe der Gesetze inhaltlich mit Menschenrechtserklärungen gleichzusetzen sind. Tatsächlich haben beide Konzepte vielmehr ihre Rechtfertigung wesentlich aus der Ablehnung von Menschenrechtserklärungen bezogen. Ich vermag daher Hans Boldts jüngster Argumentation, dass „das Fehlen von Grundrechten den rechtsstaatlichen Charakter“ der Bismarck-Verfassung nicht gemindert habe, nicht zu folgen (Hans Boldt, „Die Reichsverfassung vom 28. März 1849. Zur Bestimmung ihres Standortes in der deutschen Verfassungsgeschichte“, in: 1848 — Die Erfahrung der Freiheit, hrg. v. Patrick Bahners u. Gerd Roellecke, Heidelberg 1998, S. 65). Zahlreiche in der Folge erlassene Reichsgesetze dürften mit den seit 1776 bekannten Menschenrechtserklärungen schwer in Einklang zu bringen sein. Bezüglich der britischen Situation, vgl. den durch das Human Rights Act von 1998 dokumentierten Verfassungswandel hin zu einer normativen Sicherung von Menschenrechten: Stefan Schieren, „Der Human Rights Act 1998 und seine Bedeutung für Großbritanniens Verfassung“, in: Zeitschrift für Parlamentsfragen, 30 (1999), S. 999–1013.Google Scholar
  20. 20.
    Dass angesichts dieser unterschiedlichen kulturellen Traditionen der Gedanke des „limited government“ im römisch-rechtlich geprägten Europa leicht missverstanden und vorschnell mit „schwacher Staat“ gleichgesetzt werden konnte, hat Jürgen Heideking, ,„Ableger’ Europas oder historischer Neubeginn? Britisch-Amerika und die USA“, in: Verstaatlichung der Welt? Europäische Staatsmodelle und außereuropäische Machtprozesse, hrg. v. Wolfgang Reinhard, München 1999, S. 10–11, hervorgehoben. Vgl. dagegen das klassische Werk von Charles Howard Mcllwain, Constitutionalism Ancient and Modern, Ithaca, N.Y., 1940, S. 145: „The limiting of government is not the weakening of it.“Google Scholar
  21. 21.
    Vgl. dazu Horst Dippel, „The Changing Idea of Popular Sovereignty in Early American Constitutionalism: Breaking Away from European Patterns“, in: Journal of the Early Republic, 16 (1996), S. 21–45.Google Scholar
  22. 22.
    Vgl. Montesquieu, De l’esprit des lois, XI, 6 (Oeuvres complètes, hrg. v. Caillois, II, bes. S. 396–397).Google Scholar
  23. 23.
    Vgl. dazu Hans Fenske, „Gewaltenteilung“, in: Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, hrg. v. Otto Brunner, Werner Conze u. Reinhart Koselleck, II, Stuttgart 1975, bes. S. 946–950.Google Scholar
  24. 24.
    Vgl. dazu allgemein auch Brandt, Der lange Weg in die demokratische Moderne, bes. S. 80–81.Google Scholar
  25. 25.
    Vgl. Montesquieu, De l’esprit des lois, XI, 6 (Oeuvres complètes, hrg. v. Caillois, II, bes. S. 401–405).Google Scholar
  26. 26.
    Vgl. dazu die klassischen Feststellungen von Dicey, Law of the Constitution, S. 3–4, S. 36–39.Google Scholar
  27. 27.
    BVerfGE 93, 1.Google Scholar
  28. 28.
    Sehr knapp und pauschal dazu Friedhelm Hufen, „Anbringen von Kruzifixen in staatlichen Pflichtschulen als Verstoß gegen Art. 4 Abs. 1 GG“, in: Bernd Guggenberger u. Thomas Würtenberger (Hrg.), Hüter der Verfassung oder Lenker der Politik? Das Bundesverfassungsgericht im Widerstreit, Baden-Baden 1998, S. 162–163; grundsätzlicher und unzweideutig zuvor bereits Günter Frankenberg, Die Verfassung der Republik. Autorität und Solidarität in der Zivilgesellschaft, Baden-Baden 1996, S. 222–225; jetzt zusammenfassend und grundsätzlich, allerdings ohne auf die Weiterungen im Sinne des modernen Konstitutionalismus einzugehen, Achim Nolte, „Das Kreuz mit dem Kreuz. Hintergründe und Kritik am Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 21. April 1999“, in: Jahrbuch des öffentlichen Rechts der Gegenwart, NF 48 (2000), S. 87–116.Google Scholar
  29. 29.
    The Federal and State Constitutions, Colonial Charters, and Other Organic Laws of the States, Territories, and Colonies Now or Heretofore Forming the United States of America, hrg. v. Francis Newton Thorpe, 7 Bde., Washington: Government Printing Office, 1909, VII, 3813.Google Scholar
  30. 30.
    Eindringlich dazu aus der Zeit heraus Mcllwain, Constitutionalism Ancient and Modern, S. 144–149.Google Scholar
  31. 31.
    Ansatzweise bei Grimm, Deutsche Verfassungsgeschichte 1776–1866, 10–13; ders., „Verfassung II“, in: Mohnhaupt u. Grimm, Verfassung, S. 100–102.Google Scholar
  32. 32.
    Leopold von Ranke, Über die Epochen der neueren Geschichte [1854], hrg. v. Theodor Schieder u. Helmut Berding, München 1971, S. 417.Google Scholar
  33. 33.
    So etwa die These bei Eugen Weber, La Fin des terroirs. La modernisation de la France rurale (1870–1914), Paris 1983 (im englischen Original zuerst 1976); François Furet, La Révolution, de Turgot à Jules Ferry, 1770–1880, Paris 1988, u.a.Google Scholar
  34. 34.
    Vgl. dazu u.a. Horst Dippel, „1871 versus 1789: German Historians and the Ideological Foundations of the Deutsche Reich“, in: History of European Ideas, 15 (1992),S. 829–837.Google Scholar
  35. 35.
    Vgl. Alejandro Alvarez, Die verfassungsgebende Gewalt des Volkes unter besonderer Berücksichtigung des deutschen und chilenischen Grundgesetzes, Frankfurt/M. u.a. 1995, bes. S. 196–213. Die in diesem Zusammenhang mitunter vorgebrachte Auffassung, den pouvoir constituant in die Verfassung hineinzunehmen, sei „unüblich“ oder „ungewöhnlich“ (vgl. ebd., S. 210), führt direkt auf die Diskussion um den Konventsgedanken im amerikanischen und europäischen Konstitutionalismus zurück. Nicht alles, was im europäischen Konstitutionalismus „unüblich“ erscheint, muss deswegen sogleich auch „ungewöhnlich“ sein. Hingegen ist es unbegründet, allein aus dem Hinweis auf den auch ohne den Verfassungsverweis stets handlungsberechtigten pouvoir constituant eine Handlungsbedürftigkeit abzuleiten, wie dies Henning Moelle, Der Verfassungsbeschluss nach Artikel 146 Grundgesetz, Paderborn u.a. 1996, tut. Klarer dagegen Birgitta Stückrath, Art. 146 GG: Verfassungsablösung zwischen Legalität und Legitimität, Berlin 1997. Zur offiziösen Plebiszitfeindlichkeit in Deutschland auf nationaler Ebene Hans J. Lietzmann, „Verfassungspolitik und Plebiszit. Eine Studie zur politischen Kultur in Deutschland“, in: Verfassung und politische Kultur, hrg. v. Jürgen Gebhardt, Baden-Baden 1999, S. 33–54.Google Scholar
  36. 36.
    So hatte die Convention nationale auf ihrer ersten Sitzung vom 21. September 1792 auf Veranlassung Dantons folgende Resolution angenommen: „La Convention nationale déclare qu’il ne peut y avoir de constitution que celle qui est acceptée par le peuple“ (Faustin-Adolphe Hélie, Hrsg., Les Constitutions de la France. Ouvrage contenant outre les constitutions, les principales lois relatives au culte, à la magistrature, aux élections, à la liberté de la presse, de réunion et d’association, à l’organisation des départements et des communes. Avec un commentaire, Paris: A. Marescq ainé, 1880, S. 341).Google Scholar
  37. 37.
    Dazu ausführlich Horst Dippel, „Verfassung und Revolution: Die Diskussion um einen Nationalkonvent im August 1791“, in: Die Französische Revolution und das Projekt der Moderne, hrg. v. Helmut Reinalter (Kongressband, im Druck). Sowohl die Verfassung von 1791 als auch die von 1795 und 1799 waren in diesem Sinne als Endpunkt der Revolution konzipiert worden. Lediglich die jakobinische Verfassung von 1793 machte hier angesichts der politischen und militärischen Situation des Sommers 1793 eine Ausnahme.Google Scholar
  38. 38.
    Thomas Paine, Rights of Man [1791/92], II/4 (Ausg. v. Henry Collins, Harmonds-worth: Penguin Books, 1969, S. 207).Google Scholar
  39. 39.
    Vgl. dazu Pierre Rosanvallon, La Monarchie impossible. Les chartes de 1814 et de 1830, Paris 1994, bes. S. 15–55.Google Scholar
  40. 40.
    Vgl. dazu zuletzt Andreas Schulz, »„Starke Regierung auf volkstümlicher Grundlage*: Die revolutionären Verfassungen der Hansestädte von 1848/49“, in: Executive and Legislative Powers in the Constitutions of 1848–49, hrg. v. Horst Dippel, Berlin 1999, bes. S. 101.Google Scholar
  41. 41.
    Thomas Mann, „Vom kommenden Sieg der Demokratie“, in: ders., Politische Schriften und Reden, 3 Bde., Frankfurt/M. 1968, III, S. 13. Eine ähnliche Dichotomie von Justice“ und „violence“ klingt auch an bei Albert Camus, Lettres à un ami allemand, Paris 1948, Ndr. 1988, S. 38, 69–82 .Google Scholar
  42. 42.
    Dicey, Law of the Constitution, cxxxvii.Google Scholar
  43. 43.
    Peter Häberle, „Europäische Rechtskultur“, in: ders., Europäische Rechtskultur. Versuch einer Annäherung in zwölf Schritten, Frankfurt/M. 1997, S. 9. Klassisch: Carl Joachim Friedrich, The Philosophy of Law in Historical Perspective, Chicago 1958. Vgl. dazu auch, in die Gegenwart und Zukunft projiziert, Thomas M. J. Möllers, Die Rolle des Rechts im Rahmen der europäischen Integration. Zur Notwendigkeit einer europäischen Gesetzgebungs- und Methodenlehre, Tübingen 1999.Google Scholar
  44. 44.
    Aristoteles, Nikomachische Ethik, V 3, V 10, 1130a, 1134a (Werke in deutscher Übersetzung, hrg. v. Ernst Grumach, VI, Darmstadt 4. Aufl., 1967, S. 98, 109–110).Google Scholar
  45. 45.
    James Harrington, The Commonwealth of Oceana, in: ders., Political Works, hrg. v. J. G. A. Pocock, Cambridge 1977, S. 171ff. Zur gerade im deutschen Sprachraum längst überfälligen Ehrenrettung von James Harrington s. Alois Riklin, Die Republik von James Harrington 1656, Bern: Stämpfli, Wien 1999, und ders., „James Harrington -Prophet der geschriebenen Verfassung“, in: Jahrbuch des öffentlichen Rechts der Gegenwart, NF 48 (2000), S. 139–148.Google Scholar
  46. 46.
    Peter Stein, Roman Law in European History, Cambridge 1999, S. 1.Google Scholar
  47. 47.
    Vgl. dazu auch Jürgen Schwarze, „Die europäische Dimension des Verfassungsrechts“, in: ders. (Hrg.), Verfassungsrecht und Verfassungsgerichtsbarkeit im Zeichen Europas, Baden-Baden 1998, bes. S. 138–142.Google Scholar
  48. 48.
    Vgl. dazu auch die Beiträge von Ingolf Pernice („Der Europäische Verfassungsverbund auf dem Wege der Konsolidierung. Verfassungsrechtliche Ausgangslage und Vorschläge für die institutionelle Reform der Europäischen Union vor der Osterweiterung“) und Wolfram Hertel („Die Normativität der Staatsverfassung und einer Europäischen Verfassung. Ein Beitrag zur Entwicklung einer Europäischen Verfassungstheorie“) in: Jahrbuch des öffenüichen Rechts der Gegenwart, NF 48 (2000), S. 205–232, 233–251.Google Scholar
  49. 49.
    Peter Häberle, „Gemeineuropäisches Verfassungsrecht“, in: ders., Europäische Rechtskultur, bes. S. 48. Vgl. auch die grundlegend überarbeitete Fassung, ders., „Gemeineuropäisches Verfassungsrecht“, in: Schwarze (Hrg.), Verfassungsrecht und Verfassungsgerichtsbarkeit, bes. S. 23–25. Vgl. ergänzend dazu insbesondere die Beiträge von Jacqueline Dutheil de la Rochère, Francis G. Jacobs, Dimitrios Tsatsos und Peter Schiffauer, David O’Keeffe, Franz C. Mayer sowie Peter Häberle, in: Entwicklungsperspektiven der europäischen Verfassung im Lichte des Vertrags von Amsterdam, hrg. v. Michael Kloepfer und Ingolf Pernice, Baden-Baden 1999.Google Scholar
  50. 50.
    Vgl. dazu die prinzipiellen Überlegungen bei Horst Dippel, „Prolegomena zu einer europäischen Verfassungsgeschichte“, in: Michael Wala (Hrg.), Gesellschaft und Diplomatie im transatlantischen Kontext. Festschrift für Reinhard R. Doerries zum 65. Geburtstag, Stuttgart 1999, S. 355–384. Diese Gedanken verstehen sich als Modifizierung und Präzisierung der Auffassung Peter Häberles, dass der „europäische Verfassungsstaat [.] historisch wie aktuell bis heute ein Gemeinschaftswerk Europas und der USA — ein unabgeschlossenes, offen gebliebenes, in Textstufen sich fortentwickelndes Projekt“ ist (Peter Häberle, „Die europäische Verfassungsstaatlichkeit“, in: Kritische Vierteljahresschrift für Gesetzgebung und Rechtswissenschaft, 78 [1995], S. 306–307), indem sie, ausgehend von den Gemeinsamkeiten und wechselseitigen Beeinflussungen, zum besseren Verständnis der Entwicklungen auf beiden Seiten des Nordatlantik die Differenzen beleuchten und die Unterschiede herauszuarbeiten versuchen und damit zugleich der von Häberle jüngst geforderten „Offenheit und Plura-lität der Rechtsquellen im Verfassungsstaat“ (Peter Häberle, „Pluralismus der Rechtsquellen in Europa — nach Maastricht: Ein Pluralismus von Geschriebenem und Ungeschriebenem vieler Stufen und Räume, von Staatlichem und Transstaatlichem“, in: Jahrbuch des öffentlichen Rechts der Gegenwart, NF 47 [1999], S. 94) Rechnung tragen. Vgl. in diesem Zusammenhang auch Bruce Ackermans Wort von der „Europea-nization of constitutional theory“ und der dagegen gerichteten Betonung der Eigenständigkeit des amerikanischen Verfassungsdenkens: Bruce Ackerman, We the People, I: Foundations, Cambridge, Mass. 1991, bes. S. 3–6.Google Scholar
  51. 51.
    Vgl. dazu Adolf Kimmel, „Nation, Republik, Verfassung in der französischen politischen Kultur“, in: Verfassung und politische Kultur, hrg. v. Gebhardt, bes. 134–138. Ergänzend Schwarze, „Die europäische Dimension des Verfassungsrechts“, S. 150–153.Google Scholar
  52. 52.
    Dazu gehört auch der in letzter Zeit verstärkt diskutierte Grundsatz der verfassungswidrigen Verfassungsänderung, vgl. Elai Katz, „On Amending Constitutions: The Legality and Legitimacy of Constitutional Entrenchment“, in: Columbia Journal of Law and Social Problems, 29 (1996), S. 251–292.Google Scholar

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