Advertisement

Systemfunktionaler, anthropologischer und personfunktionaler Ansatz der Rechtssoziologie

  • Helmut Schelsky
Chapter
  • 72 Downloads

Zusammenfassung

Die vorgelegten Gedankengänge beruhen auf mehreren Absichten, die von vornherein offengelegt werden sollen:
  1. a)

    Kurzfristig pragmatisch soll die Abhandlung zunächst in die Diskussion einer interdisziplinären Arbeitsgruppe von Juristen und Soziologen einführen und Voraussetzung und Anregung zu einer Diskussion sein. Die vorgetragenen Thesen sind also gesteuert durch einen Vorgriff auf die zu erwartenden Diskussionspunkte des Gesamtthemas — Funktion des Rechts in der modernen Gesellschaft — und durch den Bezug auf die vorliegenden Beiträge.

     
  2. b)

    Dem Verfasser liegt an dem Nachweis, daß das „Recht“ nicht nur der Gegenstand einer „speziellen Soziologie“, also der sogenannten „Bindestrich-Soziologien“ wie Familien-Soziologie, Betriebssoziologie usw., sein kann, sondern daß das Recht eine soziale Erscheinung ist, die in den allgemeinen soziologischen Theorien berücksichtigt werden muß, ja, daß die gegenwärtige soziologische Theorie ihre Einseitigkeit nur verlieren kann, wenn sie die Bedeutung des Rechts für die Strukturgesetze der Gesellschaft angemessener erkennt, als dies heute der Fall ist.

     
  3. c)

    Die Funktionen des Rechts werden in den herrschenden Theorien der Soziologie zumeist auf das Ganze der Gesellschaft bezogen und in Gemeinschaftstheorien, Staatstheorien, Systemtheorien als Ordnungsfunktion des — verschieden begriffenen — sozialen Ganzen definiert. Demgegenüber soll hier der Versuch unternommen werden, eine theoretische Gegenposition zu entwerfen, die das Recht in einer vom Individuum oder von der Person und der menschlichen Natur her gedachten Handlungstheorie versteht.

     
  4. d)

    Die Rechtssoziologie hat nicht nur eine analytische, sondern darüber hinaus eine rechtspolitische und gesellschaftspolitische Aufgabe. Die systemfunktionale, auf das Ganze der Gesellschaftsstruktur bezogene Auffassung des Rechts trägt die Gefahr in sich, das Recht zunehmend nur als gesamtgesellschaftliche Funktionalität und als soziales Organisationsmedium zu verstehen. Demgegenüber ist eine Betrachtungsweise zu betonen, die eine Stärkung des sich im personalen Rechtsanspruch verwirklichenden und bewährenden individuellen Freiheits- und Verantwortungsbewußtseins begründet und die Wahrung der subjektiven Rechte als die politische Grundforderung der westlich-demokratischen Gesellschaftsverfassung verdeutlicht.

     

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literatur

  1. Harry C. Bredemeier: Law as an Integrative Mechanism, in: William M. Evan (Eds.), Law and Sociology, Glencoe 1962, p. 73–90.Google Scholar
  2. Dieter Claessens: Instinkt, Psyche, Geltung, Köln/Opladen 1968.CrossRefGoogle Scholar
  3. Arnold Gehlen: Urmensch und Spätkultur, Bonn 1956.Google Scholar
  4. Alvin W. Gouldner: Reziprozität und Autonomie in der funktionalen Theorie, in: Heinz Hartmann (Eds.), Moderne amerikanische Soziologie, Stuttgart 1967, S. 293–310.Google Scholar
  5. Georges Gurvitch: Social Control, in: G. Gurvitch, W. E. Moore (Eds.), Twentieth Century Sociology, New York 1945, p. 267–296.Google Scholar
  6. Heinz Hartmann: Stand und Entwicklung der amerikanischen Soziologie, in: H. Hartmann (Eds.), Moderne amerikanische Soziologie, Stuttgart 1967, S. 1–92.Google Scholar
  7. Hartmut von Heutig: Systemzwang und Selbstbestimmung, Stuttgart 1968.Google Scholar
  8. Rudolf von Jhering: Der Kampf ums Recht, 1872, zit. nach R. v. Jhering, Der Kampf ums Recht, hrsg. von C. Rusche, Nürnberg 1965, S. 195–274.Google Scholar
  9. René König: Das Recht im Zusammenhang der sozialen Normsysteme, Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 11, 1967, S. 36–53.Google Scholar
  10. Paul Leyhausen: Zur Naturgeschichte der Angst, in: Die politische und gesellschaftliche Rolle der Angst, H. Wiesbrock (Eds.), Frankfurt 1967, S. 94–112.Google Scholar
  11. Konrad Lorenz: Über tierisches und menschliches Verhalten. Aus dem Werdegang der Verhaltenslehre. Gesammelte Abhandlungen, Bd. I u. II, München 1965.Google Scholar
  12. ders.: Das sogenannte Böse. Zur Naturgeschichte der Aggression, Wien 1963.Google Scholar
  13. Niklas Luhmann: Positives Recht und Ideologie, Archiv für Rechts-und Sozialphilosophie, Vol. 53, 1967, S. 531–571.Google Scholar
  14. ders.: Funktion und Kausalität, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 1962, S. 617–644.Google Scholar
  15. ders.: Zur Funktion der „subjektiven Rechte“, in: Jahrbuch für Rechtssoziologie und Rechtstheorie, Bd. 1, 1970, „Die Funktion des Rechts in der modernen Gesellschaft”, hg. v. R. Lautmann, W. Maihofer und H. Schelsky.Google Scholar
  16. Werner Maihofer: Die gesellschaftliche Funktion des Rechts, in: Jahrbuch für Rechtssoziologie und Rechtstheorie, Bd. 1, 1970, „Die Funktion des Rechts in der modernen Gesellschaft“, hg. von R. Lautmann, W. Maihofer und H. Schelsky.Google Scholar
  17. Bronislaw Malinowski: Crime and Custom in Savage Society, 3. Aufl. London 1940, dtsch. Bern 1949.Google Scholar
  18. ders.: A Scientific Theory of Culture and other Essays, North Carolina 1944, dtsch. Zürich 1949.Google Scholar
  19. Robert K. Merton: Social Theory and Social Structure, 2. Aufl. Glencoe 1957.Google Scholar
  20. Talcott Parsons: The Law and Social Control, in: William M. Evan (Eds.), Law and Sociology, Glencoe 1962.Google Scholar
  21. ders., Neil J. Smelser: Economy and Society, New York 1956.Google Scholar
  22. A. R. Radcliffe-Brown: On the Concept of Function in Social Science, American Anthropologist, vol. 37, 1935, p. 394–402.CrossRefGoogle Scholar
  23. Helmut Schelsky: Über die Stabilität von Institutionen, besonders Verfassungen, in: Jahrbuch für Sozialwiss. Bd. III, 1952, jetzt in: H. Schelsky, Auf der Suche nach Wirklichkeit. Gesammelte Aufsätze, Düsseldorf 1965, S. 33–55.Google Scholar
  24. ders.: Zur soziologischen Theorie der Institution, in diesem Band.Google Scholar
  25. Rüdiger Schott: Die Funktion des Rechts in primitiven Gesellschaften, in: Jahrbuch für Rechtssoziologie und Rechtstheorie, Bd. 1, 1970, „Die Funktion des Rechts in der modernen Gesellschaft“, hg. v. R. Lautmann, W. Maihofer und H. Schelsky.Google Scholar
  26. Christian Sigrist: Regulierte Anarchie. Untersuchungen zum Fehlen und zur Entstehung politischer Herrschaft in segmentären Gesellschaften Afrikas, Freiburg 1967.Google Scholar
  27. Max Weber: Rechtssoziologie (Eds. J. Winckelmann ), Neuwied 1960.Google Scholar
  28. Bernard Willms: Gesellschaftsvertrag und Rollentheorie, in: Jahrbuch für Rechtssoziologie und Rechtstheorie, Bd. 1, 1970, „Die Funktion des Rechts in der modernen Gesellschaft“, hg. v. R. Lautmann, W. Maihofer und H. Schelsky.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1980

Authors and Affiliations

  • Helmut Schelsky

There are no affiliations available

Personalised recommendations