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Die juridische Rationalität

  • Helmut Schelsky
Chapter

Zusammenfassung

Der Gedankengang, den ich vortragen möchte1, wird Rechtswissenschaftler und Philosophen gleichermaßen befremden, ihre Erwartungen enttäuschen und ihnen als allzu simpel erscheinen. Ich gedenke nämlich, eine allen längst bekannte institutionelle Form des Vorgehens oder Handelns juridischer Instanzen — worunter ich vornehmlich die demokratischen Gesetzgeber aller Art und die Gerichte verstehe — in das Grundsätzliche eines Begriffs der Rationalität zu erheben, der den von der Aufklärung vermittelten und in unseren Geisteswissenschaften seitdem herrschenden Begriff der Vernunft oder der Rationalität widerspricht.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Diese Abhandlung ist als mein Abschiedsvortrag vor der Rheinisch-Westfälischen Akademie der Wissenschaften entworfen worden, der dann aber nur etwa ein Viertel der Abhandlung umfaßte. Trotzdem halte ich es für richtig, den adressatenhaften Stil, insbesondere des Anfangs, nicht zu ändern, weil er sich ja nicht nur an die speziellen Hörer des Akademievortrages, sondern auch an den von mir immer als unmittelbare Person vorgestellten Leser richtet. Die sehr gekürzte Fassung des Vortrages, die sicherlich in den Abhandlungen der Akademie, also am stillen Ort, veröffentlicht wird, liegt bei Erscheinen dieses Buches noch nicht vor; so kann ich diese Veröffentlichung sowohl dem Ort wie der Zeit, aber vor allem dem Umfang nach als die originale, wissenschaftlich gültige Fassung dieser Abhandlung bezeichnen.Google Scholar
  2. 2.
    Vgl. dazu Ralf Dreier, Zur Einheit der praktischen Philosophie Kants, Perspektiven der Philosophie, Neues Jahrbuch, Bd. V, 1979, Amsterdam-Hildesheim 1979, S. 5 ff. und die darin angegebene neueste Literatur, insbes. Christian Ritter (1971) und die Abhandlungen Friedrich Kaulbachs (1970–1979).Google Scholar
  3. 3.
    Eduard Baumgarten, Die geistigen Grundlagen des amerikanischen Gemeinwesens, Bd. II, Der Pragmatismus, Frankfurt/Main 1938; derselben, Von der Kunst des Kompromisses Stücke über den Unterschied zwischen Amerikanern und Deutschen, Stuttgart 1949.Google Scholar
  4. 4.
    Vgl. Hans Vaihinger, „Die Philosophie des Als ob“, 1911; „Kommentar zu Kants Kritik der reinen Vernunft”, 2. Aufl. 1922.Google Scholar
  5. 5.
    Jürgen Habermas hat in seinem Buch „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (1962) wahrscheinlich die beste und wirksamste Untersuchung der Öffentlichkeitsfunktion der aufklärerischen Gelehrten, des „Räsonnements”, gegeben; aber indem er die von der „praktischen“ Vernunftsauffassung Kants ausgehende Begrenzung des „Räsonnierens” in ihrer grundsätzlichen Bedeutung nicht erkannte, sondern die „Vernunft des Räsonnements“ in neuen Formen (parteigebundene Basisdiskussion) zur unmittelbaren Auswirkung auf praktisch-institutionelles Handeln ermutigte, so z. B. die sich auf ihn berufende „kritische Justiz”, wurde er zu einem Vorkämpfer und Lehrmeister des Abbaus der juridischen Vernunft und damit letzten Endes zu einem Gegner der sozialen Friedensstiftung und des sozialen Sich-Vertragens.Google Scholar
  6. 6.
    Gustav Radbruch, „Vorschule der Rechtsphilosophie“, Dritte Auflage, hrsg. von Arthur Kaufmann, Göttingen 1965; eine Schrift, die ich trotz der hier vorgetragenen Kritik fast zur Pflichtlektüre für alle jungen Rechtsstudenten empfehlen würde, zumindest damit sie ihre Väter im Geiste verstehen lernen.Google Scholar
  7. 7.
    Es sei nur kurz darauf hingewiesen, daß auch eine „Theorie der Gerechtigkeit“ wie die von John Rawls,1971, dtsch. 1975, primär ein philosophisches Bedürfnis erfüllen will, also die wissenschaftsimmanente Erörterung der Denkbarkeit von „Gerechtigkeit” durchführt und sich damit als „Philosophie der Gerechtigkeit“ zunächst vor allem an Philosophen und das dogmengeschichtliche Selbstverständnis von Rechtswissenschaftlern wendet. Schon mit diesem wissenschaftsimmanenten Ansatz einer „Theorie” verfehlt sie in ihrer Kritik des Utilitarismus dessen vorrangiges Anliegen als Morallehre, als politische Verkündigung einer Gesellschafts-und Wirtschaftsordnung, und will ihn auf einer Denk-oder Reflexionsebene zur Rechenschaft ziehen, die der Utilitarismus vielleicht bewußt verlassen hat. Zur Aufklärung der juridischen Rationalität trägt dieses Buch nichts bei, was nicht schon längst bekannt gewesen wäre.Google Scholar
  8. 8.
    Als „Grazer Symposion“ werden hier und auf S. 59 die Kurzfassungen der Vorträge zitiert, die auf der von der Internationalen Vereinigung für Rechts-und Sozialphilosophie und dem Institut für Rechtsphilosophie der Universität Graz veranstalteten Internationalen Symposium zum Thema „Philosophie und Wissenschaften als Basis der Jurisprudenz; Probleme der Gesetzgebung” im Mai 1979 gehalten wurden. Sie sind in einer von A. Schramm, P. Strasser und Ota Weinberger in dem genannten Institut herausgegebenen Broschüre enthalten. Ihre ausführliche Drucklegung an anderer Stelle ist z.Z. noch nicht abgeschlossen. — Inzwischen sind die dort vorgetragenen Thesen in zwei Veröffentlichungen erschienen: 1. Beiheft Neue Folge Nr.13 des Archives für Rechts-und Sozialphilosophie „Wissenschaften und Philosophie als Basis der Jurisprudenz“, hg. von F. Rotter, Ota Weinberger und F. Wieacker, Wiesbaden 1980; 2. im Beiheft der Zeitschrift „Rechtstheorie” mit dem Titel „Argumentation und Hermeneutik in der Jurisprudenz“, hg. von W. Krawietz, K. Opalek, A. Peczenik, A. Schramm, Berlin 1979. Aber gerade die zitierten Beiträge zur Gesetzgebungslehre befinden sich noch im Druck, sind also nur auf diesem Wege zitierbar.Google Scholar
  9. 9.
    Dieselbe Einengung vollziehen heute die Sozialwissenschaften, die sich kritisch mit dem Recht und den Juristen befassen: Sie konzentrieren sich fast ausschließlich auf die Richter und die sonstigen Justizjuristen — dazu Thomas Raiser, Einführung in die Rechtssoziologie, Berlin 1972, S. 22. Möglicherweise haben die in der Soziologie und Rechtssoziologie aufgestellten Begriffe des Rechts, in denen nur die richterliche Funktion gesehen wird, sogar mit dazu beigetragen, daß die Rechtswissenschaft selbst sich als Rechtsprechungs-wissenschaft verstehen konnte…Google Scholar
  10. 10.
    Wieacker weist darauf hin,,daß der Jurist von Anfang an nicht nur Justizjurist gewesen ist. Im Gegenteil: Als hoch privilegierter, mit großen Kosten ausgebildeter Funktionär ist der europäische Jurist zunächst aufgetreten in den großen Verwaltungen der Kurie und der Episkopate, des Reiches und der westeuropäischen Königskanzleien sowie bei den größten Landesherren und den mächtigsten Städten Europas. Seine Aufgabe war die Rationalisierung dieser Verwaltungen…` (Franz Wieacker, Der Beruf des Juristen in unserer Zeit. In: Gedenkschrift Franz Gschnitzer, Innsbruck 1969, S. 467 ff., 469.Google Scholar
  11. 11.
    Vgl. dazu z. B. die Untersuchungen von Stuart S. Nagel, „Off-the-banch Judical Attitudes“ und S. Sidney Ulmer, „Leadership in the Michigan Supreme Court” in dem von Glendon Schubert herausgegebenen Sammelband „Judical Decision Making“, Glencoe 1963.Google Scholar
  12. 12.
    R. Pohlmann, Recht und Moral — kompetenztheoretisch betrachtet, Archiv für Rechts-und Sozialphilosophie, Beiheft Neue Folge Nr. 13, „Wissenschaft und Philosophie als Basis der Jurisprudenz“, 1980, S. 225–242.Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1980

Authors and Affiliations

  • Helmut Schelsky

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