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Über die Abstraktheiten des Planungsbegriffes in den Sozialwissenschaften

  • Helmut Schelsky
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Zusammenfassung

„Planung ist der große Zug unserer Zeit“; mit diesen Worten beginnt eines der neueren Sammelwerke zum Thema „Planung“ und fährt fort: „Planung ist ein gegenwärtig ins allgemeine Bewußtsein aufsteigender Schlüsselbegriff unserer Zukunftl.“ In der Tat, diese Gefahr besteht; Schlüsselbegriffe des allgemeinen Bewußtseins, die den Zeitgeist aufnehmen, sind sehr bald von der Wissenschaft nicht mehr zu bewältigen und zu benutzen, weil jedermann seinen eigenen Geist, seine eigenen Emotionen, seine eigenen Ziele darin begriffen glaubt und diese Begriffe, statt präzise und verbindlich zu werden, im allgemeinen Meinungsbrei ersticken. Der Begriff des „Plans“ und der „Planung“ ist dazu auf dem besten bzw. schlechtesten Wege. Vom Bauplan bis zum Bildungsplan, von der Landesplanung bis zur „Planung der Zukunft“ werden sehr verschiedene Ebenen menschlichen Handelns und Denkens auf einen scheinbar gleichen Nenner gebracht, und eine leichtfertige Abstraktion scheint sich damit eines durchgehenden Zuges der Zeit sicher zu sein. Überprüft man die wissenschaftliche Literatur zur „Planung“, so sieht man sehr bald, daß der Ingenieur oder Baumeister, der Ökonom, der Jurist, der Soziologe, der Theologe, der Kybernetiker usw. jeweils sehr unterschiedliche soziologische oder handlungsund wissenstheoretische Voraussetzungen in seinem Begriff der „Planung“ oder des „Plans“ mitdenkt. Mit Recht sagt daher Joseph Kaiser über den Begriff der Planung: „Die von der konkreten Erfahrung ausgehende Generalisierung fordert jedoch bei dem gegenwärtigen Stand der Forschung eine außerordentliche Kraft der Abstraktion2.“

Anmerkungen

  1. 1.
    Joseph H. Kaiser, Vorwort zu „Planung I, Recht und Politik der Planung in Wirtschaft und Gesellschaft“, Baden-Baden 1966, S. 7.Google Scholar
  2. 2.
    Exposé einer pragmatischen Theorie der Planung“, ebda., S. 12.Google Scholar
  3. 3.
    Nicolaus Sombart, Planung und Planetarisierung, in „Wege ins neue Jahrtausend, Modelle für eine neue Welt“, hrsg. von R. Jungk und H.J. Mundt, Bd. 2, München 1964, S. 42. Sombart interpretiert in dieser Abhandlung vor allem Saint-Simon unter dem Gesichtspunkt des modernen Planungsdenkens; er sieht mit Recht als zwei wesentliche Kennzeichen dieser Denkweise ihre radikale Diesseitsbezogenheit und ihr Streben zum „Totalplan”, d. h. zur Synthese allen Wissens und zur Beherrschung aller Lebensgebiete; nicht im angemessenen Sinne deutlich wird, daß bei Saint-Simon die Dimension des technischen Handelns das philosophische Denken zu beherrschen beginnt, was um so mehr verwundern muß, als ja die geschichtliche Wirkung Saint-Simons gerade in der Beförderung einer umfassenden technischen Denkweise zu finden ist.Google Scholar
  4. 4.
    Vgl. H. Schelsky, Der Mensch in der wissenschaftlichen Zivilisation, 1961, heute in: ders., Auf der Suche nach Wirklichkeit, Goldmann Sachbuch 1971. S. 456.Google Scholar
  5. 5.
    Hans Freyer, Theorie des gegenwärtigen Zeitalters, Stuttgart 1955, S. 104.Google Scholar
  6. 6.
    A.a.O., S. 18, 20, 22 f.Google Scholar
  7. 7.
    Vgl. dazu H. Schelsky, Über die Stabilität von Institutionen, in: Auf der Suche nach Wirklichkeit, a.a.O., S. 38 ff.Google Scholar
  8. 8.
    Vgl. David F. Lilienthal, TVA, Democracy an the March, New York 1944.Google Scholar
  9. 9.
    Karl Mannheim, Mensch und Gesellschaft im Zeitalter des Umbaus, dt. Übersetzung, GenterVerlag, Darmstadt 1958; die Zitate auf den Seiten 175, 224–225, 227–228.Google Scholar
  10. 10.
    Hans Freyer, Herrschaft und Planung, Hanseatische Verlagsanstalt, Hamburg 1933; Zitate S. 10–12, 19–22.Google Scholar
  11. 11.
    DieterProkop, Handeln Entscheiden Planen, Zur soziologischen Analyse von Planungsprozessen, Ztschr. „Soziale Welt“, Jg. 17, (1966), Heft 1. S. 25.Google Scholar
  12. 12.
    Otto Walter Haseloff, Strategie und Planung, in: „Der Griff nach der Zukunft. Planen und Freiheit“, hrsg. von R. Jungk und H.J. Mundt, Desch Verlag, München 1964, S. 148; derselbe, Schicksalsideologie und Entscheidungsplanung, in: „Deutschland ohne Konzeption?”, hrsg. v. R. Jungk und H.J. Mundt, München 1964, S. 70.Google Scholar
  13. 13.
    Nach einem Bericht „Sinn und Unsinn des Planens“ in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26. Mai 1966.Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1980

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  • Helmut Schelsky

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