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Die verlorenen Autonomie des Staates

  • Emanuel Richter

Zusammenfassung

Im Fortgang des theoriengeschichtlichen Überblicks hat sich eine Erkenntnis immer deutlicher Bahn geschlagen: Je weiter sich die Industriegesellschaft entwickelt, desto nachhaltiger prägt sich eine bestimmte Rationalität des modernen Staats und politischer Herrschaft aus. Dieses Wechselspiel führt auch zu neuen Einsichten in Hinblick auf das Ausmaß der Herrschaft. Es zeigt sich, daß die Industriegesellschaften verstärkten staatlichen Regulierungsbedarf wecken und somit eine „Expansion“ der Herrschaft jenseits der räumlichen Dimension in Gang setzen. Die Probleme der räumlichen Größenordnung werden überlagert von den Aspekten eines quantitativen Ausmaßes, die sich in erweiterten Zugriffsmöglichkeiten des Staates äußern und die Tendenz beinhalten, in einer merkwürdigen Eigengesetzlichkeit die staatliche Regelungsdichte beständig zu erweitern. Diese Form der Expansion wirft demokratietheoretische Fragen auf, die bislang theoriengeschichtlich nicht hinreichend beantwortet werden konnten. Marx hatte die normative Durchdringung des problematischen Wechselspiels zwischen moderner Industriegesellschaft und politischer Organisationsform in einem Handstreich unterbrochen, indem er die bürgerliche Gesellschaft — als offen proklamierte Basis dieses politischen Übels — insgesamt verwarf; Weber hatte die neue Gestalt der Rationalität von Herrschaft scharfsichtig erläutert, aber kaum Ansatzpunkte für eine entsprechend sensibilisierte Demokratietheorie geboten.

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Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1994

Authors and Affiliations

  • Emanuel Richter
    • 1
  1. 1.KasselDeutschland

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