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Abschließende Reflexion

  • Anja Bednarz
Part of the Studien zur Sozialwissenschaft book series (SZS)

Zusammenfassung

Der Ausgangspunkt dieser Arbeit bestand in der Frage, wie Menschen den Tod wahrnehmen, wie sie das Sterben eines signifikanten Anderen deuten und schließlich im Umfeld des Todes handeln. Das Erkenntnisinteresse lag in der Analyse dieser Zusammenhänge, die über objektiviertes Wissen vermittelt werden. Mittels einer Rekonstruktion von Deutungs- und Handlungsmustern sollten Prozesse der sozialen Konstruktion des Todes nachvollzogen werden. Eingangs wurde von der These der Verdrängung des Todes gesprochen. Bereits während der Durchführung der 18 Interviews gewann ich den Eindruck, der Tod sei gar nicht so entzaubert, wie es auf den ersten Blick scheint, bzw. viele rationale Praktiken um den Tod herum nahe legen. Es lassen sich Deutungen entdecken, die die Sozialität, die durch den Tod bedroht wird, aufrechterhalten sollen. Dieser Eindruck ließ sich durch die Textanalyse bestätigen. Wichtig ist, dass damit nicht nur Licht auf die Konstruktionen des Todes geworfen wird, sondern zugleich auch auf Konstruktionen des (Zusammen-) Lebens, d. h. Sozialität, Individualität, Ordnung und Dauer werden als zentrale Kategorien menschlicher Interdependenzen überhaupt herausgearbeitet.

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Literatur

  1. 156.
    Unter Moderne wird hier die Bezeichnung für die Eigenart des neuzeitlichen okzidentalen Kulturkreises verstanden. Die Moderne wird weitgehend mit dem Begriff der Neuzeit gleichgesetzt und ist geprägt durch die Entfaltung der Fähigkeit der Menschen zu rationalem Denken und Handeln. Ihre Ursprünge liegen in der Renaissance und im Zeitalter der Reformation, als Durchbruch wird die Philosophie der Aufklärung im 17. und 18. Jahrhundert bezeichnet, die die Aufwertung der individuellen Freiheit und Vernunft propagierte. Im Verlauf der Moderne gewannen persönliche Unabhängigkeit, Autonomie und Verantwortung auf Kosten sakraler und kollektivistisch-gemeinschaftlicher Bindungen des Individuums an Bedeutung. Mit einem methodisch-rationalen Aktivismus setzte sich der Glaube an die Machbarkeit aller Dinge durch. Im 20. Jahrhundert wurde aufgrund von Gegenbewegungen das Ende der Moderne konstatiert, ihr eine plurale und relativistische Postmoderne entgegengesetzt. Zu soziologischen Gegenwartsdiagnosen vgl. etwa Schimank/Volkmann 2000; Kneer/Nassehi/Schroer 2000.Google Scholar
  2. 157.
    Diese Differenzierung geht auf Georg Simmel zurück. Die eine Bedeutung von Individualität umfasst die Freiheit und Selbstverantwortlichkeit, die dem Menschen in „bewegten sozialen Umgebungen zukommt. (chrw(133)) Die andere Bedeutung der Individualität aber ist die qualitative: dass der einzelne Mensch sich von den andern einzelnen unterscheide, dass sein Sein und Tun nach Form und Inhalt oder beidem nur ihm allein zukomme, und dass dieses Anderssein einen positiven Sinn und Wert für sein Leben besitze“ (Simmel 1968: 541).Google Scholar
  3. 158.
    Vgl. hierzu vor allem Giddens 1991, aber auch Beck/Gidddens/Lach 1996 oder Beck 1986.Google Scholar
  4. 159.
    Das Recht der Menschen, über ihr eigenes Leben zu verfügen, aber auch die vermeintliche Notwendigkeit, dies zu tun, spiegelt sich in der Maxime des selbstbestimmten Sterbens. Mit Hilfe von Organspendeausweis oder Patiententestament inszenieren sich Menschen als selbstbestimmt. Als sinnlos interpretiertes — weil nirgendwo hinführendes — Leiden kann als unnötiges Leiden deklariert werden, das beispielsweise mittels Sterbehilfe beendet werden kann. Die hier angestrebte Todeskontrolle, die sich als Kontrolle Ober den Todeszertpunkt entpuppt, dokumentiert sich ebenfalls in der steigenden Selbstmordrate unter alten Menschen (vgl. SchmitzScherzer 1999: 380f.).Google Scholar
  5. 160.
    Objektivation oder Verdinglichung bezeichnet den Prozess der Umwandlung von subjektiv geteiltem Wissen zur gesellschaftlichen Wirklichkeit. Objektivation geschieht mittels Sprache, die intersubjektiv geteilte Bedeutungen erzeugt; mittels Institutionalisierung, die normative Verbindlichkeit von Regeln hervorbringt, so dass soziale Strukturen entstehen; mittels Legitimationen, die bestehende Deutungs-und Handlungsmuster rechtfertigen; mittels Sozialisation, die Wissen tradiert (vgl. Berger/Luckmann 1970 ).Google Scholar
  6. 161.
    Dass, was „Jedermann“ tut, ist normal. Dieser beliebige „Jedermann” wird im Alltag als „normaler“ Handlungspartner typisiert (vgl. Grathoff 1989: 366 ).Google Scholar
  7. 162.
    Aus einer poststrukturalistischen Perspektive können solche subjektiven Eigentheorien als Subjektpositionierungen gedeutet werden. Die Annahme vom autonom handelnden und selbstidentischen Subjekt wird in diesem Zusammenhang dekonstruiert. Die Identität des Subjekts kann nicht unabhängig von seiner Einschreibung in verschiedene diskursive Oberflächen und Dispositive gefasst werden. Das Subjekt wird erst durch den Diskurs als Ort seines Sprechens, Filhlens und Handelns geschaffen. Die Vielfàltigkeit gesellschaftlicher Diskurse ist denn auch gleichzeitig die Vielfältigkeit des Subjekts. Die Praktiken eines Subjekts sind nicht mehr als einheitliches Prinzip zu fassen. Foucault umschreibt die Heterogenitat der Positionen regulierter Redeweisen, die es Subjekten erst ermöglichen, zu sprechen, mit dem Begriff der Subjektpositionen (1997: 75ff.).Google Scholar
  8. 163.
    Der Philosoph Thomas Nagel weist darauf hin, dass von einer grundsätzlichen Kontingenz des menschlichen Daseins auszugehen sei: Jegliche Existenz sei kontingent, d. h. man ist durch Zufall da und nicht Kraft Notwendigkeit oder weil es ein Anrecht darauf gäbe. Das bedeutet aber eine Schwächung der für gesichert gehaltenen Anwesenheit in der Welt (vgl. Nagel 1992: 52). Gegen die sich hier abzeichnende rationalistische Sichtweise zeigen sich im Datenmaterial eine ganze Reihe von Widerständigkeiten.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 2003

Authors and Affiliations

  • Anja Bednarz
    • 1
  1. 1.HamburgDeutschland

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