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Einleitung

  • Anja Bednarz
Part of the Studien zur Sozialwissenschaft book series (SZS)

Zusammenfassung

Die menschliche Lebenswelt ist von der Tatsache gekennzeichnet, dass Sein auch die Möglichkeit des Nicht-mehr-seins in sich birgt. Der Tod als radikale Form des Nicht-mehr-seins stellt dabei Gewissheiten infrage, auf denen das Alltagsleben basiert. Zum sozialen wie zum kulturellen Leben scheint es dazu zu gehören, sich von der Unvermeidlichkeit des Todes abzuwenden und sich dem Leben zuzuwenden. Dennoch kommt es früher oder später zur persönlichen Konfrontation mit dem Tod. Die Erfahrung von Sterben und Tod wirft dabei eine Reihe von Fragen auf (vgl. Höhn 1994: 33): Was macht man, wenn nichts mehr zu machen ist, wenn keine Art der Wirksamkeit weiter führt? Was geschieht, wenn man nicht mehr weiter weiß, wenn keine Art von Wissen mehr weiter hilft? Wie begegnet man sinnvoll Ereignissen, denen kein Sinn abzugewinnen ist? Wie kann man mit dem leben, das einem das Leben zu nehmen droht?

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Literatur

  1. 1.
    Im Weiteren wird, wenn es um einen für die Interviewten bedeutsamen Menschen geht, vom signifikanten Anderen die Rede sein. Signifikante Andere sind Menschen, die als Interaktionspartnerinnen und -partner Orientierungs-und Identifikationsmöglichkeiten bereitstellen (vgl. Mead 1995: 217ff.). Sie stellen damit im „Leben des Einzelnen die Starbesetzung im Spiel um seine Identität [dar]. Sie sind so etwas wie Versicherungsagenten seiner subjektiven Wirklichkeit“ (Berger/Luckmann 1970: 161 ).Google Scholar
  2. 2.
    Häufig wird dazu die Dichotomisierung damals/heute benutzt, die sich vor allem auf das Mittelalter bezieht. So schreibt Christoph Wulf: „Im Unterschied zum Mittelalter beinhaltet der Tod heute den weitgehenden Ausschluss der Verstorbenen von den Lebenden. Der Lebende weiß, dass er als Verstorbener nicht mehr dazugehört. Da unsere gegenwärtige Gesellschaft kaum über Riten verfügt, einen symbolischen Austausch zwischen den Lebenden und den ‘l’oten zu etablieren, wird der Verstorbene bald vergessen. Die Trennung zwischen Toten und Lebenden ist endgültig. Einzig das Leben und die Lebenden zählen. Die Toten haben keinen Ort, keine Zeit, kein Weiterwirken“ (Wulf 1982: 265). Dieser Auffassung wird durch die hier vorliegenden Ergebnisse widersprochen.Google Scholar
  3. 3.
    So existieren neben dem biologischen Tod beispielsweise der soziale Tod, der klinische Tod oder der Individualtod (vgl_ Baudrillard 1982: 200; Sudnow 1972: 96ff.; Helmers 1989: 10f).Google Scholar
  4. 4.
    Die Thanatosoziologie ist die Soziologie des Todes. Diese Bezeichnung ist der griechischen Mythologie entlehnt, in der Thanatos, Sohn der Nacht, mit Hypnos, seinem Zwillingsbruder, die Toten wegtragt. Die Thanatologie, in den USA bereits als Fachdisziplin eingeführt, versucht als anthropologische Wissenschaft die unterschiedlichen Forschungsansatze von Psychologie, Soziologie, Ethnologie, Philosophie und Geschichte zu integrieren.Google Scholar
  5. 5.
    Exemplarisch seien hier zwei antike Denker genannt: Epikur (1973), der die Furcht vor dem Tod für unbegründet halt, da er Nichtmehrleben nicht als Übel auffasst, zumal Menschen ihren Tod gar nicht erleben würden. Zum anderen Marc Aurel (1965), der in seinen Selbstbekenntnissen stoische Schicksalsergebenheit propagiert und Philosophieren als Sterben lernen auffasst.Google Scholar
  6. 6.
    Georg Simmel, der als Klassiker der Soziologie gilt, wird hier unter der philosophischen Auseinandersetzung mit dem Tod genannt, weil er sich nicht mit der Frage nach der Soziogenese des Todesbewusstseins befasst. Er fragt nicht nach der Bedeutung der Kultur für den Tod, sondem nach der Bedeutung des Todes für die Kultur. Während heutige soziologische Ansätze davon ausgehen, dass der Tod per se überhaupt keinen Sinn hat, sondern dieser ihm kulturell und epochal zugeschrieben wird, beschreibt Simmel ihn — ähnlich wie Heidegger — als anthropologische Konstante. Es handelt sich um eine metaphysische Reflexion, nicht um eine soziologische Analyse. Todesangst ist für ihn beispielsweise apriori gegeben (vgl. Simmel 1918: 80ff.).Google Scholar
  7. 7.
    Den Tod als Thema der Kulturtheorie behandelt Assmann am Beispiel des Alten Ägypten. Er regt an, einzelne Kulturen sollten daraufhin untersucht werden, welche kulturspezifische Geschichte des Todes sie aufweisen, also welche Todesriten, Jenseitsvorstellungen, Unsterblichkeitsbegriffe, Sterbeformen und Grabdenkmäler sich finden lassen. In einem zweiten Schritt wäre sodann zu erforschen, ob von hier aus ausgehend, sich die gesamte Kultur beschreiben ließe, auch in Aspekten, die auf den ersten Blick wenig mit Tod zu tun haben, um so eine kulturwissenschaftliche Thanatologie zu etablieren (vgl. Assmann 2000: 14 ).Google Scholar
  8. 8.
    Dieses Buch bezieht sich mit seinem Titel „Der Tod ist ein Problem der Lebenden“ auf die Feststellung, die Norbert Elias (1991) in seinem Essay über die Einsamkeit der Sterbenden hergeleitet hat.Google Scholar
  9. 9.
    Als Fortsetzung hierzu gilt die Veranstaltung der Görres-Gesellschaft Anfang Oktober 2001 mit dem Titel „Ende der Todesverdrängung°. In diesem Rahmen wurden verschiedene aktuelle Untersuchungen vorgetragen. Armin Nassehi sprach über „Der Tod der Gesellschaft“, Irmhild Saake im Rahmen eines DFG-Projekts über „Todesbilder” (Auswertung biographischer Interviews), im gleichen Rahmen Susanne Brüggen (Auswertung von Ratgeberliteratur), Ursula Streckeisen über „Medizin und Lebensende“, Gerd Göckenjan und Stefan Dreßke über „Kultur des Sterbens im Krankenhaus”, Stefan Hirschauer über die Ausstellung „KörperWelten“.Google Scholar
  10. 10.
    Weitere Ergebnisse wurden bisher lediglich im Internet publiziert (http://www.lrzmuenchen.de/-Is_nassehi/saak_dgs.htm).

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 2003

Authors and Affiliations

  • Anja Bednarz
    • 1
  1. 1.HamburgDeutschland

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