Advertisement

Die individualistische Identität der Person in der funktional differenzierten Gesellschaft

  • Uwe Schimank

Zusammenfassung

Diesem Kapitel liegt das erste Kapitel meines 1981 erschienenen Buches „Identitätsbehauptung in Arbeitsorganisationen — Individualität in der Formalstruktur“ (Frankfurt/M.: Campus) zugrunde. Hier wird das für alles weitere grundlegende theoretische Modell von Personen als Identitätsbehauptern entwickelt und sodann auf die individualistische Identität von Personen in der funktional differenzierten modernen Gesellschaft bezogen.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literatur

  1. 1.
    Zu den angesprochenen vier Generalisierungsebenen sozialer Verhaltenserwartungen siehe Luhmann (1972: 85–93).Google Scholar
  2. 2.
    Um Ralf Dahrendorfs (1967: 49–51) treffende Formulierung aufzugreifen. Sigmund Freuds (1930) These vom „Unbehagen in der Kultur“ zielt auf denselben Sachverhalt.Google Scholar
  3. 3.
    Hier liegen Grundgedanken der deutschen philosophischen Anthropologie zugrunde: Max Scheler (1928), Helmuth Plessner (1928; 1961) und Arnold Gehlen (1940).Google Scholar
  4. 4.
    Emile Durkheim (1897: 246–254, 257) insistierte auf dieser Einsicht — dazu auch Dreitzel (1968: 41). Gehlens (1952) Gedanken zur „Geburt der Freiheit aus der Entfremdung“ gehen in dieselbe Richtung. Schließlich siehe auch Wallaces (1975: 123) Kritik an Cole-mans utilitaristischer Handlungstheorie, deren falsche These Wallace so resümiert,,,… that human beings can only be free when they are unsocialized and outside any social system…” Dieses Zitat demonstriert deutlich die Unsinnigkeit jeder übervereinfachenden Auflösung der „Dialektik“ von Freiheit und Begrenzung.Google Scholar
  5. 5.
    Werner Herzogs (1974) Kaspar-Hauser-Film „Jeder für sich und Gott gegen alle“ zeigt dies sehr eindringlich und subtil. Auch Georg Simmel (1908:57) notiert:,,… fast alle Beziehungen — staatliche, parteiliche, familiäre, freundschaftliche, erotische — stehen wie von selbst auf einer schiefen Ebene und spinnen ihre Forderungen, wenn man sie sich selbst überlässt, über den ganzen Menschen hin.”Google Scholar
  6. 6.
    Dies ist eine Anwendung von W. Ross Ashbys (1956: 282–391) allgemeinem „law of requisite variety“.Google Scholar
  7. 7.
    So genannt von Parsons (1937: 89–94). Siehe Thomas Hobbes (1651: Kap. 13).Google Scholar
  8. 8.
    Hierzu siehe Erikson (1946: 17/18; 1950: 107/108; 1956: 124, 190/191), Kuhn/Mc Partland (1954), Goffman (1963b: 129/130), Argyle (1972:150) sowie Tugendhats (1979) subtile sprachanalytische Interpretationen.Google Scholar
  9. 9.
    Siehe den im Rahmen seiner allgemeinen Theorie des Handlungssystems gelungenen Einbau des Identitätskonzepts bei Parsons (1968).Google Scholar
  10. 10.
    Hierzu Parsons (1968: 19) mit Betonung des kognitiven und Luhmann (1965b: 264–266) mit Betonung des normativen Aspekts.Google Scholar
  11. 11.
    Die Albert Camus (1942: 9) zu Recht an den Anfang seiner Existenzphilosophie stellt.Google Scholar
  12. 12.
    Hierzu Luhmann (1973b: 96–101, 106), ferner Döbert/Nunner-Winkler (1975: 24–30) zur „kommunikativen Kompetenz“.Google Scholar
  13. 13.
    Diese beiden zeitlichen Horizonte der Selbstreflexion stellt Luhmann (1965b: 266–270) heraus.Google Scholar
  14. 14.
    Dies ist eine hauptsächlich für die Sozialisationsphase entwickelte zentrale Thematik der interaktionistischen Soziologie — klassisch vor allem Mead (1934: 177–271). Eine anschauliche Behandlung findet sich bei Berger/Luckmann (1966: 147–204). Knappe Obersichten über die verschiedenen Formen der Genese von Ich-Identität geben weiterhin Argyle (1969: 363–372) und Gergen (1971: 40–64).Google Scholar
  15. 15.
    Hierzu siehe Rose (1969), der sich auf Goffman (1956) beruft.Google Scholar
  16. 16.
    Auch die Wissenschaftstheorie kommt, in Überwindung von Karl Poppers Instant-Falsifikationsmus, dieser funktionalen Limitierung von Reflexion auf die Spur, wenn sie zugestehen muss, dass neue Theorien nicht gleich nach der ersten Widerlegung verworfen werden dürfen, weil dann keine einzige Theorie überleben könnte, sondern statt dessen bis zur Bewährung einer gewissen Schonfrist bedürfen (Lakatos 1970).Google Scholar
  17. 17.
    Ausführlich siehe Laing (1961: 61–140) — weiterhin auch die Behandlung von sozialer Bestätigung als einer Art „good redundancy“ bei Klapp (1978: 108–134).Google Scholar
  18. 18.
    Hierzu siehe Parsons (1951: 25), Levy (1952: 159/160), Dahrendorf (1958: 144), Luhmann (1972: 86/87). Ein gutes Modell des Rollenhandelns findet sich bei Kahn et al. (1964: 11–35).Google Scholar
  19. 19.
    Hierzu siehe Goffman (1963b:11–13) und, daran anschließend, Gordon (1968:118). Die Unterscheidung aktiver und latenter Rollen geht auf Linton (1945: 67/68) zurück.Google Scholar
  20. 20.
    Multiplikativ weist darauf hin, dass keiner der beiden Faktoren gleichsam auf Null reduziert sein darf, soll eine persönliche Identität resultieren: ohne Rolle nur ein sich verhaltender Organismus, ohne persönliche Attribute nur ein völlig in der Rolle aufgehender Roboter. Bei Gordon (1968: 118/119) findet sich dies gut entwickelt.Google Scholar
  21. 21.
    Die meisten dieser Elemente sind hei Gordon (1968: 123–131) mit vielen Beispielen erläutert.Google Scholar
  22. 22.
    So definiert auch Goffman (19636: 73–75) persönliche Identität als Biografie. Das ist analytisch insofern unglücklich, als damit nur die Biografie, wie sie sich anderen darstellt, gemeint sein kann. Die Biografie, wie sie sich der Person selbst darstellt, wäre hingegen der zeitliche Aspekt von Ich-Identität.Google Scholar
  23. 23.
    Auch Dreitzel (1968: 108, 116–119, 125, 136–141) spricht von der „Inszenierung des Verhaltens“ und klassifiziert Rollen nach dem erforderlichen Ausmaß von „Ich-Leistungen`. Siehe weiterhin Levinson (1959) zur persönlichen „role-definition” und Turner (1962) zum „role-making“. Ferner noch Guiots (1977: 693–696) Kritik an Jones/Davis (1965), die meinen, dass „in-role behavior” niemals Aufschlüsse über die Person gäbe.Google Scholar
  24. 24.
    Dieser Begriff wird hier in einem engeren Sinne als gewöhnlich verwendet. Zur üblichen Verwendung siehe die mit Recht als äußerst unklar geblieben kritisierten Darlegungen Goffmans ( 1961a: 93–171) und, daran anschließend, Dreitzel (1968: 187–197) und Krapp-mann (1969: 133–141 ). Insbesondere sozial nicht wahrnehmbare Distanzierung wird hier nicht unter Rollendistanz subsummiert, weil sie keine Selbstdarstellung ist. Ferner wird die sozial funktionale Darstellung einer souveränen Beherrschung der Rolle, ein Über-derRolle-stehen wie das des Chirurgen, der so den Operationshelfern die Angst nimmt, nicht als Rollendistanz, sondern als Fall von Rolleninszenierung aufgefasst.Google Scholar
  25. 25.
    Dies ist hingegen eine Ausweitung des gängigen Begriffs von Rollendistanz. Zum Sachverhalt selbst siehe Goffman (1957) zu „mis-involvements“ und Goffman (1963a: 43–79) mit der Unterscheidung von „main” und „side-involvements“ einerseits, „dominant” und „subordinate involvements“ andererseits.Google Scholar
  26. 26.
    Zumindest anzumerken ist, dass Rollendevianz nicht immer auf Selbstdarstellungsbemühungen, sondern auch auf rein soziale Ursachen zurückgeführt werden kann, die Rollenkonformität verhindern, etwa fehlendes Rollenwissen. Dies stellt auch Guiot (1977: 693–696) gegenüber Jones/Davis (1965) fest, die meinen, „out-of-role behavior“ würde stets der Person als Selbstdarstellungsbemühung zugerechnet.Google Scholar
  27. 27.
    Hier ließen sich Ergebnisse der zuerst von Brehm (1966) formulierten psychologischen Reaktanztheorie einarbeiten. Dort wird der Frage nachgegangen, warum Personen auf Einschränkungen der eigenen Autonomie oft allergisch mit „irrationalen“ Trotzreaktionen reagieren. Sehr viele - nicht alle - der dort erörterten Autonomiebeschränkungen sind als Restriktionen von Selbstdarstellungen interpretierbar.Google Scholar
  28. 28.
    Siehe Cohen/Taylor (1976: 136–151) über das „Die Dinge zusammenfügen“.Google Scholar
  29. 29.
    Diese fünf Komplexitätsdimensionen einer Struktur unterscheidet Ruggie (1975: 128 /129). Die Implikationen für die Rollenvielfalt behandelt Banton (1965: 1–20, 42–67).Google Scholar
  30. 30.
    Diese Argument von Durkheim (1893) und Simmel (1908: 305–344, 527–573) greifen Parsons (1968b: 12, 21–23) und Luhmann (1965b: 265, 275) wieder auf. 1m Kontext der Wahlforschung wird das Phänomen als Auflösung homogener Wählerblocks - was die Auflösung der klassischen Weltanschauungsparteien nach sich zieht - entdeckt; stattdessen erscheint der von „cross pressures“ hin und her gerissene Einzelne, dessen Wahlentscheidung zwar - wegen der begrenzten Alternativen - nicht im outcome, so doch im Rationalitätskalkül höchst individuell ist (Lipset 1959).Google Scholar
  31. 31.
    Eine äußerst konzise Darstellung der historischen Semantik des Individualismusbegriffs gibt Lukes (1973).Google Scholar
  32. 32.
    Diese Ambivalenz der persönlichen Bewältigung der durch komplexe soziale Identitäten entstehenden eigenen Einzigartigkeit ist das zentrale Thema von Fromm (1942): einerseits Individualismus, andererseits die Fluchtversuche des Autoritarismus, wie ihn auch Adorno (1949/50) analysiert hat, und des Konformismus wie bei Riesmans (1950),,Außengeleiteten“.Google Scholar
  33. 33.
    Die Klagen über das angebliche „Ende des Individuums“, unausrottbares und alle ideologischen Lager einendes Ingredienz des Feuilletons, werden noch theoretisch durchdacht -also zumindest kritisierbar-. bei Horkheimer (1947: 124–152) präsentiert.Google Scholar
  34. 34.
    Zwei bei Gehlen (1956: 330) in anderem Zusammenhang geprägte Formulierungen.Google Scholar
  35. 35.
    Siehe auch hierzu ausführlicher Kapitel 10.Google Scholar
  36. 36.
    Siehe Luhmann (1978: 218–220) zur sich seit dem zwölften Jahrhundert durchsetzenden Handlungsrelevanz von Motiven.Google Scholar
  37. 37.
    Zu den Rollenkonflikten existiert eine umfangreiche Literatur — siehe nur die systematische Kurzdarstellung bei Kahn et al. (1964: 18–21). Zum Erfordemis der Rollenkomple-mentarität findet sich sehr gutes empirisches Material aus Ehen bei Laing et al. (1966). Siehe weiterhin zu allen Rollenproblemen Lange (1975), der auch noch fehlendes Rollenwissen behandelt.Google Scholar
  38. 38.
    So auch Luhmann (1965a: 48–50). Wie die Zivilisierung sozialer Interaktionen mit der gesellschaftlichen Differenzierung fortschreitet, zeigen die anschaulichen historischen Untersuchungen von Elias (1939: Bd. 1, Bd. 2: 312–454).Google Scholar
  39. 39.
    Siehe Luhmann (1965a: 49): „Die Persönlichkeit wird nun als Individuum idealisiert…, weil sie als Individuum für die strukturelle Koordination der Sozialordnung funktionswichtig wird.“ Krappmann (1969) beschreibt diese interaktiven Kompetenzen unhistorisch als soziale Funktionen „balancierender Ich-Identität”.Google Scholar
  40. 40.
    So die berühmten Formulierungen hei Jacob Burckardt (1860: 123).Google Scholar
  41. 41.
    Fromm (1942: 34/35, 40/41, 43–45) hebt wiederholt hervor, dass die Personen des Mittelalters zwar nicht frei von festen und einengenden sozialen Bindungen waren, dafür aber auch nicht unter der typisch modernen Isolation, Distanz zum Mitmenschen und dem bürgerlichen Egoismus litten. In vielen Reflexionen über die Stellung der Person in der Gegenwartsgesellschaft ist dieser Gesichtspunkt als Kritik an einer zu weit gehenden Offenheit formuliert, die schließlich alles zur persönlichen Option werden lässt und damit die Person zum einen überfordert, ihr zum anderen soziale Bestätigungen versagt (Klapp 1978; Dahrendorf 1979).Google Scholar
  42. 42.
    Zu diesem Element von Individualismus siehe wiederum Lukes (1973: 52–58). Selbstbestimmung über Zurechnung zu definieren - wobei hier vereinfachend Selbst-und Fremdzurechnung nicht unterschieden werden - vermeidet metaphysische Erörterungen über die Existenz eines freien Willens.Google Scholar
  43. 43.
    Rose Laub Coser (1975) hat hierfür die einprägsame Formel gefunden: „the complexity of roles as a seedbed of individual autonomy.“Google Scholar
  44. 44.
    Eine Interpretation der Menschenrechte, die deren Funktion in der Verhinderung sozialer und sozial initiierter personaler Entdifferenzierung sieht, gibt Luhmann (1965a).Google Scholar
  45. 45.
    Was nicht heißt, dass nicht grundsätzlich alles hinterfragbar wäre: nur nicht alles auf einmal!Google Scholar
  46. 46.
    Schlimm, nicht nur für Kriminalisten, wenn es so gewesen wäre!Google Scholar
  47. 47.
    Hierzu einige interessante Beobachtungen bei Burckhardt ( 1860: 284–289, 305–315) und Ullmann (1966: 43–46, 104–107, 110–112) über die Darstellung historischer Persönlichkeiten in Geschichtsschreibung, biografischer Literatur und Malerei des Mittelalters im Vergleich zu später: keine Persönlichkeitszüge und Idiosynkrasien, keine Anekdoten, keine Motive und Gefühle, kurz: keine Charaktere, sondern Typen, vom Sozialsystem geführte Schachfiguren. Es ist nicht anzunehmen, dass besondere persönliche Attribute in der Realität gefehlt haben. Sie besaßen nur keine soziale Relevanz und wurden daher in den Beschreibungen fortgelassen.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 2002

Authors and Affiliations

  • Uwe Schimank

There are no affiliations available

Personalised recommendations