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Determinanten einer Akkulturation von Migrantinnen und die Bedeutung des familiären Interaktionsfeldes

  • Angelika Schmidt-Koddenberg
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Zusammenfassung

In diesem Teil der Arbeit soll der aus historischer Perspektive konstatierte allgemeine „strukturelle Wandel“, in den die Arbeitsmigration als Teil des Industrialisierungsprozesses die Migranten hineinführt, näher beschrieben werden, um die veränderten Rahmenbedingungen für ihre Identitätsentwicklung zu verdeutlichen. Dabei geht es darum, die allgemeinen und strukturellen Determinanten für eine Akkulturation der ausländischen Bevölkerung in der Bundsrepublik im Hinblick auf ihre spezifische Bedeutung für die migrierten Frauen zu konkretisieren (Kap. 4). Die hier diskutierten Rahmenbedingungen stecken das Spannungsfeld ab, das für die alltäglichen Handlungsabläufe maßgeblich ist.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Dabei ist lange erkannt, daß die Normen des Christentums ebenso wie die des Islam (bzw. aller großer Weltreligionen) zur Legitimation der weiblichen Inferiorität und Stützung patriarchalischer Verhältnisse beigetragenhaben (vgl. Daly 1978).Google Scholar
  2. 2.
    Hierzu merkt Saadawi, eine arabische Wissenschaftlerin, folgendes an. „Das Leben der Menschen und ihre Grundbedürfnisse sind von der Wirtschaft und nicht von der Religion abhängig. Die Normen und Werte der Religion sind im Laufe der Geschichte stets durch die Ökonomie geformt worden. In jeder Gesellschaft ist die Unterdrückung der Frau Ausdruck einer ökonomischen Struktur, die auf dem Landbesitz beruht, auf Systemen der Abstammung, Erbnachfolge und auf der patriarchalischen Familie als sozialer Einheit. Obwohl sich in der Geschichte immer wieder erwiesen hat, daß die unterprivilegierte Stellung und die Unterdrückung der Frauen als Resultat der sozioökonomischen Systeme gelten muß, findet sich auch heute noch bei vielen Autoren die Behauptung, die wirkliche Ursache sei in der Religion zu finden. Dies gilt vor allem für Arbeiten aus der westlichen Welt, die sich mit der Lage der arabischen Frau beschäftigen. Sie versuchen, die Probleme der Frauen aus den Werthaltungen des Islam, aus seinem besonderen Charakter im Vergleich mit anderen Religionen herzuleiten“ (1980, 5)Google Scholar
  3. 3.
    Vgl. hierzu die wissenschaftstheoretische Kritik von Nauck (1985, 193 ff) an Essets Ansatz. — Im Widerspruch zur Betonung der psychischen (kognitiven) Prozesse in seinem Modell arbeitet Esser in seinen späteren empirischen Analysen von Assimilationsprozessen jedoch durchaus stärker mit situativen Variablen, z.B. der beruflichen Position, der Situation im Herkunftsland (vgl. Kremer/Spangenberg 1980; Esser 1982).Google Scholar
  4. 4.
    Eine neue Statistik der Ausländerbeauftragten weist aus, daß Ende 1984 bereits 63% aller ausländischen Kinder unter 16 Jahren in der Bundesrepublik geboren sind (Funcke 1985, 23).Google Scholar
  5. 5.
    Vgl. exemplarisch für die Entwicklung in der Türkei Abadan-Unat (1985) und in den südeuropäischen Ländern die regelmäßigen Veröffentlichungen der Kommission der Europäischen Gemeinschaften,Frauen Europas’, insbesondere die Nachträge zu Nr. 8 (1981), zu Nr. 11 (o.J.) und zu Nr. 14 (1984).Google Scholar
  6. 6.
    Demgegenüber weisen europäische Statistiken für Gesamt-Italien 1979 eine weibliche Erwerbsquote von 33% (Kommission der EG 1984, 13) und für Gesamt-Spanien im selben Jahr eine Quote von 29% auf (Kommission der EG 1981, 7).Google Scholar
  7. 7.
    Noch 1975 lebten etwa 55% aller Bewohner der Türkei in Dörfern bis zu 5 000 Einwohnern (Karasan-Dirks 1980, 57).Google Scholar
  8. 8.
    Selbst in türkischen Großstädten spielen Verwandtschaftsbeziehungen noch eine große Rolle: zum Teil wohnen Verwandte im selben Mietshaus und leisten sich gegenseitig alltägliche und auch finanzielle Hilfe. Allerdings sind sie insgesamt nicht von einer so zentralen Bedeutung wie in Dörfern oder Kleinstädten, da den Städtern ungleich mehr alternative Beziehungsangebote durch Arbeit, Organisationen, Vereine etc. zur Verfügung stehen (Wiethold 1981, 192 f; Kongar 1976).Google Scholar
  9. 9.
    Das Prinzip der Geschlechtertrennung wird in allen Abhandlungen, die sich mit den sozialen Strukturen in den Herkunftsländern der Arbeitsmigrantinnen beschäftigen, ausführlich beschrieben, vgl. z.B. Mansur 1972; Magnarella 1974; Peristiany 1976; Cornelisen 1978; Baumgartner-Karabak/Landesberger 1978; Garrer/Schürenberg 1978; Karasan-Dirks 1980; Wiethold 1981; Schweitzer 1984.Google Scholar
  10. 10.
    Die,Ehre der Familie` basiert vollständig auf dem,angemessenen` Verhalten der weiblichen Familienmitglieder: auf der Jungfräulichkeit der Töchter bis zu deren Verheiratung sowie auf unterwürfigen Verhaltensweisen der Frauen gegenüber den Männern.,Ehre` als zentraler Aspekt eines Moralkodex’ ist keineswegs auf die Türkei beschränkt, sondern war und ist in allen ruralen Gemeinschaften rund um den Erdball für das soziale Miteinander bestimmend (vgl. das von Völger/Welck (1985) edierte Nachschlagewerk zur Kölner „Brautausstellung“, die der Frauenrolle im Kulturvergleich gewidmet war). Die Herkunftsregionen von Migrantinnen betreffend sei im einzelnen etwa verwiesen auf die Beschreibung von Cornelisen (1978) für Kalabrien, Harrison (1966) für Sizilien, Schweitzer (1984) für Kreta und Garrer/Schürenberg (1978) für Kurdistan. Für eine weitergehende kritische Auseinandersetzung mit dem Ehrbegriff und -verhalten empfehlen sich Saadawi (1980), Benard/Schlaffer (1984) und Minai (1984).Google Scholar
  11. 11.
    „Ich glaube heute, daß die Sozialstruktur in süditalienischen Dörfern, also in archetypischen bäuerlichen Gemeinschaften, matriarchalisch ist, daß die Gesellschaftsstruktur in den meisten anderen armen, relativ isolierten Gemeinschaften der westlichen Welt, in Ländern, in denen die katholische Kirche entweder dominierend oder als Staatsreligion etabliert ist, eine matriarchalische ist. Es handelt sich um ein Defacto-System, das jeder spürt, das seine Funktionstüchtigkeit täglich erweist, das jedoch nicht legal verankert ist und auch nicht offiziell legalisiert zu werden braucht. Es existiert einfach. Männer müssen keine weittragenden Alltagsentscheidungen treffen, und das tägliche Leben ist Sache der Frauen, die unbewußt sämtliche Aspekte des praktischen Lebens auf sich ziehen.“ (Cornelisen 1978, 182 f).Google Scholar
  12. 12.
    Der Wohnraum, den in Bayern lebende Ausländer nachzuweisen haben, muß größer sein als der, der durchschnittlich deutschen Bürgern zugestanden wird (Kremer/Spangenberg 1980, 18).Google Scholar
  13. 13.
    Damit ist die Familienzusammenführung zu einem wichtigen Instrument der Beeinflussung der Ausländerpopulation, aber auch der Arbeitsplatzsteuerung geworden, z.B. durch die Stichtagsregulierung, Wartefrist bzw. überhaupt die Erschwernisse der Einreise.Google Scholar
  14. 14.
    Diese Tatsache gilt allerdings auch für Ausländer mit eigener Aufenthaltserlaubnis als Ausweisungsgrund.Google Scholar
  15. 15.
    Über den Umfang illegaler Beschäftigungsverhältnisse sind naturgemäß keine exakten Aussagen möglich. Doch ist ihre Existenz inoffiziell wohl bekannt. Eine spektakuläre Veröffentlichung zu diesem Thema stellen nicht zuletzt die jüngsten Reportagen von Wallraff (1985) dar.Google Scholar
  16. 16.
    Vgl. die ausführliche Literaturdokumentation zu diesem Thema bei Hoffmann/Even 1984, 197ff.Google Scholar
  17. 17.
    „Ausländerfeindlichkeit“ findet offensichtlich immer nur bei anderen statt, nie bei einem selber (Hoffmann /Even 1984, 15).Google Scholar
  18. 18.
    In Anlehnung an die /nfas-Umfrageergebnisse, wonach 40% der Deutschen negative Einstellungen zu Türken haben, meint Scheuch (1982), daß es für die einheimische Bevölkerung vier verschiedene Kategorien von Ausländern gibt: 1. Edel-Ausländer (z.B. Amerikaner, Engländer, Franzosen), 2. Ausländer (z.B. Spanier, Jugoslawen), 3. Fremdartige Ausländer (z.B. Italiener, Vietnamesen), 4. Abgelehnte Ausländer (z.B. Afrikaner, Türken). Dabei wird die Einstellung gegenüber den Ausländern von 1. nach 4. zunehmend ablehnender (zit. nach Tsiakalos 1983, 99).Google Scholar
  19. 19.
    Marlene Schulz (1985) hat in einer „Verkleidung“ als türkische Migrantin — d.h. in unmoderner Kleidung und Kopftuch — alltägliche Reaktionen von Deutschen auf ihr Erscheinen sprichwörtlich „am eigenen Leib” erfahren und ausgewertet, unterstützt durch eine fotographische Dokumentation. Die Autorin hebt besonders die destruktive Wirkung der erlebten verächtlichen Verhaltensweisen auf ihre Psyche hervor.Google Scholar
  20. 20.
    Die Geburtenziffern je tausend Frauen betrugen 1980 für die deutsche Frau 1,4, für aus- ländische Frauen insgesamt 2,1 und für türkische Frauen 3,6 (Münscher 1982, 12).Google Scholar
  21. 21.
    Beispielsweise basieren alle Veröffentlichungen über zu erwartende Rentenengpässe auf Berechnungen, die den ausländischen Bevölkerungsanteil dieser Gesellschaft aussparen, d.h. konkret, es wird negiert, daß parallel zu den geburtenschwachen deutschen Jahrgängen starke ausländische Jahrgänge — unter Voraussetzung ihres dauerhaften Verbleibs — als potentielle Rentenbeitragszahler existieren, und zwar deutlich mehr, als zugleich auch als potentielle Rentenempfänger aus der ausländischen Bevölkerung zu erwarten sind (vgl. Savelsberg 1985).Google Scholar
  22. 22.
    Weitere problematische Aspekte im Hinblick auf Vorstellungen von Mütterlichkeit, die hier aber nicht weiter vertieft werden können, dürften etwa auch ihre unterschiedliche Handhabung einer Beaufsichtigung ihrer Kinder sowie ihre spezifische Art der Einbeziehung von Kindern in die Lebensbereiche der Erwachsenen sein.Google Scholar
  23. 23.
    Gaugler/Weber kommen in ihrer Untersuchung zu anderen Ergebnissen. Danach arbeiten 47% der ausländischen Arbeitnehmer im Schichtwechsel, gegenüber knapp 39% der Deutschen. Akkordlohn erhalten im gewerblichen Bereich ihren Angaben zufolge im Durchschnitt 19,5% der Arbeitnehmer und 12,2% Prämienlohn; unter den ausländischen Arbeitnehmern erhalten dagegen 25,7% Akkordlohn und 14,4% Prämienlohn (1978, 35ff.).Google Scholar
  24. 24.
    In einem mittelständischen deutschen Familienbetrieb der Textilbranche (etwa 100 Beschäftigte) erlebten wir folgende — typische? — Konstellation im Produktionsbereich: Alle Näherinnen (im Akkordlohn) waren ausländischer Herkunft. Die Vorarbeiterinnen waren deutsche Arbeiterinnen. Die wenigen deutschen und ausländischen Männer besetzten die Positionen im Zuschnitt, im Versand sowie der Auslieferung (jeweils im Stundenlohn).Google Scholar
  25. 25.
    Eine Untersuchung zur Wohnsituation ausländischer Mitarbeiter der Ruhrkohle AG (1980–1983) ergab, daß die durchschnittliche Wohnfläche für eine türkische Familie mit vier und mehr Kindern lediglich 58 qm betrug. Demgegenüber bewohnten deutsche Ehepaare ohne Kinder durchschnittlich 61 qm (Kurte 1983, 4)! — Zieris gibt — ohne Berücksichtigung der Familiengröße — die durchschnittliche Wohnungsgröße von ausländischen Mietern mit 38,5 qm und von deutschen Mietern mit 61 qm an, und die Belegungsquoten pro Raum bei Ausländern mit 1,5 Personen als doppelt so hoch wie bei Deutschen mit 0,79 Personen (1976, 123 ff.).Google Scholar
  26. 26.
    Der von der Iranerin Mehrangis Montazami-Dabui gedrehte Film „Kindertränen“ (ausgestrahlt in der ARD am 9. 11. 86) liefert dichtes Informationsmaterial zu diesem Thema. Am Beispiel eines Krankenhauses im Norden West-Berlins werden folgende Relationen genannt: 90% aller klinischen Kinder-TBC-Fälle, einer Krankheit, die ansonsten in der Bundesrepublik als „bekämpft” gilt, sind Ausländerkinder. Dramatische Ausmaße nimmt ebenso die klinische Behandlung von chronisch erkrankten Luftwegen ein, die „zu Hause“ kaum ausgeheilt werden können. Auch die Sterblichkeit von neugeborenen Ausländerkindern ist auffällig: sie ist fast doppelt so hoch wie die der im Krankenhaus entbundenen deutschen Babys. Erschreckend ist auch die hohe Infektionsquote der Babys. Das Krankenhaus registriert auch eine höhere Beteiligung von Ausländerkindern an Verkehrsunfällen (incl. Verkehrstoten). Die Ärzte führen dies sowohl auf mangelnde Spielmöglichkeiten im und um das Wohnhaus zurück, als auch auf die oft weiteren Schulwege, die zum Zwecke einer „Gleichbelastung” der verschiedenen Schulen mit Ausländerkinder von diesen in Kauf genommen werden müssen.Google Scholar
  27. 27.
    Hier zeigt sich eine Ähnlichkeit zu der Erwerbsbeteiligung von deutschen Arbeiterehefrauen, die 1977 bei 40% lag (Zahlmann-Willenbacher 1979, 73).Google Scholar
  28. 28.
    Hierbei erfolgt keine Berücksichtigung der nicht-legalisierten Formen partnerschaftlichen Zusmmenlebens, was diesen Anteil noch erhöhen dürfte.Google Scholar
  29. 29.
    Gleichzeitig wurden natürlich eine Reihe neuer Anforderungen an die Hausfrau und Mutter herangetragen, etwa die Intensivierung der Schularbeitenbetreuung (vgl. dazu z.B. Koch-Klenske 1986), die Organisation von Freizeitbeschäftigungen der Kinder, der Schutz der Kinder vor ständigen Gefahrenmomenten in der Umwelt (Chemie, Verkehr etc.), die Kompensation von Stress-und Hektikerfahrungen etc.Google Scholar
  30. 30.
    Anzahl der Lebendgeborenen auf 1000 Frauen zwischen 15 und 45 Jahren.Google Scholar
  31. 31.
    War in den 60er Jahren etwa die voreheliche Sexualität noch weitgehend tabuisiert und Jungfräulichkeit für die meisten ein gültiger Wert, sind die Verhältnisse heute umgekehrt: voreheliche, genauer: Sexualität im Jugendalter praktiziert bereits die Mehrheit der 15–19jährigen Mädchen und Jungen (vgl. Jugendwerk der Deutschen Shell 1981).Google Scholar
  32. 32.
    Diese Entwicklung spiegelt implizit auch ein ausführliches Zeit-Dossier über die „neue Armut“ in der Bundesrepublik wider. Zwar sind alle hier publizierten statistischen Kennzahlen geschlechtsneutral, gleichzeitig jedoch beziehen sich alle exemplarisch geschilderten Fälle auf alleinstehende Mütter (vgl. Riedl in: Die Zeit v. 23. 1. 1987).Google Scholar
  33. 33.
    In den Wohlfahrtssurveys von 1980 und 1984 nahm unter insgesamt neun Lebensbereichen (Arbeit, Familie, Einkommen, Liebe und Zuneigung, Einfluß auf politische Entscheidungen, Erfolg, Glaube, Gesundheit, Freizeit) die Familie jeweils die zweitwichtigste Stellung für das subjektive Wohlbefinden ein (hinter Gesundheit). Bezeichneten 1980 zwei Drittel der Befragten die Familie als „sehr wichtig“, waren es 1984 sogar fast 75% (Statistisches Bundesamt 1985, 363 und 446).Google Scholar
  34. 34.
    Laut den Ergebnissen des Wohlfahrtssurveys 1984 erledigen die deutschen Familienfrauen durchschnittlich drei Viertel der anfallenden täglichen Hausarbeit. Geht die Frau keiner Erwerbsarbeit nach, erhöht sich ihr Anteil an der Hausarbeit beträchtlich und minimiert sich — rein rechnerisch — erst wieder wesentlich, wenn die älteste Tochter (sofern vorhanden) erwachsen ist (Statistisches Bundesamt 1985, 440). So erstaunt es nicht weiter, daß in einer repräsentativen Umfrage unter deutschen Männern 92% der Männer, die mit einer (Ehe-)Frau zusammenleben, angaben, daß sie sich durch die Hausarbeit kaum belastet fühlten. Bezeichnenderweise nimmt die männliche Beteiligung an der Verrichtung der Hausarbeit nach der Geburt von Kindern noch deutlich ab (Metz-Göckel/Müller 1985, 41 ff.).Google Scholar
  35. 35.
    Bisherige Forschungsergebnisse belegen, daß Frauen und Männer eine unterschiedliche somatische Kultur pflegen, d.h. gegenüber dem eigenen Körper unterschiedliche Verhaltensweisen haben, die in der Häufigkeit von Arztbesuchen, im Medikamentenkonsum, in der Anwendung von Kosmetika, aber auch in der Art des Krankseins zum Ausdruck kommt. So klagen Frauen etwa häufiger über Befindlichkeitsstörungen wie Kopfschmerzen, Schlafstörungen und Verdauungsprobleme. Sie geben mehr Geld für Medikamente aus, kaufem mehr schmerzstillende Mittel, Sedativa und Mittel zur Verdauungsforderung. Frauen sind in größerem Umfang chronisch krank als Männer und besuchen öfter den Arzt (vgl. Rodenstein 1982).Google Scholar
  36. 36.
    „Bei der imaginativen Besetzung bestimmter Elemente des Alltagslebens handelt es sich stets um Versuche der Rationalisierung der eigenen strukturellen Lage, zugleich jedoch um Bemühungen, mit der Bedürfnisorientierung, die sich in der im weiblichen Lebenszusammenhang gegebenen Produktionsweise erhält, etwas anzufangen, hieraus etwas zu machen“ (Prokop 1976, 123). Insgesamt ist die Bedeutung der Fiktion für die Bewältigung der menschlichen Existenz bislang noch wenig wissenschaftlich untersucht.Google Scholar
  37. 37.
    Zum Vergleich: 1900 = 7,1%, 1925 = 6,7%, 1950 = 19,4%, 1982 = 31,3% (Statistisches Bundesamt 1985, 45).Google Scholar
  38. 38.
    waren 51% der Abiturienten Mädchen und betrug der Frauenanteil an den Studierenden nahezu 40%. Gleichzeitig erbringen die Mädchen heute auch qualitativ die besseren Schulabschlüsse (BMJFG 1984, 8; MAGS 1983, 57ff.) Andererseits findet die Ausbildung junger Frauen zum Großteil immer noch in sogenannten „weiblichen“ Berufsfeldern statt, etwa im Warenverkauf, im Büro, im Gesundheitsbereich und an den (Fach-)Hochschulen in erziehungswissenschaftlichen und philosophischen Fachbereichen (BMJFG 1984, 18).Google Scholar
  39. 39.
    Generell gilt es allerdings zu berücksichtigen, daß amtliche Statistiken im Hinblick auf die Erfassung weiblicher Erwerbsarbeit höchst ungenügend sind. Sogenannte geringfügige Beschäftigungen (unter 20 Wochenarbeitsstunden) sowie auch Heimarbeit tauchen nicht auf, obgleich sie viele Frauen praktizieren (vgl. Gijsel/Münstermann 1982).Google Scholar
  40. 40.
    Umfrageergebnisse zeigen, daß das Erwerbspotential der (verheirateten) Hausfrauen noch größer ist. 1984 gab von den nicht-erwerbstätigen Hausfrauen jede 3. Frau den Wunsch an, berufstätig zu sein und jede sechste hatte die konkrete Absicht, innerhalb der nächsten drei Jahre eine Erwerbsarbeit aufzunehmen, und jede zehnte hatte sich bereits um einen Arbeitsplatz bemüht. In der Gruppe der 18–34jährigen Hausfrauen wollte jede zweite wieder berufstätig sein. — Als Gründe, die sie an der Realisierung ihres Berufswunsches hinderten, nannten die Frauen am häufigsten die Beanspruchung durch den Haushalt, das Fehlen geeigneter Arbeitsplätze und Kinderbetreuungspflichten (Wohlfahrtssurvey 1984 in: Statistisches Bundesamt 1985, 408 f).Google Scholar
  41. 41.
    Der Segregationsindex ist ein zusammenfasendes Maß für den Umfang der geschlechtsspezifischen Ungleichheiten im Berufssystem. Zu seiner Berechnung wird zunächst in jedem Beruf der Grad der Über-oder Unterrepräsentation der Frauen (oder Männer) im Verhältnis zu ihrem Anteil an allen Erwerbstätigen ermittelt. Diese Komponente wird dann gemäß der Größe des Berufs gewichtet, und die resultierenden Werte über alle Berufe summiert (Willms-Herget 1985, 225 nach OECD 1982, 21).Google Scholar
  42. 42.
    In den wohlfahrtsstaatlich alimentierten Berufsfeldern ist heute fast jede siebte Frau angestellt — als Lehrerin, Ärztin, Kindergärtnerin, Krankenschwester —, während es 1925 nur ca. 3% waren (Ostner/Willms 1983, 217).Google Scholar
  43. 43.
    Etwa drei Viertel aller erwerbstätigen Frauen konzentrieren sich auf folgende 9 Berufe (in abnehmender Bedeutung): 1. Büro-und Verwaltungsberufe, 2. Verkaufsberufe, 3. Mithelfende in-und außerhalb der Landwirtschaft, 4. Reinigungsberufe, 5. Hilfsberufe der Krankenpflege, 6. Hilfsarbeiterinnen, 7. Krankenschwestern, B. Lehrerinnen, 9. Sozialarbeiterinnen (Willms-Herget 1985, 213).Google Scholar
  44. 44.
    Bemerkenswerterweise ist der größte Anteil der wenigen weiblichen Führungskräfte mit 17% in der Altersklasse der 55–65jährigen zu finden. Der entsprechende Altersanteil der männlichen Führungskräfte liegt mit 10% deutlich darunter (MAGS 1983, 135).Google Scholar
  45. 45.
    Schon damals hob Anger den „systematischen Charakter des kontinuierlichen Häufigkeitsgefälles“ (1960, 452) über die verschiedenen Hierarchiestufen der Hochschule hervor, d.h. in der Studentenschft betrug der Frauenanteil immerhin 21% und „verdünnte” sich bis zur Spitze auf besagte 0,6%. Die heutigen Zahlen sind allerdings nicht weniger beeindruckend: den über 40% weiblichen Studierenden steht ein Frauenanteil von 13% im hauptamtlichen wissenschaftlichen Personal (incl. Ordinarien) und nur knapp 5% Professorinnen gegenüber (BMJFG 1984, 17). Sie zeigen deutlich, daß sich die Strukturen als äußerst resistent erweisen. Als Grund für die Ablehnung weiblicher Hochschullehrer — bzw. Frauen in gehobenen Positionen überhaupt — wird heute zwar kaum noch die anlagebedingte intellektuelle Minderwertigkeit von Frauen zitiert, wie dies noch vor 30 Jahren die meisten der von Anger befragten Professoren ganz unverhohlen taten (1960, 489f), sondern die Mechanismen der Diskriminierung sind subtiler geworden und damit auch schwer nachweisbar (vgl. Memorandum 1984).Google Scholar
  46. 46.
    Mit einem Frauenanteil von 40% kommt dem öffentlichen Dienst hier eine besondere Modellfunktion zu. Inzwischen existieren Frauenforderungspläne in Hamburg (1984), Bremen (1984), Hessen (1984) und Nordrhein-Westfalen (1984) (zur Übersicht vgl. Däubler-Gmelin u.a. 1985).Google Scholar
  47. 47.
    Vor allem drei große Untersuchungen haben die sozialwissenschaftliche Debatte über die Bedeutsamkeit von Frauenerwerbsarbeit nachhaltig beeinflußt: Die Göttinger Studie von Lappe/Schöll-Schwinghammer (1978); die Frankfurter Studie von Eckart u.a. (1979) und die Hannoveraner Studie von Becker-Schmidt u.a. (1980; 1983; 1985).Google Scholar
  48. 48.
    Bezeichnenderweise enthält die türkische Sprache keinen eigenen Begriff für „Familie“. Am gebräuchlichsten ist der Begriff „aile”, womit eine gemeinsam haushaltende Personengruppe beschrieben ist, die aus mindestens einem Ehepaar mit Kindern besteht. Daneben findet der Begriff „hane“ Verwendung und meint eine unter einem Dach lebende Hausgemeinschaft, die eine sozio-ökonomische Einheit darstellt (Stirling 1965, 37).Google Scholar
  49. 49.
    Die durch das Ausländerrecht vorgeschriebene Dauer der Trennung (vgl. Kap. 4.3.1) ist paradoxerweise für deutsche Staatsangehörige eine wichtige Voraussetzung, um eine Scheidung beantragen zu können.Google Scholar
  50. 50.
    Güc stellt fest, daß schon während der Trennungsphase „zurückgelassene Ehemänner“ in ihrer Gemeinde einen viel stärkeren Legitimationsdruck erleben (1982, 69f).Google Scholar
  51. 51.
    In der Literatur zu diesem Thema finden nur auffällige Verhaltensreaktionen Berücksichtigung. Hingegen wird die in jedem Fall entlastende Art einer Annäherung von wiedervereinten Eheleuten, nämlich gegenseitiges Verständnis und aktive Hilfeleistung, überhaupt nicht thematisiert. Immerhin ist theoretisch auch davon auszugehen, daß sich die Chancen, die im erzwungenen Rollentausch im Falle der Erstauswanderung der Ehefrau liegen, nämlich Kenntnis und Verständnis für die Rolle des jeweils anderen zu erlangen, bei einer Wiederzusammenführung zwar nicht konfliktfrei, aber auch äußerst positiv auswirken können.Google Scholar
  52. 52.
    Das Thema der „richtigen“ Einkommensverwendung und der hier angelegten Konflikte zieht sich beispielsweise durch fast alle Gespräche, die die türkische Schriftstellerin Füruzan während eines Deutschlandaufenthalts mit ihren Landsleuten führte und unter dem bezeichnenden Titel „Logis im Land der Reichen” aufzeichnete (1985).Google Scholar
  53. 53.
    Die Brandt-Studie war im deutschsprachigen Raum der erste Versuch, die spezielle Problematik der Situation von mitgewanderten Ehefrauen systematisch zu untersuchen.Google Scholar
  54. 54.
    Die Ergebnisse über eheliche Autoritätsverteilung und Partnerschaftsverhalten innerhalb der Migrantenfamilie sind insgesamt mit Vorbehalt zu betrachten, da sie sich implizit an idealisierten westlichen Mittelschichtsnormen orientieren. Faktisch ist aber auch die Realität deutscher Ehepartner von dieser Realität weit entfernt, wie neuere Studien belegen (Pross 1978, Metz-Göckel/Müller 1985).Google Scholar
  55. 55.
    Güc (1982) sowie auch Hebenstreit (1986) zeigen auf, daß im türkischen Familienverbund ein festes Regel system zur (kollektiven) Konfliktbewältigung institutionalisiert ist, das den einzelnen von einer persönlichen Konfliktauseinandersetzung weitgehend entlastet. Entlastend wirken auch ein verbreiteter Aberglaube bzw. volkstümliche Riten. Durch die Migration geht dieser Kontext verloren und wird eine offene und individualisierte Konfliktaustragung erforderlich, auch bereits für Binnenwanderer (Güc 1982, 12ff.; 52ff.).Google Scholar
  56. 56.
    Dieses Schicksal teilen auch einheimische Hausfrauen (vgl. Pross 1975).Google Scholar
  57. 57.
    Keine Berücksichtigung findet nachfolgend die Beziehung zwischen den Migranten und deren Eltern, die durch die Migration ja ebenfalls starken Veränderungen unterliegt. Beispielsweise erfolgt in der Türkei entgegen aller Tradition nicht selten eine Aufwertung der innerfamilialen Stellung der erwachsenen Töchter, dergestalt, daß die Töchter nun plötzlich zu wichtigen Sicherheitsfaktoren für den Lebensabend ihrer Eltern, insbesondere der greisen, alleinstehenden Mütter, werden (Minai 1984, 101).Google Scholar
  58. 58.
    Dies gilt auch bereits für die Binnenmigration (vgl. z.B. Senapili 1985).Google Scholar
  59. 59.
    Vgl. hierzu die biographischen Fallbeispiele in Hübner (1985).Google Scholar
  60. 60.
    Aber neben der Anschaffung diverser Gebrauchsgüter einerseits und zahlreichen Geschenken für die Zurückgebliebenen andererseits, mit denen die,Heimkehrer` ihren relativen,Reichtum` demonstrieren und auch ein gewisses Sozialprestige genießen wollen, sind auch immer wieder kostenintensive Heimreisen in familiären Notsituationen Gegenstand offener Auseinandersetzung über die finanzielle Lage (vgl. dazu die Protokolle bei Wolbert 1984; Füruzan 1985).Google Scholar
  61. 61.
    Diese Verhaltensweise ist in deutschen Familien ebenso existent, weil einerseits entfremdete Produktionsarbeit bereits einen Großteil der vorhandenen physischen und psychischen Energien absorbiert, und weil zum anderen auch berufstätige deutsche Mütter aufgrund ihrer weiblichen Sozialisation von einem „schlechten Gewissen“ gegenüber ihren Kindern geplagt werden. — In ausländischen Arbeiterfamilien setzt dieses Verhalten oft schon zu einer Zeit ein, in der Eltern und Kinder noch getrennt leben. Kudat spricht hier von einer Entwicklung der Eltern von Bezugspersonen zu, Warenlieferanten” (1975, 95 f).Google Scholar
  62. 62.
    Anschauliche Beschreibungen dazu finden sich in einem Forschungsbericht von Franger/Theilen (1981) über ein Tagesmüttermodell in Süddeutschland. In den untersuchten Fällen wurden auf beiden Seiten eine Fülle psychosomatischer Reaktionen festgestellt. Erschwerend für die Kleinkindversorgung erschienen zudem manche organische Erkrankungen der Kinder, die nach Einschätzung der Autorinnen dadurch provoziert wurden, daß Ausländerinnen unter den hiesigen Bedingungen gewohnte, aber nicht adäquate Pflegegewohnheiten aufrechterhielten oder auch im Zuge ihres Verständnisses von,Moderne` und,Fortschritt` bewährte traditionelle Verhaltensweisen verleugneten und nicht anwendeten (vgl. auch Windgasse 1983). Dabei erfreuen sich paradoxerweise gerade manche dieser traditionellen Verhaltensweisen in den Industrieländern wieder zunehmender Beliebtheit (etwa das Stillen). Allerdings gilt es hier auch, die objektiv schlechten, krankheitsfördernden Wohnverhältnisse zu berücksichtigen (vgl. Kap. 4.4.1.3).Google Scholar
  63. 63.
    Die umfassendste Studie ist bis heute die von Weische-Alexa (1977), die sich mit sozialkulturellen Problemen junger Türkinnen auseinandersetzt. In Anlehnung an diese Untersuchung wurden zwei weitere Diplomarbeiten angefertigt, die das Freizeitverhalten italienischer (Sassen 1978) und griechischer Mädchen (Heinen 1979) untersuchen, wobei Heinen die Ergebnisse der drei Studien in zentralen Punkten auch vergleichend präsentiert. — Weiterhin berücksichtigen die Studien von Galanis (1984) über griechische Mädchen, von Walz (1979) über italienische Jugendliche und von Stüwe (1982) über türkische Jugendliche geschlechtsspezifische Aspekte.Google Scholar
  64. 64.
    Aber auch ein neues soziales Phänomen zeichnet sich ab, über dessen Verbreitung und Konsequenzen noch wenig bekannt ist: die zunehmenden sexuellen Übergriffe auf die Mädchen der eigenen Ethnie. Einem Kölner Kinderarzt in einem städtischen Vorort mit einem überproportional hohen türkischen Bevölkerungsanteil (incl. einer eigenen subkulturellen Infrastruktur) fiel in jüngster Zeit die Häufung derartiger Fälle unter seinen türkischen Patientinnen auf (Wehrhahn 1985). Offensichtlich findet also bereits eine Überschreitung der bisher noch als letzte akzeptierte Tabu-Grenze statt.Google Scholar
  65. 65.
    Ensprechend den Ergebnissen einer Repräsentativumfrage im Auftrag der ARD/ZDF Medienkommission über die Massenmediennutzung durch die ausländische Bevölkerung in der Bundesrepublik liegt die Fernsehnutzungsfrequenz der ausländischen Kinder mit Tagesreichweiten von 62% bei den 3–7jährigen bzw. 75% bei den 8–13jährigen insgesamt deutlich höher als die der deutschen Kinder mit 46% bzw. 57% (Darkow/Eckardt 1982, 467).Google Scholar
  66. 66.
    Erstmals hat sich 1984 eine 17jährige Türkin gegen diesen elterlichen Willen öffentlich zur Wehr gesetzt. Sie verweigerte ihre Rückkehr nicht nur durch eine risikoreiche Flucht aus dem Elternhaus, wie sie auch von anderen Mädchen als ein vermeintlich letzter Ausweg praktiziert wird, sondern verklagte ihre Eltern mit Erfolg vor einem deutschen Gericht. Das Berliner Kammergericht begründete seine Zuständigkeit mit dem Haager Übereinkommen, das den Schutz von Minderjährigen im Aufenthaltsland regelt. Es argumentierte, daß die Rechts-und Sittenordnung der Eltern zwar beachtet werden müsse, ihre Vorstellungen in diesem Fall — Rückkehr und Zwangsheirat in der Türkei — jedoch jeglicher Legitimation durch das türkische Recht entbehrten. Das Gericht befand, daß das von den Eltern verfolgte traditionell-islamische Erziehungsziel „nur noch unter Brechen ihrer Persönlichkeit“ zu erreichen sei und entzog ihnen das Aufenthaltsbestimmungsrecht (Loff im Kölner Stadt-Anzeiger vom 29. 10. 1984).Google Scholar
  67. 67.
    Diese Entwicklung trifft im übrigen auch für deutsche weibliche Jugendliche zu, deren Mütter ja ebenfalls entsprechend traditionellen Wertvorstellungen erzogen wurden, und die zudem in der öffentlichen Meinung immer noch bestimmend sind (vgl. z.B. BMJFG 1984: 6. Jugendbericht, Kap. III, 2,, Weibliche Leitbilder“).Google Scholar
  68. 68.
    Eine andere Rationalisierungsstrategie ist die Umdefinition des eigenen Verhaltens. Wolbert beschreibt in ihrer Studie eine junge Türkin, Mutter zweier kleiner Kinder, die unter Inkaufnahme größter persönlicher Belastungen erwerbstätig ist. Wenngleich sie durch ihr berufliches Engagement ganz offensichtlich einen gleichrangigen Beitrag zur Sicherung des Familienunterhalts und für die Zukunft der Familie leistet, versteht sie ihre Erwerbsarbeit untertreibend als zusätzliche „Hilfeleistung“ ihrem Mann zuliebe. Diese Sichtweise erspart ihr, mit dem tradierten Geschlechtsrollenkonzept in Konflikt zu geraten (1984, 237ff., bes. 293ff.).Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1989

Authors and Affiliations

  • Angelika Schmidt-Koddenberg

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