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Theorieansätze zur Analyse von Migration und Akkulturation und ihr Beitrag zur Erklärung der spezifischen Bedeutung des Migrationsprozesses für Frauen

  • Angelika Schmidt-Koddenberg
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Zusammenfassung

Die Absicht des ersten Teils dieser Arbeit ist es, Aspekte für eine Theorieentwicklung zum weiblichen Akkulturationsverhalten aufzuzeigen. Entsprechend unserer sozialpsychologischen Intention steht dabei die Frage nach der Erklärung des Wandels von Einstellungen und ihrer Bedeutung für das Erleben und Verhalten der Migrantin im Mittelpunkt des Interesses. Wenn wir davon ausgehen, daß sich das Bewußtsein über sich selbst und die eigene soziale Realität im Wechselspiel mit der sozialen Umwelt konstituiert, dann ist es ersichtlich, daß durch die Migration und den mit ihr einhergehenden Wechsel der äußeren Bedingungen und Bezugspersonen die soziale Identität der Betroffenen nachhaltig in Bewegung gerät. Es fragt sich, wieweit das „mitgebrachte“ Selbstbild aufrechterhalten werden kann oder verändert werden muß und in welcher Weise dies geschieht.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Die Rückkehrer erhielten keine Extra-„Prämie“, wie es den Eindruck machte, sondern nur das Geld, auf das sie sowieso Anspruch haben: ihre Rentenversicherungsbeiträge (lediglich die Arbeitnehmeranteile bei Wegfall einer ansonsten üblichen Wartefrist) und das Arbeitslosengeld für ein Jahr (vgl. RückHG, Art.1, § 3).Google Scholar
  2. 2.
    In Istanbul etwa ist eigens eine Schule für „Rückkehrer-Kinder“ eingerichtet worden, und das nicht primär aus sprachlichen Gründen, sondern vor allem aus sozialen: die Kinder und Jugendlichen hatten einerseits Probleme mit den viel strengeren Umgangsformen zwischen Lehrern und Schülern und waren andererseits seitens ihrer „einheimischen” Mitschüler sozial diskriminiert. Der offizielle Plan sah sogar vor, die Rückkehrer-Kinder von türkischen Rückkehrerlehrern nach deutschen Bildungsvorstellungen zu unterrichten (vgl. Nestvogel 1985). Allerdings darf nicht übersehen werden, daß ein solches Vorgehen zwar durchaus Erleichterungen für die Betroffenen schafft, die existierenden Widersprüchlichkeiten aber nicht aufzulösen vermag.Google Scholar
  3. 3.
    Zur Vermeidung einer sprachlichen Monotonie werde ich im folgenden anstelle des genaueren Begriffs „Migrantin“ z.T. auch die umgangssprachlich üblichen Begriffe „Ausländerin” oder „ausländische Frauen und Mädchen“ gebrauchen.Google Scholar
  4. 4.
    Für eine sozialthistorische Aufarbeitung der Wanderungsbewegungen aus und nach Deutschland in den Jahren 1880–1980 vgl. Bade (1983); verwiesen sei ebenfalls auf Kap. 2.1 dieser Arbeit.Google Scholar
  5. 5.
    Diese Ebene ist im Kontext vorliegender Fragestellung irrelevant und wird in nachfolgender Darstellung nicht weiter berücksichtigt.Google Scholar
  6. 6.
    Vergleichend sei angemerkt, daß Eisenstadt „Integration“ positiv als Verhaltensstabilität, Rollensicherheit und Gefühl der subjektiven Geborgenheit, negativ als Fehlen von Frustrationen, Aggressionen und psychischen Desorganisationen definiert (1954, 375).Google Scholar
  7. 7.
    Esser begründet die Auswahl dieser Theorien als Grundlage, indem er zahlreiche Belege dafür erbringt, daß auch (fast) alle anderen sozialwissenschaftlichen („bereichsspezifischen”) Ansätze zur Eingliederung handlungstheoretische Elemente enthalten. Beispielsweise ließe sich die in bezugsgruppentheoretischen Beiträgen enthaltene Erklärung von „Integration“ (deutschsprachiges Beispiel: Schrader et al. 1979) s.E. auch als ein Vorgang von „Imitationslernen” (Bandura) verstehen, d.h. der Migrant erlernt spezifische Verhaltensweisen und Wertorientierungen des Aufnahmesystems durch Nachahmung von Erlebtem in Bezugsgruppen, die eine unmittelbare Verbindung zum Aufnahmesystem aufweisen (1980, 78).Google Scholar
  8. 8.
    Partielle Anpassung ist in der Terminologie dieses Modells kein assimilativer Endzustand, sondern ein Zwischenstadium dahin. Gelingt es allerdings nicht, die Widerstände zu beseitigen, dann bleibt partielle Anpassung stabil, und regredierende, anomische Reaktionen, wie etwa Rückgriff auf ethnische Kolonien bzw. deren Identifikationen, psychosomatische Störungen, abweichendes Verhalten etc. sind wahrscheinlich (1980, 223, 226). Esser bezeichnet partielle Anpassung als typisch für die Situation von Arbeitsmigranten.Google Scholar
  9. 9.
    Eine teilweise Korrektur seiner Einschätzung von der Bedeutung der ethnischen Gemeinden findet sich in einer späteren Publikation Essers,in der er den empirischen Nachweis erbringt, daß räumliche Segregation von Migranten — wider Erwarten — offenbar kaum Einfluß auf die unterschiedlichsten Grade einer sprachlichen Assimilation hat (Esser 1982).Google Scholar
  10. 10.
    …diese Freiräume rufen eine Sogwirkung hervor, die traditionelle Milieus, die damit in Berührung kommen, unweigerlich aufreißt, ob man das nun für gut hält oder nicht. Denn die Fähigkeit, traditionelle Gesellschaften aufzureißen, macht gerade die Dynamik dessen aus, was wir „Moderne“ nennen, ein vielfältiges Gewebe aus Zwängen und freien Entscheidungen in historisch wechselnden Abläufen. Und natürlich, das ist bekannt, verlangen diese Freiräume ihren Preis, in Gestalt eines Verlustes an Kollektivität bzw. Kultur schlechthin. (…) allein durch die Sogwirkung der „Moderne” (…) nähern sich die unterschiedlichen Trampelpfade einander ganz von selbst an, ohne jeden administrativen oder sonstigen Eingriff seitens der Majorität in Gestalt politisch-pädagogischer Zielsetzungen“ (Kugelmann/Löw-Beer 1984, 49 ).Google Scholar
  11. 11.
    Exemplarisch sei auf die Arbeiten von Garfinkel und Cicourel verwiesen. Nach Garfinkel/Sacks (1976) erschließt sich dem einzelnen Akteur das Sinnmuster der Interaktion durch „Indexikalität“ (Kontextgebundenheit von Ausdrücken), die „Reflexivität indexikalischer Äußerungen” (reflexive Konstruktion des Kontextes) und mittels einer „dokumentarischen Methode“ (Herstellung eines Bezuges zwischen Kontext und Äußerung). Nach Cicourel (1973) basiert die formale Struktur von Alltagshandlungen auf verinnerlichten Mechanismen, die er „Basisregeln” nennt. Diese erlauben es dem Akteur, die spezifischen Situationshintergründe zu identifizieren. Über die Genese solcher Mechanismen, die die Ethnomethodologie als Voraussetzung für erfolgreiche Interaktion konstatiert, hat sie bisher noch keine Erklärung zu geben vermocht.Google Scholar
  12. 12.
    Stryker versteht Identitäten auch als kognitive Reaktionen des Organismus auf sich selbst, die auch Kathexis und Konnotation mit einschließen, d.h. emotional-libidinöse Besetzungen und Bewertungen. Er führt diesen Aspekt aber nicht weiter aus (1976, 268).Google Scholar
  13. 13.
    Dies entspricht der humanistischen Philosophie einer Gleichwertigkeit von Menschen.Google Scholar
  14. 14.
    Ansatzweise thematisiert Turner das Machtproblem, indem er auf die restriktiven Einflüsse der Konsistenznorm hinweist (s.o. S. 33).Google Scholar
  15. 15.
    Hier ist besonders auf die Konfirmitätsforschung hinzuweisen.Google Scholar
  16. 16.
    Dieser Ansatz ist in seiner Textsammlung „Human Groups and Social Categories — Studies in Social Psychology“ enthalten, die in der deutschen Übersetzung unter dem Titel „Gruppenkonflikt und Vorurteil” 1982 erschienen ist.Google Scholar
  17. 17.
    Dieses Bedürfnis wird auch in den Theorien des Symbolischen Interaktionismus unterstellt (vgl. Kap. 1.3.3) bzw. ist eines der zentralen Axiome der Sozialpsychologie überhaupt.Google Scholar
  18. 18.
    Genau genommen müßte wohl auch die Versklavung von Menschen zu Arbeitszwecken als eine (Vor-)Form von Arbeitsmigration angesehen werden, wenngleich es eine Migration war, die gegen den eigenen Willen erfolgte.Google Scholar
  19. 19.
    Dieser Statistik liegt der Gebietsstand vom 1. 1. 1938 ohne Saarland zugrunde.Google Scholar
  20. 20.
    Inzwischen beträgt der Anteil der landwirtschaftlichen Erwerbspersonen in der Bundesrepublik Deutschland ganze 4% und gehört zu den niedrigsten Quoten in der Welt: lediglich in den USA (2%), Großbritannien (2%) und Belgien (3%) wird dieser niedrige Anteil noch unterschritten (Weltentwicklungsbericht 1984, Tab.21). Allerdings geht aus keiner der erwähnten Statistiken hervor, inwieweit der Erwerbsstatus für die Erhebung ausschlaggebend war, konkret: inwieweit die sog. mithelfenden Familienangehörigen oder Nebenerwerbsbauern bzw. -bäuerinnen miterfaßt wurden.Google Scholar
  21. 21.
    Die osteuropäischen Landarbeiter wurden nicht alle sofort durch die Industrie absorbiert. Viele verdingten sich zunächst als landwirtschaftliche Saisonarbeiter, vorrangig in den großbetrieblichen Distrikten der preußischen Ostprovinzen. Eine Intensivierung der Bodenkultur, Rationalisierung der landwirtschaftlichen Produktionsorganisation (bei gleichzeitigem Verfall der gutswirtschaftlichen Arbeits-und Sozialordnung) stand in Wechselbeziehung mit einer Saisonalisierung der Lohnkosten in der Betriebskosten rechnung. „Die vom ständig wachsenden Zustrom ausländischer Saisonarbeiter und besonders von ihrem Einsatz im saisonalen Geldakkord forcierte Saisonalisierung des Erwerbsangebots aber bedeutete für Einheimische, auf möglichst dauerhafte Beschäftigung des Haupterwerbstätigen angewiesene Landarbeiterfamilien tendenziell Lohnverlust: „(…) Die Folge war, daß das nicht nur höhere und schneller steigende, sondern auch saisonstabile Lohnniveau städtisch-industrieller Arbeitsmärkte eine um so stärkere Sogkraft entfalten konnte“ (Bade 1983, 44).Google Scholar
  22. 22.
    Bade beschreibt den Gewaltcharakter dieser erzwungenen Arbeitsmigration: Die Reicharbeitsverwaltung folgte „den vorrückenden deutschen Truppen auf den Fuß“ und hatte „schon sechs Wochen nach dem deutschen Einmarsch in Polen 115 Arbeitsämter eingerichtet. (…) Die Kreise und Bezirke Polens hatten dazu freiwillig bestimmte Kontingente zu stellen. Allein von September 1939 bis Mai 1940 wurden bereits ca. 560.000 polnische Landarbeiter angeworben. Arbeitsverwaltung, Polizei, SS und Gestapo wirkten bei den Zwangsaushebungenn zusammen, in deren Rahmen allein aus Polen insgesamt 1,8 bis 2 Mio. Zwangsarbeiter zum Einsatz in der deutschen Kriegswirtschaft deportiert wurden” (1983, 55).Google Scholar
  23. 23.
    Zur Verdeutlichung folgende Zahlen: der ausländische Beschäftigungsanteil betrug 1943 im Steinkohlebergbau 38%, in der Braunkohleförderung 37%, in Werken der Flugzeugindustrie entgegen allen militärischen Sicherheitsbestimmungen gar 80–90%; 1944 in der Landwirtschaft etwa 41%, im Maschinenbau 28%, in der chemischen Industrie 26% etc. In der unmittelbaren Rüstungsendfertigung (ohne Zuliefererindustrie) waren 1944 rund 30% der Beschäftigten Ausländer (Bade 1983, 571).Google Scholar
  24. 24.
    Bis 1950 kehrten mehr als 4 Mio. Kriegsgefangene heim, 4,7 Mio. erwerbstätige Vertriebene und Flüchtlinge aus der von Deutschland abgetrennten Gebieten und 1,8 Mio. Flüchtlinge verließen bis August 1961 die sowjetische Besatzungszone bzw. die DDR (Bade 1983, 60 ).Google Scholar
  25. 25.
    An dieser Stelle kann es nicht um eine differenzierte Diskussion der neuen internationalen Arbeitsteilung und deren unterschiedlichen Implikationen für Erste, Zweite und Dritte Welt gehen (vgl. dazu z.B. Sivanandan 1980). Unsere Perspektive konzentriert sich im folgenden auf den Arbeitsmarkt als einen bestimmenden Faktor für Arbeitsmigrationsbewegungen.Google Scholar
  26. 26.
    Zwei Branchen waren von dieser Entwicklung besonders betroffen: die Elektronik-und die Textilindustrie; übrigens beide durch einen überdurchschnittlich hohen Anteil an weiblichen Beschäftigten gekennzeichnet. Die Auslagerung fand hauptsächlich in den ostasiatischen Raum statt (führend hierbei: Hongkong, Südkorea, Taiwan). Einige Textilsortimente stammen inzwischen fast komplett aus Billiglohnländern (vgl. Freese/Schmid 1986).Google Scholar
  27. 27.
    Schließlich scheuen einige Investoren auch nicht, ihre Wirtschaftstätigkeit unter dem Ettikett der „Entwicklungshilfe“ zu deklarieren.Google Scholar
  28. 28.
    Beispielsweise Kuwait: Die Ölindustrie, die 99% der Regierungseinnahmen erbringt, schafft nur wenige tausend Arbeitsplätze. Etwa drei Viertel der einheimischen Arbeitskräfte sind im Dienstleistungssektor tätig. Insgesamt aber waren Ende der 70er Jahre über 70% aller Arbeitskräfte und mehr als die Hälfte der Gesamtbevölkerung Arbeitsimmigranten, die extrem harten Arbeits-und Lebensbedingungen unterworfen sind (Sivanandan 1980, Ross 1986). Nach neueren Angaben gehen inzwischen (1985) überhaupt nur 11% der erwachsenen Kuwaitis einer Tätigkeit nach, und ist der Anteil der Einheimischen an der Gesamtbevölkerung auf 34% gesunken (Der Spiegel Nr. 30/1985). — Auch in den anderen ölexportierenden Golfstaaten sind die ausländischen Arbeitskräfte, deren Aufgabe in den vergangenen zehn Jahren in der Errichtung einer gigantischen Infrastruktur, incl. dem Aufbau einer Armee bestand, überall zahlreicher als das jeweilige Staatsvolk. Sie kommen aus Indien, Bangladesh, Thailand, Südkorea und von den Philippinen, aus Ägypten, Palästina, dem Libanon und dem Jemen sowie in geringerem Ausmaß und unter anderen Voraussetzungen aus Japan, Europa und den USA und stellten 1985 in Saudi-Arabien 55%, in Bahrein 65%, in Katar 75% und in den Vereinigten Arabischen Emigraten sogar rund 90% der jeweiligen Bevölkerung (ebd).Google Scholar
  29. 29.
    Beispielsweise verzehnfachte sich der Traktorenbestand allein in den Jahren 1950 bis 1970 (Inhetveen/Blasche 1983, 9).Google Scholar
  30. 30.
    In der Bundesrepublik etwa werden die kleinen Höfe bis 10ha heute fast ausschließlich (zu 73% bis 85%) von Frauen bewirtschaftet (vgl. Inhetveen/Blasche 1983, Tab. 4).Google Scholar
  31. 31.
    Damit soll nicht behauptet werden, daß Arbeitsmigration unverzichtbare Voraussetzung für die Durchsetzung der neuen Arbeitsteilung sei. Auch wenn der angestammte Wohnsitz im Zuge der Industrialisierung nicht aufgegeben werden muß, so erfordern die durch die Industrialisierung induzierten Strukturveränderungen zumeist doch mindestens die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit im nächstliegenden industriellen Zentrum (quasi eine abgeschwächte Form von Migration), womit in jedem Fall aber auch der unmittelbare Kontakt zu urban-industriellen Standards gewährleistet ist. Insofern mögen die nachfolgenden Ausführungen ebenso für diese Fälle Gültigkeit besitzen, wenn auch mit graduellen Abweichungen.Google Scholar
  32. 32.
    Der Ökonom Dupriez (1973) prägt in seiner Analyse der Mechanismen der Überausbeutung der Arbeiter, die mit dem landwirtschaftlichen Produktionssektor zusammenhängen, den Begriff des „industriellen Subsistenzlohns“ (zit. bei Meillassoux 1976, 175).Google Scholar
  33. 33.
    Beispielsweise erlangen die Tätigkeiten Putzen und Waschen eine ganz neue Dringlichkeit, sei es wegen der typischen Überfüllung der städtischen Unterkünfte für die Immigranten, sei es aufgrund der stärkeren Umweltbelastung, etwa durch ständige Ruß-und Rauchablagerungen auf Körper, Kleidung und Mobiliar. Bock/Duden betonen vor allem zwei gewaltige Neuerungen, die die Industriearbeit, Urbanisierung und Monetarisierung für die Immigrantinnen mit sich bringen: das Einkaufen („Konsumtionsarbeit„) und das Aufziehen der Kinder, die sie den Anforderungen der modernen Arbeitswelt entsprechend zu Rationalität und Disziplin zu erziehen haben. ( 1976, 1610.Google Scholar
  34. 34.
    Anschauliche Beispiele über die Orientierung der Gecekondu-Frauen führt Senapili (1985) in ihrer Analyse des Lebens von Gecekondu-Frauen aus. Gecekondus sind die vorstädtischen Elendsviertel in den türkischen Großstädten, die als Auffanglager der ländlichen Migration dienen.Google Scholar
  35. 35.
    Ihre Funktion bestand m.E. darin, angesichts des radikalen sozialen Umbruchs Massenloyalitäten zu schaffen. Den Männern verhießen sie in der bürgerlichen Variante eine domestizierte, natürlich-friedfertige Ehefrau; die Frauen wurden vielleicht durch die Beschwörung einer dunklen Vergangenheit und neue Liebes-und Ästhetikideale eher mit einer Mehrfachbelastung versöhnt” (Lenz 1983, 77).Google Scholar
  36. 36.
    Um Mißverständnissen vorzubeugen: in diesen notwendigerweise sehr knapp gehaltenen Ausführungen geht es nicht darum, die vorindustriellen Lebensgemeinschaften im Hinblick auf ihre geschlechtliche Koexistenz zu glorifizieren. Auch hier herrschte männliche Dominanz, über deren Ursprung es bisher unterschiedliche Theorien gibt. Nach Meillassoux (1976) etwa resultierte sie aus der Schutzfunktion, die die Männer gegenüber Frauen ihrer Gemeinschaft nach außen wahrnahmen. (Ob dem ein Schutzbedürfnis der Frauen gegenüber stand, wird nicht erörtert.) Von zentralem Interesse für eine männliche Kontrolle war die weibliche Reproduktionsfähigkeit. Gleichzeitig aber bezogen die Frauen genau daraus ihre soziale Achtung und Verehrung. Qua ihrer Mut-terfunktion erreichten sie eine gewisse subjektive Autonomie und stieg ihr sozialer Status im Laufe ihres weiblichen Lebenszyklus. Nach der Menopause und als Ahnin — insbesondere als zeugungsunfähige Witwe — erreichte sie die höchste Stufe einer Autorität (1976, 92ff.). — Zur Vertiefung des Aspekts weiblicher Macht und sozialer Achtung der Frauen sei die sehr anschauliche und detailreiche ethnologische Studie von Yvonne Verdier (1982) über die Lebenszusammenhänge von Landfrauen in einem französischen Dorf in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts empfohlen. Demgegenüber erlangt in modernen Industriegesellschaften mehr die Kontrolle über die weibliche materielle Produktion an Gewicht. Eine soziale und psychische Untermauerung der Unterordnung weiblicher Reproduktionstätigkeiten gegenüber ihren Produktionstätigkeiten stellt die umfassende Institutionalisierung und Professionalisierung aller zwischenmenschlichen Kommunikation dar. So erfährt beispielsweise die soziale Wertschätzung der älteren Frauen durch die Entlastung ihrer Nachkommen, für deren Altersversorgung persönlich aufzukommen, eine nicht unbeträchtliche Beeinflussung.Google Scholar
  37. 37.
    Dabei ist ihre Bedeutsamkeit den Wirtschaftstheoretikern durchaus geläufig, wie folgendes Zitat von Galbraith belegt: „Die Umwandlung der Frauen in eine auf unsichtbare Weise dienende Klasse war eine ökonomische Leistung ersten Ranges. Dienstboten für gesellschaftlich unterbewertete Arbeiten standen einst nur einer Minderheit der vorindustriellen Bevölkerung zur Verfügung; die dienstbare Hausfrau steht jedoch heute auf ganz demokratische Weise fast der gesamten männlichen Bevölkerung zur Verfügung.“ (1973, 33, zit. bei Bock/Duden 1976, 177).Google Scholar
  38. 38.
    Aus Gründen der Kürze beschränke ich mich hier auf die Diskussion der Situation von erwachsenen Migrantinnen. Die Situation von Mädchen in Migrantenfamilien findet weiter unten noch ausführliche Berücksichtigung (vgl. Kap. 5. 3 ).Google Scholar
  39. 39.
    Dabei verdeutlicht vor allem der westliche „Prostitutionstourismus“ einmal mehr die Akzentuierung der neuen internationalen Arbeitsteilung.Google Scholar
  40. 40.
    Die genannten Titel stellen nur eine kleine Auswahl aus der in den 80er Jahren stark expandierten Publikationsflut dieses Genres dar, zu deren wichtigstem Medium insbesondere der vom Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS), Frankfurt, herausgegebene „Informationsdienst zur Ausländerarbeit“ zählt.Google Scholar
  41. 41.
    Teilweise werden hier allerdings veraltete Daten zitiert. — Der Band erschien in der Türkei bereits 1979 und ist für die deutsche Veröffentlichung in Teilbereichen aktualisiert worden.Google Scholar
  42. 42.
    Für eine ausführliche, aber veraltete Übersicht sei auch auf die Bibliographie von Münscher (1980 und 1982) hingewiesen.Google Scholar
  43. 43.
    Das Projekt wurde von 1982 bis 1984 durch die VW-Stiftung gefördert und vom Institut für Sozialpsychologie der Universität zu Köln durchgeführt. Die Ergebnisse basieren auf Interviews mit deutschen und ausländischen Mitarbeiterinnen (n=76) sowie mit ausländischen (türkischen) Teilnehmerinnen (n=211).Google Scholar
  44. 44.
    Die empirische Basis ihrer Studie bilden Interviews mit 411 Italienerinnen im Jahr 1977.Google Scholar
  45. 45.
    Empirische Basis ihrer Arbeit sind die Daten aus der Untersuchung von Kremer/Spangenberg (1980) zum allgemeinen Assimilationsverhalten ausländischer Arbeitnehmer in der Bundesrepublik Deutschland, die den empirischen Bezug zum Migrationsmodell von Hartmut Esser darstellt. Im Rahmen dieser Untersuchung wurden 1500 erwachsene italienische, spanische, türkische, griechische und jugoslawische Arbeitsmigranten (etwa je 300 pro Nationalität) befragt. Etwa ein Drittel der Befragten waren Frauen. Durchführungszeitraum war 1977.Google Scholar
  46. 46.
    Kognitive Assimilation —, Statusassimilation —’ soziale Assimilation — identifikative Assimilation (H. Esser 1980, 231).Google Scholar
  47. 47.
    Beispielsweise ist das Höchstmaß an identifikativer Assimilation dann erreicht, wenn sich der/die Migrant/in „schon ganz als Deutsche/r fühlt“ und/oder die deutsche Staatsangehörigkeit anzunehmen gedenkt.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1989

Authors and Affiliations

  • Angelika Schmidt-Koddenberg

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