Advertisement

Entstehung und Entwicklung der Politikwissenschaft in Hessen

  • Arno Mohr

Zusammenfassung

Man schrieb den 18. Mai 1948. An diesem Tag schien sich aufs neue die Ausstrahlungskraft und die tiefere Bedeutung politischer Symbolik zu erweisen. An diesem 18. Mai erlebte der Teil Deutschlands, der zu erkennen gegeben hatte, sich nicht allein auf die Ideen von Christentum und Humanismus zu verpflichten, sondern auch die Prinzipien von Freiheit, Toleranz und Demokratie zur Richtschnur seines Handelns zu machen, kurz: der Teil Deutschlands, der für Radikalismus und Kommunismus nurmehr nur Verachtung übrig hatte, seine erste größere Selbstdarstellung nach der Diktatur des Nationalsozialismus, inmitten der trostlosen Hinterlassenschaft des schrecklichen Krieges. Überall in den westlichen Besatzungszonen feierten, von den Alliierten wohlwollend geduldet, die zu jener Zeit maßgebenden Repräsentanten aus Politik, Wirtschaft und Geistesleben den einhundertsten Jahrestag der Eröffnung der deutschen Nationalversammlung von 1848, jenes gesamtdeutschen Repräsentativorgans, dessen Mitglieder sich angeschickt hatten, zum erstenmal auf deutschem Boden eine freiheitliche und demokratische Verfassung auszuarbeiten und somit der deutschen Geschichte eine grundlegende Richtungsänderung zu geben. Die Jubiläumsfeiern, in deren Mittelpunkt der Ort des Geschehens selbst, die Frankfurter Paulskirche, stand, sollten symbolisch eine neue Zeit einläuten. Sie waren dazu bestimmt, die Auferstehung des unter die Räder gekommenen demokratischen Gestaltungswillens, der den „1848ern“ eignete, zu verkünden. In dem Bekenntnis zu den Idealen der „gezähmten Revolution“ und in dem Bestreben, ein demokratisches Deutschland aufzubauen, sah man die wenn auch verspätete Vollendung der 1849 doch kläglich gescheiterten Revolution. Was sich in Frankfurt und anderswo abspielte, war eine von großem Pathos getragene Selbstinszenierung des liberalen Bürgertums, die Sozialdemokratie eingeschlossen. Namentlich ihre führenden Vertreter wurden nicht müde, mit großer Eindringlichkeit den Festcharakter der Gedenkveranstaltungen hervorzuheben.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Anmerkung

  1. 1.
    Von Weimar nach Wiesbaden. Reden und Schriften von Christian Stock (1884–1967). Zum 100. Geburtstag im Auftrag der Christian-und Anni-Stock-Stiftung, bearb. u. mit einer biographischen Skizze versehen von Armin Hildebrandt. Darmstadt: Reba-Verlag, 1984, S. 117ff. — Wird weiter nichts angemerkt, so beziehen sich die einzelnen Angaben auf die entsprechenden Partien meiner Dissertation „Politikwissenschaft als Alternative —Stationen einer wissenschaftlichen Disziplin auf dem Wege zu ihrer Selbständigkeit in der Bundesrepublik Deutschland 1945–1965“. Diss. phil. Heidelberg 1985, jetzt erschienen im Studienverlag Dr. N. Brockmeyer, Bochum, 1988.Google Scholar
  2. 2.
    Vgl. dazu allgemein: Walter Mühlhausen: Hessen 1945–1950. Zur politischen Geschichte eines Landes in der Besatzungszeit. Frankfurt: Insel, 1985, passim.Google Scholar
  3. 3.
    Für den in Kap. II erörterten Gesamtzusammenhang vgl. meinen knappen Aufsatz „Die Durchsetzung der Politikwissenschaft an deutschen Hochschulen und die Entwicklung der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft“, in: Politikwissenschaft in der Bundesrepublik Deutschland. Entwicklungsprobleme einer Disziplin, hrsg. von Klaus von Beyme. PVS-Sonderheft 17/1986, S. 62–77.Google Scholar
  4. 4.
    Vgl. dazu auch die Rede Hallsteins beim Akademischen Festakt der Universität anläßlich der Paulskirchenfeier am 18. Mai 1948, Frankfurt: Klostermann, 1949 (Frankfurter Universitätsreden, Heft 1), S. 14ff.Google Scholar
  5. 5.
    Vgl. Manfred Overesch: Deutschland 1945–1949 Vorgeschichte und Gründung der Bundesrepublik. Ein Leitfaden in Darstellung und Dokumenten. Königstein/Ts.: Athenäum/ Droste, 1979, S. 175.Google Scholar
  6. 6.
    Für dieses Kapitel wurden neben den in meiner Dissertation aufgeführten Aktenstücken zusätzlich verwendet: aus dem Bestand des Hessischen Hauptstaatsarchivs, Wiesbaden, Nr. 502/506 und Nr. 502/365; aus dem Bestand des Staatsarchivs Darmstadt der Nachlaß Stock (Abtl. 027, daraus Nr. 533 und Nr. 545).Google Scholar
  7. 7.
    Vgl. stenogr. Prot. d. Hess. Landtags, I. Wahlperiode, 5. Sitzung v. 19. 3. 1947, vor allem S. 56.Google Scholar
  8. 8.
    Vgl. Landtagsdebatte v. 28. 7. 1948. Stenogr. Prot. 44. Sitz. des Hess. Landtags, I. Wahlperiode, S. 1563 ff.Google Scholar
  9. 9.
    Rainer M. Lepsius: Denkschrift zur Lage der Soziologie und der Politischen Wissenschaft. Im Auftrag der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Wiesbaden, 1961.Google Scholar
  10. 10.
    Die Angaben sind den entsprechenden Personal-und Vorlesungsverzeichnissen entnommen.Google Scholar
  11. 11.
    Vgl. dazu die in Anm. 3 genannte Arbeit, S. 67.Google Scholar
  12. 12.
    Robert H. Schmidt: Denkschrift: Einführung eines Studiengangs für Diplom-Politologen an der Technischen Hochschule Darmstadt und Errichtung eines „Darmstädter Instituts für Politologie“ (DIfP) an der Technischen Hochschule Darmstadt. Darmstadt, 1963, S. 5 ff.Google Scholar
  13. 13.
    Edward A. Tiryakian: Die Bedeutung von Schulen für die Entwicklung der Soziologie. in: Wolf Lepenies (Hrsg.): Geschichte der Soziologie. Studien zur kognitiven, sozialen und historischen Identität einer Disziplin. Bd. 2. Frankfurt: Suhrkamp, 1981, S. 49f.Google Scholar
  14. 14.
    Wolfgang Abendroth/Kurt Lenk (Hrsg.): Einführung in die politische Wissenschaft. Bern—München: Francke, 1968.Google Scholar
  15. 15.
    Dieter Kramer: „Marx an der Uni“: Zur Tätigkeit von Wolfgang Abendroth in Marburg, in: Universität und demokratische Bewegung. Ein Lesebuch z. 450-Jahrfeier d. Philipps-Universität Marburg, hrsg. v. Dieter Kramer u. Christian Vanja. Marburg: Verlag Arbeiterbewegung u. Gesellschaftswissenschaft, 1977, S. 279.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1989

Authors and Affiliations

  • Arno Mohr

There are no affiliations available

Personalised recommendations