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Ostdeutsche Stadtteilarbeit als die Suche nach ‚Gerechtigkeit‘

  • Jürgen Schmitt
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Part of the Stadtforschung aktuell book series (STADT, volume 98)

Zusammenfassung

„Diese Gesellschaft ist ungerecht!“ — so charakterisiert eine‚Mitspielerin’ der Stadtteilarbeit die dominierende Sichtweise der Stadtteilaktiven auf jene Gesellschaft, mit der sich die meisten von ihnen 1990 erstmals real konfrontiert sahen. Diese Einschätzung scheint auch von entscheidender Bedeutung für die Stadtteilarbeit gewesen zu sein. Denn schaut man sich meine Feldergebnisse an, dann geht es hier um den Wunsch nach Gerechtigkeit. Die dargestellten Positionen auf die Fragen, WER planen sollte und für WEN geplant werden sollte, beziehen sich ja letztendlich beide auf eine‚gerechte ‘ Verteilung von Partizipationschancen, nämlich zum einen die Chance der Partizipation am Prozess der Willensbildung und der Entscheidungsfindung, also am‚politischen Leben’ des lokalen Gemeinwesens, zum anderen der Chance zur Partizipation an dem lokalen Gemeinwesen als Solidargemeinschaft, also am‚sozialen Leben’ im Stadtteil. Oder anders gesagt: Sie beziehen sich auf eine‚gerechte’ Verteilung von Partizipationschancen einerseits an politischen, andererseits an sozialen Bürgerrechten. Vor diesem Hintergrund sollen im folgenden die Ergebnisse der Feldforschung reflektiert werden.

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Literatur

  1. 305.
    Siehe hierzu die Ausführungen unter 1.1.Google Scholar
  2. 306.
    Etwa in den bei Greiffenhagen (1997) gesammelten Untersuchungen zur politischen Legitimität.Google Scholar
  3. 307.
    Zur Logik der Verallgemeinerung bei einer Fallstudie sei noch einmal auf 3.3.2 verwiesen.Google Scholar
  4. 308.
    Als politische Sozialisation soll dabei in einem erweiterten Sinne die „Gesamtheit der Verwicklung von Menschen mit Herrschaft im allgemeinen und mit den historisch ausgebildeten Sinn-, Ordnungs- und Handlungszusammenhängen der Regelung des Zusammenlebens durch Bearbeitung öffentlicher Angelegenheiten im besonderen“ (Claußen, 1996, S. 512) verstanden werden.Google Scholar
  5. 309.
    Dass sich dabei die Staats- und Parteiführung durchaus in einem Dilemma befand, findet man bei Wolfgang Engler. Dieser führt aus, die ostdeutschen Machthaber hätten davon geträumt, mit Hilfe der Gesellschaft zu regieren: „Soziale Gruppen und familiäre Verhältnisse sollten die Individuen von sich aus in die politisch gewünschten Bahnen lenken und den Herrschaftsaufwand reduzieren“ (Engler, 1999, S. 279). Da sie jedoch dann selbst alles getan hätten, die Mittelglieder zwischen Individuum und Staatsmacht systematisch auszuschalten, seien schließlich als Brennpunkte der Kooperation zwischen Staat, Gesellschaft und Individuum die „allgegenwärtigen Kollektive“ getreten (ebd., S. 283).Google Scholar
  6. 310.
    Zur Forderung der Dissidenten in der DDR und anderer Ostblockstaaten nach Möglichkeiten des öffentlichen Austauschs und des Sich-Einmischens vgl. auch Thaa (1996).Google Scholar
  7. 311.
    Zum Beispiel in einer Sammlung von Positionspapieren bürgerschaftlicher Gruppen von 1990, in der sich auch Forderungen zu einer aktiven Beteiligung am Stadterneuerungsprozess und zur Bildung von Bürgerräten und Bürgermeistern im Wohnviertel finden (vgl. Kintzel, 1990).Google Scholar
  8. 312.
    Forschungstagebuch 29.09.1998. Dabei wird auch immer wieder einmal gerade die demokratievermittelnde Missionstätigkeit westdeutscher Akteure im Osten in Frage gestellt. Als z.B. von Seiten des westdeutschen Sanierungsamtsleiters eine Veränderung in einem Artikel der Stadtteilzeitung Brühl-BISS verlangt wird und er, nachdem dies zunächst von der Redaktion verweigert wird, mit dem Entzug der Mittel für die Erstellung der Zeitung droht, wird dies von einer Stadtteilaktiven so kommentiert: „Die kommen hierher, um uns Demokratie beizubringen, aber dann wird zensiert — schlimmer als zu DDR-Zeiten“. Eine andere Stadtteilaktive meint daraufhin, nach ihrer Meinung sei bei der Stadt die „Durchsetzung wirklicher Demokratie“ eigentlich auch gar nicht gefragt, höchstens die Durchsetzung der „bürgerlichen Demokratie“ (Forschungstagebuch 05.11.1997).Google Scholar
  9. 313.
    Forschungstagebuch 13.10.1998.Google Scholar
  10. 314.
    So beginnt der Refrain des Liedes „Die Partei“ von Louis Fürnberg aus dem Jahre 1950 (zitiert nach Reiher, 1996, S. 222).Google Scholar
  11. 315.
    Detlef Pollack und Dieter Rink schreiben zu den Gruppen der 70er und 80er Jahre: „Den neuen Oppositionsgruppierungen (...) ging es um die Herstellung von Öffentlichkeit angesichts des massenhaften inneren Rückzugs der Bevölkerung aus der Gesellschaft, um die Schaffung von Gegenkultur gegen den umfassenden Machtanspruch der SED, um Kritik an den Zuständen der DDR. Die Herstellung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit stand deutlich in der zweiten Reihe. Den obersten Rang im Katalog der verfolgten Ziele nahm die Schaffung von Formen einer staatsunabhängigen Kommunikation und Kultur ein“ (Pollack/Rink, 1997, S. 10f.).Google Scholar
  12. 316.
    Diese Ansprüche werden auch häufig in den seinerzeit von Aktivisten dieser Gruppen verfassten Texten deutlich, etwa wenn Friedrich Schorlemmer in einem 1985 geschriebenen Aufsatz über die „Beunruhigungsgruppen“ (Schorlemmer, 1990, S. 17) innerhalb der Kirche in Ostdeutschland schreibt: „Wo es um die elementare Bedrohung unserer Zukunft geht, werden Gruppen als eine Verkörperung von Wahrhaftigkeit, Hoffnung und Mut gesucht“ (ebd., S. 20). Sehr bezeichnend finde ich in diesem Zusammenhang, dass gerade ein Stadtteilaktiver aus dem Umfeld der Kirche in meinem Feld bereits auf der ersten Stadtteilrunde nicht nur große Skepsis gegenüber der Ernsthaftigkeit des Angebotes zur Bürgerinnenbeteiligung im Rahmen von URBAN äußert, sondern auch große Skepsis, ob diese auf fruchtbaren Boden fallen kann. Er stellt vielmehr dar, die Leute seien abgestumpft und es helfe möglicherweise nur noch, in der Tradition der „Spaßguerilla“ solch haarsträubende Pläne zu machen, dass die Leute auf die Barrikaden gingen (Forschungstagebuch 07.08.1996).Google Scholar
  13. 317.
    Forschungstagebuch 16.12.1996. Im Kontext: Auf einer Stadtteilrunde entspinnt sich im Zusammenhang mit der Diskussion um den Rückgang des Zusammenhaltes im‚Kiez’ auch eine Diskussion darüber, ob intensiv gelebte Nachbarschaften denn überhaupt von alien gewünscht werden und nicht viele der neu zugezogenen BewohnerInnen des Gebietes der Meinung sind, man könne sein soziales Netz auch anderswo haben als im Stadtteil. Daraufhin meint der besagte Teilnehmer eben dies: „Meinungen interessieren mich nicht, ich bin auf der Suche nach Wahrheiten“. Und eine Wahrheit sei nun mal, dass der Mensch sich gegenseitig helfen müsse. Beispielsweise in einem Notfall nutze es einem nichts, wenn man Freunde anderswo habe, dann brauche man eine funktionierende Nachbarschaft.Google Scholar
  14. 318.
    Zu diesem Begriffsverständnis vgl. Arendt (1994, S. 27ff.).Google Scholar
  15. 319.
    An anderer Stelle, auf der Veranstaltung „Chemnitz im 21. Jahrhundert“ des Deutschen Werkbundes Sachsen im November 1996, führt sie in diesem Zusammenhang die These aus: „Die DDR-Geschichte hat große Städte hinterlassen mit vielen Einwohnerinnen und Einwohnern, aber es gibt nur wenige Städterinnen und Städter“. Und für Chemnitz konkretisiert sie dies: „Das Klima hier ist nicht sehr bürgerlich. Wobei ich als Pendant nicht anführen würde, es sei proletarisch, das Pendant ist sklavisch. Das soll heißen, festgekettet und fremden Bestimmungen unterworfen“ (zitiert nach: Deutscher Werkbund Sachsen, 1996, o.S.).Google Scholar
  16. 320.
    Forschungstagebuch 27.01.1998. Zwar ist dieser Hinweis bei ihr nicht zuletzt auch davon geprägt, dass sie biographisch eher der offiziellen Kultur der DDR verbunden ist. Tatsächlich wird ihr in der Runde auch widersprochen. So meint ein anderer Teilnehmer, man müsse da diskutieren, wo man „1998 angelangt ist“. An Grundpfeilern könne man zwar rütteln, aber das bringe nichts. Es habe keinen Zweck darüber zu diskutieren, ob es früher in der DDR besser gewesen sei oder nicht. Und auch ein drifter Teilnehmer, der selbst eher der alternativen Kultur der Kirche verbunden ist, führt aus, die Diskussion sei ja sehr interessant, aber er befürchte, dass da ein Gefühl der Ohnmacht aufkomme. An den Symptomen brauche man nicht mehr „rumdoktern“, da ändere sich nichts. „Wir haben uns von der DDR weg bewegt und es alle gewollt oder zumindest geschwiegen“. Entscheidend ist allerdings, dass zwar beide Aussagen der Ansicht widersprechen, man könne wieder zum sozialen Standard der DDR zurückkommen, nicht aber der dahinter stehenden Position, dass dieser im Vergleich zum heutigen der bessere 1st.Google Scholar
  17. 321.
    Dies gilt im Besonderen für jene Aktive, die bereits in der DDR‚gesellschaftliche Arbeit’ geleistet haben. Für sie stellt die‚Stadtteilarbeit’ im Rahmen von URBAN zwar einerseits eine Fortsetzung der‚ Wohngebietsarbeit’ in der DDR dar, gleichzeitig ist für sie jedoch neu, dass es sich eben gerade nicht um aus-drücklich‚von oben’ gewünschte Aktivitäten handelt, sondern im Gegenteil um Aktivitäten, die zum Teil‚gegen’ die Obrigkeit erkämpft werden müssen. Während die Bürgerinitiativen im Westdeutschland der späten 70er und 80er Jahre vom Gedanken der‚Gegenkultur’ geprägt waren, fühlen sich diese Aktivistlnnen — zurecht — als VertreterInnen der im Alltag dominierenden Kultur im Stadtteil: Die‚ Gegenkultur’ stellen eher die Muster und Selbstverständlichkeiten des Westens dar, die jetzt auch im Osten wirksam werden. Und w rend die westdeutschen Stadteilbewegungen der späten 70er und 80er Jahre vor dem Hintergrund eines basisdemokratischen oder anarchistischen Selbstverständnisses dem Staat ausdrücklich Kompetenzen und Handlungsfelder entziehen wollte, wollen die Aktivistlnnen in meinem Feld, dass der Staat sich wieder starker engagiert.Google Scholar
  18. 322.
    Forschungstagebuch 07.08.1996. Hier gibt es insbesondere auch wieder eine Nähe zu Positionen der PDS. So meint auch ein Vertreter der lokalen PDS auf einer Veranstaltung des Chemnitzer Umweltzentrums zum Thema‚Bürgergesellschaft’, er halte das Ehrenamt für „hervorragend und unterstützenswert“, wenn es um die Einforderung der eigenen Rechte gehe. Vor dem Ehrenamt als Hilfe für andere habe er zwar auch „Hochachtung“, aber hier müsse man auch vorsichtig sein, dass man damit den Staat nicht aus seiner Verantwortung nehme (Forschungstagebuch 11.05.1999).Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 2004

Authors and Affiliations

  • Jürgen Schmitt

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