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Feldforschung

  • Jürgen Schmitt
Chapter
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Part of the Stadtforschung aktuell book series (STADT, volume 98)

Zusammenfassung

Es stellt sich nun die Frage, wie sich diesem Forschungsanliegen methodisch genähert wurde. Die Antwort darauf gibt ja bereits der Titel: Ich habe hierfür den Weg der Feldforschung gewählt. Nun ist es aber ein Allgemeinplatz der Sozialforschung, dass Methoden keinen eigenständigen Zweck haben, sondern vielmehr Hilfsmittel sind, um eine bestimmte Fragestellung zu bearbeiten. Die oft strapazierte Metapher des Methodenfundus der Sozialforschung als Werkzeugkasten leuchtet daher durchaus ein: So wie der Hammer nicht prinzipiell besser als der Schraubenzieher ist, bloß eben besser geeignet, um einen Nagel in die Wand zu schlagen, so sind auch bestimmte Forschungsmethoden lediglich besser oder schlechter geeignet als andere, um eine bestimmte Forschungsfrage zu beantworten, aber nicht prinzipiell anderen vorzuziehen. Was heißt das nun in meinem Falle?

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Literatur

  1. 46.
    Zu den Grundlagen ‚qualitativer Sozialforschung‘ vgl. z.B. Flick u.a. (2000), Mayring (1999, S. 9ff.), Flick (1998, S. 9ff.), Oswald (1997) und Kleining (1995).Google Scholar
  2. 47.
    Dies wird in 3.3.2 näher erläutert.Google Scholar
  3. 48.
    Zur Feldforschung als qualitative Methode der Sozialforschung vgl. z.B. Lueger (2000), Lüders (2000 und 1995), Flick (1998, S. 152ff.), Friebertshäuser (1997), Legewie (1995), Girtler (1992) und als wissenschaftliches Kleinod die heimlich bei einem Vortrag aufgenommenen und erst nach seinem Tod veröffentlichten Ausführungen von Erving Goffman „Über Feldforschung„ (1996).Google Scholar
  4. 49.
    Zu den Parallelen und den realen Verbindungen zwischen Journalismus und Park im speziellen und der Soziologie der Chicagoer Schule im allgemeinen siehe Lindner (1990).Google Scholar
  5. 50.
    Etwa die mehr als zwei Jahre andauernde teilnehmende Beobachtung einer türkischen Jugendbande bei Tertilt (1996).Google Scholar
  6. 51.
    Etwa die Nebenrolle als ‚Praktikantin‘ bei der Untersuchung eines ostdeutschen Liegenschaftsamtes bei Peters (1997).Google Scholar
  7. 52.
    Springer selbst zieht das empirische Material für sein Buch „Rückkehr zum Taylorismus? Arbeitspolitik in der Automobilindustrie am Scheideweg„ (1999) u.a. aus einer Tätigkeit als Mitarbeiter im Stabsbereich des Arbeitsdirektors eines deutschen Automobilkonzerns. Zur Methode der ‚beobachtenden Teilnahme‘ siehe auch Weltz (1997).Google Scholar
  8. 53.
    Insofern benutze ich im folgenden nicht die gängige, eindimensionale Unterscheidung zwischen Graden der Teilnahme, etwa zwischen einer peripheren, einer aktiven und einer vollständigen Mitgliedschaft, wie sie sich z.B. bei Lueger (2000, S. 62f.) findet.Google Scholar
  9. 54.
    Zum ‚existentiellen Engagement‘ siehe auch Honer (2000, S. 198ff.).Google Scholar
  10. 55.
    Ähnlich argumentiert Friedrich Weltz, wenn er bezüglich der industriesoziologischen Unternehmensforschung schreibt, diese müsse „den Unternehmen etwas bieten und zwar mehr als kluge post-festum-Analysen oder fertige Modelle, die wir uns am Schreibtisch ausgedacht haben. Die Unternehmen erwarten — und ich meine zu recht — mehr, nämlich die Bereitschaft, dass wir uns auch aktiv auf eine Beteiligung an den betrieblichen Gestaltungsprozessen einlassen, uns an der Erprobung unserer Vorschläge beteiligen„ (Weitz, 1997, S. 40).Google Scholar
  11. 56.
    Ganz abgesehen davon, dass diese Vertröstung nicht realistisch wäre, denn: „Ein solche Austauschmodell impliziert aber nicht nur eine unzulässige Vereinfachung des Verhältnisses zwischen Wissenschaft und Feld. Es stellt auch angesichts der Trivialität dessen, was der Forscher faktisch anzubieten hat, eine Form der Hochstapelei dar„ (Wolff, 2000, S. 348. Hervorhebung im Original).Google Scholar
  12. 57.
    Dies wird unter 3.3 ausführlich dargestellt.Google Scholar
  13. 58.
    In der Praxis hat sich das dann beispielsweise so dargestellt, dass ich meine vorläufige Analyse und Interpretation der Ursachen eines Konflikts in einer bestimmten Gesprächsrunde beim nächsten Treffen dieser Runde mit Verweisen auf das Protokoll wieder eingebracht und zur Diskussion gestellt habe. Die Reaktionen der Diskutierenden gaben dann Hinweise für mich zum weiteren Modifizieren, Ausbauen oder auch Revidieren bestimmter Interpretationsansätze.Google Scholar
  14. 59.
    Die Bezeichnung der Überprüfung als eine, die in diesen Situationen ‚nebenbei‘ geschah, ist dabei durchaus wörtlich zu verstehen. Denn die Hauptsache war tatsächlich in der Regel das, was ich mit diesen Menschen gerade tat, also an etwas arbeiten, miteinander plaudern oder Bier trinken. Es war also ein erfreulicher Nebeneffekt, dass man dabei auch üiber einzelne Interpretationsmuster reden konnte, aber eben für mich wie sie ein Nebeneffekt. Beschreibungen von Feldforscherinnen weisen ja meist Passagen auf, in denen darauf hingewiesen wird, dass man auch mit Leuten aus dem Feld in die Kneipe oder ins Café ging, um möglichst viel zu erfahren. Oft suggerieren die Darstellungen dabei aber, dass man nur deswegen mit ihnen in die Kneipe oder ins Café ging, um seinem Forschungsinteresse zu folgen. Ich kann eigentlich nur für die FeldforscherInnen selbst wie für die Feldakteure hoffen, dass es sich dabei um missverständliche Darstellungen handelt.Google Scholar
  15. 60.
    Eine sehr akribische Sammlung und umfassende Darstellung der wichtigsten Ansätze im deutschen Sprachraum findet sich bei Wagner (1997).Google Scholar
  16. 61.
    In dieser Doppelverantwortlichkeit sowohl gegenüber Auftraggeber als auch gegenüber den Betroffenen liegt natürlich schon ein eigener Rollenkonflikt, der zunächst erst mal gar nichts mit den Rollen als Forscher und als Akteur im Stadtteil zu tun hat, sondern vielmehr einen strukturellen Konflikt in der Funktion eines Stadtteilarbeiters darstellt.Google Scholar
  17. 62.
    Nachvollziehbar ist vermutlich, dass ich der Versuchung widerstanden habe, auch noch Bewohner des Stadtteils zu werden. Zwar hätte mir dies sicher noch mal eine ganze Fülle von zusätzlichen Eindrücken verschafft und Hinterbühnen geöffnet, aber die Gefahr, mich dann endgültig so in einem Gewirr von Rollenkonflikten zu verirren, erschien mir doch zu groß — zumal ja eine Doppelrolle als Bewohner und als Stadtteilarbeiter bereits ganz unabhängig von jedem Forschungsinteresse bereits einen Rollenkonflikt in sich birgt.Google Scholar
  18. 63.
    Das Institut für Soziologie gründete sich in der Zeit meiner Feldforschung aus dem Fachbereich Soziologie heraus.Google Scholar
  19. 64.
    Außerdem wurden auch hier meine ersten Interpretationen des Feldes einer Bewertung unterzogen, diesmal nicht aus der Perspektive der Feldakteure, sondern aus jener der sozialwissenschaftlichen ‚scientific community‘. Dies wird unter 3.3 behandelt.Google Scholar
  20. 65.
    Zur Forschungsethik in der qualitativen Forschung allgemein siehe Hopf (2000).Google Scholar
  21. 66.
    Meines Erachtens steht eine ausführliche Beschäftigung mit diesen und solchen Ansätzen nicht nur in der methodischen Diskussion, sondern auch in der Diskussion um Leitbilder und Strategien der Stadterneuerung bis heute weitgehend aus. Sie verdeutlichen nämlich, dass auch in der sozialplanerischen Forderung nach einer intensiven Beschäftigung mit dem sozialen Raum im Zuge von Stadterneuerungsmaßnahmen per se noch nichts fortschrittliches oder menschenfreundliches liegt. So fordert Walther genau dies, wenn er in seiner Schrift ‚Neue Wege zur Großstadtsanierung‘ von 1936 darstellt: „Jede echte Sanierung (...), die nicht nur schlechte Häuser durch bessere ersetzen will, sondern auch auf die Menschen sieht, bedarf einer Vorbereitung auch durch soziologische Untersuchungen. Diese Erhebungen müssen schließlich dahin kommen, dass, ehe die Spitzhacke ihre Arbeit beginnt, bestimmt werden kann, wie man mit den einzelnen Menschen und Familien des Abbruchgebietes verfahren soll„ (zitiert nach Roth, 1987, S. 372). Wie diese Bestimmung des weiteren Verfahrens aber aussehen kann, beschreibt er im gleichen Werk folgendermaßen: „(...) die trotz asozialer Umwelt gesund Gebliebenen, also gegen großstädtische Verderbung in besonderem Maße Immunen, fördern zu erfolgreichem Fortkommen in der Stadt; die für Rand- und ländliche Siedlungen Geeigneten, die ebenfalls nicht fehlen, zum Ziel ihrer Wünsche führen; die nur Angesteckten in gesunde Lebenskreise verpflanzen; die nicht Besserungsfähigen unter Kontrolle nehmen; das Erbgut der biologisch hoff nungslos Defekten ausmerzen„ (zitiert ebd., S. 384).Google Scholar
  22. 67.
    Dass dieser Bezug zu den Methoden der ‚Stasi ‘ und insbesondere deren Informellen Mitarbeitern (IM) nicht völlig absurd ist, zeigt zum Beispiel das Erlebnis, das eine Studentin im Rahmen einer von mir an der TU Chemnitz durchgeführten Übung zur Feldforschung machte. Die StudentInnen sollten dabei als ersten Schritt im Sinne des ‚nosing around‘ in einem Chemnitzer Stadtteil ‚herumschnüffeln‘. In dem Forschungstagebuch der Studentin findet sich dabei folgende Passage über das Aufeinandertreffen der studentischen Forscherinnen mit drei Männer, die auf einem Platz im Stadtteil stehen und Bier trinken: „Ein Mädchen aus unserer Truppe läuft an uns vorbei in die Richtung, wo die Männer stehen und wird irgendwie angesprochen und antwortet auch. Doch ich verstehe nichts. Nun ja, denke ich, genug gesehen. Ich laufe in dieselbe Richtung an den Männern vorbei und höre nur, wie der eine sagt: Früher war es inoffiziell und heute offiziell. Ein anderer sagt daraufhin zu ihm: Laß sie doch schreiben, was sie wollen„ (Schuster u.a., 2000, o.S.).Google Scholar
  23. 68.
    Allerdings wurden diese eher nüchterne, forschungsethische Frage ohnehin sehr stark von jenen, eher emotionalen Konflikten überlagert, die Verena Meier in der Reflektion ihrer Feldforschung über Frauen in südalpinen Bergdörfern so darstellt: „Und im Feld, bin ich da Freundin oder Forscherin? Wie gehe ich um mit den ungeheuerlichen Geschichten, den ungeheuerlichen Bildern, in denen sich Verletzung mir entgegenstellt und keine Wahl zwischen wichtig und unwichtig läßt. Für die Vertraute sind das faszinierende Geschenke, für die Forschende Daten, mit denen verantwortungsvoll umzugehen so schwierig ist. Werde ich immer den Energieaufwand einbringen können, zu erklären und zu erklären — auch am Abend nach einem langen Tag draußen, und was, wenn plötzlich jene riesige Lust einbricht, einfach Freundin zu sein?„ (Meier, 1989, S. 157).Google Scholar
  24. 69.
    Die Funktion des Forschungstagebuches wird unter 3.3 dargestellt.Google Scholar
  25. 70.
    In Bezug auf die Erforschung von Stadtteilarbeit ist eines der wenigen Projekte, in denen dies geschieht, das Projekt einer aktiven Teilnahme und gleichzeitig Erforschung der bevölkerungsaktivierenden Stadtemeuerung im Wiener Stadtteil Gumpendorf durch Hans Hovorka und Leopold Redl (1987). Sie entwickeln aus ihren eigenen Erfahrungen heraus auch einen Vorschlag fuür den Prozessverlauf und die Methoden entsprechender Stadtteilbeforschung (ebd., S. 253).Google Scholar
  26. 71.
    Diese Diskussion soll und kann aber natürlich nicht hier im Methodenteil einer Forschungsarbeit geführt werden.Google Scholar
  27. 72.
    Eine ausführliche Darstellung des von Barney Glaser und Anselm Strauss entwickelten Ansatzes der „Grounded Theory„ bieten z.B. Strauss (1994) und Strauss/Corbin (1996). Eine kurze Einführung findet sich z.B. bei Wiedemann (1995).Google Scholar
  28. 73.
    Der Grundgedanke dieser Logik ist folgender: „Höheres Verstehen verläuft nicht geradlinig von einer Erkenntnis zur nächsten fortschreitend, sondern kreisförmig, wobei das eine das andere und dieses das eine erhellt. Diese Bewegung des Verstehens wird als hermeneutischer Zirkel bezeichnet. Unter dem Gesichtspunkt des methodischen Vorgehens ist es wichtig, sich die Zirkelstruktur vor Augen zu halten. Denn es kann bei der Interpretation notwendig sein, dass man unter Umständen etwas halb oder gar nicht Verstandenes zunächst stehen 1 t, um seine Aufhellung von etwas anderem her zu versuchen„ (Danner, 1998, S.61). Zur Bedeutung des hermeneutischen Zirkels in der qualitativen Sozialforschung siehe Mayring (1999, S. 18).Google Scholar
  29. 74.
    Die Erwartung eines linearen Vorgehens besteht häufig auch gegenüber qualitativen Ansätzen. So unterscheidet etwa Atteslander für „alle Vorhaben der empirischen Sozialforschung„ (Atteslander, 1995, S. 31.) fünf Phasen des Forschungsablaufs, nämlich Problembenennung, Gegenstandsbenennung, Durchführung bzw. Anwendung von Forschungsmethoden, Analyse bzw. Anwendung von Auswertungsverfahren und schließlich Verwendung von Ergebnissen (vgl. ebd.).Google Scholar
  30. 75.
    Allerdings folgt Flick in seiner an anderer Stelle veröffentlichten Darstellung der „Stationen des qualitativen Forschungsprozesses„ selbst einer eher linearen Logik, auch wenn er ausdrücklich betont, dass diese Darstellung eine idealtypische sei, während in der Praxis der Prozess in der Regel „wenig linear„ ablaufe, sondern viele der Entscheidungen in den einzelnen Stationen „im Sinne von Rückkoppelungsschleifen miteinander verknüpft„ seien (Flick, 1995, S. 148).Google Scholar
  31. 76.
    Siehe hierzu ebenfalls Steinke (2000, S. 324) und auch Brüsemeister (2000, S. 40).Google Scholar
  32. 77.
    Insofern stellte sich auch das Verhältnis zwischen Induktion, Deduktion und Abduktion als zirkuläres dar. Zur Zirkularität von Abduktion, Deduktion und Induktion in Erkenntnisprozessen allgemein siehe auch Sturm (2000, S. 44ff.). Zum Verhältnis von Induktion, Abduktion und Deduktion in der interpretativen Analyse siehe Lueger (2001, S. 22ff.), zur Funktion der Abduktion in der qualitativen Sozialforschung und vor allem den damit verbundenen überzogenen Hoffnungen siehe auch Reichertz (1993 und 2000).Google Scholar
  33. 78.
    Siehe hierzu Schmitt (1996) und Schmitt u.a. (1999).Google Scholar
  34. 79.
    Diese Festlegung bestand in der in bereits in Teil 1 dargestellte Frage: „Wie interagieren die lokalen Akteure in einem ostdeutschen Feld der Stadtteilarbeit?„. Damit war zwar die Frage eingegrenzt, aber immer noch sehr weit gefasst. So gab es zu diesem Zeitpunkt bewusst noch keine Festlegung, auf was sich der Blick dabei fokussieren sollte, etwa ob auf die Interaktionen selbst, auf die Akteure als handelnde Subjekte oder auf die Restriktionen, denen die Interaktionen unterworfen waren.Google Scholar
  35. 80.
    Als „Kontextwissen„ werden in der „Grounded Theory„ jene Wissensbestände bezeichnet, die „der Forscher ‚im Kopf‘ hat und die aus seinem persönlichen Erleben, seiner Forschungserfahrung und seiner Kenntnis der Fachliteratur stammen„ (Strauss, 1994, S. 48).Google Scholar
  36. 81.
    Siehe hierzu Meinefeld (2000).Google Scholar
  37. 82.
    Dazu gehörten insbesondere Erfahrungen als Mitarbeiter der Verwaltung und freier Planungsbüros, Erfahrungen als Aktivist in politischen und soziokulturellen Gruppen oder auch Erfahrungen mit dem Leben und Arbeiten in besonders ‚benachteiligten Vierteln‘, etwa als Zivildienstleitender in einem Jugendzentrum im Frankfurter Gutleutviertel oder als Bewohner der Dortmunder Nordstadt.Google Scholar
  38. 83.
    Diese wurden ja bereits unter 3.2 ausführlich diskutiert und sollen daher hier nicht weiter erläutert werden.Google Scholar
  39. 84.
    Siehe hierzu auch Lüders (1995, S. 319).Google Scholar
  40. 85.
    Zur Bedeutung eines Forschungstagebuches in der Feldforschung siehe auch Girtler (1992, S. 131) und Friebertshäuser (1997, S. 518ff).Google Scholar
  41. 86.
    Die Beschränkung auf eine Dokumentation „forschungsrelevanter„ Beobachtungen und Gespräche weist dabei auf einen nicht lösbaren Widerspruch des Forschungsprozesses hin: Auch zunächst bedeutungslos Erscheinendes soll festgehalten werden, es könnte ja noch mal wichtig werden. Gleichzeitig wird aber nicht alles festgehalten, sondern nur das — scheinbar — forschungsrelevante. Drei Jahre im Feld lückenlos zu dokumentierten ist eben nicht möglich und auch nicht sinnvoll. Schließlich sind ja zahlreiche Beobachtungen und Gespräche („Gibt’s noch Kaffee?„ „Nö ...„) nicht Teil des wissenschaftlichen Interesses. Es muss also für jede neue Situation ein entsprechender Kompromiss gefunden werden, der das oben genannte Merkmal der Offenheit meines Forschungsprozesses relativiert.Google Scholar
  42. 87.
    Dass das Material aus dem Feld selbst heraus entstanden ist, bedeutet nicht automatisch, dass ich an dessen Entstehung unbeteiligt war. In meiner Rolle als ‚beobachtender Teilnehmer‘ habe ich vielmehr einige dieser Materialien selbst erstellt oder an ihrer Erstellung mitgewirkt. Teilweise bot dies auch erweiterte Chancen für den Forschungsprozess: So habe ich etwa in der Regel die Protokolle für die Stadtteilrunde (zur Stadtteilrunde siehe 4.3.1) erstellt, die anschließend an alle Beteiligten verschickt wurden. Diese stellten letztendlich stark reduzierte, aber immer noch sehr umfangreiche Umarbeitungen der Dokumentationen der entsprechenden Runden im Forschungstagebuch dar. Die Reaktionen auf die Protokolle boten so auch Hinweise dafür, ob ich einzelne Diskutanten missverstanden hatte oder auch dafür, welche Äußerungen als ‚öffentlich‘ oder gar ‚offiziell‘ verstanden und welche als ‚außerhalb des Protokolls‘ gehandhabt werden sollten.Google Scholar
  43. 88.
    Siehe hierzu oben unter ‚Vorgeschichte des Forschungsproj ekts ‘Google Scholar
  44. 89.
    Die Struktur der von URBAN geförderten Stadtteile in Deutschland war in Bezug auf die Größe und Bevölkerungsstruktur, aber auch in Bezug auf die lokale Organisation des URBAN-Programmes an sich und insbesondere in Bezug auf die lokale Beteiligung sehr unterschiedlich. So hatte beispielsweise der URBANStadtteil in Bremen über 26.000 EinwohnerInnen, der von Halle a.d.S. nicht einmal 5000. Im Duisburger Fördergebiet betrug der Anteil ausländischer BewohnerInnen 35,5 %, in den ostdeutschen URBAN-Quartieren hingegen war er verschwindend gering (vgl. URBAN-Netzwerk Deutschland, o.J.). In Duisburg und Rostock wurden externe, dezentrale Organisationsstrukturen für die Umsetzung des Programmes genutzt bzw. geschaffen, in Chemnitz wie in vielen anderen Städten verblieb die Koordination des Programmes in der Linienhierarchie der Verwaltung. In Rostock gab es einen URBAN-Beirat aus gewählten VertreterInnen des Quartiers, während sich die Beteiligung der BürgerInnen in anderen Städten auf punktuelle Aktionen reduzierte (vgl. Brochhaus, 1997). Bei der Festlegung der URBAN-Stadtteile für die vertiefende Erkundung habe ich vor diesem Hintergrund Fälle mit einer möglichst guten Mischung aus vergleichbaren und kontrastierenden Faktoren zum Prozess in meinem Feld ausgewählt.Google Scholar
  45. 90.
    Zum Verständnis von Kodes und Memos in der Logik der „Grounded Theory„ siehe Strauss (1994, S. 48ff.).Google Scholar
  46. 91.
    Dass ein Teil der Interpretationen durch Gedanken aus der Sphäre der Wissenschaft ausgelöst wurde, erscheint zunächst als einen Bruch zu dem Ansatz der gegenstandsbezogenen Theoriebildung, der doch vorsieht, die Interpretationen primär aus dem Feld bzw. dem Feldmaterial heraus zu entwickeln. Tatsächlich bedeutet die starke Bedeutung des Feldes im Interpretationsprozess aber natürlich nicht, dass theoretische Muster ‚von außen‘ überhaupt keine Rolle spielen. Es gilt hier, was Flick in Bezug auf die Kategorisierung in qualitativen Forschungsprozessen generell ausführt, nämlich: „Weder wird der Forscher völlig vorbehaltlos aus den Daten heraus, noch völlig bruchlos aufgrund seines theoretischen Hintergrundes kategorisieren„ (Flick, 1995, S. 165). Dies wäre auch gar nicht anders möglich. Wenn man sich — wie in der vorliegenden Arbeit — üüber Jahre im Feld aufhält, dann bleibt man ja in diesen Jahren nicht theorieabstinent, sondern wird das, was einem in dieser Zeit an theoretischen Ansätzen zufällig oder gezielt in die Hände fällt, auf das Feld beziehen und auf seine Brauchbarkeit für das Feld prüfen. Auch Strauss/Corbin gestehen Konzepten aus der Fachliteratur ausdrücklich eine Rolle im interpretativen Prozess zu, wenn sie auch betonen, es solle bei der Übernahme solcher Konzepte in den eigenen Prozess der Suche nach einer „Grounded Theory„ sorgfältig nach Bestätigungen in den eigenen Daten gesucht werden und den Formen nachgegangen werden, die diese Konzepte in der eigenen Untersuchung annehmen (vgl. Strauss/Corbin, 1996, S. 34).Google Scholar
  47. 92.
    Auch hier stellt sich wieder der prinzipiell nicht lösbare Widerspruch eines gegenstandsbezogenen, offenen Forschungsprozesses dar. Denn die Fokussierung bedeutete ja auch, dass die in den Fokus gerückten Feldphänomene im Tagebuch intensiver dokumentiert wurden, andere hingegen weniger oder gar nicht mehr. Die Fokussierung war also keine wirklich ‚vorläufige‘, sondern eine bis zu einem gewissen Grade nicht mehr revidierbare, weil eben auch das Material damit fokussiert wurde.Google Scholar
  48. 93.
    Siehe hierzu 3.2.2.Google Scholar
  49. 94.
    Diese wurde bereits unter 3.2.3 ausführlich behandelt.Google Scholar
  50. 95.
    Formal war dieser Ausstieg relativ problemlos durch die Beendigung meines Auftrages als Koordinator des Stadtteilprozesses möglich. Der reale Ausstieg war aber natürlich wesentlich schwieriger. Ich habe ihn daher etwa ein Jahr lang vorbereitet, indem ich immer wieder in Gesprächen gegenüber Feldakteuren betonte, dass ich ab dem Jahre 2000 nur noch in Ausnahmefällen für die Stadtteilarbeit zur Verfügung stehen werde, um mich ganz meiner Tätigkeit an der Universität und vor allem meiner Dissertation widmen zu können.Google Scholar
  51. 96.
    „Offenes Kodieren„ bezeichnet in der Logik der „Grounded Theory„ den „Prozeß des Aufbrechens, Untersuchens, Vergleichens, Konzeptualisierung und Kategorisierens von Daten„ (Strauss/Corbin, 1996, S. 43).Google Scholar
  52. 97.
    Das bewusste Dummstellen in der qualitativen Sozialforschung wird explizit insbesondere von Hitzler diskutiert. So bezeichnet er den für die Soziologie typischen bzw. erforderlichen Skeptizismus, nichts einfach so hinzunehmen, wie es alltäglich zu sein scheint, der eben auch eine absichtliche Naivität darstellt, weil man ja freiwillig so tut, als ob einem das unbekannt ist, was eigentlich alle wissen, als „eine Art von künstlicher Dummheit„ (Hitzler, 1986, S. 58). An anderer Stelle redet er auch von der „Dummheit als Methode„ (Hitzler, 1991)Google Scholar
  53. 98.
    Zu diesen Techniken siehe Strauss/Corbin (1996, S. 63ff.).Google Scholar
  54. 99.
    Angeregt wurde dies nicht zuletzt durch einen Umweg in die dialektische Theatertheorie von Bert Brecht. Auf Hinweis von Christine Weiske habe ich versucht, jene „Fabel„ meines Prozesses zu erzählen, derer sich nach Brecht auch der Schauspieler bemächtigen soll, denn: „Erst von ihr, dem abgegrenzten Gesamtgeschehnis aus, vermag er, gleichsam in einem Sprung, zu seiner endgültigen Figur zu kommen, welche alle Einzelzüge in sich aufhebt. Hat er alles getan, sich zu wundern üüber die Widersprüche in den verschiedenen Haltungen, wissend, dass er auch sein Publikum darüber zu wundern haben wird, so gibt ihm die Fabel in ihrer Gänze die Möglichkeit einer Zusammenfügung des Widersprüchlichen; denn die Fabel ergibt, als begrenztes Geschehnis, eine bestimmten Sinn, d.h. sie befriedigt von vielen möglichen Interessen nur bestimmte„ (Brecht, 1993, S. 91). Allerdings bin ich dann doch wieder zur methodischen Literatur der Sozialforschung zurückgekehrt, das Erzählen der ‚Fabel‘ entspricht nämlich auch in gewisser Weise dem „Identifizieren der Geschichte„ bei Strauss/Corbin (1996, S. 97). Bei mir ergab sich dabei eine Erzählung, die sich vor allem um die zentralen Kategorien ‚Gemeindebildung‘ und ‚Emanziparion‘ drehte.Google Scholar
  55. 100.
    Es handelt sich dabei um die Aktionen 1) zur Etablierung und Durchfüührung eines regelmäßigen Stadtteilfestes, 2) zur Etablierung und Durchfüührung eines regelmäßigen Fußballturniers unter Beteiligung von Mannschaften aus Wohnungslosentreffs, 3) zur BürgerInnenbeteiligung an der Gestaltung eines neu entstehenden Stadtteilparks, 4) zur BürgerInnenbeteiligung an der Umgestaltung eines Quartiersplatzes, 5) zur Errichtung eines Ballplatzes füür Kinder und Jugendliche im Gebiet.Google Scholar
  56. 101.
    Genaugenommen nicht aus dem eigentlichen Forschungstagebuch, sondern aus einer bereits bearbeiteten Form des Forschungstagebuchs. In einem ersten Schritt habe ich nämlich alle Ausführungen aus dem Forschungstagebuch aussortiert, die nicht direkt das Feld betreffen, sondern z.B. Beobachtungen in anderen Städten oder in anderen Chemnitzer Prozessen, wobei diese z.T. als eigene externe Subtagebücher zu bestimmten anderen Feldern abgelegt wurden. Dieses Vorgehen scheint jedoch in der Rückschau für den Interpretationsprozess kaum relevant gewesen zu sein.Google Scholar
  57. 102.
    Aus der Kategorie der ‚Emanzipation‘ wurden jene der ‚Gerechtigkeit‘, die sich insbesondere an der Frage einer ‚gerechten‘ Teilhabe am Willensbildungsprozess und der ‚gerechten‘ Verteilung von Folgen der Stadt- und Sozialplanung festmachte, zugespitzt in der Frage: „WER plant hier für WEN?„ (siehe 4.4.2.1).Google Scholar
  58. 103.
    Dies waren in meinem Fall jene, die sich um die Kategorie der ‚Gerechtigkeit‘ gruppierten, nicht aber jene, die sich um die Kategorie der ‚Gemeindebildung‘ gruppierten — diese fanden sich vielmehr mehr oder weniger ausgeprägt in allen der erkundeten Prozesse wieder.Google Scholar
  59. 104.
    Nämlich jene der ‚Politischen Kultur‘.Google Scholar
  60. 105.
    Vgl. hierzu auch Lüders (1995, S. 323ff.).Google Scholar
  61. 106.
    Zur Bedeutung der ‚Erzählung‘ in der Soziologie und insbesondere der Tradition der Feldforschung siehe auch Bude (1993).Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 2004

Authors and Affiliations

  • Jürgen Schmitt

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