Advertisement

Kommunikation als gegenständliche Tätigkeit

Zu einigen philosophischen Problemen der kulturhistorischen Psychologie
  • Arne Raeithel
  • Christian Dahme

Zusammenfassung

Die folgende Untersuchung ist gedacht als Beitrag zur Entwicklung der Tätigkeitstheorie, wie die auf Alexej N. Leontjew (1982) zurückgehende Version der kulturhistorischen Psychologie meist kurz benannt wird. Dieser Name wird jedoch ebenso für eine Richtung der materialistischen Philosophie benutzt (vgl. Iljenkow 1977, Michailow 1980, Lektorskij 1985), und auch in anderen Humanwissenschaften als der Psychologie gewinnt die eine oder andere Version der Tätigkeitstheorie mehr und mehr Beachtung (in der Pädagogik z.B. Dawydow 1977).

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literatur

  1. 6.
    Oft wird auf die erste Feuerbachthese verwiesen, in der es heißt: “Feuerbach will sinnliche–von den Gedankenobjekten wirklich unterschiedene Objekte: aber er faßt die menschliche Tätigkeit selbst nicht als gegenständliche Tätigkeit.” (MEW 3: 5). Weiter unten wird auf Keilers Kritik (1985) an dieser und ähnlichen Marx-Anknüpfungen noch näher einzugehen sein.Google Scholar
  2. 7.
    Vgl. Budilowa (1975) zur sowjetischen, Wertsch (1981) zur englischsprachigen und Maiers (1985) und Holodynski (1986) zur bundesdeutschen Diskussion. - Ich selbst habe versucht, die Kategorie “Tätigkeit” mit den recht ähnlichen Kategorien “Arbeit” und “Praxis” zu verbinden (Raeithel 1983), und dazu die im vorigen Absatz verwendeten Kategorien “subjektiver Zweck” (= Ziel), “objektives Resultat”, “Tätigkeit-als-Können” (subjektiver, organischer, regulativer Kern der Tätigkeit), “Gegenstand-als-Prozeß”, “gegenständliche Mittel” und “gesellschaftliche Form” genauer untersucht.Google Scholar
  3. 8.
    Vor allem A. A. Leontjew (1980, 1982 ), Lurija (1982), Keseling (1979) und Hildebrand-Nilshon (1980) sind hier zu nennen.Google Scholar
  4. 9.
    Der vorliegende Text basiert auf einem internen Diskussionspapier (Raeithel 1986 ), das während meiner Arbeit am Institut fir Humanwissenschaft in Arbeit und Ausbildung (TU Berlin) entstand. Die kritischen und zustimmenden Stellungnahmen zu jenem Text, die ich von meinen dortigen Kollegen: Jörn Munzert, Rainer Oesterreich, Marianne Resch, Martin Resch und Walter Volpert, sowie von Franz Breuer, Barbara Grüter, Sigrid Haselmann, Martin Hildebrand, Peter Keiler, Clemens Knobloch, Georg Rückriem und Falk Seeger erhalten habe, waren für die vorliegende Neufassung unentbehrlich.Google Scholar
  5. 10.
    Um nur ein Beispiel zu nennen: Popper diskutiert seine These, daß wir neben der materiellen Welt und der (personal) subjektiv erlebten phänomenalen Welt noch eine “dritte Welt” aus technischen und symbolischen Objekten unterscheiden müssen, mit ausdrücklichem Bezug auf den Materialismus - allerdings eingeschränkt auf den Physikalismus angelsächsischer Prägung (Popper and Eccles 1982: 8388). Er behauptet, daß radikale Physikalisten nur die Ausdrucks-und die Signalfunktion der Sprache erfassen können, und urteilt: “… die Folgen davon sind verheerend. Denn wenn die gesamte Sprache bloß für Ausdruck und Kommunikation gehalten wird, dann läßt man all das außeracht, was für die menschliche Sprache im großen Unterschied zur tierischen Sprache [sic] charakteristisch ist: Ihre Fähigkeit, wahre und falsche Aussagen zu machen und gültige und ungültige Argumente vorzubringen”Google Scholar
  6. 11.
    Erste Ansätze zu einer historischen Analyse der Kommunikation als Produktion des sozialen Zusammenhangs habe ich in zwei Aufsätzen vorgelegt (Raeithel 1985 und 1988). - Jürgen Habermas hat in seiner “Rekonstruktion des Historischen Materialismus” (1976) eine ähnliche Gewichtsverlagerung innerhalb des Marxismus vorgeschlagen, betrachtet jedoch weder dort, noch in seinem Hauptwerk (1981) die Kommunikation als materielle Produktion, sondern beläßt sie im “Überbau” (1976: 12) und rechnet sie zu einem ganz anderen Wirklichkeitsbereich: zur “Lebenswelt”, die er im antagonistischen Gegensatz zum ökonomisch bestimmten “System” konstruiert. Hans-Peter Krüger (1986) hat in einer Kritik an Habermas zugleich einige Elemente einer Theorie der “gesamtgesellschaftlichen Kommunikationsweise” vorgelegt und explizit tätigkeitstheoretisch begründet.Google Scholar
  7. 12.
    Vgl. hierzu in der marxistischen Philosophie die Beiträge von Peter Furth (besonders 1985).Google Scholar
  8. 13.
    Damit soll keineswegs gesagt sein, daß es eine leichte Aufgabe ist, eine marxistische Soziologie auf den heute nötigen Stand zu bringen. Welche immensen Schwierigkeiten hier zu überwinden sind, zeigt sich auch “bei der Konkurrenz” im vorläufigen Scheitern der Versuche, den Praxisbezug der Soziologie wirksam zu erhöhen - vgl. hierzu die Arbeit von Thomas Mies (1986).Google Scholar
  9. 14.
    Dies bedeutet natürlich eine radikale Neudefinition von “Basis”. Es ist nicht ganz leicht, einen klaren Beleg für die Zurechnung der Kommunikation zum Überbau zu finden. Jedoch werden in allen Lehrbüchern die “gesellschaftlichen Ideen” eindeutig zum Überbau gerechnet (s. z.B. Klaus and Buhr 1969: 1098 1), was bei der gleichzeitigen Einengung der Basis auf die “materiellen ökonomischen Verhältnisse” auch gar nicht anders möglich scheint. Nun ist es aber unstrittig, daß die Ideen nur in sprachlich-symbolischer Form als soziale Objekte produzierbar sind. Also ist ein impliziter Zwang vorhanden, auch das Sprechen mit in den Überbau zu nehmen, was eine unaufgelöste Spannung bei der Verwendung des Produktionsbegriffes auf das Sprechen und anderes Kommunizieren erzeugt. - Ich danke Niels-Jergen Skydsgaard (Kopenhagen) für die Ermutigung, die Revision der “Basis”-Kategorie öffentlich vorzuschlagen.Google Scholar
  10. 15.
    Dies ist vor allem das erklärte Anliegen der Kritischen Psychologie (s. Holzkamp 1983), aber auch aller anderen materialistischen Psychologen. Dennoch bleibt immer noch sehr viel zu tun (vgl. Raeithel and Bergold 1985 zur Situation in der Klinischen Psychologie). Auch die Handlungsregulationstheorie ist bisher noch kaum über ein personenzentriertes Modell hinausgekommen.Google Scholar
  11. 16.
    Ich bezeichne Leontjews Unterscheidung dreier Prozeßebenen hier ganz bewußt als Entdeckung und nicht als (Begriffs-) Erfindung. Ein deutlicher Hinweis auf die Berechtigung einer solchen Einordnung ist die unabhängige Auffindung dieser Unterscheidung durch andere Forscher: Harre, Clarke and DeCarlo (1985) unterscheiden “behavioral routines”, “conscious awareness” und “deep structure of mind/social orders”; ganz ähnlich Groeben (1986): “Verhalten”, “Handeln” und “Tun”, wobei letzteres zu nicht bewußten personal-inneren oder sozial-äußeren Resultaten führt. Jedesmal wird ein “oberer Kontext” von (sozial oder soziobiologisch bestimmten) Verlaufsformen des bewußten Handelns von diesem selbst und von einem “unteren Kontext” der körperlich-leiblichen Realisierung dieses Handelns unterschieden (Raeithel 1983: 84–94, vgl. auch Volpert 1986 ).Google Scholar
  12. 17.
    Die Operationen Leontjews sind keinesfalls identisch mit denen Piagets. Auch Habermas verwendet diesen Namen, mit Bezug auf Wittgenstein, radikal anders, wenn er etwa schreibt “Operationen berühren die Welt nicht” (1981: 147, Bd.l, im Original kursiv). Bei Leontjew realisieren Operationen gerade den Weltbezug.Google Scholar
  13. 18.
    Am ehesten ist dieser Aspekt des Motivs einer Tätigkeit vergleichbar mit dem Begriff des “Tatmotivs” aus der Kriminalistik: Auch dort geht es um die Auffindung eines bestimmten Resultats, das durch die kriminelle Tat erreicht wird; es genügt in der Regel nicht, einen inhaltlich ungerichteten Drang zu postulieren.Google Scholar
  14. 19.
    Hier ist wieder der allgemeine, philosophische Begriff der Tätigkeit gemeint, der psychologisch in die genannten Prozeßebenen differenziert werden muß. Die gelegentlich verwirrende Benennung einer Ebene des Prozesses und des gesamten Prozesses mit dem gleichen Namen “Tätigkeit” findet sich überall in den tätigkeitstheoretischen Texten, und wird deshalb auch hier nicht geändert.Google Scholar
  15. 20.
    Ahnlich auch George Herbert Mead (1968: 116 f), sowie alle phänomenologisch orientierten Philosophen. Winograd and Flores beziehen sich auf• Heidegger und bringen das folgende schöne Beispiel: “The hammer presents itself as a hammer only when there is some kind of breaking down or unreadiness-to-hand. Its `hammerness’ emerges if it breaks or slips from grasp or mars the wood, or if there is a nail to be driven and the hammer cannot be found…. As observers, we may talk about the hammer and reflect on its properties, but for the person engaged in the thrownness of unhampered hammering, it does not exist as an entity” ( 1987: 36 ).Google Scholar
  16. 21.
    Wenn “ideell” als ausschließender Gegensatz zu “materiell” verstanden würde, ergäbe sich eine mit Reformulierung [1] vergleichbare Bestimmung, und dagegen wären die gleichen Einwande zu richten. Die vorliegende Untersuchung wird jedoch ergeben, daß “ideell” nicht als “nicht materiell” bestimmt werden darf, und damit bleibt die Bestimmung akzeptabel, wenn auch an dieser Stelle noch ungenügend expliziert.Google Scholar
  17. 22.
    Ein vierter Unterschied besteht darin, daß Hildebrand immer auch die Möglichkeit eines inneren Dialogs und damit des Denkens berücksichtigt. Die damit mögliche Reflexion der eigenen regulativen Strukturen wird in der Handlungsregulationstheorie als ein Regulationsprozeß höherer Ebene betrachtet, und nur andeutungsweise mit Sprache in Verbindung gebracht.Google Scholar
  18. 23.
    Diese explizite Darstellung der gegenständlichen Effekte ist in der Handlungsregulaionstheorie nicht üblich (s. Anmerkung 21). Die entsprechende Abbildung 3 bei Oesterreich and Resch (1985: 277) enthält demgemäß nur die EH-Dreiecke und diese verbindende Wellenlinien. - Wie die optisch uninteressante Verdoppelung durch Spiegelung zeigt, ist im Falle vollständig gelungener und seiteneffektfreier Handlungsrealisierung die Darstellung der gegenständlichen Bedingungen redundant. Aber eben nur dann - siehe Abschnitt 4.Google Scholar
  19. 24.
    Wehner, Stadler and Mehl (1983), Wehner (1984).Google Scholar
  20. 25.
    Die Gegenstände der Arbeitstätigkeit werden in der Handlungsregulationstheorie nicht explizit abgebildet (wie bereits angemerkt), weil der Fokus der theoretischen Aufmerksamkeit auf den intra-personalen Prozessen der Handlungsregulation liegt. Die Gegenstände erscheinen in den Diagrammen und Texten nur implizit: Meist als angezieltes (“direktes”) Resultat, manchmal auch als Teil der “aktuellen Situation” im Licht des gegenwärtigen Oberziels, wenn Widrigkeiten aufgetreten sind. Der häufig auftretende Fall, daß sich einer Person ein Gegenstand dadurch aufdrängt, daß sie in Verfolgung eines ganz anderen Ziels auf ihn stößt (Lewins “Aufforderungscharakter” von Gegenständen, vgl. Offe and Offe 1981: 304), kann so auch nur als Wechsel des Oberziels dargestellt werden, wofür ein explizites, anschauliches Modell bisher nicht ausgearbeitet vorliegt (siehe jedoch die begrifflichen Vorarbeiten in Volpert 1984 und 1986). Oesterreich (1981: 43 ff) unterscheidet sorgfbltig zwischen der aktuellen und individuellen Repräsentation eines Handlungsfelds und dem von ihm definierten “objektiven Handlungsfeld” (s. folgende Anmerkung). Diese Unterscheidung wird gemacht, um verschiedene Grade des Könnens und der Regulation als objektiv-reale, d.h. also materielle Bedingungen des Planens unterscheiden zu können (vgl. 159 ff). Es wird damit eine objektive, vom individuellen Subjekt unabhängige, aber dennoch subjektrelative Grundlage des Planens, eine “unterste Ebene der Möglichkeiten” gewonnen. Die weitere Modellarbeit von Oesterreich erbringt wichtige Kriterien zur Bestimmung von höheren Ebenen der inneren, regulativen Prozesse, die sich über dem Handlungsfeld aufbauen lassen, wobei vollständig von allen konkret-gegenständlichen Bedingungen des Handlungsfelds abstrahiert wird. Diese Abstraktion ermöglicht gerade die allgemeine Anwendbarkeit auf Handlungen in den unterschiedlichsten Bereichen. Es ist jedoch nicht klar, wie die besonderen gegenständlichen Bedin-gungen sekundär wieder eingeführt werden können.Google Scholar
  21. 226.
    Das Handlungsfeld soll nicht von der aktuellen Einschätzung der Person, welche Möglichkeiten derzeit verfügbar sind, abhängen, sondern nur vom Vorrat an Operationen, der ihr potentiell zur Verfügung steht. Es wird also ein verallgemeinertes Subjekt mit jeweils bestimmtem Können unterstellt (Oesterreich 1981: 43–45).Google Scholar
  22. 27.
    Kommunikation und Sprache sind tatsächlich wesentliche Bedingungen der menschlichen Freiheit als Wahl zwischen Möglichkeiten, da Möglichkeiten in vollem Sinn nur als symbolisch-gegenständliche Antizipationen künftigen Handelns objektiv-real existieren. Nicht dies wird also kritisiert, sondern daß durch eine Vereinseitigung des Inhalts Arbeit zum Gegensatz der Freiheit herabgesetzt wird.Google Scholar
  23. 28.
    Falk Seeger verdanke ich das folgende schöne Zitat von George Herbert Mead, in dem eine genetische, ursprüngliche Identität von Sozialpartner and Gegenstand ausgedrückt wird: “The mechanism of human society is that of bodily selves who assist or hinder each other in their co-operative acts by the manipulation of physical things. In the earliest forms of society these physical things are treated as selves, that is, those social responses, which we can all detect in ourselves to inanimate things which aid or hinder us, are dominant among primitive peoples in the social organization that depends on the use of physical means. The primitive man keeps en rapport with implements and weapons by conversation in the form of magic rites and ceremonies. On the other hand, the bodily selves of members of the social group are as clearly implemental as the implements are social. Social beings are things as definitely as physical things are social” (Mead 1964: 349 ).Google Scholar
  24. 29.
    Dies zu sehen heißt auch, die körperliche Tätigkeit als den Kernprozeß des Subjekts anzuerkennen, und nicht etwa implizit das aktive Ich mit dem Subjekt zu verwechseln. Damit kann die Freudsche Entdeckung des Unbewußten tätigkeitstheoretisch rekonstruiert werden (Brandes 1986, Mies and Trappe 1986 ). Keilers Kritik, Leontjew ersetze das Subjekt durch die Tätigkeit, verfehlt diesen zentralen Punkt. Ich muß allerdings zugeben, daß bei Leontjew eine Tendenz besteht, das System der Tätigkeiten umstandlos mit dem Selbst gleich zu setzen, was auch heißt, daß er über keine differenzierte Theorie der Ichentwicklung verfügte. Hier ist noch Arbeit zu leisten. deGoogle Scholar
  25. 30.
    Dies ist durchaus nicht nur eine philosophische Spitzfindigkeit, sondern ist vor allem psychologisch grundlegend wichtig: Der dingliche Gegenstand wird am Ende des Werkzeugs und nicht etwa an der Hautgrenze gespürt (Hacker 1973: 291, Leontjew 1982: 62–65). Dies heißt, daß der Körper im genannten, erweiterten Sinn als subjektives Phänomen wirklich ist. - Winograd and Flores (1987) haben von Heidegger gelernt, daß das Werkzeug solange nicht für das Subjekt “vorhanden” ist, wie es selbstverständlich “zuhanden” (als Körperteil unbeachtet) bleibt.31 In Feuerbachs “Grundsätzen der Philosophie der Zukunft” findet sich in den §§ 3 bis 7 eine selten klare Darstellung des hier gemeinten Gegenstandsbegriffs (1985:101–105). In einer Einleitung zu von ihm ausgewählten Feuerbachtexten verweist Alfred Schmidt auch auf die Wirkung Feuerbachs auf die Phänomenologie und den Existentialismus (Schmidt 1985 a). Aus all dem folgt, daB Marx in den Pariser Manuskripten diesen Aspekt deshalb nicht eigens herausgearbeitet hat, weil er sich insofern zustimmend zu Feuerbach verhielt. Mir ist nicht recht klar, warum Peter Keiler (1985) dies nicht erwähnt.Google Scholar
  26. 31.
    Der Repräsentationsbegriff umfaßt… einmal kognitive Repräsentationen sensumotorischer Erfahrung und zum anderen individuelle Repräsentationen gesellschaftlicher Erfahrung. Das “Ideelle” im Zeichen ist insofern als Einheit individuell-kognitiver und gesellschaftlich-historischer Erfahrung zu fassen. Es steht nicht im Gegensatz zum “Materiellen”, sondern zum Praktisch-Sensumotorischen oder Sinnlich-Konkreten - trotz der sinnlich konkreten Eigenschaften des Zeichenträgers. Man kann das “Ideelle” als das aus dem gesellschaftlich-historischen Entwicklungsprozeß resultierende notwendige Ergebnis überindividueller sensumotorischer Koordination von auf ein gemeinsames Ziel hin kooperierenden Individuen bezeichnen. M.a.W.: Das “Ideelle” ist die überindividuelle Steuerungsinstanz fir Spezies mit individueller Aktivitätssteuerung aber überindividueller Organisation und Reproduktion dieser Aktivität durch Kooperation. (Hildebrand-Nilshon 1980: 319 f)Google Scholar
  27. 32.
    Ich kann dies so zuversichtlich behaupten, weil ich jenes Problem in langen Diskussionen gemeinsam mit Martin Hildebrand hin-und hergewälzt habe. Er hat meinen Beitrag zu seinem Buch (1980) an allen Stellen deutlich gemacht. In meinem gleichzeitig erschienenen Text zur handlungstheoretischen Begründung der Diagnostik verwende ich die gleiche Bedeutung von “ideell” (Raeithel 1980: 125 ff). Später, nach dem Kontakt mit den Arbeiten von Furth und anderer Autoren des “Hegel-Kolloquiums”, begann ich diesen mißverständlichen Terminus zu meiden (vgl. Raeithel 1983: 34). Erst nachdem ich durch Yrjö Engeströms Vermittlung Ewald Iljenkows Texte zum Problem des Ideellen (1977, 1977 a, vgl. auch Bakhurst 1988) gefunden hatte, faßte ich wieder Mut zur Ausarbeitung dieser Kategorie.Google Scholar
  28. 33.
    Diese Bestimmung schließt auch ein, daß Ideelles wesentlich gesellschaftlich bestimmt ist. Damit ist die Frage in Abschnitt 2, ob “Bewußtsein” auf personales Bewußtsein eingeschränkt werden darf, negativ beantwortet. Vgl. Iljenkow (1977, 1977 a), Bakhurst (1988).Google Scholar
  29. 34.
    Diese Formulierung ist schärfer als üblich, wenngleich sie nur eine wohlbekannte Relativierung des Gegensatzes von Materiellem und Ideellem ausdrückt: “… die Gegenüberstellung von Materie und Bewußtsein [ist] nur im Rahmen der Grundfrage der Philosophie nach dem Verhältnis von Materie und Bewußtsein absolut… Außerhalb dieses Bezugssystems erweisen sich Materie und Bewußtsein als in einem realen genetischen Zusammenhang stehend, da alle Formen und Arten des Bewußtseins an hochorganisierte Materieformen gebunden sind und durch sie hervorgebracht werden” (Klaus and Buhr 1969: 703). Auch bei Holzkamp findet sich eine Warnung vor der “gebräuchlichen Gegenüberstellung von `materiell’ und `ideell” (1983: 227).Google Scholar
  30. 35.
    Urzentrierung (“egozentrische” Reflexion) und Dezentrierung (Piaget, vgl. auch Habermas 1981: 106–113, Bd. 1) sind zwei gegensätzliche Modi der Reflexion, zu denen als dritter, vermittelnder Modus die Rezentrierung “in ein höheres Subjekt” (Raeithel 1983: 107 f, 162 f und 173–181) hinzugenommen werden kann. Diese Triade habe ich in Auseinandersetzung mit Hegels Triade von “setzender, äußerer und bestimmender Reflexion” gewonnen.Google Scholar
  31. 36.
    Leontjews “fünfte Quasidimension”, “das `semantische Feld’, das System der Bedeutungen” (1982 a: 8), Holzkamps “Denkformen” als “`innerer’ gesamtgesellschaftlicher Verweisungszusammenhang” (1983:315), Habermas’ “Lebenswelt” (1981), Poppers “zweite” und “dritte Welt” (Popper and Eccles 1982), Maturana und Varelas “konsensueller Bereich” (1986): alle diese Konzeptualisierungen scheinen mir die gleiche Wahrheit zu zeigen.Google Scholar
  32. 37.
    In Abb. 1 könnten also ohne Bedeutungsverlust überall die Markierungen A und P ausgetauscht werden. SH wäre dann der “Hörverstehensakt” (Henne and Rehbock 1979) des Partners. Hieraus folgt, daß der Abb. 1 bloß eine unvollständige Dezentrierung, keinesfalls eine Rezentrierung zugrundeliegt.Google Scholar
  33. 38.
    Die neuere kulturhistorische Psychologie wurde von ihm dagegen bisher vernachlässigt, wie er selbst sagt (Habermas 1986: 394).Google Scholar
  34. 39.
    Ich verwende hier die Terminologie der strukturalistischen Wissenschaftstheorie. Vgl. Jahnke 1978, wo ausgehend von den Arbeiten von Sneed und Stegmüller eine historische Auslegung dieses Ansatzes vorgeschlagen wird.Google Scholar
  35. 40.
    Diese Entscheidung ist älteren Datums: In meinem Versuch, “Grundbegriffe für eine praktische Psychologie” zu entwickeln, habe ich eine “systemhistorische Herangehensweise an die Entwicklung der Arbeitsmittel” (Raeithel 1983: 60–75, 83–101) vorgeschlagen und ansatzweise durchgeführt. Auch in jenem Text hatte ich schon das Problem der Reproduktion ins Zentrum der Untersuchung gestellt, allerdings noch recht abstrakt als Reproduktion von “Gemeinwesen”.Google Scholar
  36. 41.
    Die praktisch-pädagogischen Folgerungen aus der Aneignungsnotwendigkeit sind mit ihrer Konstatierung noch keineswegs festgelegt. Man kann sie milieutheoretisch mißverstehen und annehmen, daß die Fähigkeiten der Kinder rein von “außen”, von der älteren Generation geformt werden müssen. Man kann aber auch den Umstand, daß jede Aneignung nur eigeninitiativ realisiert werden kann, zum leitenden Gesichtspunkt machen und von dort aus den prinzipiell (re-) kreativen Charakter der Aneignung (und folglich auch des schulischen Lernens) betonen. Vgl. Budilowa (1975: 276–287) zur frühen sowjetischen Diskussion dieser gegensätzlichen Auffassungen, Holzkamp (1988) zur Position der Kritischen Psychologie in dieser Frage und Engeström (1987), wo eine ausgearbeitete Theorie der sozialen Lerntätigkeit (auch Erwachsener) zusammen mit einer Methodik der “entwickelnden Arbeitsforschung” vorgelegt wird.Google Scholar
  37. 42.
    Keiler nimmt das Bild der Fixierung von Fähigkeiten in Gegenständen für blanken Idealismus (1988: 126) und analysiert den Einfluß von Wilhelm Diltheys Historismus auf die sowjetische Psychologie.Google Scholar
  38. 43.
    Das heißt: Operationen sind in dieser Hinsicht vergleichbar mit den “autopoietischen Systemen” (Maturana and Varela 1982) der Neuen Biologie. Dies ist vor allem dann gut zu erkennen, wenn man Jakob von Uexkülls “Bedeutungslehre” (Uexkull 1983) als Brückentheorie zwischen der Neuen Biologie und Leontjew nutzt. Leontjew hat Uexküll zumindestens in seinen letzten Lebensjahren rezipiert (s. 1982 a: 16). Zur Aufnahme der Neuen Biologie in der Psychologie vgl. die neueren Arbeiten von Peter Kruse und Michael Stadler (1986).Google Scholar
  39. 44.
    In dieser Hinsicht muß man eine fehlerhafte Abwertung der Leiblichkeit in der Kritischen Psychologie konstatieren, hervorgerufen durch Unterschätzung des Ausmaßes, in dem die menschlichen Leiber in allen ihren Lebensäußerungen, inneren wie äußeren Bewegungen und Haltungen, gesellschaftlich produzierte Mittel verkörpern. Joscijka Abels hat gezeigt, daß unter anderem aus diesem Grund Holzkamp in seinem Buch zur “Sinnlichen Erkenntnis” eine unbeabsichtigte Verengung der Kategorie Sinnlichkeit unterlaufen ist (vgl. Abels 1986: 325–328). Holzkamp hat dies in der “Grundlegung” schon berücksichtigt (1983: 314), allerdings ohne daraus weitergehende Folgerungen auch für seine Analyse von Operationen zu ziehen (vgl. 1983: 307–313). - Abels greift auf das Werk von Maurice Merleau-Ponty zurück, vor allem auf dessen “Theorie des Leibes”. Leider kann ich wegen mangelnder eigener Kenntnis von Merleau-Pontys Texten nicht sagen, ob seine Bestimmung der leiblichen Prozesse wie bei Feuerbach vor allem kontemplativ, oder aber, wie beim frühen Marx, vor allem produktiv akzentuiert ist, oder ob sie, was zu vermuten ist, diese Polarität insgesamt erfaßt.Google Scholar
  40. 45.
    Hier ist auch auf die neueren Texte von Wolfgang Jantzen (programmatisch schon 1982) zur weiteren Aufklärung der physischen Basis gegenständlicher Tätigkeit hinzuweisen. Ich konnte sie bisher noch nicht durcharbeiten.Google Scholar
  41. 46.
    Einen sehr großen Schritt in diese Richtung hat Klaus Ottomeyer mit seiner Skizze einer “szenisch-materialistischen Psychologie” (1987) getan. Ich möchte das Studium dieses Buches, das ich auch selbst noch nicht abschliessen konnte, besonders klinischen Psychologen, aber auch allgemeiner allen Kollegen ans Herz legen.Google Scholar
  42. 47.
    Der Begriff der Stimme im hier verwendeten emphatischen Sinn stammt aus der Theorie des Romans von Michail Bachtin. Die erstaunlichen Parallelen von Bachtins Theorie und Wygotskis Ansatz, die auf gemeinsame Quellen zurückgeführt werden können, aber wohl nicht auf direktem Kontakt beider Forscher beruhen, hat James Wertsch (1985 c) herausgearbeitet.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1998

Authors and Affiliations

  • Arne Raeithel
  • Christian Dahme
    • 1
  1. 1.BielefeldDeutschland

Personalised recommendations