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Eine auf interessante Weise schmutzige Systemtheorie der Organisation

  • Christof Wehrsig

Zusammenfassung

Schon mit den ersten Antworten, die man im Redetext lesen kann, wird deutlich: Man hat es beim Sprecher mit einem Theoretiker, d.h. mit einem Exzentriker zu tun. Die Antworten auf die Frage: „Was Organisationen als Systeme sind?“, beginnen nicht mit einer Schilderung von Merkmalen des Gegenstandes, die ihm selbstverständlich angehören, sondern mit dem Warnhinweis: Organisationen sind unvorhersehbare Gebilde. Es sind nichttriviale Maschinen, die sich nicht festschreiben lassen, die für Überraschungen gut sind und denen gegenüber man sich mit Erstaunen wappnen sollte. Das ist ebenso eine Aussage zum Gegenstand wie zur nötigen intellektuellen Ausstattung seines Beobachters. Die Unwahrscheinlichkeit des Gegenstandes korrespondiert mit der Vorläufigkeit von getätigten Beschreibungen ihres Beobachters. Vorläufigkeit sollte man dabei in einem doppelten Sinne verstehen: Sie meint nicht nur die absehbare zeitliche Beschränkung der Triftigkeit einer Aussage, ein nicht kalkulierbares Verfallsdatum, sondern auch die Anforderung, dem beweglichen und veränderbaren Gegenstand voraus sein zu müssen, um die Chance zu haben, ihn treffen zu können. Und eben das erfordert die Einnahme einer exzentrischen Position.1

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Literatur

  1. 1.
    Man kann sich einen Tennisspieler vorstellen, der den Ball fixiert, um Augenblicke später neben dem Ball richtig platziert zu sein. Er ist ein Konstruktivist seiner Position, mit entsprechenden, zu beobachtenden Folgen.Google Scholar
  2. 2.
    Luhmann (1964b) nimmt in Anspruch, dass Organisationen nicht nur als Systeme beobachtet werden sollten, sondern dass sie Systeme sind, weil sie von ihren Mitgliedern als Systeme erlebt werden.Google Scholar
  3. 3.
    Diese Einsicht markiert einen Wendepunkt in der Theoriegenese des Organisationskonzeptes von Luhmann. Galt vorher das “Lob der Routine” (Luhmann 1964a), so ab jetzt “Die Knappheit der Zeit und die Vordringlichkeit des Befristeten” (Luhmann 1968b ).Google Scholar
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    Man denkt an Webers (1985) idealtypische Anforderung eines eingelebten Amtsethos des’Gehorchen-Wollens’.Google Scholar
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    Heisenberg hat sich beim Abwaschen verwundert gezeigt, wie man schmutziges Geschirr im schmutzigen Wasser mit schmutzigem Lappen sauber bekommt - ein Emergenzphänomen.Google Scholar
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    Man denke an die surrealistische Collagentechnik von Max Ernst, der versuchte, die Schnitte in das andersartige Material nicht sichtbar werden zu lassen, um die überraschende Verrücktheit zu steigern.Google Scholar
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    Zur Abkühlung der aufgebauten Distanz zu Luhmann setzen wir eine Formulierung von ihm nach, die als ein Vorspiel zu Baeckers Überlegungen gelesen werden kann ( 1981b: 339): “Die Markierung bestimmter Kulminationspunkt des Verhaltens als Entscheidung (CHRW(133)) symbolisiert den Bezug des Verhaltens auf Alternativen. Einige Vorentscheidungen und einige Möglichkeiten des Anschlußverhaltens werden mitperzipiert. Es deuten sich bei einer Stilisierung als Entscheidung komplexere Relationierungen an als in den weniger prominenten Sinnbezügen des Verhaltens. Das erfordert die Darstellung von Einheit in der Vielheit von Möglichkeiten und, um es krass zu formulieren, die Symbolisierung von Willkür - sei es eigener, sei es fremder. Faktisch sind solche Entscheidungspunkte jedoch nur aufgesetzte Lichter, die den unaufhörlich ablaufenden Prozeß der Verhaltensbestimmung nur teilweise beleuchten, die blenden und ablenken, die vieles im Dunkeln lassen und gerade durch die Blendung dem Einblick entziehen.”Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 2001

Authors and Affiliations

  • Christof Wehrsig

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