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Funktionale Ambivalenzen des Konflikts

  • Detlef Matthias Hug

Zusammenfassung

Um weitverbreitete simplifizierende Funktionsbeschreibungen des sozialen Konflikts überwinden zu können, steht hier die Beschreibung funktionaler Ambivalenzen des Konflikts anhand einiger ausgesuchter Aspekte im Vordergrund. Die nicht zufällige Dominanz allgemein eher positiv bewerteter Funktionen des Konflikts liefert ein zusätzliches Argument für den von Luhmann induzierten Perspektivenwechsel bei der Betrachtung sozialer Konflikte, die nicht einer schnellen Beendigung von Konflikten das Wort redet, sondern primär nach gesellschaftlichen Bedingungen und Möglichkeiten der Stimulation und Perpetuierung polemologischer Kommunikationssysteme (Konflikte) fragt.

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Literatur

  1. 190.
    Vgl. beispielsweise Coser (1972), der auf der Basis des ‘Streit’-Kapitels von Simmel nahezu ausschließlich positiv bewertete Funktionen und Folgen konfliktiv strukturierter Sozialrelationen erörtert.Google Scholar
  2. 191.
    Als elementare Interaktionen werden soziale Beziehungen bezeichnet, die auf der „simultanen körperlichen Anwesenheit mehrerer Personen am selben Ort beruhen“ (Geser 1990: 207; kursiv im Original). Ihre Grenze finden elementare Interaktionen in der wechselseitigen Wahrnehmbarkeit der beteiligten psychischen Systeme (vgl. Luhmann 1984: 560 ff.).Google Scholar
  3. 192.
    Besonders problematisch können Konflikte aus diesem Grund für Intimbeziehungen sein, da Intimbeziehungen in modernen Gesellschaften weitgehend einer konfliktregulierenden sozialen Kontrolle entzogen sind. Vgl. in diesem Zusammenhang Luhmann 1984: 513; ders. 1992c: 46.Google Scholar
  4. 193.
    Strukturelle Widersprüche gibt es nur für Beobachter eines Systems (eingeschlossen: Selbstbeobachtung des Systems), denn nur Beobachter können Unterscheidungen einführen und mit Hilfe von Unterscheidungen Widersprüche feststellen. Für Beobachter wird der Widerspruch als Ereignis des je eigenen Systems aktuell. Ohne solche Aktualisierung hat der Widerspruch in Sinnsystemen keine Realität, nämlich keine Bedeutung und erst recht keine alarmierende Funktion.“ (Luhmann 1984: 507) Hier liegt der Grund für die in Kap. 3.2 vorgenommene Trennung von Konflikt und potentiellem Konflikt.Google Scholar
  5. 194.
    Wie wir anhand unseres ‘umweltorientierten’ Konfliktmodells demonstriert haben, bedeutet das in keiner Weise, daß das soziale System absolut souverän über die Aktualisierung von Konflikten entscheidet (vgl. Kap. 5.4). So kann es die Ablehnung als kommunikatives Ereignis nicht vollends verhindern. Das soziale System kann aber mit Hilfe einer massiven Konfliktrepression Aktualisierungen von Negationen höchst unwahrscheinlich machen. Dennoch in Erscheinung tretenden Negationen kann das System darüber hinaus mit kontrafaktischer Stabilisierung der negierten Erwartung begegnen, so daß die Negation gegebenenfalls ohne weitreichende (soziale) Effekte bleibt.Google Scholar
  6. 195.
    Wobei wir hier nicht den vielen konflikttheoretischen Ansätzen (etwa: Marx, Dahrendorf) folgen, die objektive Konfliktursächlichkeiten (asymmetrische Teilhabe-Verhältnisse an Produktionsmitteln bzw. Machtbefugnissen) behaupten (vgl. Dahrendorf 1972: 13; Biedenkopf 1975: 36; Fleischer 1992: 94). Wir verstehen vielmehr die Auszeichnung bestimmter Gegebenheiten als konfliktursächliche Faktoren als kontingenten sozialen (Kommunikations-)Prozeß, der sowohl kooperativ als auch — und das dürfte wahrscheinlicher sein — konfliktionär strukturiert sein kann.Google Scholar
  7. 196.
    Das gilt auch für ‘unbeteiligte Beteiligte’ (Dritte) (vgl. Kap. 7.2).Google Scholar
  8. 197.
    Vgl. zur systemtheoretischen Reformulierung von Angst Baecker 1992: 239 ff.Google Scholar
  9. 198.
    Werte werden funktional als Präferenzen angesehen, deren Geltung man in der Kommunikation als selbstverständlich voraussetzt. Der unterstellten Selbstverständlichkeit entspricht, daß Werte in Kommunikationen unauffällig mitkommuniziert werden (vgl. Luhmann 1987d: 168 f.).Google Scholar
  10. 199.
    Konflikte stellen das Medium dar, über das noch am wahrscheinlichsten die gesellschaftliche Artikulation der Kultur zu erwarten ist: Kultur ist im gesellschaftlichen Normalbetrieb eine latente Hintergrundgröße, die den Betroffenen ganz und gar selbstverständlich geworden ist und nur dann zum Vorschein kommt, wenn sie in ihrem Geltungsbereich strittig wird (vgl. Neidhardt 1986: 17). Das macht Konflikte (besonders in elementaren Interaktionen) zum bevorzugten Untersuchungsobjekt der Ethnomethodologie, die die bei den Wiederherstellungsversuchen von Konsens sichtbar werdenden Basisregeln sozialen Handelns zu identifizieren versucht.Google Scholar
  11. 200.
    Das ist das zentrale Motiv des deutschen Idealismus (Fichte, Schelling und Hegel), der in der dialektischen Bewegung des Denkens die Bedingung der Möglichkeit der geistigen und sozialen Weiterentwicklung sieht.Google Scholar
  12. 201.
    Tabus können als Thematisierungsschranken im gesellschaftlichen Kommunikationsprozeß verstanden werden, die teilweise rechtlich stabilisiert sind. So wird etwa die Leugnung des nationalsozialistischen Massenmordes an der jüdischen Bevölkerung in Deutschland strafrechtlich verfolgt (§130: Volksverhetzung). Durch Tabuisierung werden aktuell geltende spezifische Kommunikationsstrukturen (Themen und verbindlich daran gekoppelte Aussagen) möglichen Negationen durch ein (rechtlich und/oder moralisch gestütztes) Thematisierungsverbot entzogen (Konfliktrejektion) und dadurch konserviert. Vgl. auch zum Tabu und zu tabuisierten Themen der Kommunikation Kiss 1986: 107 f.; Luhmann 1987d: 169; Willke 1989: 49; Czerwick 1990: 188; Ronneberger/Rühl 1992: 132 f.; Marcinkowski 1993a: 76.Google Scholar
  13. 202.
    Allgemein geht es um die soziale Absicherung eigener Meinungen und Positionen: „Will man die Akzeptanz seiner Urteile überprüfen und ist man gegebenenfalls zu Kurskorrekturen bereit, sollte man keinen Streit vermeiden.“ (Westerbarkey 1993b: 235)Google Scholar
  14. 203.
    Hier dürfte auch die Funktion von Skandalen anzusiedeln sein: „Skandale sind Öffentlich ausgetragene Konflikte um die Geltung sozialer Normen, verursacht durch die Enthüllung von Verfehlungen oder Normverletzungen von allgemeinem Interesse.“ (Neckel 1990: 5; kursiv im Original)Google Scholar
  15. 204.
    Ganz offensichtlich gilt das z.B. für die Ausdifferenzierung eines kapitalistischen Wirtschaftssystems: Nur wenn der Kapitalist in der Lage ist, Abgabezumutungen zu negieren, kann er Kapital bilden (vgl. Kap. 4. 1. 2 ).Google Scholar
  16. 205.
    Denn schließlich führte ein Des-Interesse an der Reproduktion der Kommunikation im Normalfall zum Abbruch der Sozialbeziehung durch die Wahl der exit-Option innerhalb der exit/stay-Bifurkation.Google Scholar
  17. 206.
    Das schließt natürlich den Abbruch der Beziehung im oder nach einem Konflikt nicht aus, denn jeder positiv oder negativ gefaßte Selektionsvorschlag eröffnet immer wieder erneut die exit/stay-Bifurkation.Google Scholar
  18. 207.
    Entsprechend sehen Dohrmann und Vowe in konfliktorientierten Informationssendungen wie zum Beispiel „Pro und Contra“ eine Lösung, um Zuschauern komplexe Sachverhalte näher zu bringen (vgl. Dohrmann/Vowe 1982: 645).Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1997

Authors and Affiliations

  • Detlef Matthias Hug

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