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Der Konflikt in Luhmanns Systemtheorie

  • Detlef Matthias Hug
Chapter

Zusammenfassung

Eine detaillierte Analyse der Theorie sozialer Systeme soll die heuristischen Potentiale und Blockaden der Luhmannschen Theorie für die Analyse sozialer Konflikte veranschaulichen. Das setzt eine Auseinandersetzung mit den sich wechselseitig bedingenden Theoriekomponenten Kommunikationstheorie, Medientheorie und System/Umwelt-Theorie voraus (vgl. Kap. 4). Die wesentlichen Grundzüge der Luhmannschen Kommunikationstheorie stehen zum Teil in deutlichem Kontrast zu etablierten Kommunikationsmodellen (vgl. Kap. 4.1). Kommunikation emergiert durch die erfolgreiche Synthese der drei Selektionen Information, Mitteilung und Verstehen. Luhmann argumentiert einen ateleologischen Kommunikationsbegriff, der indifferent gegenüber Kooperation und Konflikt ist und so vor theoretischen Vereinseitigungen bewahrt bleibt (vgl. Kap. 4.1.1). Ausgangspunkt seiner Medientheorie ist die Unwahrscheinlichkeit von Kommunikation. Medien transformieren diese Unwahrscheinlichkeiten in Wahrscheinlichkeiten. Das Medium Sprache und die technischen Verbreitungsmedien haben in der Regel konfliktkatalysierende Effekte. Im Zusammenhang mit den symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien bilden sich spezifische Konfliktregulierungen heraus (vgl. Kap. 4.1.2). Sozialsysteme stabilisieren an sich unwahrscheinliche Kommunikationsmuster und haben aus diesem Grund eine konservative Tendenz. Um sich dennoch gegenüber einer turbulenten Umwelt eine gewisse ‚Anpassungsfähigkeit‘ erhalten zu können, bedarf es ‚kontrollierter‘ Variabilität: Sie wird vorzugsweise durch Zulassung von Konflikten erreicht, die den Routinevollzug der Reproduktion sozialer Systeme unterbrechen und so zu strukturellem Wandel führen können. Gegenüber vereinfachenden Vorstellungen über den Zusammenhang von Konflikt und sozialem Wandel zeigt sich aber, daß Konflikte nicht zwangsläufig zu sozialem Wandel führen und sozialer Wandel auch ohne Konflikte denkbar ist (vgl. Kap. 4.2). Neben den heuristischen Potentialen des Luhmannschen Konfliktmodells offenbaren sich bei dessen Analyse aber auch spezifische Unzulänglichkeiten. Sie haben ihre Ursache primär in Luhmanns Verzicht einer systematischen Berücksichtigung der psychischen Umwelt innerhalb seiner Theorie sozialer Systeme (vgl. Kap. 4.3).

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Literatur

  1. 104.
    „Sie [Bewußtseinssysteme; D.H.] können es nicht, wenn unter Kommunikation operativer Direktkontakt verstanden wird, die Berührung der Geister, ein fluidales oder aureatisches ‘Rüberbringen’ und tiefes (Schädelgrenzen sprengendes) Verstehen […].“ (Fuchs 1993: 16)Google Scholar
  2. 105.
    Vgl. die entsprechenden Hinweise bei Loenhoff 1992: 37; Schmidt 1994: 605 f.; Lohmann 1987: 180.Google Scholar
  3. 106.
    So heißt es bei Juchem (1989: 27): „Sprachliche Kommunikation muß deswegen elliptisch (d.h. fragmentarisch oder unvollständig) bleiben, weil der Sprecher in Hinsicht auf den jeweiligen Kommunikationspartner und dessen Verstehenskonstruktion nie in der Lage ist, die Grundlage der Verstehensmöglichkeit als Anweisung an den Hörer in exakter Genauigkeit mitzuteilen. Mit anderen Worten: Vollständigkeit der, zum exakten, genauen Nachvollzug des in sprachlichen Formulierungen Gemeinten, notwendigen Voraussetzungen ist nicht erreichbar, und dies auch dann nicht, wenn diese noch so umfangreich sind und der Hörer die größtmögliche Anstrengung unternimmt.“Google Scholar
  4. 107.
    Generell gilt, daß wirksame Einflüsse der Umwelt auf autopoietische Systeme von diesen als systeminterne Störungen wahrgenommen und entsprechend systemimmanenter Gesetze verarbeitet werden (vgl. Giegel 1987: 224; Fischer 1993a. 77).Google Scholar
  5. 110.
    Insofern weist die systemtheoretische Kommunikationstheorie Parallelen zur Ethnomethodologie auf (vgl. Hausendorf 1992: 85). In ähnlicher Weise sind viele Untersuchungen zur interkulturellen Kommunikation angelegt: Anhand von ‘Kommunikationszusammenbrüchen’ (z. B. Abbrüche von Kommunikationsprozessen aufgrund unüberwindbarer Verständnisprobleme) werden die Regelmäßigkeiten gelingender Kommunikation freizulegen versucht: „Auf der Negativfolie der mißlingenden Kommunikation lassen sich nun die Umrisse des typischen und routinemäßig funktionierenden kommunikativen Handelns abzeichnen.“ (Knoblauch 1991: 453) Vgl. dazu auch Hinnenkamp 1992: 125.Google Scholar
  6. 111.
    Künzler (1989: 72 f.) kommt bei seiner Analyse medientheoretischer Aspekte der Luhmannschen Systemtheorie zu dem Ergebnis, daß Luhmann — nicht zuletzt aufgrund des zweifachen Paradigmenwechsels der Systemtheorie — bisher keine einheitliche Medientheorie entwickelt habe. Luhmann selbst vermeidet es, seine diversen Ausführungen zu den Kommunikationsmedien unter dem Begriff ‘Medientheorie’ zu integrieren (vgl. auch Luhmann 1987b). Wir verstehen unter ’Luhmanns Medientheorie’ lediglich eine Sammelbezeichnung für die medientheoretischen Aspekte seiner Theorie sozialer Systeme.Google Scholar
  7. 113.
    Vgl. zur kommunikativen Selektivitätsverstärkung durch Sprache auch Lohmann 1987: 180; Luhmann 1987c: 175; Knoblauch 1991: 453; Westerbarkey 1991: 133; Kim 1992a: 16.Google Scholar
  8. 114.
    Sprache hat im Zuge ihrer Entwicklung Formen entwickelt, die zugleich das psychische System reizen und Kommunikation transportieren. „Es ist vermutlich nur eine geringe Übertreibung, wenn man sagt, daß im Laufe der Evolution Bewußtseinssysteme und Sozialsysteme, die sinnhaft operieren, erst durch Sprache entstehen, das heißt durch einen Mechanismus der Entkopplung und der strukturellen Wiederkopplung zweier Arten von Autopoiesis.“ (Luhmann 1990d: 219) Vgl. in bezug auf Sprache als primärem Koppelungsmechanismus von Bewußtsein und Kommunikation auch Kneer/Nassehi 1991: 351; Hausendorf 1992: 103; Luhmann 1992a: 47 ff.Google Scholar
  9. 115.
    Vgl. zum Ausschluß andersartiger Funktionen durch funktionale Spezifikation Luhmann 1989: 21.Google Scholar
  10. 116.
    Allgemein gilt: Um zielorientierte Kommunikationsprozesse zu generieren und zu stabilisieren, sind zusätzliche Konditionierungen sprachlicher Kommunikation erforderlich (vgl. unsere Darstellung der symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien weiter unten). „[..] Sprache allein genügt nicht. Sprache ist ein Fluß, der vieles trägt: Wahrheit oder Lüge; Information oder Märchen; Wissenschaft oder Dichtung… alles läßt sich in Worte fassen und der Sprache anvertrauen. Wer sich nur auf Worte, auf Sprache verläßt, riskiert Enttäuschungen.“ (Jensen 1984: 153; kursiv im Original)Google Scholar
  11. 117.
    Vgl. entsprechende Hinweise bei Glas! 1980: 254; Luhmann 1987b: 468; ders. 1991j: 199; Marcinkowski 1993a: 42 f.Google Scholar
  12. 118.
    Das gilt ausdrücklich auch für die wissenschaftliche Textproduktion (vorliegender Text selbstverständlich eingeschlossen): „Die Darstellung (im Unterschied zur Herstellung) bemüht sich vor allem um Sicherheit der Resultate, was punktuell konzedierte Unsicherheit einschließt, ja oft ratsam erscheinen läßt; ferner um Antezipation [sic!] von Kritik und Glätten ihrer Angriffspunkte […];und nicht zuletzt: um Überzeichnung von Kohärenz.“ (Luhmann 1992a: 433–434)Google Scholar
  13. 119.
    Dabei sieht Luhmann (1991g: 173) in der Erfindung der Schrift den historischen Ausgangspunkt für die Differenzierung und Spezifikation symbolisch generalisierter Kornmunikationsmedien.Google Scholar
  14. 120.
    Vgl. dazu Kienpointer 1983: 142; Bergsdorf 1987: 276; Schlosser 1987: 107; Oberreuter 1990: 97; Wassermann 1990: 295.Google Scholar
  15. 122.
    Die Gleichwahrscheinlichkeit von Annahme oder Ablehnung einer Kommunikationsof- ferte kann auch als ‘soziale Entropie’ bezeichnet werden (vgl. Luhmann 1991g: 176).Google Scholar
  16. 123.
    Bezieht man die Zeitdimension ein, dann läßt sich der zeitintensive Aufbau komplexer Systeme durch Umformung und Erweiterung der Chancen für aussichtsreiche Kommunikation auch als Systemgeschichte beschreiben (vgl. Gunz 1990: 399). Ihre Funktion erhält die Systemgeschichte dadurch, daß Vergangenes unwiderruflich — reduzierte Komplexität — ist. Sie bietet deshalb eine stabile Grundlage, die in weiteren ‘höherstufigen’ Reproduktionsprozessen vorausgesetzt werden kann: „[…] Vergangenes [wird] im Entscheidungsprozeß als Entwurfsgrundlage benutzt, aber nicht als legitimierendes Symbol. Geschichte verpflichtet nicht mehr als bindende Tradition, die beweist, was gut und richtig ist. Sie wird nur noch in ihrer spezifischen Funktion als reduzierte Komplexität, als Eliminierung anderer Möglichkeiten herangezogen, weil die Rechenkapazitäten nicht ausreichen, um bessere Zustände ab ovo durchzukalkulieren.“ (Luhmann 1991L: 168)Google Scholar
  17. 124.
    Das wird in der Literatur mehrheitlich so gesehen. Vgl. dazu Vowe 1984: 111; Frallesdal/ Waaloe/Elster 1988: 27; Luhmann 1989: 161; ders. 1991k: 85; ders. 1991L: 167; ders. 1993b: 12; Metzner 1993: 161; Weyer 1993: 5. Darin sind soziale Systeme durchaus vergleichbar mit psychischen Systemen, die beispielsweise — wie Leon Festinger in seiner Theorie der kognitiven Dissonanz formulierte — kognitive Dissonanzen zu vermeiden bzw. zu verringern versuchen (vgl. Westerbarkey 1991: 214). In der amerikanischen Organisations-und Managementtheorie ist für die Aversion besonders älterer Menschen gegenüber Veränderungen jüngst ein neues Wort geprägt worden: ‘resistance to change’-factor (kurz: RC-Factor) (vgl. Flöther 1994: V2/4).Google Scholar
  18. 125.
    Und gerade weil die Zulassung von Instabilitäten dem ‘normalen’ Systemverhalten entgegenläuft, ist hierin eine sehr voraussetzungsvolle Systemleistung zu sehen: „Daß die Erzeugung von tragbarer Unbestimmtheit in sozialen Systemen eine Leistung (und nicht etwa ein Mißgeschick) ist, wird [..] außerhalb der Kybernetik noch kaum gesehen.“ (Luhmann 1991L: 160) Vgl. auch Luhmann 1989: 25.Google Scholar
  19. 126.
    Mit Instabilität wird die Unsicherheit des Anschlußwertes von Ereignissen bezeichnet (vgl. Luhmann 1984: 502; ders. 1981a: 95).Google Scholar
  20. 131.
    Luhmann differenziert zwischen einem umweltbezogenen Anpassungsbegriff, der Strukturänderungen im Hinblick auf die System/Umwelt-Differenz interpretiert, und dem Begriff der Selbstanpassung,der auf der Unterscheidung von Element und Relation basiert. Selbstanpassungen werden aufgrund systeminterner Komplexität und der daraus resultierenden Relationierungsprobleme von Elementen notwendig (z.B. in bürokratischen Organisationen oder bei komplexen Fertigungsstraßen industrieller Produkte) (vgl. Luhmann 1984: 479). Wir gehen hier jedoch davon aus, daß auch systeminterne Anpassungsprozesse letztlich auf das System/Umwelt-Verhältnis zurückzuführen sind. Schließlich kann die Steigerung systeminterner Komplexität kein Selbstzweck sein (auch wenn sie ‘selbst’-induziert sein mag), sondern sie ist als eine Reaktion auf die komplexe Systemumwelt zu verstehen. Selbstanpassung ist dann nichts anderes, als der ins Innere eines Systems ’verschobene’ Versuch des Systems, das System/UmweltProblem durch tentative Selbständerungen zu lösen: „Mit steigender Eigenkomplexität sind Systeme mehr und mehr in der Lage, eigene Probleme zu bilden. Das Problem der Weltkomplexität kann dadurch in Systemprobleme übersetzt und so in eine Form gebracht werden, die nur noch systemrelativ gilt, dafür aber selektive Informationsverarbeitung anleiten kann. Es wird sozusagen auf das System bezogen, von außen nach innen verschoben und dadurch konkretisiert.“ (Luhmann 1991c: 117)Google Scholar
  21. 132.
    Werden Ordnung und Konflikt demgegenüber als Gegensatz interpretiert, kommt man nicht umhin, Ordnung nur als Abwesenheit von Konflikt begreifen zu können — mit der Folge, daß das berechtigte Interesse an einem Minimum an Ordnung zwangsläufig eine unglückliche Allianz mit weitgehenden Forderungen nach konfliktrepressiven Mechanismen eingeht. So bei Wuthe/Junker 1975: 148.Google Scholar
  22. 134.
    Totalverweigerung der Gesellschaft ist aus diesem Grunde nicht möglich; jedenfalls ließe sie sich nicht kommunizieren (vgl. Breuer 1987: 104). Auch Aussteiger können am Ende nur umsteigen. Vgl. zum unauflöslichen Zusammenhang von Ordnung und Konflikt auch Knoblauch 1991: 456; Giesen 1993: 98.Google Scholar
  23. 135.
    Aus funktionalistischer Perspektive wird abweichendes Verhalten folglich als gesellschaftlich notwendig zur Normerhaltung und Normdurchsetzung betrachtet (ätiologisches Paradigma) (vgl. Lamnek 1993: 241). Vgl. auch Luhmann 1984: 501 f.Google Scholar
  24. 136.
    So ist nach Fritscher (1989: 87) die weit verbreitete Klage der Pejoration des Konflikts durch und innerhalb der Systemtheorie inzwischen gegenstandslos geworden und dient allenfalls noch propagandistischen Zwecken.Google Scholar
  25. 137.
    So heißt es bei Wasmuht programmatisch: „Wozu und zu welchem Ende untersuchen wir Konflikte? Die primäre Motivation sollte m.E. das Bestreben sein, Lösungsvorschläge unter Vermeidung von direkter und struktureller Gewalt gegenüber einer oder mehreren der konfligierenden Parteien unterbreiten zu können.“ (Wasmuht 1992b: 19; fett im Original) Fulda etwa sieht konfliktlösendes Verhalten bereits in der Logik des Konfliktbegriffs angelegt: „[Z]ur Logik des Begriffs ‘Konflikt’ [gehört], daß im Verhalten zum Konflikt dem Versuch seiner Bewältigung die erste Priorität zukommt […].”(Fulda 1990: 118) Paradigmatisch für die Problemstellung kommunikationswissenschaftlich orientierter Arbeiten ist Bilzer (1978: 8): „Die Funktion von Information (bzw. fehlender Information) auf das Konflikthandeln von Akteuren auszumachen, sowie die kommunikativen Voraussetzungen einer Konfliktbewältigung zu bestimmen, ist das Ziel dieser Arbeit.“Google Scholar
  26. 140.
    Dabei wird es eine offene Frage bleiben müssen, ob es eher dem Zufall oder der Eitelkeit des Wissenschaftlers Luhmann zuzurechnen ist, daß er ausgerechnet im Zusammenhang wissenschaftlicher Kommunikationsprozesse auf den besonderen, kreativen Einfluß psychischer Systeme aufmerksam macht (vgl. Luhmann 1992a: bes. 11–67).Google Scholar
  27. 141.
    Vgl. ähnliche Äußerungen bei Luhmann 1984: 498; ders. 1987c: 175; ders. 1990a: 103; ders. 1993c: 439.Google Scholar
  28. 143.
    „Es könnte sein, daß normative Regulative (Recht) und Knappheitsregulative (Wirtschaft) nicht mehr ausreichen, um die soziale Relevanz der Zukunft zu institutionalisieren oder doch in eine Form zu bringen, deren Restprobleme dann als politische Probleme abgearbeitet werden können. Es könnte sein, daß die symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien der rechtlich durchstrukturierten politischen Macht und des eigentumsbasierten Geldes am Problem des Risikos Grenzen finden, ohne daß man sähe, ob und wie ein risikobezogenes Kommunikationsmedium entwickelt werden könnte.“ (Luhmann 1990e: 138)Google Scholar
  29. 144.
    Der Widerspruchsbegriff gilt auch bei der Mehrzahl der kritischen Rezipienten als unproblematisch, wird doch innerhalb der Theorie sozialer Systeme „der Widerspruchsbegriff in einer Weise ‘semantisiert’ und versprachlicht, daß ’Lebensweltler’ hieran ihre helle Freude haben müßten“ (Berger 1987: 140).Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1997

Authors and Affiliations

  • Detlef Matthias Hug

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