Advertisement

Theorie, Terminologie und Typologie von Konflikten

  • Detlef Matthias Hug

Zusammenfassung

Bis heute scheint das Schisma zwischen Konflikttheorie und Ordnungstheorie — glaubt man deren Repräsentanten — unüberwindbar zu sein. Konfliktanalysen begnügen sich allenthalben mit der Konstatierung dieser unbefriedigenden Situation, bevor sie zur Analyse konkreter Konflikte schreiten (vgl. Kap. 3). Demgegenüber kann die Theorie seibstreferentieller, autopoietischer Systeme eine strukturelle Präferenz für Kooperation (Ordnung/Stabilität) oder Konflikt (Wandel/Dynamik) vermeiden. An Hand der Darstellung ihrer zentralen Prämissen wird die Integrationsfähigkeit dieser Theorie mit einer Anfangsplausibilität versehen (vgl. Kap. 3.1). Schließlich wird auf der Grundlage des Luhmannschen Kommunikationsmodells eine geeignete Konfliktdefinition etabliert und eine Konflikttypologie entworfen, die eine detaillierte Analyse der Struktur von Konflikten erlaubt (vgl. Kap. 3.2).

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literatur

  1. 72.
    Als ‘klassischer’ Vertreter einer Theorie der Ordnung ist Emile Durkheim (1858–1917) zu nennen, der — in Zurückweisung utilitaristischer Positionen — die Notwendigkeit eines kulturellen Konsenses, einer normativen Ordnung der Gesellschaft betont (vgl. Willke 1989: 85 f.; Miller 1992: 41). Als die bedeutendste und folgenreichste Theorie des sozialen Wandels gilt der historische Materialismus (Karl Marx, 1818–1883), der die gesellschaftliche Dynamik im Widerspruch von Kapital und Arbeit begründet sieht (vgl. Dahrendorf 1972: 12 ).Google Scholar
  2. 73.
    Entsprechend argumentiert Israel (1977: 46) und in jüngerer Zeit Miller (1992: bes. 42).Google Scholar
  3. 74.
    Beispielsweise ordnet Weede (1984: 18) seine konflikttheoretische Arbeit auf der Grundlage individueller Kosten-Nutzen-Kalkulationen (Wert-Erwartungs-oder Nutzentheorie) selbst nur als „konflikttheoretische[.] Erklärungsskizze“ ein, und Bühls (1984: 643) katastrophentheoretische Darstellung sozialer Konflikte verzichtet von vornherein auf einen theoretischen Anspruch.Google Scholar
  4. 75.
    So der von Wasmuht (1992a) herausgegebene Sammelband mit Analysen fünf aktuellerinnenpolitischer Konflikte der Bundesrepublik.Google Scholar
  5. 76.
    Vgl. Kap. 3.2.Google Scholar
  6. 77.
    Das Kapitel „Widerspruch und Konflikt“ nimmt nach dem Kapitel „Struktur und Zeit” in nerhalb seines Hauptwerkes „Soziale Systeme“ den größten Raum ein (vgl. Luhmann 1984). In Luhmanns — erst jüngst veröffentlichter — Abhandlung über das Recht als funktional ausdifferenziertem Teilsystem der Gesellschaft wird dem Konflikt aber keine so große Aufmerksamkeit mehr zuteil (vgl Luhmann 1993a).Google Scholar
  7. 78.
    So fehlen auch in den Abhandlungen neuerer soziologischer und politologischer Nach schlagewerke über soziale Konflikte (Literatur-)Hinweise auf Luhmanns konflikttheoretische Abhandlungen (vgl. beispielsweise Behrmann 1986: 259; Lenk 1991: 292–293; Lankenau 1992: 159). Ebenso verzichten diverse konflikttheoretische Arbeiten vollständig auf eine Auseinandersetzung mit Luhmanns systemtheoretischer Rekonstruktion sozialer Konflikte (vgl. etwa Weede 1984; ders. 1986; Nollert 1992; Mehlich 1994). Andere vereinzelte konflikttheoretische Arbeiten, die Luhmanns konfliktbezogene Darstellungen mitberücksichtigen, begnügen sich dabei mit einer eher oberflächlichen Betrach tung: Nur so läßt sich erklären, daß etwa Huber (1990: bes. 53–65) im Zusammenhang mit Luhmanns Konfliktanalyse Konflikte mit gestörter Kommunikation gleichsetzt — um in ‘gelingender Kommunikation’ zugleich eine Form der Konfliktlösung zu sehen — (vgl. Huber 1990: 54), obwohl für Luhmann eine gelungene Kommunikation Voraussetzung sowohl für Ko peration als auch für Konflikt ist (vgl. Kap. 3.2). Auch in konfliktanalytischen Arbeiten sucht man Hinweise auf Luhmann vergeblich (vgl. Wasmuht 1992a; Kepplinger et al. 1989).Google Scholar
  8. 79.
    Darin kommt nicht zuletzt auch zum Ausdruck, daß Luhmann den Konflikttheorien allen falls einen untergeordneten Stellenwert einräumt: Denn den Anspruch der Marxschen und Dahrendorfschen Konflikttheorie, als Universaltheorie die Dynamik und Stabilität der Gesellschaft insgesamt beschreiben zu können, sieht er schließlich als gescheitert an: „Weder Tauschtheorie noch Konflikttheorie haben jedoch als Universaltheorien im gleichen Maße überzeugen können wie Kommunikationstheorien.“ (Luhmann 1984: 206)Google Scholar
  9. 80.
    Sowohl Simmels Untersuchung des Sozialen mit dem Konzept der Wechselwirkung als auch Meads Konzept der Interaktion sollten das aufschließen, was zwischen den Subjekten abläuft; sie sollten diese Theorien gerade von einer rein individualisierenden Begrifflichkeit freihalten.“ (Haferkamp 1987: 62; kursiv im Original)Google Scholar
  10. 81.
    Er setzt damit die Idee des Begründers der ‘Allgemeinen Systemtheorie’ Ludwig von Bertalanffy um, der mit seiner Arbeit einen transdisziplinären analytischen Bezugsrahmen zu entwickeln versuchte.Google Scholar
  11. 82.
    Vgl. die umfassende und differenzierte Rekonstruktion der theoretischen Arbeit Parsons’ bei Habermas 1982b: 297ff. Die eigentümliche Spannung zwischen System-und Handlungstheorie in Parsons’ Theoriearchitektur bildet schließlich die Grundlage des dualen Gesellschaftskonzeptes bei Habermas: „Ich gehe also davon aus, daß das Konstruktionsproblem, wie System-und Handlungstheorie grundbegrifflich verknüpft werden können, zurecht besteht. Meine provisorisch vorgeschlagene Formel, Gesellschaften als systemisch stabilisierte Handlungszusammenhänge sozial integrierter Gruppen zu begreifen, enthält bereits diese beiden Aspekte.“ (Habermas 1982b: 301 )Google Scholar
  12. 83.
    Parsons benennt in seinem A(daption)G(oal-attainment)I(ntegration)L(atency)-Schema die vier Grundfunktionen, deren Erfüllung notwendige Bedingung für den Fortbestand eines Handlungssystems ist (vgl. Schneider 1991: 262; Metzner 1993: 131).Google Scholar
  13. 84.
    Vgl. zur Kritik am Strukturfunktionalismus in bezug auf Konflikt und sozialen Wandel auch Dahrendorf 1969; Homans 1969; Lockwood 1969; Nollert 1992: 14 ff.Google Scholar
  14. 85.
    Dabei bezieht sich die Gleichwertigkeit (funktionale Äquivalenz) von Kooperation und Konflikt ausschließlich auf das Komplexitätsproblem. Selbstverständlich bringen beide Formen kommunikativer Ordnung unterschiedliche Folgeprobleme hervor, die dann wiederum in jeweils unterschiedlicher, funktional äquivalenter Weise gelöst werden können.Google Scholar
  15. 86.
    Hier setzt auch der (frühe) Begriff der Systemrationalität an: Systeme verhalten sich ra tional, wenn sie unterschiedliche Lösungsstrategien für ihre Systemprobleme entwickeln und auf ihre funktionale Äquivalenz hin überprüfen, um sich so alternative Handlungsspielräume zu eröffnen (vgl. Schulze-Böing/Unverferth 1986: 18 f.). Inzwischen hat Luhmann wesentliche Änderungen am Rationalitätsbegriff vorgenommen (vgl. Kneer 1992 ).Google Scholar
  16. 87.
    Eine ausführliche Diskussion des System/Umwelt-Verhältnisses nehmen wir in Kap. 5 vor.Google Scholar
  17. 88.
    Vgl. Werner 1992: 208 f. Detailliert gehen wir auf den Luhmannschen Kommunikations begriff in Kap. 4.1.1 ein.Google Scholar
  18. 89.
    Der systemtheoretische Handlungsbegriff stößt insbesondere bei Akteur-bzw. Hand lungstheoretikern auf vehemente Kritik (vgl. etwa Esser 1994: bes. 184 ff.). Wir nehmen uns des ‘Schismas’ von Akteur-und Systemtheorie in Kap. 5.1 intensiver an.Google Scholar
  19. 90.
    Es ist gerade diese Konstruktion Luhmanns, die vielfältige Kritik erfahren hat (vgl. Mar tens 1991; Hejl 1992a: 271 ff.; Metzner 1993: 99 f.). Wir kommen auf die Frage nach dem Verhältnis von psychischen und sozialen Systemen in Kap. 5.4 ff. zurück.Google Scholar
  20. 91.
    Wählen Alter und Ego in der Situation der ‘doppelten Kontingenz’ jeweils aus einem Ho rizont anderer Möglichkeiten aus (Selektion), dann produzieren sie damit eine Grenzziehung gegen jeweils andere Möglichkeiten der sinnhaften Selektion. Die Differenz zwischen System und Umwelt wird bei sinnverarbeitenden Systemen ausschließlich durch Sinngrenzen vermittelt (vgl. Luhmann 1984: 92 ff.; Heidenescher 1992: 445 f.).Google Scholar
  21. 92.
    Der Anschluß an die ‘order-from-noise’-Theorie der allgemeinen Systemtheorie eröffnet Luhmann die Möglichkeit, an den Nullpunkt gesellschaftlicher Evolution zurückzugehen (vgl. Metzner 1993: 138), um so die Entstehung und Funktion von Evolution in den analytischen Blick zu bekommen und nicht — wie Parsons — immer schon voraussetzen zu müssen (vgl. Luhmann 1984: 150). Vgl. zur systemtheoretischen Rekonstruktion der Soziogenese und ihrer kritischen Rezeption Kap. 5. 1.Google Scholar
  22. 93.
    Erst die Reflexivität des Erwartens (das Erwarten von Erwartungen) ermöglicht und stabilisiert eine soziale Beziehung.Google Scholar
  23. 94.
    Die statistischen Erhebungen der ‘Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung’ (AKUF) über kriegerische Konflikte weisen ein deutliches Nord-Süd-Gefälle auf: Hauptkriegsschauplätze sind Asien, Subsahara-Afrika und schließlich Naher Osten/Nordafrika (vgl. Debiel 1994 ). Die aktuellen kriegerischen Auseinandersetzungen im Zuge der radikalen Umwälzungen in den ehemaligen Ostblockstaaten dürften darüber hinaus zu einem deutlicheren West-Ost-Gefälle führen.Google Scholar
  24. 95.
    Kepplinger et al. (1989: 201) definieren Kommunikationskonflikte als „Kontroversen zwi schen mindestens zwei Kontrahenten über einen Konfliktgegenstand, die mit Informationen ausgetragen werden, wobei offen bleibt, welche Qualität diese Informationen besitzen.“Google Scholar
  25. 97.
    Dieser Definition entspricht auch Westerbarkeys (1993b: 230) Streit-Modell. Vgl. außer dem Schneider 1994: 200.Google Scholar
  26. 98.
    Paradigmatisch für die begriffliche Ungenauigkeit ist der Definitionsversuch von Dah rendorf (1972: 25 f.): „Der Begriff des Konflikts soll zunächst jede Beziehung von Elementen bezeichnen, die sich durch objektive (’latente’) oder subjektive (’manifeste’) Gegensätzlichkeit kennzeichnen läßt. […] Der Gegensatz zwischen den jeweiligen Elementen (der sich häufig — obwohl nicht immer — auch als gemeinsames Streben nach knappen ‘Werten’ beschreiben läßt) kann bewußt oder bloß erschließbar, gewollt oder situationsbedingt sein […].“ Eine solche Konfliktdefinition stellt die Konstatierung eines Konfliktes in das vollständige Belieben des einzelnen Beobachters und ist aufgrund mangelnder Präzision durch andere nicht nachvollziehbar. Vgl. auch die Darstellung der ver schiedenen Konfliktdefinitionen bei Krysmanski 1971; Coser 1972; Glasl 1980: 23 ff.; Wasmuht 1992b.Google Scholar
  27. 99.
    Das entspricht Luhmanns Konflikt-Modell: Der Begriff Konflikt soll hier aber als gemein same Bezeichnung für alle Konflikt-Typen dienen. Er findet immer dann Verwendung, wenn eine weitergehende Differenzierung nach Konflikt-Typen für den jeweiligen Argumentationsgang nicht erforderlich erscheint.Google Scholar
  28. 100.
    Vgl. dazu Kap. 7.2.Google Scholar
  29. 101.
    Vgl. in diesem Zusammenhang unsere ausführliche Diskussion des Öffentlichkeitsbegriffs in Kap. 10.Google Scholar
  30. 102.
    Vgl. aber die Kritik an der Differenzierung zwischen potentiellen und faktischen Konflikten aus konflikttheoretischer Perspektive bei Dahrendorf 1972: 30 ff.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1997

Authors and Affiliations

  • Detlef Matthias Hug

There are no affiliations available

Personalised recommendations