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Konfliktberichterstattung in der aktuellen Forschung

  • Detlef Matthias Hug
Chapter

Zusammenfassung

Die Forschung zur Funktion massenmedialer Konfliktberichterstattung ist einseitig empirisch orientiert; eine theoretische Auseinandersetzung mit dem Thema findet nicht statt (vgl. Kap. 2). Im Vordergrund der Forschung steht die inhaltsanalytische Untersuchung der Konfliktberichterstattung (vgl. Kap. 2.1). In der Regel orientieren sich die Untersuchungen an Kriterien rationaler Konfliktaustragung, die auf Habermas’ Diskursmodell rekurrieren. Da die Konfliktberichterstattung diesen Kriterien nicht entspricht, gilt sie als irrational und dysfunktional. Auf diese Weise bleiben tieferliegende Fragen nach den Ursachen und Leistungen der Konfliktberichterstattung ungestellt (vgl. Kap. 2.1.1). Der argumentative Gehalt massenmedialer Konfliktberichterstattung gilt als zentrales Qualitätskriterium rationaler Konfliktaustragung. Die Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, daß Argumente in der Konfliktberichterstattung nur eine untergeordnete Rolle spielen. Gründe für die analytische Verkürzung der Konfliktberichterstattung auf deren argumentatorische Dimension liefern die Untersuchungen aber nicht (vgl. Kap. 2.1.2). Die journalismusspezifischen Ursachen der Konfliktberichterstattung versuchen Kommunikatorstudien freizulegen. Dabei gelangen Studien, die die Konfliktberichterstattung auf individuelle Prädispositionen der Journalisten zurückführen, nur zu wenig validen Aussagen. Andere Studien weisen nach, daß die Konfliktberichterstattung das Resultat weitgehend standardisierter und routinisierter journalistischer Selektions- und Verarbeitungsweisen ist. Auch diese Studien erklären aber nicht, warum sich ausgerechnet die identifizierten journalistischen Selektionsweisen evolutionär entwikkeln und stabilisieren konnten (vgl. Kap. 2.2).

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Literatur

  1. 13.
    Danach reagieren die Selektionsfilter der publizistischen Leistungsorganisationen auf spezifische Merkmale bzw. Eigenschaften von Ereignissen (Nachrichtenfaktoren): Je mehr dieser Nachrichtenfaktoren ein bestimmtes Ereignis aufweist und je stärker die Nachrichtenfaktoren ausgeprägt sind, desto wahrscheinlicher ist es, daß dieses Ereignis Gegenstand publizistischer Berichterstattung wird, so der Kerngedanke dieser Nachrichtenwertforschung. Während Lippmann und die unmittelbar anschließende Nachrichtenwertforschung noch eine ‘realistische’ Interpretation verfochten, nach der die eruierten Faktoren (objektive) Merkmale der Ereignisse sind, herrscht heute eine ‘konstruktivistische’ Interpretation vor, nach der die Nachrichtenfaktoren journalistische Hypothesen der Realität sind (vgl. Schmitt-Beck 1990: 649).Google Scholar
  2. 14.
    Vgl. die tabellarische Übersicht bei Westerbarkey 1992: 290.Google Scholar
  3. 15.
    Das Charakteristikum moderner Informationsgesellschaften bestehe darin, „daß sich zwischen die Wirklichkeit der Dinge und das Bewußtsein des Menschen mehr und mehr die Technologie ‘Massenmedium’ schiebt. Die faktische Monopolstellung der Medien bei der Produktion sozialer Realität […] zeigt sich dann darin, daß nur mehr jene Ereignisse, Objekte und Inhalte Einlaß in die Sphäre des gesellschaftlich ‘Wirklichen’ finden, die von den Institutionen der Massenkommunikation ‘thematisier’, das heißt in den Zustand von ‘Aussagen’ transformiert werden.“ (Gottschlich/Obermair 1989: 55 f.)Google Scholar
  4. 16.
    Die ausführliche Diskussion einzelner Studien ist durch einen veränderten Zeilenabstand und Schriftgrad vom übrigen Text abgesetzt.Google Scholar
  5. 17.
    Genau das aber kennzeichnet weite Teile der Untersuchung von Kepplinger, Hachenberg und Frühauf. Angesichts der von ihnen selbst formulierten gravierenden Einwände gegen Habermas’ Modell diskursiver Rationalität als Maßstab für die Analyse und Beurteilung publizistischer Konflikte drängt sich die Frage auf, warum die Autoren ihre Untersuchung überhaupt an Habermas’ Modell ausgerichtet haben.Google Scholar
  6. 18.
    Die knappe Definition publizistischer Konflikte bei Staab et al. (1991: 70) lautet: „öffentliche Konflikte finden vor einem Publikum statt; publizistische Konflikte erfolgen über die Massenmedien.“Google Scholar
  7. 19.
    Folgt man Oberreuter (1987: 29), dann lassen sich die Medien aufgrund ihrer spezifischen Operationsweise möglicherweise sogar für die Propagierung von extremen Randgruppen-Positionen instrumentalisieren: Die Herausforderer der demokratischen Verfassung „suchen die Eigengesetzlichkeit der Medien zu nutzen — von der Ausreizung der Grenzen der Verfassung bis hin zur terroristischen Propaganda der Tat.“Google Scholar
  8. 20.
    Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt Wolfsfeld (1991: 9): „Groups wich are considered deviant are often reported within frames wich makes them seem either crazy or (worse) ridiculous. Entering the media through the back door is a risky proposition for protest groups. Often, however, it is the only door they have.“Google Scholar
  9. 21.
    Entsprechende Hinweise finden sich auch bei Grosser 1987: 78; Dienel 1990: 128; Kepplinger 1991: 137 f.Google Scholar
  10. 22.
    Wie z.B. Kepplinger (1994: 229 f.), der die Medien-Karriere eines konflikthaltigen The mas vor allem auf die strategischen Interessen einzelner Journalisten zurückführt: „In der ersten Phase engagieren sich vor allem Journalisten, die die Thematik als ein persönliches Anliegen betrachten. Die Grundlage liefern unter anderem individuelle Überzeugungen, eigene Erfahrungen, persönliche Fehden. In der zweiten Phase werden die Themen häufig durch gezielte Absprachen mit gesellschaftlichen Akteuren und zwischen verschiedenen Journalisten politisch instrumentalisiert. Dies geschieht unter anderem mit dem Ziel, politische Entscheidungen, wirtschaftliche Entwicklungen, technologische Programme zu beeinflussen. Eine wachsende Bedeutung besitzt hierbei die Beeinflussung von Wahlen sowie der Karriere von Politikern. In der dritten Phase spielen professionelle Motive die Hauptrolle. Die Journalisten berichten, weil andere berichten und ein Wettlauf um neue Informationen und Aspekte besteht.“ In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, wie Kepplinger die Motive der Journalisten überhaupt ermittelt haben will.Google Scholar
  11. 23.
    „Von ihrer Berichterstattung hängt es ab, wie ein Konflikt in der Öffentlichkeit aufgenommen und diskutiert wird und wieviel Druck diese Öffentlichkeit auf die Konfliktparteien ausüben kann und wird. Je nachdem, für wen Presse und Öffentlichkeit votieren, können sie den Ausgang des Konflikts mitentscheiden. Die Reaktion der Gesellschaft muß aber zu großen Teilen als Folge der Berichterstattung in den Medien angesehen werden. Sind die Medien, als einzige Informationsquelle des Bürgers, einseitig oder größtenteils tendenziös, so werden sich die Wahrnehmung der Öffentlichkeit und damit deren Reaktionen nach diesen Tendenzen ausrichten.“ (Pflüger 1992: 311)Google Scholar
  12. 24.
    Die größeren Übereinstimmungen bei Personendarstellungen sind aber möglicherweise auf die Konstruiertheit der bewerteten Artikel zurückzuführen. Während es sich bei den Sachthemen um ‘echte’ Presseartikel handelte, kam bei der Messung und Wahrneh- mung von Personendarstellungen ‘fiktives’ Untersuchungsmaterial zum Einsatz, bei dem Merkmale systematisch verändert wurden. Das führte dazu, daß die Artikel mit Personendarstellungen ‘eindeutige’ Tendenzen besaßen (vgl. Brosius/Staab/Gaßner 1991: 231).Google Scholar
  13. 25.
    Vgl. auch die Untersuchung von Brosius und Ehmig (1988), in der festgestellt wird, daß kein enger Zusammenhang zwischen den inhaltsanalytisch ermittelten Tendenzen der Konfliktberichterstattung und den Einstellungen der Rezipienten besteht (vgl. Brosius/ Ehmig 1988: 69 f.). Die Autoren finden vielmehr bei allen untersuchten Themen „sprunghafte Verläufe, Deckeneffekte oder sogar Trotzreaktionen, die jeweils bei bestimmten Bedingungskonstellationen auftraten.“ (Brosius/Ehmig 1988: 68)Google Scholar
  14. 26.
    Vgl. auch Früh (1992), der umfangreiche Differenzen zwischen der inhaltsanalytisch erfaßten Medienberichterstattung und ihrer Rekonstruktion durch die befragten Rezipienten feststellt: Die Differenzen, so sein Fazit, „zeigen, daß doch ziemlich deutliche und weitreichende Veränderungen der Bedeutungen und Bedeutungsstrukturen eines Themas durch das Publikum vorgenommen werden — vielleicht sogar schon soweit, daß man sich fragen muß, ob dies eigentlich noch die Themen der Medien sind, oder ob sich das Publikum, zwar angeregt und geleitet durch die Medien, nicht längst eine eigene Welt konstruiert hat.“ (Früh 1992: 89; vgl. ders. 1991a; ders. 1991b)Google Scholar
  15. 27.
    Vgl. dazu Brosius 1994: 277; Merten 1994b: 296; Hagen 1995: 121.Google Scholar
  16. 28.
    Auf den systematischen Zusammenhang zwischen Habermas’ Modell diskursiver Rationalität und dem Übertragungsmodell von Kommunikation weist Fuchs (1993: 115) hin: „Die Diskurse der Aufklärung haben die Form ‘teleologisch’ und ’interaktiv’ konzipierter Diskussionen, in denen die partikulär anfallenden (auf Ähnlichkeiten hin untersuchbaren) Wissensbestände vereint werden sollen zu einem Menschheits-Meta-Wissen, das so nicht behandelbare (weil nicht-ähnliche) Bestände ausschließt. Und das setzt Kommunikation als Medium für den Austausch von Informationen voraus, in dem die kommunikativen Unterschiede, die sich auf Unterschiede in der Welt beziehen, ’intersubjektiv’ verhandelbar sind: Eine Mehrheit psychischer Beobachter muß in der Kommunikation Übereinkünfte erzielen können auch dann, wenn zunächst divergente Perspektiven im Spiel zu sein scheinen.“Google Scholar
  17. 29.
    Vgl. die entsprechende Kritik an dieser Funktionsbestimmung bei Ronneberger/Rühl 1992: 102.Google Scholar
  18. 30.
    Vgl. zur Kritik am Vollständigkeitsanspruch auch Rühl 1980: 264.Google Scholar
  19. 31.
    Vgl. in diesem Zusammenhang die konstruktive Kritik von Schröder et al. (1989) am (kommunikations-)wissenschaftlichen Topos von der ‘Informationsgesellschaft’. Die Autoren kommen in ihrer Analyse zu dem Schluß, daß von einem grundlegenden Wandel der Industriegesellschaft zu einer Informationsgesellschaft im Grunde keine Rede sein kann. Allenfalls sei eine „Informatisierung der Industriegesellschaft“ zu beobachten (Schröder et al. 1989: 24).Google Scholar
  20. 32.
    Die Substantialisierungstendenzen kommunikationswissenschaftlicher Modelle von Kommunikation werden von Ronneberger und Rühl (1992: 119 f.) ausführlich beschrieben und kritisiert.Google Scholar
  21. 33.
    Vgl. die Darstellung und kritische Diskussion verschiedener Metaphern der Kommunikation bei Krippendorff 1994.Google Scholar
  22. 34.
    „Als funktional ist anzusehen, wenn dieser Journalismus alle seine Mittel, Kapazitäten und Kräfte aktiviert, um seine Kontrollfähigkeit so zu steigern, wie der Kontrollbedarf von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft dies nötig macht.“ (Langenbucher/Staudacher 1989: 196 f.)Google Scholar
  23. 35.
    Vgl. z.B. die inhaltsanalytischen Untersuchungen von Krüger (1985) und Heyn (1985), die eine ‘Entpolitisierung’ der Nachrichtensendungen privater Fernsehsender konstatieren.Google Scholar
  24. 36.
    Vgl. etwa Spieß’ (1990) Analyse der Wirtschaftsberichterstattung des Fernsehens. Die Autorin kommt zu dem Ergebnis, daß das wirtschaftspolitische Angebot des Fernsehens den Bedürfnissen, Interessen und Einstellungen der von ihr befragten Zuschauergruppen (’Unternehmer und ‘Gewerkschaftler’) kaum gerecht wird (vgl. Spieß 1990: 49).Google Scholar
  25. 37.
    Vgl. beispielsweise die Untersuchung von Kepplinger, Ehmig und Ahlheim (1991): Am Beispiel der Gentechnik-Berichterstattung werden ‘Störungen’ des Wissenschaftstransfers aus den Forschungseinrichtungen in die Öffentlichkeit aufgezeigt. Die Mängel der Medienberichterstattung sind nach Ansicht der Autoren die Folge eines Mißtrauens zwischen Wissenschaftlern und Journalisten sowie des Einflusses fachfremder, nicht sachkundiger Redakteure auf die Darstellung von Wissenschaft und Technik (b Kap.2.2). Vgl. für eine kritische Aufarbeitung der kommunikationswissenschaftlichen Forschung zum Wissenschaftsjournalismus Kohring 1995.Google Scholar
  26. 38.
    Vgl. exemplarisch die Analyse von Thorbrietz (1985), in der eine Reihe von journalistischen Vermittlungsdefiziten im Bereich der Ökologie und des Umweltschutzes lokalisiert werden. Vgl. auch Voss 1990.Google Scholar
  27. 39.
    Vgl. Kepplinger (1989b; ders. 1991), der in seiner Analyse zu dem vielzitierten Ergebnis kommt, daß die Presseberichterstattung über Technikfolgen einem Blindflug anhand eines künstlichen, völlig willkürlichen Horizonts gleicht (vgl. Kepplinger 1989b: 138).Google Scholar
  28. 40.
    Vgl. zur Medienberichterstattung in Tageszeitungen Jarren 1988. Der Autor gelangt zu dem Ergebnis, daß es „in der Tagespresse [..] nicht allein an Informationen über die Massenmedien und das allgemeine Mediengeschehen, sondern ebenso an einer differenzierten Medienkritik [mangelt].“ (Jarren 1988: 111)Google Scholar
  29. 41.
    Vgl. die Studie zur Darstellung der Ausländer im deutschen Fernsehen von Kühne-Scholand (1987), die u.a. zu dem Ergebnis kommt, „daß Angehörige ethnischer Minderheiten als Teilnehmer an Sendungen aller Art, als Gestalter von Beiträgen und als Urheber von Informationen nur beschränkten Zugang zu den Massenmedien haben.“ (Kühne-Scholand 1987: 83) Das Bild der Ausländer in der Presse untersucht Merten (1987): Festgestellt wird, daß die Presse ein stark negativ verzerrtes Bild der Ausländer (besonders ausländischer Arbeitnehmer) zeichnet, „gerade weil sie korrekt berichtet” (Merten 1987: 78; kursiv im Original). Aus diesem Grund fordert der Autor, daß die klassischen Regeln journalistischen Handelns zu suspendieren sind, sofern sie auf statusmäßig unterlegene oder verachtete Minderheiten gerichtet sind (vgl. Merten 1987: 77).Google Scholar
  30. 42.
    Vgl. Neverla (1994: 258), die der massenmedialen Darstellung von Frauen und Frauenthemen „eine Fülle von Annullierungs- und Trivialisierungsmechanismen, Mechanismen der Nichtbeachtung und der normativen Abwertung“ attestiert.Google Scholar
  31. 43.
    Jäger (1979: 85) stellt in seiner Analyse ausgewählter Illustrierten fest, daß der Konsument mit der Konsumgüterwelt konfrontiert wird, „ohne daß ihm gleichzeitig ausreichend Kriterien und Maßstäbe an die Hand gegeben werden, mit deren Hilfe er sich in dieser Güterwelt sicher bewegen kann. Dieses Ergebnis wird noch dadurch unterstrichen, daß Beiträge über Aufbau, Wirkungsweise und Schwachstellen einer marktwirtschaftlichen Ordnung nicht im Angebot der Illustrierten enthalten sind, eine ‘volkswirtschaftliche Unterrichtung’ mithin nicht erfolgt.“Google Scholar
  32. 44.
    Dröge und Wilkens (1991) stellen in ihrer Untersuchung der Technikberichterstattung ausgewählter Zeitschriften (DER SPIEGEL, STERN, u.a.) fest, daß sich nur 3% der Artikel über Verkehr mit der Infrastruktur befassen. Sie urteilen deshalb: „Es ist ohne Zweifel noch stark untertrieben, wenn man diesen Sachverhalt ein technikjournalistisches Defizit nennt, angesichts der eminent konstitutiven Folgen, die gerade Infrastruktur für die Nutztechnologien, vor allem aber für Umwelt und Gesellschaft besitzen.“ (Dröge/Wilkens 1991: 122)Google Scholar
  33. 45.
    Der die kommunikationswissenschaftliche Medienforschung dominierende aufklärerische Impetus erklärt auch, warum trotz eines stetig expandierenden Medien-bzw. Informationsangebotes (Stichwort ‘Informationsflut’) weiterhin von Informationsdefiziten die Rede sein kann. Das wachsende Informationsangebot führe nämlich dazu, daß „viele Bürger die für sie wirklich wichtigen Informationen gar nicht finden“ (Schulz 1993: 24). Aus der ‘Informationsgesellschaf werde so letzten Endes eine „informationell verwirrte[.] Gesellschaft” (Haefner 1991: 289). Dabei geht es nicht um die Frage, ob das Publikum die Informationen, die es selbst für wichtig erachtet, noch findet, als vielmehr um die Frage, ob das Publikum noch die Informationen findet, die es — aus Sicht des jeweiligen Forschers — finden soll. Anders kann man wohl die kritischen Anmerkungen zu der wachsenden Zahl privater Hörfunk- und Fernsehprogramme nicht verstehen, die es dem Publikum erlaube, nur noch das zu hören oder zu sehen, was es gemäß eigener Prädispositionen sehen oder hören will: So werden nach Buchwald (1992: 18) die Spartenkanäle „in Nutzungsghettos der kommunikativen Selbstbefriedigung führen. Sie fördern den Realitätverlust, weil der an den Spartenkanal gebundene Zuschauer oder Hörer nur noch jene Wirklichkeitssektoren wahrnimmt, in denen er sich wohl fühlt.“ Skeptisch beobachten die (Kommunikations-)Wissenschaftler die zunehmende Differenzierung des Medienangebots auch deshalb, weil auf diese Weise die integrative Kraft massenmedialer Kommunikationsprozesse allmählich verlorengehe (vgl. McQuail 1986: 635; Maletzke 1987: 248 f.; Hennen 1990: 225 f.). Und so mancher Forscher erinnert in diesem Zusammenhang — nicht ohne eine gewisse nostalgisch gefärbte Sympathie erkennen zu lassen — an vergangene Gegenwarten, als das bundesrepublikanische Radio- und Fernsehpublikum aufgrund der beschränkten Programmwahlmöglichkeiten noch ’vereinigt’ war (vgl. Pöttker 1994: 100).Google Scholar
  34. 46.
    Obgleich man das Komplexitätsproblem (an-)erkennt, nimmt man es nicht eigentlich zum Anlaß kritischer Reflexionen über die Prämissen des Sekundanten-Modells und die daraus hervorgehenden Ansprüche an die massenmediale Berichterstattung. Und so scheint denn manchem Autor gar nicht aufzufallen, daß er mit seinem Plazet zum Erfordernis der Komplexitätsreduktion durch Selektion die zuvor selbst formulierten Ansprüche an die massenmediale Berichterstattung konterkariert: „Die Aussage ‘Die Fakten müssen stimmen’ schließt ein, daß die Informationen vollständig sind. […] Argumente müssen also vollständig und ausgewogen wiedergegeben werden. Besonders schwierig ist in diesem Zusammenhang die Parlamentsberichterstattung. Eine achtstündige Debatte des Deutschen Bundestages über wichtige, alle berührende Themen muß in 14 bis 16 Zeilen wiedergegeben werden, ohne die aufgestellten Forderungen zu vernachlässigen.“ (Richter 1994: 208; Hervorhebung D.H.)Google Scholar
  35. 47.
    Vgl. Ronneberger 1983: 501; Bresser 1992: 11; Saxer 1993b: 297; Spangenberg 1993: 69 ff.; Hagen 1995: 128.Google Scholar
  36. 48.
    Vgl. Kepplinger 1989b: 55; Voss 1990: 152; Boventer 1993: 30; Noelle-Neumann 1994: 15.Google Scholar
  37. 49.
    Vgl. Saxer et al. 1986: 271; Thorbrietz 1986: 129.Google Scholar
  38. 50.
    Vgl. Stark 1992: 50 f.Google Scholar
  39. 51.
    Vgl. Ronneberger 1983: 501.Google Scholar
  40. 52.
    Vgl. Becker 1994: 22 ff.Google Scholar
  41. 53.
    Vgl. Pfetsch 1994: 12.Google Scholar
  42. 54.
    Vgl. Peters 1994a: 63; Weiß 1989 (vgl. Kap. 2.1.2).Google Scholar
  43. 55.
    Vgl. Weiß 1989 (vgl. Kap. 2.1.2).Google Scholar
  44. 56.
    Vgl. Buiren 1980: 77; Vitouch 1987: 101; Schmitt-Beck 1990: 650; Peters 1991: 52; Wolfsfeld 1991: 13.Google Scholar
  45. 57.
    Vgl. Saxer et al. 1986: 82; Voss 1990: 153; Schulz 1993: 25.Google Scholar
  46. 58.
    Vgl. Geiger 1978: 25 ff.; Guggenberger 1995: 9.Google Scholar
  47. 59.
    Vgl. Geiger (1978: 18 ff.), der unter Verdinglichung eine Darstellungsweise versteht, die die Ergebnisse und Folgen menschlichen Handelns nicht als solche beschreibt, sondern sie davon losgelöst als ‘naturgegeben’, ’unumstößlich’ und ’unbeeinflußbar’ erscheinen läßt (Bsp.: ’Die Preise sind gefallen’ oder ’Die Ozonbelastungen sind gestiegen und werden auch in den nächsten Tagen weiter steigen’).Google Scholar
  48. 60.
    Vgl. Sarcinelli 1990: 48.Google Scholar
  49. 61.
    Vgl. Klein 1995: 1; Meyer 1995: B.Google Scholar
  50. 62.
    Vgl. Kepplinger/Hartung 1993: 111; Peters 1994a: 63.Google Scholar
  51. 63.
    Vgl. Neverla 1994: 258.Google Scholar
  52. 64.
    Vgl. Kepplinger et al. 1989; Kepplinger/Ehmig/Ahlheim 1991: 131 (vgl. Kap. 2.2).Google Scholar
  53. 65.
    Für Sarcinelli (1994: 36) ist Personalisierung ein „notwendiges Element politischer Komplexitätsreduktion und demokratietheoretisch unabdingbar für politische Verantwortungszumessung.“Google Scholar
  54. 66.
    Vgl. Hinweise, die in die gleiche Richtung zielen, bei Saxer et al. 1986: 14; Vitouch 1987: 101; Brosius 1994: 274.Google Scholar
  55. 67.
    „Unter normativen Gesichtspunkten ist es sogar fraglich, ob sich in demokratischen Gesellschaften öffentliche Kommunikation anders als durch Bezugnahme auf das Publikum legitimieren läßt.“ (Gerhards 1994: 93)Google Scholar
  56. 68.
    Die evolutionistische These eines wachsenden Realitätsverlustes durch die Massenmedien wird beispielsweise auch von Kepplinger (1992: 44 f.) vertreten: „Ursprünglich erfüllten die Massenmedien die Funktion von Chronisten, die als unbeteiligte Beobachter das Handeln Dritter verzeichneten. Im Laufe der Entwicklung wurden sie zusätzlich zum Auslöser von Pseudo-Ereignissen, die eigens zum Zwecke der Berichterstattung inszeniert wurden; die Ereignisse wurden so von der Ursache zum Ziel der Berichterstattung.“ Vgl. ebenso Bucher 1992: 260; Boventer 1993: 32.Google Scholar
  57. 69.
    Aber: Wie will man erkennen, ob die wissenschaftliche Beschreibung die beste Näherung an die Realität darstellt, wenn man die Realität letztlich nicht erkennen kann?Google Scholar
  58. 70.
    Demnach dürfte etwa in der massenmedialen Berichterstattung über die nordrhein-westfälische Landespolitik solange nicht über die FDP berichtet werden, bis diese Partei den Wiedereinzug in das Landesparlament schafft.Google Scholar
  59. 71.
    Vgl. auch Westerbarkey (1993b: 232), der in diesem Zusammenhang auf die schwierige Aufgabe des Kommunikationswissenschaftlers verweist, möglichst viele Aspekte der interdisziplinären Konfliktforschung zu integrieren.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1997

Authors and Affiliations

  • Detlef Matthias Hug

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