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Entscheidungen herstellen

  • Christoph Meier
Chapter
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Part of the Studien zur Sozialwissenschaft book series (SZS, volume 187)

Zusammenfassung

Entscheidungsprozesse sind in Organisationen nicht nur allgegenwärtig, sie sind auch ein wichtiger Forschungsbereich innerhalb der Organisationssoziologie. Insbesondere für die verhaltenswissenschaftliche Entscheidungstheorie (vgl. Berger/Bernhard-Mehlich 1995 für einen Überblick) stellen Entscheidungsprozesse den Schlüssel zum Verständnis von Organisationen dar. Im Verlauf der seit mehreren Jahrzehnten andauernden Diskussion sind Entscheidungen in recht verschiedener Weise beschrieben worden: als Ergebnis (begrenzt) rationaler Wahlakte zwischen Alternativen, als Ausdruck des Bemühens um die Erfüllung von Identitäten und Rollenobligationen, als Ausfluß von Abstimmungsprozessen zwischen Partnern oder als Resultat von Machtkämpfen zwischen Gegnern (vgl. March 1994). Diese Konzeptualisierungen bauen nicht nur auf Vorstellungen von Kausalität, Intentionalität und einer objektiv gegebenen Welt auf (March 1994:176), sie setzen zudem auch eindeutige Ziele und das Durchschauen der Folgen eigenen Handelns auf seiten der Beteiligten voraus. Diese Annahmen werden beim sogenannten “Mülleimer-Modell” nicht zugrundegelegt und zugleich wird auch die feste Koppelung von Entscheidungssituationen, Problemen, Lösungen und Teilnehmern in Frage gestellt (Berger/Bernhard-Mehlich 1995:139). “Der Mülleimer-Prozeß (...) zeichnet sich dadurch aus, daß Probleme, Lösungen und Teilnehmer von einer Entscheidungssituation zur nächsten wandem. Die Art der getroffenen Entscheidung, die Zeit, die dazu benötigt wird und die Probleme, die damit gelöst werden, ergeben sich aus dem komplexen Gemenge von jeweils gerade verfügbaren Wahlmöglichkeiten, zugelassenen Problemen und nach Problemen suchenden Lösungen sowie schließlich den Anforderungen an die Entscheidungsträger. (Cohen et al. 1979: 36, meine Übersetzung)

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Referenzen

  1. 156.
    Natürlich kann ein Tagesordnungspunkt auch vertagt werden. Aber dies bedarf ganz anderer Begründungen als das Fallenlassen eines Themas in einer Diskussion unter Freunden (vgl. <7–4>).Google Scholar
  2. 157.
    Die Äußerung von Herrn B beginnt in Überlappung mit einer laufenden Äußerung von Frau H. Anhand der Videoaufzeichnung ist zu sehen, daß Herr B Frau T zugewandt ist. Dadurch und auch durch die Verwendung des gleichen Verbs (“setzn”) macht er deutlich, daß sein Bezugspunkt nicht die laufende Äußerung von Frau H, sondern die vorangegangene Äußerung von Frau T ist.Google Scholar
  3. 158.
    In dieser Hinsicht zeigt sich eine strukturelle Ähnlichkeit zu den von Pomerantz (1986) beschriebenen “extreme case formulations”. Pointierte Beschreibungen (etwa “das Kleid war NAGELNEU” oder “Du bist NIE zuhause”) können zwar zur Absicherung von möglicherweise strittigen Ansprüchen oder Behauptungen eingesetzt werden. Aber gerade solche Beschreibungen sind als “ungenau” angreifbar (Pomerantz 1986:219; 226).Google Scholar
  4. 159.
    Das in Kapitel 3.3 als Indikator eines Aktivitätswechsels beschriebene “also” findet sich auch hier am Beginn der Äußerungen von Herrn B. Allerdings scheint das “also” kein unverzichtbarer Bestandteil einer solchen expliziten Positionsbestimmung zu sein, wie sich etwa im Ausschnitt <7–9> Zeile 7 zeigt.Google Scholar
  5. 160.
    Wenn ich von “Ergebnisformulierungen” und “ein Ergebnis formulieren” spreche, so unterstelle ich den so bezeichneten Äußerungsformen nicht alle Eigenschaften von ‘formulations’ (etwa “Sie sind also der Meinung daß...”) als “saying-in-so-many-words-what-we-are-doing” (Garfinkel/Sacks 1986:171). Einige Eigenschaften solcher ‘formulations’ beschreiben Heritage/ Watson (1980).Google Scholar
  6. 161.
    Zustimmungszeichen von Frau H bleiben vermutlich deshalb aus, weil sie über ihre Unterlagen gebeugt ist und etwas notiert.Google Scholar
  7. 162.
    Diese Implikationen gelten aber offensichtlich nicht in allen Kontexten gleichermaßen. So ist beispielsweise in der geselligen Diskussion über den gemeinsamen Skiurlaub zu beobachten, daß die Beteiligten sehr viel eher bereit sind, stellvertretend für andere ein Ergebnis zu konstatieren. Im folgenden Fall reden Barbara, Susanne, Christian und Marion darüber, in welchen Orten geeignete Ferienwohnungen zu finden sind und wie weit es von dort jeweils zur Talstation der Seilbahn ist. Zwei weitere Gruppenmitglieder (Peter und Friedrich) beteiligen sich nicht. Sie sind über einen Atlas gebeugt und suchen etwas auf einer Karte. Obwohl sich also nicht alle anwesenden Personen an den Überlegungen zur Wahl eines geeigneten Ferienorts beteiligen, zögern Barbara und Susanne nicht, stellvertretend für alle ein Ergebnis zu konstatieren (Zeilen 8+9):Google Scholar
  8. 163.
    So ist in der in <7–21> wiedergegebenen Episode zu sehen, wie sich Frau H mit Beginn der Ergebnisformulierung durch Herrn B von diesem ab- und ihrem Nachbarn Herrn L zuwendet (vgl. die Analyse von <4–15> in 4.3.2). Auf diese Weise behandelt sie die Diskussion als erledigt und überläßt eventuell weiterhin anstehende interaktive Arbeit ihrer Vorgesetzten Frau S, auf deren Initiative die Diskussion zurückging.Google Scholar
  9. 164.
    Bales/Strodtbeck (1951:487) konstatieren eine Tendenz zu einem dreiphasigen Prozeßverlauf (Orientierung, Bewertung, Entscheidung). Dagegen sieht beispielsweise Fisher (1970:59–65) einen vierphasigen Verlauf (Orientierung, Polarisierung/Konflikt, Auskristallisieren einer Entscheidung, Bekräftigung einer Entscheidung). Die Diskussion darum, ob Entscheidungsfindungsprozesse eher als einheitliche oder aber als kontingente Abfolge verschiedener Phasen zu verstehen ist, hat die Forschung zur Kommunikation in Kleingruppen lange dominiert (Poole 1983:322).Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1997

Authors and Affiliations

  • Christoph Meier

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