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Diskutieren und Argumentieren

  • Christoph Meier
Chapter
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Part of the Studien zur Sozialwissenschaft book series (SZS, volume 187)

Zusammenfassung

Vorschläge zu offenen Fragen oder Problemen können in unterschiedlichen Äußerungsformaten realisiert werden, wobei diese Formate jeweils Lösungen für andere Probleme darstellen. Während Vorschläge im Frageformat gegen eine Ablehnung durch bloßes Schweigen immunisiert sind, ermöglichen auf Feststellungen basierende Vorschläge die Einführung argumentativer Elemente noch bevor der Kern des Vorschlags offengelegt ist. Bleiben zustimmende Stellungnahmen der anderen Beteiligten zu einem solchen Vorschlag aus, kann man über Modifikationen wie etwa das Ergänzen von Feststellungen, Bewertungen oder Begründungen möglichen Einwänden vorgreifen. Einwände gegen einen Vorschlag werden häufig in der Form von Feststellungen (vgl. <5–28> Zeilen 8 und 24) oder Bewertungen vorgebracht. Diese können aber ihrerseits wieder in Frage gestellt (vgl. <5–7> Zeile 33) beziehungsweise mit Gegenbehauptungen (vgl. <5–31> Zeile 17) beantwortet werden, womit dann eine Diskussion beziehungsweise Argumentation in Gang gesetzt ist.

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Referenzen

  1. 138.
    Keppler (1994:110–111) spricht diesbezüglich von einer Aggregation kommunikativer Formen, die von den Beteiligten als Einheit wahrgenommen wird.Google Scholar
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    Die Behandlung solcher mitgebrachter Themen ist vermutlich eine Ursache für Klagen bezüglich der mangelnden Effektivität von Besprechungen. Allerdings wird dabei meist vernachlässigt, daß solche Gelegenheiten zur Artikulation von nicht eingeplanten Themen und Problemen für die Arbeit in einer Organisation sehr bedeutsam sein können (Guetzkow und Kriesberg 1950:318).Google Scholar
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    Zu den Techniken, mit denen eine solche Blickzuwendung eingefordert werden kann, gehören beispielsweise der Abbruch und Neubeginn einer Äußerung oder das Verzögern von deren Fortsetzung (Goodwin 1981:60; 66; 86).Google Scholar
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    Allgemein zu den Gruppierungsformen, die durch drei oder mehr Beteiligte möglich werden, vgl. Simmel 1992:63–159. Zu einigen besonderen Möglichkeiten, die sich aus einem Streit zwischen zwei Personen für Dritte ergeben, vgl. Goodwin/Goodwin 1990.Google Scholar
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    Dieser Zusammenhang ist nicht unerheblich für die Dynamik von solchen Zusammenkünften. Mit zunehmender Größe der Gruppe erhöht sich vermutlich die Wahrscheinlichkeit, unter den Beteiligten Zustimmung zu finden und damit auch die Möglichkeit zur Fortsetzung des Argumentierens. Ich vermute, daß in diesem Zusammenhang ein Grund für die von Rauch konstatierte latente Fraktionierung von Großgruppen zu suchen ist (1983:260).Google Scholar
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    Ein Fall, in dem das eindeutig nicht so ist, geht auf eine besondere Konstellation zurück: Monika K hat ihrem Kollegen Erich R durch ihre Intervention eine Gelegenheit verschafft, seinen zuvor mit Skepsis aufgenommenen Vorschlag (vgl. <5–5>) nochmals zu erläutern. In der Folge wendet sich Erich R bei seinen Erläuterungen sowohl an Monika K als auch an Thomas M. In einem zweiten abweichenden Fall hat sich Monika K deutlich zustimmend zu einem Vorschlag ihrer Kollegin Dagmar H geäußert, während Thomäs M offensichtlich skeptisch ist. Im weiteren Verlauf der Argumentation für ihren Vorschlag wendet sich Dagmar H ihrer Kollegin Monika K zu. Möglicherweise deutet diese Episode, die aus einer der späteren Aufzeichnungen stammt (ksw5), auf eine sich wandelnde Praxis hin (vgl. 8.2.2).Google Scholar
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    Eine weitere Technik, mit der der gegenüber Ergänzungsvorschlägen skeptische Herr B unter Druck gesetzt wird, besteht in der Initiierung von “informellen Abstimmungen” (vgl. 7.1.3).Google Scholar
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    So spricht etwa Moerman von verschiedenen Graden des Lachens: hörbar lächelndes Sprechen, einzelne Lachpulse innerhalb von noch verständlichen Wörtern (zum Beispiel “g(h)est(h)ern”), Lachen mit geschlossenen Vokalformen (“heh”) und schließlich Lachen mit offenen Vokalformen (“hah”) (1988:73).Google Scholar
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    Mit dem “veröffentlicht wird.” von Herrn B scheint aufgrund des Intonationsverlaufs und des Abschlusses einer syntaktischen Einheit eine übergangsrelevante Stelle erreicht zu sein. Aber anhand der Videoaufzeichnung ist zu sehen, daß die Körperhaltung von Herrn B eine solchen Deutung nicht zuläßt. Er hält weiterhin seine Hände vor sich in der Luft und zeigt damit, daß sein Beitrag noch nicht beendet ist (vgl. Duncan 1974:304).Google Scholar
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    Allerdings weist Knoblauch selbst einschränkend darauf hin, daß nicht in allen Familien, Milieus oder Kulturen die gesellige Spannung solcher Auseinandersetzungen im gleichen Maß geschätzt wird.Google Scholar
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    Anderson et al. (1987:155) sprechen von einer “Reziprozität der Vernünftigkeit” (‘reciprocity of reasonableness’) als einem Charakteristikum des Umgangs im Geschäftsleben. Viele gemeinsame Tätigkeiten sind durch eine gewisse Distanziertheit gekennzeichnet, und gegensätzliche Auffassungen, Animositäten und Konflikte werden unter Kontrolle gehalten.Google Scholar
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    Schegloff (1987b:212) versteht darunter ein absichtliches und als Witz erkennbares Mißverstehen einer vorangegangenen Äußerung und eine erst danach gelieferte ernsthafte Stellungnahme.Google Scholar
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    Die Verwendung des Begriffs der “Rekonstruktion” an Stelle von “Narration” oder “Erzählung” trägt dem Umstand Rechnung, daß alltägliches Erzählen und Schildern über weite Strecken nicht im voll ausgebauten Format einer Erzählung erfolgt (Bergmann 1987:45).Google Scholar
  14. 151.
    Wie schon im zuvor gezeigten Ausschnitt ist auch hier die eigentliche Rekonstruktion als eine einzige Redezugkonstruktionseinheit realisiert. Nach ihrem “zum Beispiel Falle gehabt ... daß” flährt Frau H nicht, wie zu erwarten ware, mit einer allgemein gehaltenen Feststellung fort, sondern beschreibt ein bestimmtes Ereignis. Nach einem ersten fallenden und damit einen potentiellen Abschluß anzeigenden Intonationsverlauf (“ein C-Platz.”, Zeile 1l) berichtet Frau H nicht weiter von diesem konkreten Ereignis. Statt dessen beschreibt sie eine technische Ursache sowie das Vorgehen in solchen Fällen in einer allgemeineren Weise.Google Scholar
  15. 152.
    Peter leistet spezifische Arbeit, um zu einer solchen ausführlichen Darstellung zu gelangen. Er verratselt zunächst seine Antwort, indem er von einer “Notlösung” spricht und damit eine für die anderen Beteiligten undurchsichtige Beschreibung einführt (vgl. Schenkein 1978b:66, 69). Indem sowohl Barbara (Zeile 26) als auch Susanne (Zeile 29) diese Andeutung aufgreifen, geben sie Peter die Möglichkeit, das Nachfolgende nicht bloß als eine von ihm angebotene, sondern vielmehr als eine von den anderen eingeforderte Darstellung seines Urlaubs zu realisieren. Er bricht seine schon begonnene Fortsetzung (Zeile 27) ab und realisiert die folgende Darstellung als Verteidigung der zuvor eingeführten Beschreibung (“ja klar. (—) weil ...”).Google Scholar
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    Ich gehe davon aus, daß es nicht zuflällig Herr B ist, der diesen Wechsel in einen unernsten Modus initiiert. Vermutlich, aber das wäre noch zu prüfen, sind es in solchen Besprechungen die GesprächsleiterInnen, die maßgeblich sowohl zu dem Wechsel in einen unernsten als auch zu einem nachfolgenden Wechsel zurück in einen sachlichen Interaktionsmodus beitragen.Google Scholar
  17. 154.
    Ein Beispiel für den anderen Umgang mit hartnäckigem Widerstand in einer Besprechung und das deutlich herausgestellte Bemühen um eine sachliche Lösung ist in <7–4> zu sehen.Google Scholar
  18. 155.
    Bailey zufolge gibt es hinsichtlich des Wechsels in einen unernsten Interaktionsmodus Unterschiede zwischen verschiedenen Typen von Arbeitsgruppen oder Komitees. Solche Wechsel finden sich insbesondere bei den Zusammenkünften der von ihm als “arena committees” bezeichneten Gruppen. Bei diesen Zusammenkünften sind die Beteiligten Repräsentanten unterschiedlicher Gruppierungen und sie treffen als potentielle Gegner aufeinander. Ohne die in einem unernsten Interaktionsmodus möglichen Kooperationsmöglichkeiten, so Bailey, sind diese Gruppen nicht in der Lage, zu Kompromissen und letztlich auch Entscheidungen zu kommen. Demgegenüber ist vor allem in kurzfristig gebildeten Gruppen ein solcher spielerischer Umgang nicht zu beobachten. (Bailey 1983:84, 93, 95, 91).Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1997

Authors and Affiliations

  • Christoph Meier

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