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Vorschläge einbringen

  • Christoph Meier
Chapter
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Part of the Studien zur Sozialwissenschaft book series (SZS, volume 187)

Zusammenfassung

In den bisherigen Kapiteln standen Verfahrensweisen im Mittelpunkt, über die ein wichtiges Merkmal von Arbeitsbesprechungen realisiert wird: Die weitestgehend durchgängige gemeinsame Ausrichtung der Aufmerksamkeit aller Beteiligten. In den nächsten Kapiteln werde ich einige der Aktivitäten beschreiben, die für die inhaltliche Arbeit im Verlauf solcher Besprechungen typisch sind. Dazu gehören das Einbringen und Diskutieren von Vorschlägen sowie das Herstellen einer Entscheidung. Mit dieser Organisation der Arbeit will ich aber keine Dichotomie nahelegen. Eine solche Dichotomie könnte darin bestehen, daß Verfahrensweisen, durch die der strukturelle Unterbau (und damit die Erkeimbarkeit einer Besprechung als solcher) hergestellt wird, anderen Verfahrensweisen gegenübergestellt werden, die für die spezifische Dynamik der inhaltlichen Interaktion in diesen Kontexten verantwortlich sind. Die bislang beschriebenen Praktiken und Verfahrensweisen tragen ebenfalls zu einer spezifischen Interaktionsdynamik — beispielsweise des zirkulären Charakters des Abarbeitens einer Agenda — bei. Und umgekehrt tragen auch die in der Folge beschriebenen Aktivitäten durch ihre spezifische Ausgestaltung dazu bei, daß die gemeinsame Interaktion als “Besprechung (in dieser Organisation, mit diesen Beteiligten ...)” erkennbar wird.

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Referenzen

  1. 113.
    Wenn solche bekannten Probleme auch nicht unbedingt den Anlaß für eine Zusammenkunft ausmachen, so taugen sie doch in jedem Fall als Rechtfertigung für die Veranstaltung einer Besprechung. Es ist durchaus möglich, daß die in einer Organisation diskutierten Probleme und Krisen gerade deshalb auftreten (das heißt, als solche sichtbar gemacht werden), weil sie den Beteiligten als Anlaß für eine nachste Besprechung und damit für eine Inszenierung und kollektive Versicherung ihrer gemeinsamen Arbeit und ihrer Organisation dienen können (Schwartzman 1986:250).Google Scholar
  2. 114.
    Die Teilnehmerinnen an solchen Besprechungen steuern auch nicht immer zielstrebig auf konkrete Vorschläge und Entscheidungen zu. Es kann ja durchaus sinnvoll sein, ein Problem schon einmal anzusprechen und Auffassungen der anderen dazu zu erkunden, diesbezügliche Entscheidungen aber für einen späteren Zeitpunkt zurückzuhalten. So ist zum Beispiel im Verlauf der Direktoriumssitzung eine Episode zu beobachten, in der die Beteiligten, nachdem sie einen Vorschlag des geschäftsführenden Direktors bezüglich einer einführenden Lehrveranstaltung gebilligt haben, weiterhin über die mit diesen Veranstaltungen verbundenen Probleme sprechen. Über das Kommentieren erfolgreicher Einführungsveranstaltungen und Verweise auf frühere Vorschläge dazu gelangen sie mehrfach an Stellen, an denen der Vorschlagscharakter von Äußerungen für mich als Beobachter deutlich wird. Aber die Beteiligten greifen diesen Vorschlagscharakter dann doch nicht auf und vertagen die weitere Diskussion auf eine spätere Zusammenkunft.Google Scholar
  3. 115.
    Dies scheint mir zumindest für Arbeitsbesprechungen zu gelten. Allerdings gibt es Kontexte, in denen Probleme nicht um einer Lösung willen etabliert werden, sondern um emotionale Zuwendung zu erhalten (vgl. Jefferson/Lee 1981).Google Scholar
  4. 116.
    Das gilt ganz ähnlich auch für die Interpretation solcher Äußerungen als “indirekte Sprechakte”. Indirekte Sprechakte wirken vorsichtig und höflich, weil sie dem Gegenüber eine größere Zahl von Reaktionsmöglichkeiten bieten und auch die Zahl der akzeptablen Rückzugsmöglichkeiten für den oder die Sprecherin (“es war ja nur eine Frage”) erhöhen (Sökeland 1980:150, 153).Google Scholar
  5. 117.
    Erich R bezieht sich hier auf einen Freitag. Man könnte auch argumentieren, daß der Sonntag vor Beginn des neuen Schuljahres als letzter schulfreier (und damit als Ferien-)Tag zu betrachten ist.Google Scholar
  6. 118.
    Äußerungselemente nach einer ersten, syntaktisch möglichen Übergangsstelle ebenso wie Lautdehnungen, Lachen oder Atmen im Anschluß an einen übergangsrelevanten Punkt stellen Davidson zufolge einen Beobachtungsraum dar. Finden sich in diesem Raum keine Hinweise auf Zustimmung zu einem gerade formulierten Vorschlag oder Angebot, so mag dies auf eine bevorstehende ablehnende Stellungnahme hindeuten (Davidson 1984:117–124). Die Äußerung von Erich R erreicht zwar mit “im Grunde genommn is” keine übergangsrelevante Stelle, aber Bezweiflungen werden häufig zunächst als Reparatureinleitungen realisiert (vgl. etwa Schegloff et al. 1977:367, Ausschnitt 26). Da Reparatureinleitungen als vorrangig behandelt werden (vgl. Sacks et al. 1974:720), gehe ich davon aus, daß ein Gegenüber das Zögern von Erich R durchaus für die Äußerung von Zweifeln nutzen könnte.Google Scholar
  7. 119.
    Pra-Sequenzen sind Aktivitäten, die verschiedenen Typen von Paarsequenzen vorgeschaltet sein können und der Abklärung der Voraussetzungen filr eine nächste Handlung dienen. So kann etwa mit der Frage “Hast Du heute abend schon was vor?” abgeklärt werden, ob eine Einladung oder eine Verabredung ins Kino überhaupt aussichtsreich ist. Denn wenn die Antwort lautet: “Ja, ich fahr gleich zu Peter rüber”, dann kann auf die Äußerung einer Einladung verzichtet und die damit wahrscheinlich verbundene (möglicherweise für beide Gesprächspartner unangenehme) Ablehnung vermieden werden. Prä-Sequenzen taugen aber nicht nur zur Abklärung der Erfolgsaussichten einer nachfolgenden Handlung. Sie verweisen auch selbst auf eine bestimmte nachfolgende Handlung, der sie erkennbar vorangestellt sind und die daher vom Gegenüber antizipiert werden kann. Das Gegenüber kann deshalb nach der Frage bezüglich der weiteren Pläne für den Abend durchaus antworten: “Naja, ich hatte überlegt, ob ich zu Peter rüberfahre. Wieso?” und damit eine Verabredung im Bereich des Möglichen lassen. Insofern ermöglichen Prä-Sequenzen eine Koordination der Beteiligten bereits im Vorfeld einer projizierten Handlung und können unerwünschte Entwicklungen vermeiden helfen (vgl. Schegloff 1980:113–4; Bergmann 1987:114; Terasaki 1976).Google Scholar
  8. 120.
    Ganz drastisch im folgenden Fall: Frau S erzeugt mit ihrem Zögern wiederholt Räume, in denen die von ihr als Feststellungen eingeführten Sachverhalte von den anderen Beteiligten bestätigt werden könnten.Google Scholar
  9. 121.
    Der Konjunktiv II (Irrealis) wird in der sprachwissenschaftlichen Literatur als Kennzeichnung von Nichtwirklichkeit und einer geringeren Geltung im Vergleich zum Indikativ verstanden (z.B. Buscha/Zoch 1984:13). Darüber hinaus wird der Konjunktiv auch als “Höflichkeitsform” oder “Unverbindlichkeitsform” bezeichnet. Flämig spricht von einem “Konjunktiv II der unverbindlichen Aussage”, der eine vorsichtige, bescheidene, höfliche oder zurückhaltende Aussage kennzeichnet, deren Verwirklichung von der Zustimmung des Partners abhängig gemacht wird (Flämig 1959:25).Google Scholar
  10. 122.
    Allerdings verwundert es, daß auch die unmittelbare Vorgesetzte von Frau H (Frau S) so überaus vorsichtig agiert (vgl. Fußnote 120). Frau S arbeitet als “supervisor” im Bereich “Telefonischer Flugscheinverkauf” und befindet sich damit auf der gleichen Hierarchieebene wie Herr L, der die entsprechende Stelle an einem anderen Firmenstandort innehat. Der nur bei dem dritten Projektgruppentreffen (rfd3) anwesende Herr W, unmittelbarer Vorgesetzter von Frau S und Herrn L, ist ebenso wie Frau T und Herr B dem mittleren Management des Unternehmens zuzuordnen.Google Scholar
  11. 123.
    Neben dem hier entwickelten Informationskatalog können die MitarbeiterInnen in der Abteilung “Telefonischer Flugscheinverkauf” auf ein on-line Informationssystem sowie verschiedene gedruckte Informationsquellen zurückgreifen. Herr B ist als “Distributions”-Manager fir die Inhalte der verschiedenen Informationssysteme zuständig.Google Scholar
  12. 124.
    Scheflen unterscheidet beispielsweise den in einer Diskussion gemachten und von einer bestimmten Kopfhaltung oder Blickrichtung begleiteten “Punkt” und die inhaltliche “Position”, die mit einer bestimmten Haltung des Oberkörpers oder der Beine einhergeht (1964:320–321).Google Scholar
  13. 125.
    Heath betont, daß auch sichtbare, körperliche Handlungen sequenziell organisiert sind. Das heißt, daß sie sich auf vorangegangene (Äußerungs-)Handlungen beziehen und spezifische nächste Handlungen relevant machen können (1986:18, 45). Allerdings treten körperliche Handlungen nur in bestimmten Kontexten deutlich als Bestandteile der Zug-um-Zug Abfolge von Interaktion hervor. Zu diesen gehört beispielsweise der von Heath beschriebene Beginn der Interaktion mit einem Arzt in dessen Sprechzimmer.Google Scholar
  14. 126.
    In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, daß Herr B die hier vertretene inhaltliche Position schon einmal zu Beginn dieser Diskussion eingenommen hatte.Google Scholar
  15. 127.
    Ein solches Zurücklehnen im Zusammenhang mit der Äußerung eines Vorschlags mag noch in einer weiteren Hinsicht funktional sein. Es ermöglicht eine bessere Übersicht über die gesamte Gruppe und eventuelle zustimmungs- beziehungsweise ablehnungsimplikative Anzeichen von den anderen Beteiligten. Das Erkennen solcher Anzeichen ist insofern wichtig, als es eine Modifikation der eigenen Initiative notwendig machen kann (vgl. 5.3). Allerdings bleiben diese Überlegungen spekulativ, da die Qualitat meiner Aufzeichnungen in den meisten Fallen keine sicheren Aussagen darüber erlaubt, wer seinen Blick wohin richtet.Google Scholar
  16. 128.
    Schnelle Bewegungen, vor allem an der Peripherie des Gesichtsfelds, sind regelrechte Aufmerksamkeitsmagneten. Je ausladender eine Bewegung oder Geste ist, desto stärker kann sie die Aufmerksamkeit anderer Personen einfordern und auf sich ziehen (Heath 1986:72).Google Scholar
  17. 129.
    Ein Zurücklehnen des Oberkörpers ist also nicht immer als ein Anzeichen für einen teilweisen Rückzug aus dem aktuellen Geschehen und ein Sich-Distanzieren von rollenspezifischen Verhaltenserwartungen zu verstehen, wie beispielsweise Paris (1985:591) meint. Eine Alternative für solche auf körperlichen Handlungen basierenden Verfahrensweisen besteht darin, lauter zu sprechen. Allerdings kann deutlich lauteres Sprechen neben der erwünschten Aufmerksamkeit auch nachteilige Konsequenzen mit sich bringen. Etwa dadurch, daß es aufdringlich oder dominierend wirkt. Allerdings können auch Gesten und Körperbewegungen nicht beliebig größer gestaltet werden. Werden sie zu groß und theatralisch, ziehen sie Aufmerksamkeit von einer parallel laufenden Äußerung ab und reduzieren damit deren Wirksamkeit (Heath 1986:73).Google Scholar
  18. 130.
    Kendon berichtet, daß in Mehr-Personen-Interaktionen diejenige Person, die zuletzt angeschaut wurde, mit größerer Wahrscheinlichkeit als irgendeine andere Person eine nächste Äußerung liefert (1990:85).Google Scholar
  19. 131.
    Auf diese Weise können sie auch eventuelle Unsicherheiten in bezug auf die Beurteilung des “Nachrichtenwerts” verbergen. Die Beurteilung von Themen zeigt sich immer wieder als problematisch für die Redaktionsmitglieder, die zumeist Berufsanflängerinnen sind (vgl. auch 4.3.3).Google Scholar
  20. 132.
    Dieser Fall ist damit aber noch nicht erschöpfend interpretiert. So ist zu beobachten, daß Frau S ihre Stellungnahme erst beginnt, als Herr B schon damit begonnen hat, sich von ihr ab- und den Personen auf der anderen Seite zuzuwenden. Warum verflährt Frau S auf diese Weise? Äußerungen mit denen mehreren Personen gleichzeitig eine Gelegenheit zu einer Äußerung oder Handlung eingeräumt wird (etwa in der Art von “wer möchte beginnen?”) erzeugen einen besonderen Kontext. Ein sofortiges Nutzen dieser so zur Verfügung gestellten Gelegenheit kann voreilig oder rücksichtslos erscheinen und dementsprechend werden solche Angebote in der Regel nicht unmittelbar, sondern meist verzögert angenommen (Peskett 1987:49–50; 56; 58). Das gleiche gilt auch hier für den mit der Geste von Herrn B etablierten Kontext. Würde Frau S unmittelbar in dem Moment mit ihrer Stellungnahme beginnen, in dem der Blick von Herrn B sie erreicht, so könnte das möglicherweise als zu massives Auftreten wahrgenommen werden. Indem sie wartet, bis Herr B den Blickkontakt zu ihr aufgelöst hat, zeigt sie deutlich, daß sie nicht bei der ersten Gelegenheit losredet, sondern auch den anderen Beteiligten eine Gelegenheit zur Stellungnahme einräumt.Google Scholar
  21. 133.
    Wenn von “präferierten” und “dispräferierten” Paarsequenzteilen die Rede ist, so sind damit keine Behauptungen über die Motivationen oder Wünsche der Handelnden verbunden. Vielmehr werden so konventionalisierte Handlungsformen bezeichnet (Pomerantz 1975, Kapitel 3; Heritage 1984a:267; eine ausführliche Darstellung des Konzepts der “Präferenz” und damit verbundener Probleme findet sich bei Bilmes 1988).Google Scholar
  22. 134.
    Neben dem Erzeugen eines Beobachtungsraums, in dem nach zustimmungs- oder ablehnungsimplikativen Anzeichen Ausschau gehalten werden kann, mag auf diese Weise auch ein Reaktualisieren des eigenen Vorschlags in der Folge eines Einwands erfolgen. rfd2:12:05:05 (vereinfacht) (math) Indem er eine mögliche Interpretation der vorangegangenen Äußerung von Frau S (Zeile 3) liefert, macht Herr B als nächste Äußerung eine Bestätigung oder Korrektur relevant. Frau S ihrerseits löscht mit ihrer Rekomplettierung (Zeile 5) die Erwartbarkeit einer solchen Stellungnahme aus und reetabliert ihren eigenen Vorschlag als für die weitere Interaktion wirksam. Herr B liefert dann auch eine nächste Stellungnahme zu ihrem Vorschlag (Zeile 8).Google Scholar
  23. 135.
    Jefferson (1972:299–303) verweist auf verschiedene Arten von Wiederholungen und ihre interaktive Bedeutung. Wiederholungen können auch dann Skepsis beziehungsweise NichtÜbereinstimmung signalisieren, wenn sie keine stark ansteigende und Überraschung indizierende Intonation aufweisen.Google Scholar
  24. 136.
    Das wird besonders deutlich in der Verwendung der Partikel “ja” (vgl. <5–26> Zeile 12; <5–27> Zeile 8; <5–28> Zeilen 3 und 6, sowie <5–29> Zeile 7. Mit einem solchen “ja” wird ein gemeinsames Wissen, eine von allen geteilte Kommunikationsbasis unterstellt (Lütten 1979:34; 36).Google Scholar
  25. 137.
    Zumindest wird ein solches Verstä.ndnis Öffentlich gemacht. Ob es auch tatsächlich mit dem Verständnis der Situation durch den oder die Sprecherin übereinstimmt, bleibt offen (Pomerantz 1984a:162).Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1997

Authors and Affiliations

  • Christoph Meier

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