Advertisement

Formen der Beteiligung und lokale Identitäten

  • Christoph Meier
Chapter
  • 25 Downloads
Part of the Studien zur Sozialwissenschaft book series (SZS, volume 187)

Zusammenfassung

Die Gefahr, daß den Beteiligten die Gesprächsthemen ausgehen könnten, besteht fiir Besprechungen nicht in vergleichbarer Weise wie für gesellige Zusammenkünfte. Zum einen stellen beispielsweise die Tagesordnung, das Wissen um die Zahl der Sendeplätze oder auch die Notizen der Beteiligten zur bisherigen Projektarbeit einen Vorrat an Themen dar. Zum anderen kann die Zusammenkunft beendet werden, wenn der letzte Tagesordnungspunkt abgehandelt ist. Denn anders als bei geselligen Ereignissen wird die gemeinsame Anwesenheit nicht primär als Ausdruck der Qualität der persönlichen Beziehungen verstanden (vgl. Goffman 1971:74). Dafür sind die Besprechungsteilnehmerinnen mit einem anderen Problem konfrontiert: Vorgänge in der unmittelbaren Umgebung können zu einer Ablenkung und Auflösung der gemeinsamen Fokussierung auf die offizielle und gemeinsame Aktivität führen. Mögliche Lösungen für dieses Problem bestehen darin, sich in einen Besprechungsraum zurückzuziehen und die Türen zu schließen oder die Redaktionsassistentin darum zu bitten, eingehende Telefonanrufe abzufangen (vgl. 2.2.2 und Bergmann 1990:217). Aber eine solche Abgrenzung von der Außenwelt garantiert ja noch nicht, daß nicht doch Dinge, die im Besprechungs- oder Konferenzraum lokalisiert sind, zu konkurrierenden Aufmerksamkeitsfoki der Beteiligten werden. Schließlich kann die neue Brille des Kollegen genauso thematisiert werden wie die Tatsache, daß schon wieder ein kaputter Stuhl in der Ecke steht.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Referenzen

  1. 93.
    Auf diesen Sachverhalt verweist auch Goffman. Längere Handlungsfolgen sind seiner Ansicht nach das Resultat der Verkettung von Äußerungen und Paarsequenzen aufgrund ritueller Anforderungen an eine Interaktion (1981:16–18, 21).Google Scholar
  2. 94.
    Aber natürlich gibt es auch diesbezüglich keine Garantie auf Erfolg. Im Abschnitt 2.3.2 hatte ich ja schon Beispiele dafür angeführt, daß der mit einem abschließenden “so.” erzeugte freie Raum durchaus auch von anderen Personen mit thematischen Initiativen okkupiert werden kann (vgl. insbesondere <2–23>).Google Scholar
  3. 95.
    Als “Aufmacher” bezeichnet die Redaktion eine — vorzugsweise witzige — Meldung, die unmittelbar im Anschluß an den Erkennungs-Jingle der jeweiligen Sendung gespielt wird.Google Scholar
  4. 96.
    “Was ist mit”-Fragen ähneln der von Button und Casey als ‘itemized news inquiry’ beschriebenen Technik der Themenetablierung (1985:4). Ähnlich wie etwa Fragen nach dem Befinden einer bekanntermaßen kranken Person (etwa “Wie geht’s Deinem Fuß?”) beziehen sich die hier beschriebenen “was ist mit”-Fragen auf Sachverhalte, deren Relevanz für die Besprechung unterstellt werden kann.Google Scholar
  5. 97.
    Dieses Gewinnspiel ist für die Zeit der Europameisterschaft ein fester Programmpunkt in der Morgensendung “Frühstart”.Google Scholar
  6. 98.
    Lenz unterscheidet zwischen “globalen” und “lokalen” Themen. Lokale Themen werden ihm zufolge dadurch konstituiert, daß sie, nachdem sie beispielsweise als “Schlüsselbegriff” eingeführt wurden, im nächsten Redezug aufgenommen werden. Ein “globales” Thema wird dadurch konstituiert, daß der Gegenstand in einem dritten Redezug weiterbehandelt wird (Lenz 1989:178).Google Scholar
  7. 99.
    Die “Wiedervorlage” ist ein wichtiges Handwerkszeug für JournalistInnen und in der Redaktion gibt es eine eigene “Wiedervorlagemappe”. Dort werden Unterlagen abgelegt, von denen abzusehen ist, daß sie an bestimmten Tagen wichtig werden.Google Scholar
  8. 100.
    Diese Redaktionskonferenz findet am 11. 6. 1992 statt. Der von Thomas M in seinen weiteren Erläuterungen erwähnte Stichtag für die Schließung der Firma ist der 30. 6. 1992.Google Scholar
  9. 101.
    Kinder, die in ihren Beteiligungsmöglichkeiten gegenüber Erwachsenen eingeschränkt sind und von diesen im Vollzug von Aktivitäten häufig nicht eingebunden werden, verwenden ähnliche Verfahren, um sich Gehör zu verschaffen. Ein “Papa weißt Du was?” verrät ja nichts über die Zielrichtung dieser Initiative und macht damit die Gegenfrage (“Was?”) relevant. Auf diese Weise wird eine konditionelle Relevanz für eine Antwort erzeugt, und ein Kind hat nun nicht nur die Möglichkeit zu einer nächsten Äußerung, sondern ist dazu geradezu verpflichtet. Diese zweite Frage, auf die das Kind dann antwortet (“Was?”), grenzt aber in keiner Weise den Bereich einer möglichen Antwort ein, und das Kind erhält somit Gelegenheit, einen beliebigen Gegenstand einzuführen (Sacks 1974:229–231).Google Scholar
  10. 102.
    Schegloff hat dies im Zusammenhang mit Überlappungen angemerkt (vgl. 1980:130), und ich denke, daß das auch in anderen Kontexten gilt.Google Scholar
  11. 103.
    Hier manifestiert sich die von den weiblichen Redaktionsangestellten wiederholt beklagte “Männerallianz” zwischen dem Chefredakteur Thomas M und seinem Stellvertreter Berthold R. Letzterer ist übrigens, nach Auskunft einer Informantin, der einzige, der Thomas M mit “Chef” anredet.Google Scholar
  12. 104.
    Solange die Beteiligten an einem Tisch zusammensitzen und damit einander zugewandt sind, durfte die Möglichkeit, einen nächsten Redezug zu erlangen, nicht so reduziert sein, daß diese intrinsische Motivation zur Ausrichtung der Aufmerksamkeit stark abnimmt. Bales (1954:48) zufolge ist erst bei mehr als sieben Teilnehmerinnen eine deutliche Tendenz zu abnehmender Beteiligung einiger Personen zu beobachten.Google Scholar
  13. 105.
    Diese kontrastierende Gegenüberstellung von “formellen” und “informellen” Besprechungen darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Grad der Formalität in jedem Fall lokal erzeugt wird und sich in ein und derselben Besprechung formellere Episoden mit informelleren abwechseln können (Boden 1994:100).Google Scholar
  14. 106.
    Etwa wenn Lenz feststellt: “Schon im Turn-Taking System ist also angelegt, daß der Chairman letztlich auch für die Themeneinführung besondere Verantwortung trägt.” (1989:157).Google Scholar
  15. 107.
    Dabei ist die Charakterisierung des Kontextes als “Besprechung” natürlich verkürzend. Die Beteiligten orientieren sich, davon gehe ich zumindest aus, auch daran, daß ihre Besprechung in dieser Organisation, mit diesen TeilnehmerInnen, zu dieser Zeit und bei diesen anstehenden Aufgaben stattfindet. Die beschriebenen Geordnetheiten, Verfahrensweisen und Orientierungen der Beteiligten sind also nicht als notwendige und hinreichende Bedingungen für eine “Besprechung” zu verstehen (vgl. Atkinson et al. 1978:133–4).Google Scholar
  16. 108.
    Unter einer übergangsrelevanten Stelle wird ein Raum verstanden, an dem eine laufende Redezugkonstruktionseinheit (also beispielsweise ein Satz) zu einem möglichen Abschluß kommen und ein nächster Sprecher mit seiner Äußerung beginnen kann (Sacks et al. 1974:703).Google Scholar
  17. 109.
    Allerdings gilt dies nicht für die Frage von Herrn L zu Beginn der Aufspaltung in <4–15> Zeile 18. Er behandelt damit zumindest an dieser Stelle seine Interaktion mit Frau H nicht als problematisch.Google Scholar
  18. 110.
    Damit ist eine weitere mögliche Strukturstelle für solche Aufspaltungen benannt: eine an eine bestimmte Person adressierte Äußerung. Ähnlich wie hier initiiert nämlich auch in <4–2> Zeile 40 Antje E eine aufspaltungsimplikative Frage an einer Stelle, an der unmittelbar zuvor Monika K eine Frage spezifisch an ihre Kollegin Claudia S gerichtet hatte.Google Scholar
  19. 111.
    Der Platz am Kopfende des Tisches ist in unserer Kultur (zumindest traditionell) bestimmten Personen wie Gästen oder Familienoberhäuptern vorbehalten. Die Wahl des am Kopfende des Tischs gelegenen Sitzplatzes durch Herrn B hat aber vermutlich nicht nur mit dessen symbolischen Qualitäten zu tun, sondern auch mit den damit verbundenen Folgen im Verlauf der Interaktion. So hat Sommer (1959:252) beobachtet, daß es eine Präferenz dafülr gibt, sich nicht frontal gegenüberzusetzen, sondern im leichten Winkel zum Gegenüber. Eine Konsequenz einer solchen Sitzanordnung ist die, daß die Blickzuwendung zum Gegenüber als besondere Handlung erkennbar wird (Ekman/Friesen 1973:138). Durch die Wahl dieses Sitzplatzes hat Herr B nicht nur die übrigen Beteiligten leichter im Blick. Auch die Blickzu- und -abwendung der anderen Beteiligten zu ihm wird auf diese Weise für ihn deutlicher wahrnehmbar. Gleichzeitig erhält er auf diese Weise mehr Raum, um sich mit Gesten wirkungsvoll in Szene zu setzen.Google Scholar
  20. 112.
    Bei Gesprächen mit Dagmar H und Claudia S stellte sich später heraus, daß sie irgendwann die von Thomas M an den Tag gelegte Orientierung an einer chronologischen Abfolge der Themen übernommen hatten und die Leitung der Konferenz ebenfalls mit der Besprechung der 12:30 Uhr Nachrichten begannen. Diese Orientierung an einer der Programmfolge entsprechenden Abarbeitung der Themen ist einer anderen Informantin zufolge auch in anderen Hörfunkredaktionen gängige Praxis.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1997

Authors and Affiliations

  • Christoph Meier

There are no affiliations available

Personalised recommendations