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Die thematische Entwicklung kontrollieren

  • Christoph Meier
Chapter
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Part of the Studien zur Sozialwissenschaft book series (SZS, volume 187)

Zusammenfassung

Besprechungen unterscheiden sich gegenüber anderen Formen von Zusammenkünften mehrerer Personen, beispielsweise in der Kneipe oder am Mittagstisch, vor allem hinsichtlich ihrer thematischen Entwicklung und der Fokussierung der Beteiligten. Im Unterschied zu eher geselligen Interaktionen ist die thematische Progression in Besprechungen weniger frei, auch wenn es natürlich bestimmte (etwa berufsbezogene) Themen gibt, die bei geselligen Treffen nicht endlos verfolgt werden, ohne daß die Zusammenkunft ihren geselligen Charakter verliert. Darüber hinaus zeigen sich die an Besprechungen Beteiligten in viel stärkerem Maß an einer kontinuierlich bestehenden gemeinsamen Ausrichtung der Aufmerksamkeit orientiert, als dies in geselligen Zusammenkünften der Fall ist. Bei letzteren ist — anders als bei Besprechungen — eine Aufspaltung in verschiedene Grüppchen und parallel laufende Gespräche in der Regel nicht weiter problematisch (vgl. 4.3.2).

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Referenzen

  1. 74.
    Einen solchen Versuch unternimmt beispielsweise Bublitz (1988 und 1989), der über ein Verfahren der retrospektiven Paraphrasierung zu einer methodisch abgesicherten, intersubjektiv gültigen Zuschreibung von Gesprachsthemen zu kommen sucht. Letztlich bleibt aber unklar, inwiefern die so identifizierten “Themen” reale Orientierungsgrößen für die an der Interaktion beteiligten Personen selbst sind und über welche Verfahren sich die Beteiligten selbst — Zug um Zug — darüber verständigen, worüber sie gerade jetzt, in diesem Augenblick sprechen.Google Scholar
  2. 75.
    “Formulations” sind Äußerungen, mit denen das, was in einer laufenden Interaktion passiert, beschrieben wird (Heritage/Watson 1980:247). Garfinkel/Sacks (1986:171; orig. 1970), von denen das Konzept stammt, sprechen von “saying-in-so-many-words-what-we-are-doing”. Ein Beispiel für eine solche “Formulierung” einer Interaktion ware etwa “Ich versuche doch nur, es Dir zu erklaren”. Solche Formulierungen befriedigen nicht in erster Linie, wie Bublitz offenbar meint, ein Informationsbedürfnis der Beteiligten selbst. Vielmehr sind sie, wie alle Beschreibungen, Vehikel für alle möglichen anderen Handlungen — beispielsweise für “Ironisch-Sein”, “Rechtfertigen” oder “Kritisieren” (vgl. Heritage/Watson 1980:247).Google Scholar
  3. 76.
    Schegloff/Sacks sprechen diesbezüglich von “topic shading” (1973:305). Natürlich gibt es auch gesprächsstrukturell bestimmbare Kontexte, in denen Themen nicht auf die eben beschriebene Art ineinanderfließen. Button/Casey (1985) beschreiben solche Stellen und analysieren einige der Möglichkeiten, dort neue Themen zu etablieren.Google Scholar
  4. 77.
    Der Status der Äußerung von Bruno S, dem gegenwärtigen Geschâftsftihrenden Direktor des Institutes, in Zeile 26 als “Vorschlag” ist nicht ganz eindeutig. Aufgrund der in dieser Sitzung doch deutlich modifizierten Organisation der Beteiligung ist der Abschluß dieser Äußerung keine Stelle, an der die Beteiligten offiziell Stellung nehmen können. Vielmehr werden offizielle Stellungnahmen von Bruno S in einem nächsten Zug eingefordert (vgl. Zeile 30). Dennoch ist zu sehen, wie Jochen G schon zuvor seine Zustimmung — allerdings leise und inoffiziell - anzeigt.Google Scholar
  5. 78.
    In bezug auf solche Begründungen für die Etablierung dieses Themas an dieser Stelle zeigt sich ein Unterschied zwischen den Redaktionskonferenzen und den anderen Besprechungen. Weder in <3- l>, noch in <3–4> findet sich eine vergleichbare praktische Begründung. Der Chefredakteur Thomas M geht offensichtlich davon aus, daß die Etablierung dieser Themen an diesen Stellen nicht weiter begründungsbedürftig ist. Dies hangt vermutlich damit zusammen, daß die Redaktionsmitglieder in den taglich stattfindenden Konferenzen die immer gleichen Themenkomplexe in einer bestimmten, an der zeitlichen Abfolge der einzelnen Sendungen orientierten Reihenfolge durchsprechen. Diese etablierte Praxis macht solche praktischen Erklärungen anscheinend überflüssig.Google Scholar
  6. 79.
    Zum Konzept der “Sprechhandlung” siehe beispielsweise Searle 1976.Google Scholar
  7. 80.
    Beispielsweise trägt die Plazierung eines nominalen Ausdrucks (vgl. “der ... Nachrichtenjingle weiß ich nich”, <3–4> Zeile 20–22) am Beginn des Redezuges dazu bei, eine solche thematische Fokussierung zu unterstützen.Google Scholar
  8. 81.
    Lenz spricht diesbezüglich von “Expandierungsphasen” (1989:177). Diese sind ihm zufolge am ehesten mit Alltagsgesprächen vergleichbar, da hier alle Beteiligten thematische Initiativen realisieren können und die Sonderrolle des Besprechungsleiters zurücktritt (1989:197).Google Scholar
  9. 82.
    Mit “Aircheck” ist der automatische Bandmitschnitt gemeint, der von allen Sendungen routinemäßig gemacht wird. Sobald ein Sprechermikophon “aufgemacht” wird, läuft diese Aufzeichnung an.Google Scholar
  10. 83.
    Vgl. Goffman 1981:135. Egbert (1993) berichtet im Zusammenhang mit solchen Aufspaltungen in Alltagsgesprachen von Stockungen im Äußerungsverlauf. Solche Stockungen zeigen zwar, daß die Beteiligten die Aufspaltung wahrnehmen (1993:287), sie sind aber von gänzlich anderer Qualität als die hier beschriebene Intervention von Thomas M.Google Scholar
  11. 84.
    Ob neben Karl-Heinz R, Dagmar H und Siegfried W auch Berthold R und Claudia S ihre Blickrichtung ändern, ist anhand der Videoaufzeichnung nicht zu erkennen.Google Scholar
  12. 85.
    Dieser Anschluß ist deutlicher, als es zunächst scheinen mag. In Zeile 25 (“wir sind jetz”) beginnt Thomas M die aktuelle Zeit zu nennen (die etwa 10:20 Uhr sein dürfte — die Zeituhr der Videokamera ging etwa eine Minute vor und war nicht auf Sommerzeit eingestellt). Allerdings bricht er diese Äußerung ab und reformuliert die Zeit als “auf elf Uhr” zugehend, wodurch er das von ihm gesehene Zeitproblem dramatisch verscharft. Die nächste Zeitangabe (Zeile 27) bezieht sich vermutlich auf den nächsten Sendeplatz: die Lokal-Nachrichten um 12:30 Uhr. Auch hier dramatisiert Thomas M das Zeitproblem, indem er zunachst (flälschlich) “halb zwölf” sagt und erst dann seine Zeitangabe zu “halb eins” korrigiert.Google Scholar
  13. 86.
    Anders als in Besprechungen sind in Alltagsgesprächen aufflälligere Themenwechsel vor allem dann zu beobachten, wenn die Gefahr besteht, daß den Beteiligten der Gesprächsstoff ausgeht. Mit Themenelizitierungen — “was gibt’s sonst Neues?” oder “was macht Dein neues Auto?” (vgl. Button/Casey 1985) - kann das stockende Gespräch wieder in Gang gebracht werden (Maynard 1980:264, 280).Google Scholar
  14. 87.
    Als “Backtimer” werden instrumentale Musikstücke bezeichnet, die jederzeit ausgeblendet werden können.Google Scholar
  15. 88.
    “VH” ist eine Abkürzung für “Veranstaltungshinweis”.Google Scholar
  16. 89.
    Moerman beschreibt das “Bemerken” von Dingen in der Umgebung der Beteiligten (er spricht diesbezüglich von “noticings”) als potentes Mittel zur Einleitung oder Beendigung von Aktivitäten (1988:105–7).Google Scholar
  17. 90.
    Ähnlich argumentiert Heath (1986:75) in bezug auf das Einfordern von Aufmerksamkeit durch Körperbewegungen und Gesten. Einen vergleichbaren Unterschied beschreibt auch Sacks in seiner Analyse der Eröffnung von Anrufen bei einem Kriseninterventionszentrum. Er stellt direkte Fragen seitens der dort tätigen BeraterInnen nach dem Namen der anrufenden Person dem indirekten “Fragen-ohne-zu-fragen” gegenüber. Während direkte Fragen häufig zu Nachfragen (“wozu brauchen Sie den?”) und zur ausdrücklichen Weigerung führen, ist das beim indirekten “Fragen-ohnezu-fragen” nicht der Fall. Ein solches “Fragen-ohne-zu-fragen” wird durch die besondere Gestaltung der Gesprächseröffnung und die darin enthaltene Nennung des eigenen Namens (etwa “Beratungszentrum, mein Name ist Christoph Meier, kann ich Ihnen helfen?”) realisiert. Diese Nennung erzeugt einen Ort, an dem auch für das Gegenüber eine Nennung des Namens relevant wird (Sacks 1992, Lecture 1, Fall 1964, 4–7).Google Scholar
  18. 91.
    Diese Etikettierungen habe ich von den jeweils Beteiligten aufgeschnappt.Google Scholar
  19. 92.
    Eine Verfahrensweise, auf die dabei zurückgegriffen werden kann, besteht in dem “Bemerken” von Dingen in der Umgebung der Beteiligten (vgl. Moerman 1988:106). Mit dem “Bemerken” der Abwesenheit einer Person (vgl. das “wo is n der Bernhard jetz hin” von C in <3–19> Zeile 19) kann erwartet werden, daß sich die anderen Anwesenden ebenfalls zu der getroffenen Feststellung äußern und damit ist dann ein neues Thema initiiert.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1997

Authors and Affiliations

  • Christoph Meier

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