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Erzeugen und Aufheben einer gemeinsamen Fokussierung

  • Christoph Meier
Chapter
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Part of the Studien zur Sozialwissenschaft book series (SZS, volume 187)

Zusammenfassung

Arbeitsbesprechungen unterscheiden sich von anderen Zusammenkünften mehrerer Personen nicht nur dadurch, daß über arbeitsbezogene Themen gesprochen wird. Wenn wir an einem Haus vorbeigehen und durch die Fenster in einen Raum hineinschauen, dann haben wir — auch ohne zu verstehen, worüber gesprochen wird — recht schnell einen Eindruck davon, ob hier eine Besprechung oder eher ein geselliges Treffen stattfindet. Es muß also neben dem, worüber die Beteiligten inhaltlich sprechen, noch andere Merkmale geben, die eine Besprechung als solche auszeichnen. Eine wesentliche Leistung der Beteiligten, durch die eine Besprechung als solche auch für Außenstehende zu erkennen ist, besteht in der nahezu durchgängigen gemeinsamen Ausrichtung der Aufmerksamkeit und in der vergleichsweise geringen Bereitschaft dazu, Ereignisse wie etwa einen plötzlich beginnenden Regenguß oder einen Knall auf dem nahegelegenen Parkplatz zum Thema der Interaktion zu machen. Natürlich etablieren auch die um einen Kaffeetisch versammelten Freunde oder Familienmitglieder über weite Strecken eine solche gemeinsame Fokussierung. Aber die Aufspaltung des Geschehens am Kaffeetisch in zwei oder mehr parallele Gespräche führt — anders als in einer Besprechung — in der Regel nicht unmittelbar zu Bemühungen um deren Wiederherstellung. Gesellige Zusammenkünfte zeichnen sich gerade dadurch aus, daß ein fliegender Wechsel zwischen verschiedenen Gesprächs- und Interaktionssträngen ebenso möglich ist wie das Beiseite-Nehmen eines guten Freundes, um sich von ihm etwas erzählen zu lassen, was gerade nicht zum Thema für alle Anwesenden werden soll.

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Referenzen

  1. 48.
    Ich selbst (C.M.) beteilige mich übrigens, auch das ist im Bild 1 deutlich zu sehen, nicht an dieser gemeinsamen Ausrichtung der Aufmerksamkeit.Google Scholar
  2. 49.
    In Situationen, in denen ein Aufzeichnungsgerät oder eine Videokamera mitläuft, ist regelmäßig zu beobachten, wie sich die Beteiligten wechselseitig auf die Anwesenheit dieser Geräte hinweisen und/oder Blickkontakt zur Kamera herstellen.Google Scholar
  3. 50.
    Auf diese Implikationen des Zeitpunkts, zu dem man zu einer Versammlung erscheint, verweist auch Bloch in seinem Bericht über Zusammenkünfte bei den Merina auf Madagaskar (1971:47): “The actual time of the meeting was always set three or four hours too early, and as for many Merina occasions, great skill was required by those who wanted to arrive at the right time, in the right place. Nobody wanted to arrive too early, but obviously it would not do to arrive too late. The influence of a person is at stake in manoeuvres of this kind, and his effectiveness at such a meeting depends on his appearing at the right time to give the impression that the meeting is starting because of his arrival. This involves a lot of waiting about in nearby houses and sending children to spy out the land and report back. As if by magic, the raiamandreny all appear at once at a time little related to the originally appointed hour.”Google Scholar
  4. 51.
    M.H. Goodwin spricht diesbezüglich von einem “multi-focused activity setting” (1990:6).Google Scholar
  5. 52.
    Eine solche Paarsequenz ist nicht lediglich eine serielle Abfolge von Äußerungen. Vielmehr handelt es sich um eine Abfolge von zwei Äußerungen spezifischen Typs, die aufeinander folgen (und zwar in einer bestimmten Reihenfolge), von zwei Sprechern realisiert werden und deren entscheidendes Merkmal darin besteht, daß ein erster Paarsequenzteil den passenden zweiten Paarsequenzteil konditionell relevant, das heißt normativ erwartbar macht. Weitere Beispiele für solche Paarsequenzen sind etwa Gruß-Gegengruß, Frage-Antwort oder Angebot-Annahme/Ablehnung (Schegloff/Sacks 1973:295–6).Google Scholar
  6. 53.
    Bestimmte räumliche beziehungsweise körperliche Konstellationen erfordern also ein Mehr an interaktiver Arbeit zur Herstellung einer gemeinsamen Fokussierung als andere. Dies wird auch aus den Beschreibungen der Interaktion im “operations-room” einer Fluggesellschaft von M.H. Goodwin (1990:12–13) deutlich: Personen, die Rücken an Rücken positioniert arbeiten, sind trotz des Geräuschpegels in diesem Raum in der Lage, ihre Äußerungen füly die KollegInnen wahrnehmbar zu machen. Dabei verwenden sie beispielsweise eine charakteristische Singsang-Intonation.Google Scholar
  7. 54.
    Beispielsweise wird eine Äußerung, mit der Kolleginnen zu einem gemeinsamen Spargel-Essen eingeladen werden, beim Erscheinen des Chefredakteurs und seiner Aufforderung, nun in den Konferenzraum hinunterzugehen, nicht einfach aufgegeben. Vielmehr ist in der hier nicht wiedergegebenen Episode zu sehen, wie sowohl die Einladung zu einem Abschluß gebracht als auch zu der Einladung Stellung genommen wird. Parallel dazu werden schon erste Vorbereitungen für das Hinuntergehen getroffen — etwa durch ein gleichzeitig beginnendes Zusammenräumen der Unterlagen auf dem eigenen Schreibtisch.Google Scholar
  8. 55.
    Eine Verfahrensweise, die eine Lösung des Chefredakteurs Thomas M für dieses strukturelle Problem darstellen mag, besteht darin, daß er selbst meist ziemlich früh im Besprechungsraum erscheint und sich dort an den Tisch setzt. Die Tatsache, daß er dort alle möglichen Unterlagen vor sich ausbreitet und zu sortieren beginnt, untergräbt aber möglicherweise die Wirksamkeit seines Handelns. Während er auf diese Weise vermeidet, allzu offensichtlich auf die anderen Redaktionsmitglieder und Praktikantlnnen zu warten, liefert er gleichzeitig mögliche Hinweise darauf, daß er ja “auch noch nicht so weit” ist.Google Scholar
  9. 56.
    Dazu gehört beispielsweise das Reduzieren der Lautstärke, mit der das eigene Radioprogramm in den Räumen der Redaktion zu hören ist. Außerdem muß die Telefonanlage umgeschaltet werden, damit hereinkommende Anrufe im Büro der Redaktionsassistentin im Erdgeschoß abgefangen werden können.Google Scholar
  10. 57.
    Inwieweit sich Siegfried H bei der Beendigung seines Telefongesprächs am Hereinkommen von Thomas M orientiert, ist anhand dieser Aufzeichnung nicht zu sagen.Google Scholar
  11. 58.
    Mazeland (1984), der sich mit dieser Bezeichnung an Schegloffs (1979b:34) Rede von “prebeginnings” anlehnt, beschreibt den Prä-Beginn von Unterrichtsstunden in einer Schule. Als PräBeginn versteht er die Phase zwischen Klingelzeichen und eigentlichem Unterrichtsbeginn, in der eine Parallelisierung der Aktivitäten der Schüler zu beobachten ist: die Schüler beschränken ihre räumliche Mobilität nach und nach auf den Bereich ihrer Sitzplätze, der Aktionsradius ihres Sprechens beschränkt sich auf die unmittelbaren Sitznachbarn und die Aufmerksamkeitsausrichtung wird einförmiger und tendiert zum Lehrer hin (1984:7–8).Google Scholar
  12. 59.
    Beispielsweise auf die Erwartung, daß nicht einfach ohne sie angefangen wird — wobei natürlich ein angemessener Grund dies dennoch zu tun, in ihrer “Verspätung” liegen kann (Turner 1972:375).Google Scholar
  13. 60.
    Ein solches “so” findet sich auch beim Übergang zum offiziellen Beginn der Unterrichtsstunden (Mazeland 1984:33).Google Scholar
  14. 61.
    Als Nebensequenzen werden Paarsequenzen bezeichnet, die nicht Bestandteil einer gerade laufenden Aktivität sind und diese unterbrechen, aber nicht beenden (Jefferson 1972:294).Google Scholar
  15. 62.
    Die deutsche Sprache verfügt in bezug auf bestimmte Elemente — und dazu gehört auch das “so” — über ein Tonsystem. Da hier die Tonstruktur bedeutungstragend ist, muß sie mit angegeben werden (Ehlich/Redder 1994:13).Google Scholar
  16. 63.
    Die von Burckhardt (1987:307) gemachte Beobachtung, “so” werde in vielen Fällen auch als Ausdruck der Bereitschaft zu einer vom Adressaten erwarteten nächsten Handlung verstanden, kann ich anhand meines Materials nicht bestätigen.Google Scholar
  17. 64.
    Als “Handlungszug” bezeichne ich, in Anlehnung an Moerman (1990:40), eine als “Gestalt” erfahrbare Gesamtheit dessen, was eine an der Interaktion beteiligte Person im Verlauf ihrer Äußerung (einschließlich der dazugehörigen körperlichen Handlungen) vollzieht. Wenn die sichtbare Dimension des Verhaltens in ihrer Relevanz hinter die sprachliche Äußerung zurückzutreten scheint, spreche ich auch von “Äußerung” oder “Äußerungszug” und meine damit, in Anlehnung an Goodwin (1981:7), eine sprachliche Realisation, die mehrere Redezugkonstruktionseinheiten (wie beispielsweise Wörter, Phrasen oder grammatische Sätze — Sacks et al. 1974:702) und sonstige Laute wie Lachpulse oder Atmen usw. umfassen kann. Zu den Problemen einer Definition und Abgrenzung von Äußerungen beziehungsweise Äußerungszügen siehe Goodwin 1981:19–20. Zu den noch viel größeren Problemen der Abgrenzung von Handlungszügen schweigt sich Moerman leider aus.Google Scholar
  18. 65.
    Techniken, durch die wir unsere Bereitschaft für eine Interaktion anzeigen können, sind etwa die Hinwendung unseres Körpers beziehungsweise Kopfs zum Gegenüber. Heath (1986:29, 33) spricht diesbezüglich von “display of availability” und “display of recipiency”.Google Scholar
  19. 66.
    Mit der Bezeichnung “praktische Erklärung” (Garfinkel spricht von “practical account”) wird hervorgehoben, daß Erklärungen immer nur für praktische Zwecke taugen. Sie sind prinzipiell unvollständig und es gibt keine sozial sanktionierten Grenzen der Begründung beziehungsweise Erklärung (Bergmann 1974:92f.).Google Scholar
  20. 67.
    Ehlich spricht davon, daß ein “Scharnier-so” die Aufmerksamkeit der Beteiligten in zweifacher Hinsicht fokussiere: zum einen, indem es die bisher abgearbeiteten Handlungsschritte in den Fokus der Aufmerksamkeit rücke und damit eine Vergewisserung über das bisher Erreichte mit sich bringe; zum anderen, indem es die Aufmerksamkeit auf nachfolgende Handlungsschritte lenke. Eine solche Verwendung von “so.” spielt Ehlich zufolge besonders im Schulunterricht eine Rolle, da hier die “Gleichgerichtetheit” der Aktivitäten von Schülern und Lehrern immer neu herzustellen und abzusichern ist (1987:295). Im Unterschied zu der hier in den Vordergrund gestellten und auch von Bergmann (1980:232) erwähnten körperlichen Reorientierung sind diese von Ehlich reklamierten fokussierenden Qualitäten des “so.” nicht ohne weiteres empirisch nachprüfbar.Google Scholar
  21. 68.
    Axel H, der lange Zeit zu Thomas M orientiert war, hat sich unmittelbar vor dem “so.” wieder seinen Unterlagen zugewandt und mit einem gleichzeitigen Nicken ein Zeichen für seine dennoch weiterhin bestehende Aufmerksamkeit gegeben (vgl. Goodwin 1981:106). Unmittelbar nachdem er seinen Kopf wieder in Richtung von Thomas M wendet, setzt dieser seine an Axel H gerichteten Erläuterungen fort (Zeile 15). Natürlich fliegen mit der Äußerung eines solchen “so.” nicht die Köpfe aller Beteiligten in die Richtung des Sprechers. Für diejenigen, die bereits zu der Sprecherin des “so.” hinorientiert sind, erübrigt sich eine solche Bekundung der Aufmerksamkeit genauso wie für diejenigen, die in andere Interaktionen eingebunden sind (wie hier in diesem Fall Dagmar H und Monika K, die beide telefonieren) oder aber mit anderen relevanten Tätigkeiten befaßt sind. Gerade im Verlauf der Redaktionskonferenzen ist zu beobachten, wie die freien Mitarbeiter, sobald sie einen Auftrag übernommen haben, schon mehr oder weniger intensiv daran zu arbeiten beginnen und sich nicht weiter an der Diskussion beteiligen beziehungsweise sich auch nicht Iänger an solchen fokussierenden Äußerungen orientieren.Google Scholar
  22. 69.
    Auch Atkinson et al. weisen darauf hin, daß in der Folge von Bemühen um eine gemeinsame Fokussierung strukturierende Aktivitäten durch die gleiche Person erwartbar werden (1978:151).Google Scholar
  23. 70.
    Die Äußerung eines “so.” ist im übrigen nicht die einzige Weise, wie dies erreicht werden kann. “Okay” wird in ähnlicher Weise eingesetzt (vgl. Beach 1993:326 und beispielsweise <3–2> Zeile 7) und dasselbe gilt auch für “gut”:Google Scholar
  24. Aber während ein solches “so.” keine eigentliche Referenz hat und gewissermaßen eine Ton gewordene Strukturierungsabsicht darstellt, haben die in ähnlicher Weise verwendeten Alternativen “gut”, “okay” oder “bon” eine akzeptierende und billigende Qualität.Google Scholar
  25. 71.
    Auch Lenz (1989:163) verweist auf die Verwendung strukturierender Partikeln durch den Besprechungsleiter im Zusammenhang mit Bemühungen um den Abschluß eines laufenden Themas.Google Scholar
  26. 72.
    Diese Aufzeichnungen wurden von mir im Rahmen eines an der Universität Hildesheim durchgeführten Forschungsprojekts angefertigt (vgl. Wolff 1994).Google Scholar
  27. 73.
    Das hier zugrunde gelegte Konzept von “Fokussierung” und fokussierenden Aktivitäten ist damit etwas anders angelegt als das von Kallmeyer (1978). Kallmeyer betrachtet Fokussierungen als Bestandteile der “Anwendungsstruktur” (bestehend aus Vorbereitung, Kern und Auflösung) sowohl von ganzen Aktivitätskomplexen wie auch von Einzeläußerungen und nimmt sprachliche Phänomene wie Anreden, metakommunikative Äußerungen, Partikel oder suprasegmentale Markierungen in den Blick (1978:214). Dagegen stehen in dieser Arbeit die Realisation bestimmter Beteiligungskonstellationen und die Steuerung der thematischen Entwicklung von Diskussionen im Mittelpunkt.Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1997

Authors and Affiliations

  • Christoph Meier

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